Stillsein ist keine Alternative
2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Ostsachsen
Das Gedenken an Dresdens Zerstörung zeigt: Versöhnung bleibt eine Aufgabe
Für einen langen Moment hielt der Bischof inne und beugte seinen Kopf. »Ich stehe vor Ihnen mit dem Einsatz, Vergebung zu suchen von denen, die durch mein Land gelitten haben«, sagte Christopher Cocksworth. Der Bischof von Coventry sprach im Ökumenischen Friedensgottesdienst in der Dresdner Kathedrale am Abend des 13. Februars – 64 Jahre nachdem britische und amerikanische Bomber Dresdens Innenstadt in Schutt und Asche gelegt hatten. »Ich stehe vor Ihnen mit den Worten Jesu auf meinen Lippen, die Domprobst Howard nach der Bombardierung von Coventry gesagt hat und die jeden Tag in der Kathedrale von Coventry wiederholt werden: Vater vergib.« Die englische Stadt war fünf Jahre vor der Bombardierung Dresdens von Deutschen zerstört worden.

Gedenkveranstaltung in der Frauenkirche
An diese Reihenfolge der historischen Ereignisse erinnerte Landesbischof Jochen Bohl bei der Gedenkveranstaltung vor der Dresdner Frauenkirche. »Der Krieg war am 13. Februar 1945 zurückgekehrt in unsere Stadt. In unserem Land wurden die Verbrechen ersonnen und vorbereitet. Als Dresden brannte, hatten Millionen ihr Leben bereits verloren.« Der Landesbischof gedachte der ermordeten Juden, der Toten in ganz Europa – auch in Coventry. »Bis auf den heutigen Tag trauern Menschen. Wir verneigen uns vor dem Schmerz, den sie erlitten und noch erleiden.«
Etwa 3000 Menschen hörten am kalten Abend des 13. Februars vor der Frauenkirche dem Landesbischof und dem nach ihm sprechenden Hauptredner Hans-Jochen Vogel zu. »Warum sollen wir uns erinnern?«, fragte der ehemalige SPD-Vorsitzende in seiner Gedenkrede. »Nicht um Schuldkomplexe zu konservieren. Schuld ist ein individueller Begriff, mit dem keiner konfrontiert werden kann, der damals noch nicht gelebt hat. Und auch nicht, um ein- oder zweimal im Jahr Betroffenheit zu bekunden. Wir sollten uns erinnern, um uns immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, wo es endet, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird.«
Untermalt wurden die Worte Vogels vom Dröhnen eines Polizeihubschraubers, der eine Demonstration von 1000 Rechtsextremen überwachte. Es war die Vorhut der 6000 Neonazis aus ganz Europa, die am nächsten Tag durch die Stadt marschierten. Und mit dem Verweis auf die Bombardierung Dresdens den Holocaust verharmlosten.

Protestdemonstration »Geh Denken« in Dresden
Doch auch die Demokraten Dresdens gingen am 14. Februar auf die Straße. Der Tag begann für viele von ihnen mit Andachten in mehreren Innenstadtkirchen. An einem Schabbat-Gottesdienst in der Synagoge nahmen rund 500 Gäste teil.
Zu der anschließenden Protestdemonstration »Geh Denken« gegen den Aufmarsch der Rechtsextremisten versammelten sich mehrere tausend Menschen aus ganz Deutschland, darunter auch viele Christen.
Pfarrer Karl-Heinz Maischner, Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen, betonte vor den Demonstrationsteilnehmern: »Für Christen ist die menschenfeindliche Ideologie der Nazis unvereinbar mit ihrem Glauben.« Er wünsche sich ein deutliches Signal an die Kirchgemeinden. Denn gerade die Kirche mit ihrer Nächstenliebe als Grundlage habe als eine der größten Organisationen in der Gesellschaft eine große Verantwortung. Der Superintendent von Dresden Mitte Peter Meis betonte: »Eine streitbare Demokratie muss vernehmbar sein. Das Stillsein ist keine Alternative.«
Der Sonnabend war zugleich der Tag der Extremisten von rechts und links. Mit vielen Verletzten, Zerstörungen, Festnahmen. Das lässt befürchten, dass sich im nächsten Jahr die Spirale der verbalen und tätlichen Gewalt noch weiter drehen wird.
Doch als sich am Abend des 13. Februars in der Dresdner Kathedrale die Honoratioren aus Kirche und Staat – unter ihnen Ministerpräsident Tillich und Innenminister Buttolo – zum Gedenkgottesdienst einfanden, konnte man den Eindruck gewinnen, die Versöhnungsbotschaft dieses Tages sei eine abgeschlossene Erfolgsgeschichte.
Der Prediger des Abends, Paul Oestreicher, aber diagnostizierte das Gegenteil: Die Überwindung von Gewalt ist eine bleibende Aufgabe. Er verwies auf die Rechtsextremisten. »Wie können wir ihren Irrsinn mit Liebe besiegen? Das ist die Aufgabe, die uns Jesus gibt«, sagte der anglikanische Pfarrer. Der aus einer jüdischen Familie stammende langjährige Leiter des Versöhnungszentrums in Coventry hält die Gegendemonstration durchaus für wichtig. »Aber damit ist das Böse noch lange nicht mit Gutem besiegt. Wir werden erst beginnen, diese Aufgabe zu erfüllen, wenn wir verstanden haben, warum diese Menschen so sind, wie sie sind.«
Tomas Gärtner / Andreas Roth
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