Gespräch mit Gott
2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Titelseite

Fotos: Jason Stitt (Stockxpert)
Ob die Hände gefaltet oder geöffnet sind, im Stehen oder Gehen: Gott lässt mit sich reden. Drei Geschichten vom Beten.
Hört Gott? Ja, sagt Bruder Jörg, und denkt an die Jugendlichen, die alles für sinnlos hielten und plötzlich wieder Mut zum Leben fanden. Ja, Gott hört, sagt Christine Oettel, und denkt an die Revolution der Friedfertigen vor zwanzig Jahren. Ja, sagt auch Gottfried Remtisch, und denkt an den krebskranken Mann, für den seine Gemeinde so viel betet – und der jetzt das Krankenhaus verlassen konnte.
Hört Gott? Als vor sieben Jahren Gottfried Remtischs erste Frau schwer krank war, da betete er. So viel wie nie. Und mit ihm viele in der Chemnitzer Luthergemeinde. Gottfried Remtisch hatte einen Plan gemacht: Das Gebet um seine Frau sollte vor Gott nicht abreißen. »Dabei haben wir die Gegenwart Gottes gespürt«, erinnert sich der heute 75-Jährige. »Doch obwohl wir gehofft haben, dass sie geheilt wird, ist sie heimgegangen. Wir haben es nicht in der Hand, Gott zu regulieren.«
So stand Gottfried Remtisch vor der Freiheit Gottes: so wie Hiob, dem Gott die Frau genommen hatte. Hilflos und stumm. »Doch ich habe zugleich gespürt: Wenn wir am hilflosesten sind, handelt Gott am meisten. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.«
Anders als Hiob klagte Gottfried Remtisch den Höchsten nicht an. Er liegt ihm weiter in den Ohren. Hatte Jesus nicht gesagt: »Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan«?
Und Gott tat auf. Christine Oettel kann sich noch genau erinnern. Es war im Herbst 1989. »Wenn die Friedensgebete nicht gewesen wären, wäre damals bestimmt vieles anders gelaufen. Gott hat uns stark gemacht für die Gewaltfreiheit. Das erlebt zu haben, ist ein ungeheurer Schatz, den wir in uns tragen.« Die Dresdner Christin zehrt davon bis heute. Und auch die Friedensgebete gibt es noch.
In Dresden jeden Montag, seit fast 20 Jahren. Ein Häuflein von oft nicht mehr als zehn Unermüdlichen trifft sich in einer Seitenkapelle der Kreuzkirche: Langbärtige, Langhaarige, alte Frauen und jüngere Frauen, deren Seelen zu schwach oder zu stark sind, um angesichts von Ungerechtigkeiten und Unfrieden unbekümmert zu bleiben. Einer trägt einen Obama-Anstecker: Ein Signet der Hoffnung, dass die Welt veränderbar ist.
Christine Oettel steht von der Kirchenbank auf, tritt neben den Altar, und betet laut: Um Frieden im Nahen Osten, um Frieden in Afghanistan, auf dem Balkan, in den Herzen. »Wenn man betet, wird man selbst zum Werkzeug Gottes. Beten und das Tun des Gerechten gehören zusammen.« Christine Oettel arbeitet jetzt in den Nachtcafés der Dresdner Kirchen mit, ehrenamtlich. Um denen die Tür zu öffnen, die draußen in der Kälte ohne ein Dach sind.
Doch kann das Übermaß an menschlichem Elend auch den Beter mutlos machen. Bruder Jörg weiß das. 23 Jahre war das Mitglied der evangelischen Christusträger-Bruderschaft in einem Krankenhaus im Kongo tätig, seit zwei Jahren arbeitet er nun auf einem Rittergut bei Meißen mit Jugendlichen, die an nichts mehr glauben – schon gar nicht an sich selbst.
Viele von ihnen kennen Alkohol, Gewalt, Kriminalität. Bevor Bruder Jörg morgens zu ihnen geht, trifft er sich an jedem Tag früh um sechs mit seinen zwei Mitbrüdern in der Barbarakapelle auf dem Meißener Burgberg zum Gebet. Abends um sieben beschließen sie auf gleiche Weise ihren Tag.
Versunken sitzen die Männer in ihren Alltagsjacken unter den roten Streben des gotischen Gewölbes. Viel älter als die Mauern sind nur die Gebete, die die drei Männer auf einem gleichmäßigen, sich nur hin und wieder senkenden oder hebenden Ton singen. »Die Arbeit nimmt mich häufig gefangen«, sagt Bruder Jörg.
»Da ist es heilsam, den Tagesrythmus mit den Gebeten zu unterbrechen. Es tut gut, sich in diese alten Worte fallen zu lassen. Sie öffnen den Raum für die Gegenwart Gottes.« Des Gottes, den Bruder Jörg spürt, wenn ein an Enttäuschungen übervoller Mensch neuen Mut zum Leben schöpft. Und der nicht fern ist, wenn ein hoffnungsloses Herz hoffnungslos bleibt.
Andreas Roth
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