In Gottes Hände
18. März 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Sie sind selbst keine Christen. Doch ihre Kinder möchten sie taufen lassen. Weil sie Werte und Geborgenheit suchen – und einen Glauben, obwohl er ihnen fremd ist.
Stolz schleppt die vierjährige Jana die dicke weiße Kerze heran. Sie hat sie zu ihrer Taufe bekommen – und sie ist ihr besonders kostbar. Doch so selbstverständlich, wie es dem blonden Mädchen scheint, ist ihre Taufe und die ihrer kleinen Schwester Sabine nicht. Ihre Großeltern verstanden die Welt nicht mehr: Janas Eltern sind nicht in der Kirche. Nie gewesen. Und nun eine Taufe?
»Wir wollen unseren Kindern ermöglichen, was wir selbst nicht hatten«, antwortet Janas Mutter Peggy Germer. Die 38-jährige Lehrerin erinnert sich an ihre atheistische Erziehung. »Ich denke, der Glaube ist eine gute Hilfe im Leben. Unsere Kinder sollen die Möglichkeit haben, in die Kirche und die christliche Kultur hineinzuwachsen – und später selbst entscheiden können.« Die Taufe soll ein bewusster Anfangspunkt auf diesem Weg sein.
Mit diesem Wunsch gingen sie zu Hans-Peter Hasse. Der Pfarrer der Kirchgemeinde Dresden-Blasewitz unterzog das Ehepaar keiner strengen Glaubensprüfung. Und er hielt auch keine Vorträge – sondern hörte erst einmal zu und nahm ihren Wunsch ernst. »Es gibt auch Glauben außerhalb der Kirche«, ist der Theologe überzeugt. »Das wird oft auch von Pfarrern nicht wahrgenommen.« Immerhin 508 Kin-der, deren Eltern nicht Mitglied der evangelischen Kirche sind, wurden 2007 in der sächsischen Landeskirche getauft.
Im Zweifel, sagt Pfarrer Hasse, würde er einem Taufwunsch lieber entsprechen als ihn abzulehnen. Einmal aber hat er es getan. Ein Vater hatte sich an ihn gewandt, der aus der Kirche ausgetreten war. »Die Taufe seines Kindes wäre unter diesen Bedingungen für mich ein Widerspruch gewesen. Denn die Eltern müssen dafür offen sein, mit den Kindern in der Gemeinschaft der Kirche zu leben. Die Taufe ist keine Dienstleistung.«
Auch die Taufordnung der sächsischen Landeskirche wehrt sich gegen eine solche Sicht. Für sie ist die Taufe ein Geschenk Gottes – und das muss auch Kindern gelten, deren Eltern nicht Christen sind. Um so wichtiger aber werde dadurch die Aufgabe der christlichen Paten, das Kind auf seinem Glaubensweg zu begleiten. Thomas und Peggy Germer fanden eine solche Patin in Mirjam Lehmann. Die 30-jährige Religionspädagogin nimmt ihr Patenkind Jana oft mit in den Gottesdienst. »Den Glauben möchte ich ihr gern vorleben«, sagt sie.
Kristin Kluger konnte das nicht – beim besten Willen nicht. Die 34-jährige Dresdnerin und ihr Mann waren selbst nicht getauft. »Doch wir wollten für unsere Kinder die Taufe, weil wir die Werte der Kirche wichtig finden. Und weil sie eine Gemeinschaft ist, in der unsere Kinder aufgehoben sind«, sagt die Krankenschwester. Als sie vor neun Jahren ihre erste Tochter Hanna taufen lassen wollte, holte sie sich von zwei Pfarrern nur Absagen. Kristin Kluger konnte das verstehen.
Dann fand sie zur Dresdner Laurentiuskirchgemeinde: Ihre vier Kinder wurden dort getauft, und sie selbst brachte sich – weil sie zwar kein gläubiger, aber ein praktisch denkender Mensch ist – bei Krabbel-Gottesdien-sten und Rüstzeiten ein. Es waren kleine Schritte. »Als aber meine jüngste Tochter im letzten Jahr so viel krank war, habe ich einen Halt gefunden im Glauben. Das war für mich eine ganz neue und beruhigende Erfahrung.« So wie ihr Mann schon vor ihr ließ Kristin Kluger sich im letzten Jahr taufen. Aufregend war das für ihre Kinder, aber auch selbstverständlich.
Kristin Klugers Kinder sind in der Kirche längst angekommen, gehen in Christenlehre und Kurrende. Und auch die vierjährige Jana Germer singt in der Kirche und spielte beim Krippenspiel einen Engel. »Beten kann ich leider nicht für sie«, sagt Janas Mutter. »Ich lehne den Glauben nicht ab, aber ich kann mich nicht in ihn hineinfühlen.« Die Barriere bleibt hartnäckig. Aber diesen Satz kann Peggy Germer heute schon sagen: »Wir wollen unsere Kinder in Gottes Hände geben.«
Andreas Roth
Noch zu retten?
16. März 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

© Max Romersa (SXC)
Ist Opel noch zu retten? Wird sich die Schaeffler AG an dem Brocken Continental verschlucken, den sie sich gerade erst einverleibt hat? Wird es Qimonda helfen, dass es einen technischen Vorsprung gegenüber Konkurrenten auf dem Chip-Markt hat?
Fast im Wochenrhythmus rutschen in den USA Banken und Versicherungen in die Pleite – alle weltweit vernetzt. Doch diese Netze halten nicht, sondern sie reißen zusehends. Und alle rufen sie nach dem Staat. Also nach Steuergeldern.
Doch je mehr der Staat mit Milliardenbeträgen einspringt, umso sicherer ist vorprogrammiert, dass diejenigen, die wirklich auf die Solidarität der Allgemeinheit angewiesen sind, auf der Strecke bleiben. Damit sind nicht nur die Menschen gemeint, die in den immer noch reichen Industrieländern in die Armut rutschen. Treffen wird es vor allem die Menschen in den Ländern des Südens. Hört sie jemand? Kann noch genügend Geld bereitgestellt werden, um faire Strukturen im Welthandel aufzubauen, damit auch der Bauer in Afrika oder die Textilgenossenschaft in Indien von ihren Produkten leben kann?
Und wie steht es mit dem Umweltschutz? Es mutet wie heftiger Aktionismus an, wenn durch eine Abwrackprämie der Autokauf und damit die Konjunktur der Autoindustrie angekurbelt werden soll. Alle guten Vorsätze zum Klimaschutz sind dahin. Denn auch von der neuen Kfz-Steuer profitieren Käufer großer Autos mehr als Käufer umweltfreundlicher Wagen.
Das zeigt: Die Finanzkrise kostet vor allem Geld und Energie. Es zeigt aber auch: Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gehören zusammen, um zu Frieden auf der Welt zu kommen. Diese drei Säulen der Ökumenischen Versammlungen in den 80er und 90er Jahren sollten immer mal wieder ins Bewusstsein gerückt werden.
Christine Reuther
Jesu Sterben ist vom Leben nicht zu trennen
16. März 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Foto: Dimitri Castrique (SXC)
Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Römer 5, Vers 8
Lieber Gott, es heißt, dein Sohn ist für uns gestorben, damit wir leben können. So habe ich das gelernt. Wenn ich mir die Menschheit anschaue, sehe ich auch ein, dass wir Hilfe zum Leben brauchen. Aber dass einer für mich geopfert wird oder sich für mich opfert?
Entschuldige, dass ich das sage, Gott, dir kann ich ja alles sagen: Ich bin doch dein Kind, Geschöpf deiner Hand. Meine Fehler kenne ich, um die will ich mich nicht drücken. Aber in deine Güte gehüllt bin ich doch von Anfang an – dachte ich. Und noch etwas: Es lebt sich auch ausgesprochen schlecht mit dem Wissen, dass ich deinen Sohn auf dem Gewissen habe. Mich macht das nicht gerade frei. Christus nur für mich gestorben – für so grundverkehrt halte ich mich nicht.
Weißt du Gott, ich frage mich manchmal, warum der Apostel Paulus in seinen Briefen sich so sehr am Tod Jesu abarbeitet. Hat er denn das Leben vergessen? Hat es ihn nicht interessiert, wie dringend Jesus schon zu Lebzeiten das Leben für die Letzten wollte und ihnen auch dazu geholfen hat? Ist es denn unerheblich, wenn einer Auferstehung mitten im Leben feiert, wohl wissend, dass er sich dabei Feindschaft zuzieht? Wird sein Tod so bestimmend, weil wir sein und unser Leben vergessen? Tod allein wird nie Leben geben. Und – wenn ich das so sagen darf – Jesus stirbt ja auch nicht aus heiterem Himmel, sein Sterben für uns ist vom Leben für uns nicht zu trennen.
Deshalb bitte ich dich jetzt in der Passionszeit um deinen Geist, damit sein Leben in meinem aufscheint, ein bisschen wenigstens. Weißt du, Gott, so kann ich mit dem Tod Jesu leben: Wer sich wie Jesus bedingungslos auf die Seite deiner Menschen stellt, der nimmt sogar den gewaltsamen Tod in Kauf.
Ja, dann auch für mich.
Barbara Lötzsch
Vom Leben lesen
16. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Titelseite

Foto: René Schulte -- Fotolia
Zwischen Atheismus-Kampfschrift und Pilger-Bestseller: Was uns der Buchmarkt über die religiösen Interessen der Sachsen sagt.
Richard Dawkins’ Atheismus-Kampfschrift »Der Gotteswahn« ist im Osten Deutschlands recht häufig gekauft worden. Aber weitaus besser gegangen ist Hape Kerkelings Pilgerbericht »Ich bin dann mal weg«. Der Blick in eine Bestseller-Liste, die Verkaufszahlen in ostdeutschen Buchhandlungen zusammenfasst, sagt viel über die literarischen Vorlieben der überwiegend kirchenfern sozialisierten ehemaligen DDR-Bürger, wenn es um das Thema Religion geht. Auf Positionen zwischen Kerkeling und Dawkins hält sich seit Monaten Richard David Precht mit einer unterhaltsam geschriebenen Einführung in die großen Fragen der Philosophie. Religion kommt darin vor – wenn auch nur als untergeordnetes Thema. Immerhin, ostdeutsche Leser zeigen deutliches Interesse für Bücher, in denen es um das Nachdenken über grundsätzliche Fragen der Existenz geht. Dass sie sich dabei der Religion oft auf dem Weg über Philosophie, Psychologie oder Naturwissenschaften nähern, beobachten auch Bibliothekarinnen in Sachsen.
Das Darwin-Jahr haben etliche Leser zum Anlass genommen, um sich über die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungsglauben zu informieren.Hoch im Kurs in Bibliotheken stehen naturwissenschaftliche Erklärungen zur Entstehung des Glaubens, aber auch Bücher über die Unsterblichkeit der Seele, über Tod, Wiedergeburt und Jenseits. Theologie ist weniger gefragt, schon gar nicht evangelische oder katholische Positionen. Wenn, dann höchstens die kritische Sicht darauf. Spiritualität scheint als konfessionell unabhängiges Phänomen zu interessieren. Auch als religionsunabhängiges. Buchhändlerinnen registrieren ein gewachsenes Interesse für fernöstliche Religionen, allen voran den Buddhismus. Beim Islam greifen Leser eher zu Veröffentlichungen über dessen Zusammenhang mit der Weltpolitik.
Beim Sachbuch zum Thema Religion gilt: Biografien bewegen mehr als Theorien. So sorgte die Afrika-Missionarin Renate Ellmenreich jüngst in Leipzig mit ihren Erinnerungen für eine gefüllte Buchhandlung an der Thomaskirche. Verlage veröffentlichen Biografien, die den Zusammenhang zwischen Lehre und Leben am anschaulichsten vermitteln – auf der Buchmesse in Leipzig etwa zu Johannes Calvin, dessen 500. Geburtstag im Juli ansteht.
Ähnliches gilt für die gegenwärtigen Wertedebatten. Wo es um Moral und Ethik geht, setzen Verlage gern auf bekannte Namen aus der Kirche. Die Evangelische Verlagsanstalt will mit einer neuen Reihe »Öffentliche Theologie« christliches Reflektieren mit der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion zu verknüpfen. Der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber wird sie aus Anlass der Leipziger Buchmesse als Herausgeber vorstellen. Gefragt ist ebenso die christliche Perspektive eines Richard Schröder oder die von Reinhard Höppner. Und Pfarrer Friedrich Schorlemmer stellt in diesem Frühjahr gleich zwei neue Bücher vor, eines über gelingendes Leben und eines über Heimat.
Lebhaftes Interesse registrieren Buchhändlerinnen und Bibliothekarinnen an der Bibel. Viele, zumal kirchenfern Aufgewachsene, suchen zugleich nach Erklärungen und Erläuterungen, die nicht nur Christen verstehen, sondern auch Menschen, die sich »nur mal so« informieren möchten.
Bei anspruchsvollerer Belletristik ist Religiöses die Ausnahme. Wie bei Reglindis Rauca, die über Kindheit und Jugend in einer streng religiösen Familie im vogtländischen Plauen der DDR-Zeit erzählt. Religiöse Elemente finden sich am ehesten noch in der Lyrik. In dem gerade erschienenen Gedichtband »wüten gegen die stunden« des in Radebeul lebenden Jörg Bernig, vielen als Romanautor bekannt, begegnen wir betenden Menschen, »Gottes unheimlicher Hand« und Paul-Gerhardt-Zitaten.
Tomas Gärtner
Das Evangelium swingt
16. März 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

In der Friedenskirche von Dresden-Löbtau feiert Pfarrer Markus Manzer mehrmals im Jahr Jazz-Gottesdienste, das nächste Mal am 22. März mit dem Christian-Grosch-Trio. Foto: Steffen Giersch
Sonntagmorgen in die Kirche gehen? Die meisten Menschen tun es nicht. Kirchgemeinden suchen deshalb nach neuen Formen des Gottesdienstes.
»Schönen Feierabend!« Die Begrüßung an der Tür der Radebeuler Kirche klingt nach Dienstschluss. Das passt: Es ist Freitagabend, die Menschen strömen ins Kino, Theater oder in Konzerte. Sie wollen auftanken und suchen neue Impulse nach der anstrengenden Woche. Die Türen der Kirchen aber sind verschlossen. In der Radebeuler Lutherkirche ist das seit einem Jahr anders. Seitdem gibt es den Feierabendgottesdienst.
»Im traditionellen liturgischen Gottesdienst fühlen wir uns nicht so zu Hause«,
sagt Sebastian Merchel. Deshalb hat der 28-Jährige mit seinem jungen Hauskreis den Feierabendgottesdienst aus der Taufe gehoben. Als Ergänzung zum Sonntagsgottesdienst, nicht als Ersatz. Mit entspannend flirrender Gitarrenmusik zum meditativen Ausklang der Woche, einem Moderator mit lässig umgeworfenem Schal und der Möglichkeit für die Besucher, ihre Fragen und Bitten einzubringen.
Auch Pfarrer Christian Mendt sitzt in der Kirchenbank. Er unterstützt das Projekt.
»Wir können als Pfarrer nicht mehr alle Menschen und Frömmigkeitsformen erreichen«,
sagt der Theologe nüchtern. Wenn er sich umblickt, sieht er viele Menschen, die im letzten Jahr aus seiner Gemeinde in eine Freikirche wechselten. Der Feierabendgottesdienst baut eine Brücke zu ihnen.
Ein großer Teil der evangelischen Christen nimmt kaum noch an Gottesdiensten teil. Weil sie den Sonntagvormittag anders nutzen möchten, weil ihnen der Stil des Gottesdienstes fremd ist – oder weil sie ihn schlicht für verzichtbar halten. Gut sieben Prozent der Christen in der sächsischen Landeskirche besuchen durchschnittlich Gottesdienste, oder andersherum: 93 Prozent tun es nicht. Neugierige Nicht-Christen verirren sich noch viel seltener in die Kirchen.
Deshalb bieten viele Kirchgemeinden regelmäßig Gottesdienste an, die sich deutlich von der traditionellen Form unterscheiden. Sie nennen sich Gästegottesdienst, Thomasmesse oder oft Familiengottesdienst. Oder Oase-Gottesdienst wie in dem kleinen Dorf Skassa im Kirchspiel Großenhainer Land. »Knapp 100 Erwachsene und viele Kinder kommen dazu in unsere Kirche. In normalen Gottesdiensten sind es nur 15«, sagt Pfarrer Jörg Mat-thies. Für die ländliche Kirchgemeinde ist der Aufwand für den seit Pfingsten 2008 regelmäßig stattfindenden Gottesdienst enorm: Zehn ehrenamtliche Mitarbeiter gestalten ihn mit moderner Musik, Kindergottesdienst und Kirchencafé. Eines aber entlastet Pfarrer Matthies dabei: »Wir müssen den Gottesdienst nicht neu erfinden.«
Die fast 2000 Jahre alte, immer wieder neu erprobte und veränderte Form trägt noch immer. Dass man sie immer wieder neu einkleiden kann, dafür hat nicht zuletzt der Reformator Martin Luther viel Freiraum gegeben. In einem Gottesdienst solle »nichts anderes geschehen, als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang.«
»Eine freie Gottesdienstgestaltung ist keine Garantie dafür, dass Außenstehende sich leicht in einen Gottesdienst einfinden können. Wichtig ist, dass eine Kirchgemeinde in ihrem Gottesdienst beheimatet ist und ihn einladend gestaltet«, gibt Thilo Daniel zu bedenken. Er ist der Gottesdienstreferent im Dresdner Landeskirchenamt. Derzeit arbeitet er in der Liturgischen Konferenz der EKD an einer Orientierungshilfe mit, die Kirchgemeinden beim Gestalten von so genannten Zweitgottesdiensten helfen will. »Solche neuen Angebote sollten in der Gemeinde gut vorbereitet werden und theologisch durchdacht sein«, sagt er.
Theologen der Universität Greifswald haben in einer Studie 451 Zweitgottesdienste in badischen Kirchgemeinden untersucht. Ihr Fazit: Jeder vierte Besucher dieser neuen Angebote geht sonst nur selten oder nie in die Kirche. Der Großteil der Gottesdienstteilnehmer aber ist sehr mit seiner Gemeinde verbunden. Nur scheint ihnen in den gewöhnlichen Sonntagsgottesdiensten etwas zu fehlen.
Andreas Roth
Zwei Sachsen im Kloster
16. März 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Zwischen Leipzig und Leisnig

Vater Lazarus (r.), ein aus Leipzig stammender orthodoxer Mönch, bei der Überführung von Reliquien aus dem Kloster Corvey in das Dreifaltigkeitskloster, das einzige deutsche orthodoxe Kloster. Foto: Dreifaltigkeitskloster
Orthodoxe Mönche aus Buchhagen kommen in die Leipziger Peterskirche
Die Krypta ist mit Mönchsgesängen erfüllt. Weihrauch steigt in die Nase. Alle verneigen sich vor den goldschimmernden Ikonen an der Wand, küssen die Heilige Schrift und fallen immer wieder ehrfurchtsvoll auf die Knie. Neben den vier orthodoxen Mönchen sind drei Besucher zum allabendlichen Gottesdienst des Dreifaltigkeitsklosters im niedersächsischen Buchhagen gekommen.
Einer der Mönche entstammt einer atheistischen Leipziger Familie. Im Alter von zwölf Jahren fing er an, sich für den Glauben zu interessieren, engagierte sich später in der evangelischen Kirche und besuchte das Evangelische Schulzentrum. Zum Zivildienst ging Vater Lazarus, wie er heute heißt, in ein russisch-orthodoxes Kloster nach Nowosibirsk. »Irgendwie wollte ich tiefer und weiter in meinem Glauben kommen«, erinnert er sich. Er besuchte orthodoxe Klöster in Rumänien und Griechenland. Den »goldenen Faden« fand er im einzigen deutschen orthodoxen Kloster in Buchhagen im Landkreis Holzminden.
In der Orthodoxie spricht man von zwei Wegen, für die sich ein Mensch entscheiden kann – die Ehe oder das Mönchtum. Voller Überzeugung hat sich Vater Lazarus für letzteres entschieden. Der junge Mann mit dem langen rotblonden Bart ist Anfang 30 – Alter spielt im Kloster keine Rolle. Als er seiner Familie seien Entscheidung mitteilte, war diese geschockt. »Das passte für sie in keine Schublade«, so der Mönch. Mittlerweile unterstützen sie den Sohn.
Er entschied sich für ein Leben im Dreifaltigkeitskloster. Dessen Grundsteinlegung war am Tag der Wiedervereinigung 1990. Es untersteht der Metropolie der bulgarisch-orthodoxen Diözese von West- und Mitteleuropa, ist aber finanziell auf sich alleine gestellt. Gründervater Johannes und die drei Mönche leben von Erspartem, Spenden, Buch- und CD-Verkäufen. Zwei von ihnen stammen aus Sachsen – neben Vater Lazarus gehört Vater Simeon aus Dresden zur »Mönchsfamilie«. Diese Gemeinschaft unter Leitung eines Abtes ist wichtig in der archaisch struktuierten Orthodoxie. Jeder hat dabei seine Aufgabe. Vater Lazarus, eigentlich gelernter Physiotherapeut, ist Gärtner und zuständig für den Gemüseanbau. Die Mönche sind Allroundtalente: Abt Johannes ist studierter Kirchenmusiker und Religionswissenschaftler. Alle vier sind sie auch Bauarbeiter. Das nächste Großprojekt ist die Kirche, die auf der Krypta entstehen soll.
Um allerdings die »geistige Nabelschnur zu Gott« aufrechtzuerhalten, so Vater Lazarus, sei der Gottesdienst das Wichtigste. Und da dieser zum Großteil aus Psalmen besteht und gesungen wird, hat Abt Johannes in 25-jähriger Arbeit die Septuaginta, die älteste Bibelübersetzung, aus dem Griechischen in eine »schöne deutsche Sprache« übersetzt. Die Psalmen sind als Buch erschienen. Weil Vater Lazarus die Fäden nach Leipzig nie abbrechen ließ, werden die Mönche am 14. März um 20 Uhr in der Peterskirche singen – zusammen mit ehemaligen Thomanern, mit denen das Kloster Buchhagen bereits drei CDs liturgischer Gesänge aufgenommen hat.
Annika Falk
Wenn das Feuer erlischt
4. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Es trifft gerade die Macher und Idealisten: Sie geben viel und fühlen sich ausgebrannt. Auch viele Kirchenmitarbeiter macht das Burnout-Syndrom krank.

Das Licht geht aus. Es ist früh um fünf, über dreitausend Menschen versammeln sich am Weihnachtsmorgen und warten gespannt auf die Weihnachtsbotschaft. Doch vorn am Altar der großen erzgebirgischen Kirche zittern Pfarrer Harald Seibt (Name geändert) bei jener Christmette vor zehn Jahren die Knie. Das Herz rast. Da ist Angst, panische Angst.
Ausgerechnet bei Seibt, dem leidenschaftlichen Prediger, der erzgebirgischen Frohnatur, dem Kämpfer. Vieles hat er mit angeschoben: Die Sanierung der Kirche und die evangelische Schule. Er sitzt in Leitungsgremien der Landeskirche. Sein Körper, sagen die Ärzte, ist völlig gesund. »Doch dauernd war da dieser seelische Druck, immer doppelt gut sein zu müssen.« Seibt spürt ihn seit seiner Kindheit: als Sohn eines strengen Vaters und als Christ in der sozialistischen Schule. Vor zehn Jahren wächst ihm dieser Druck über den Kopf. »Ich war am Ende meiner Kraft, habe geweint, fast nur noch gezittert und hatte Selbstmordgedanken. Mein Glaube war nicht mehr spürbar. Nur noch Angst und Depressionen.«
Seine kirchlichen Vorgesetzten sind rat- und hilflos: Du warst doch immer so lebensfroh, sagen manche, das wird schon wieder. Eine Psychologin, zu der Seibt findet, braucht nur drei Minuten für die Diagnose: »Sie sind ausgebrannt, Sie haben ein klassisches Burnout-Syndrom.« In einer Klinik für psychosomatische Krankheiten beginnt der Pfarrer eine Therapie.
Burnout-Syndrom – mit diesem Begriff bezeichnen Mediziner einen Zustand totaler Erschöpfung. Er trifft vorzugsweise die Engagierten und Idealisten. So wie den Propheten Elia in der Bibel, der nach seinen größten Erfolgen müde in der Wüste liegt und nicht mehr leben will. Fast jeder zweite Pfarrer gilt als stark gefährdet, ergab eine Umfrage in der bayerischen Landeskirche. »In Sachsen ist die Zahl nach meiner Einschätzung ähnlich hoch«, sagt Thomas Schönfuß, Leiter des Pastoralkollegs der sächsischen Landeskirche in Meißen.
Auch Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker sind – ebenso wie viele Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter und Krankenhausmitarbeiter – betroffen. »Einer der Gründe ist, dass das Maß der Arbeitsbelastung in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist«, so Thomas Schönfuß. Die Landeskirche versucht gegenzusteuern: Im Meißener Pastoralkolleg bietet sie Kurse zum Umgang mit Konflikten an. Und sie unterstützt die Suche nach erfahrenen Supervisoren, mit denen allein im letzten Jahr mehr als 39 sächsische Pfarrer regelmäßig über Belastungen in ihrer Arbeit gesprochen haben.
Um der Gefahr des Ausbrennens vorzubeugen, hat die Synode die Kirchgemeinden aufgefordert, ihren Mitarbeitern Supervision zu ermöglichen.
Der an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau lehrende Theologe Andreas von Heyl hat indes noch eine tiefere Dimension beim Burnout kirchlicher Mitarbeiter ausgemacht: In dem Maße, in dem die eigene Beziehung zu Gott zu kurz kommt, nimmt die Gefahr des Ausbrennens zu. Deshalb bietet die sächsische Landeskirche neuerdings ihren Pfarrern an, nach zehn Dienstjahren einen Monat lang im Grumbacher »Haus der Stille« oder in einem Kloster zur Ruhe zu kommen.
Wenn ein Burnout-Syndrom aber akut ist, hilft meist nur eine Psychotherapie. »Ich habe dabei gelernt, Konflikte und kollegiale Zuordnungen anzusprechen und nicht mehr schön zu reden«, sagt Pfarrer Harald Seibt heute. »Früher war ich immer da. Jetzt frage ich kritischer nach: Was ist meine Aufgabe und was nicht?« Bis heute sucht er sich psychologische Beratung.
Der Macher und Prediger Seibt ist durch seine Krise zum Seelsorger geworden. Menschen mit seelischen Problemen ist er jetzt näher – und sie spüren das. »Luthers Rechtfertigungslehre predige ich jeden Sonntag«, sagt Harald Seibt. »Doch erst seit meiner Krankheit ist ihr Inhalt für mich keine Theorie mehr: In der Schwachheit ist Gott mächtig, nicht durch meine Leistung.«
Andreas Roth
Pfarrer in Barack Obamas Kirche
2. März 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Westsachsen

Jan Peter Becker war Pastor einer lutherischen Kirchgemeinde in Kentucky. (Foto: Steffen Giersch)
Bevor Jan Peter Becker ins Vogtland ging, arbeitete der Theologe in den USA Jan Peter Becker ist Pfarrer in der kleinen vogtländischen Stadt Treuen. Doch der Wandschmuck in seinem Dienstzimmer fällt etwas aus dem Rahmen sächsischer Pfarrkanzleien: Bilder von den Wolkenkratzern Chicagos auf der einen Seite, ein Autonummernschild mit der blauen Aufschrift »Kentucky« und zwei galoppierenden Pferden auf der anderen. Doch beides gehört zum Leben des 39-jährigen Theologen.
Chicago ist die Heimatstadt seiner Mutter. Und im amerikanischen Bundesstaat Kentucky arbeitete Jan Peter Becker ein Jahr lang als Pfarrer in einer lutherischen Gemeinde. 1996 war der aus Westfalen stammende Theologe mit einem Stipendium des Weltrates der Kirchen für drei Jahre in die USA geflogen – um zu studieren und sich als Pastor auszuprobieren.
In seiner ersten Gemeinde in der Stadt Lexington in Kentucky predigte Becker in einer Holzkirche unter dem weiten Himmel des Landes im Mittleren Westen der USA. Tabakplantagen, blaugrün blühende Grasweiden und Pferdefarmen so weit das Auge reicht. Kentucky ist ziemlich das Gegenteil der lieblichen Berglandschaft des Vogtlandes, wo Jan Peter Becker nach seinem Viakariat in der westfälischen Kirche zunächst in Oelsnitz und seit drei Monaten in Treuen arbeitet.
Doch fromm sind die Leute hier wie dort. »Ich habe in den USA gelernt, dass es schön und spannend ist, wenn es in der Frömmigkeit ein buntes Spektrum von liberal bis evangelikal gibt«, sagt der Pfarrer. Was ihm in Amerika ebenso wichtig geworden ist: Die ehrenamtliche Mitarbeit der Gemeindeglieder auch in Leitungsämtern. »Ich habe keine Scheu davor, dass sie mit ihren Kompetenzen Verantwortung übernehmen in unserer Kirche.«
Nach seinem einjährigen Dienst in der lutherischen Gemeinde von Lexington wechselte Jan Peter Becker für zwei Jahren in den US-Bundesstaat Missouri. Dort studierte er ebenfalls und arbeitete als Pastor in zwei Gemeinden der United Church of Christ, einer unierten Kirche. Ihr derzeit prominentestes Mitglied: der neue US-Präsident Barack Obama.
»Doch in den Gemeinden sind Schwarz und Weiß meist getrennt«, musste der Pfarrer feststellen. Und hofft auf die Wirksamkeit des Obama-Slogans vom Wandel auch in der Kirche. »Es wäre schön, wenn es nach der Wahl des neuen Präsidenten ein Umdenken auch in den Kirchen gäbe und da etwas in Bewegung kommt.«
Gespannt verfolgte Jan Peter Becker deshalb im vergangenen Jahr das Wettrennen um das Weiße Haus. In der Wahlnacht saß er vor dem Computer und las im Internet die Seiten der New York Times. »Als Obama gewählt wurde, habe ich mich sehr gefreut. Es ist erstaunlich, dass er es als schwarzer Kandidat geschafft hat.« Nun hofft Jan Peter Becker, dass der neue Präsident die friedliche Seite Amerikas wieder zum Vorschein bringt.
Andreas Roth
Stillsein ist keine Alternative
2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Ostsachsen
Das Gedenken an Dresdens Zerstörung zeigt: Versöhnung bleibt eine Aufgabe
Für einen langen Moment hielt der Bischof inne und beugte seinen Kopf. »Ich stehe vor Ihnen mit dem Einsatz, Vergebung zu suchen von denen, die durch mein Land gelitten haben«, sagte Christopher Cocksworth. Der Bischof von Coventry sprach im Ökumenischen Friedensgottesdienst in der Dresdner Kathedrale am Abend des 13. Februars – 64 Jahre nachdem britische und amerikanische Bomber Dresdens Innenstadt in Schutt und Asche gelegt hatten. »Ich stehe vor Ihnen mit den Worten Jesu auf meinen Lippen, die Domprobst Howard nach der Bombardierung von Coventry gesagt hat und die jeden Tag in der Kathedrale von Coventry wiederholt werden: Vater vergib.« Die englische Stadt war fünf Jahre vor der Bombardierung Dresdens von Deutschen zerstört worden.

Gedenkveranstaltung in der Frauenkirche
An diese Reihenfolge der historischen Ereignisse erinnerte Landesbischof Jochen Bohl bei der Gedenkveranstaltung vor der Dresdner Frauenkirche. »Der Krieg war am 13. Februar 1945 zurückgekehrt in unsere Stadt. In unserem Land wurden die Verbrechen ersonnen und vorbereitet. Als Dresden brannte, hatten Millionen ihr Leben bereits verloren.« Der Landesbischof gedachte der ermordeten Juden, der Toten in ganz Europa – auch in Coventry. »Bis auf den heutigen Tag trauern Menschen. Wir verneigen uns vor dem Schmerz, den sie erlitten und noch erleiden.«
Etwa 3000 Menschen hörten am kalten Abend des 13. Februars vor der Frauenkirche dem Landesbischof und dem nach ihm sprechenden Hauptredner Hans-Jochen Vogel zu. »Warum sollen wir uns erinnern?«, fragte der ehemalige SPD-Vorsitzende in seiner Gedenkrede. »Nicht um Schuldkomplexe zu konservieren. Schuld ist ein individueller Begriff, mit dem keiner konfrontiert werden kann, der damals noch nicht gelebt hat. Und auch nicht, um ein- oder zweimal im Jahr Betroffenheit zu bekunden. Wir sollten uns erinnern, um uns immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, wo es endet, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird.«
Untermalt wurden die Worte Vogels vom Dröhnen eines Polizeihubschraubers, der eine Demonstration von 1000 Rechtsextremen überwachte. Es war die Vorhut der 6000 Neonazis aus ganz Europa, die am nächsten Tag durch die Stadt marschierten. Und mit dem Verweis auf die Bombardierung Dresdens den Holocaust verharmlosten.

Protestdemonstration »Geh Denken« in Dresden
Doch auch die Demokraten Dresdens gingen am 14. Februar auf die Straße. Der Tag begann für viele von ihnen mit Andachten in mehreren Innenstadtkirchen. An einem Schabbat-Gottesdienst in der Synagoge nahmen rund 500 Gäste teil.
Zu der anschließenden Protestdemonstration »Geh Denken« gegen den Aufmarsch der Rechtsextremisten versammelten sich mehrere tausend Menschen aus ganz Deutschland, darunter auch viele Christen.
Pfarrer Karl-Heinz Maischner, Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen, betonte vor den Demonstrationsteilnehmern: »Für Christen ist die menschenfeindliche Ideologie der Nazis unvereinbar mit ihrem Glauben.« Er wünsche sich ein deutliches Signal an die Kirchgemeinden. Denn gerade die Kirche mit ihrer Nächstenliebe als Grundlage habe als eine der größten Organisationen in der Gesellschaft eine große Verantwortung. Der Superintendent von Dresden Mitte Peter Meis betonte: »Eine streitbare Demokratie muss vernehmbar sein. Das Stillsein ist keine Alternative.«
Der Sonnabend war zugleich der Tag der Extremisten von rechts und links. Mit vielen Verletzten, Zerstörungen, Festnahmen. Das lässt befürchten, dass sich im nächsten Jahr die Spirale der verbalen und tätlichen Gewalt noch weiter drehen wird.
Doch als sich am Abend des 13. Februars in der Dresdner Kathedrale die Honoratioren aus Kirche und Staat – unter ihnen Ministerpräsident Tillich und Innenminister Buttolo – zum Gedenkgottesdienst einfanden, konnte man den Eindruck gewinnen, die Versöhnungsbotschaft dieses Tages sei eine abgeschlossene Erfolgsgeschichte.
Der Prediger des Abends, Paul Oestreicher, aber diagnostizierte das Gegenteil: Die Überwindung von Gewalt ist eine bleibende Aufgabe. Er verwies auf die Rechtsextremisten. »Wie können wir ihren Irrsinn mit Liebe besiegen? Das ist die Aufgabe, die uns Jesus gibt«, sagte der anglikanische Pfarrer. Der aus einer jüdischen Familie stammende langjährige Leiter des Versöhnungszentrums in Coventry hält die Gegendemonstration durchaus für wichtig. »Aber damit ist das Böse noch lange nicht mit Gutem besiegt. Wir werden erst beginnen, diese Aufgabe zu erfüllen, wenn wir verstanden haben, warum diese Menschen so sind, wie sie sind.«
Tomas Gärtner / Andreas Roth
Familiendrama
2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Jazza (sxc.hu)
Schon wieder die Meldung: »Vater löscht seine Familie aus.« Ein Mann aus Schleswig-Holstein erstach Anfang vergangener Woche seine Frau und die siebenjährige Tochter. Danach versuchte er, sich selbst zu töten. In einer Abschieds-E-Mail nannte er Erpressung und Drohung durch Geschäftspartner als Motiv. Nur drei Tage später brachte ein Mann in Bad Bramstedt seine Frau, die zwei Kinder und sich selbst um.
In den vergangenen vier Wochen ereigneten sich sechs Familiendramen. Im Saarland spaltet ein Mann den Schädel seiner Frau mit einer Axt und tötet die beiden Kinder. In Sachsen-Anhalt wird eine hochschwangere Frau erstochen. In Bayern tötet ein 60-Jähriger seine Frau. In Nordrhein-Westfalen findet ein 15-jähriges Mädchen die Leichen der Mutter, des Stiefvaters und der Stiefschwester. Gründe für diese Tragödien sind meist Trennung oder finanzielle Nöte. Sechs Familien wurden ausgelöscht und keiner will etwas bemerkt haben.
Derartige Meldungen füllen nur noch die Randspalten der Zeitungen. Die Deutschen sind fast schon ein wenig abgebrüht. Die Brutalität der Täter und Ausweglosigkeit der Familien überraschen nicht mehr.
Vergessen werden oft die Opfer, die überlebt haben. Die 15-Jährige, die plötzlich ganz alleine ist, wird vielleicht nie wieder Fuß fassen im Leben. Der Dreijährige, der nach dem Familiendrama schlafend im Kinderzimmer entdeckt wurde, wird erst Jahre später realisieren, welches Unglück ihm zugestoßen ist.
Warum haben wir nicht bemerkt, welche Sorgen die Familie plagten? Wieso konnten wir die Tat nicht vorhersehen und verhindern? Mit diesen Fragen kämpfen Familienangehörige, Nachbarn und Lehrer. Wir alle müssen uns fragen, ob sich Familien in unserer Gesellschaft so wenig aufgehoben fühlen, dass diese Verzweiflung und Existenzangst überhaupt entstehen können.
Annika Falk
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