Wenn das Feuer erlischt
4. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Titelseite
Es trifft gerade die Macher und Idealisten: Sie geben viel und fühlen sich ausgebrannt. Auch viele Kirchenmitarbeiter macht das Burnout-Syndrom krank.

Das Licht geht aus. Es ist früh um fünf, über dreitausend Menschen versammeln sich am Weihnachtsmorgen und warten gespannt auf die Weihnachtsbotschaft. Doch vorn am Altar der großen erzgebirgischen Kirche zittern Pfarrer Harald Seibt (Name geändert) bei jener Christmette vor zehn Jahren die Knie. Das Herz rast. Da ist Angst, panische Angst.
Ausgerechnet bei Seibt, dem leidenschaftlichen Prediger, der erzgebirgischen Frohnatur, dem Kämpfer. Vieles hat er mit angeschoben: Die Sanierung der Kirche und die evangelische Schule. Er sitzt in Leitungsgremien der Landeskirche. Sein Körper, sagen die Ärzte, ist völlig gesund. »Doch dauernd war da dieser seelische Druck, immer doppelt gut sein zu müssen.« Seibt spürt ihn seit seiner Kindheit: als Sohn eines strengen Vaters und als Christ in der sozialistischen Schule. Vor zehn Jahren wächst ihm dieser Druck über den Kopf. »Ich war am Ende meiner Kraft, habe geweint, fast nur noch gezittert und hatte Selbstmordgedanken. Mein Glaube war nicht mehr spürbar. Nur noch Angst und Depressionen.«
Seine kirchlichen Vorgesetzten sind rat- und hilflos: Du warst doch immer so lebensfroh, sagen manche, das wird schon wieder. Eine Psychologin, zu der Seibt findet, braucht nur drei Minuten für die Diagnose: »Sie sind ausgebrannt, Sie haben ein klassisches Burnout-Syndrom.« In einer Klinik für psychosomatische Krankheiten beginnt der Pfarrer eine Therapie.
Burnout-Syndrom – mit diesem Begriff bezeichnen Mediziner einen Zustand totaler Erschöpfung. Er trifft vorzugsweise die Engagierten und Idealisten. So wie den Propheten Elia in der Bibel, der nach seinen größten Erfolgen müde in der Wüste liegt und nicht mehr leben will. Fast jeder zweite Pfarrer gilt als stark gefährdet, ergab eine Umfrage in der bayerischen Landeskirche. »In Sachsen ist die Zahl nach meiner Einschätzung ähnlich hoch«, sagt Thomas Schönfuß, Leiter des Pastoralkollegs der sächsischen Landeskirche in Meißen.
Auch Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker sind – ebenso wie viele Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter und Krankenhausmitarbeiter – betroffen. »Einer der Gründe ist, dass das Maß der Arbeitsbelastung in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist«, so Thomas Schönfuß. Die Landeskirche versucht gegenzusteuern: Im Meißener Pastoralkolleg bietet sie Kurse zum Umgang mit Konflikten an. Und sie unterstützt die Suche nach erfahrenen Supervisoren, mit denen allein im letzten Jahr mehr als 39 sächsische Pfarrer regelmäßig über Belastungen in ihrer Arbeit gesprochen haben.
Um der Gefahr des Ausbrennens vorzubeugen, hat die Synode die Kirchgemeinden aufgefordert, ihren Mitarbeitern Supervision zu ermöglichen.
Der an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau lehrende Theologe Andreas von Heyl hat indes noch eine tiefere Dimension beim Burnout kirchlicher Mitarbeiter ausgemacht: In dem Maße, in dem die eigene Beziehung zu Gott zu kurz kommt, nimmt die Gefahr des Ausbrennens zu. Deshalb bietet die sächsische Landeskirche neuerdings ihren Pfarrern an, nach zehn Dienstjahren einen Monat lang im Grumbacher »Haus der Stille« oder in einem Kloster zur Ruhe zu kommen.
Wenn ein Burnout-Syndrom aber akut ist, hilft meist nur eine Psychotherapie. »Ich habe dabei gelernt, Konflikte und kollegiale Zuordnungen anzusprechen und nicht mehr schön zu reden«, sagt Pfarrer Harald Seibt heute. »Früher war ich immer da. Jetzt frage ich kritischer nach: Was ist meine Aufgabe und was nicht?« Bis heute sucht er sich psychologische Beratung.
Der Macher und Prediger Seibt ist durch seine Krise zum Seelsorger geworden. Menschen mit seelischen Problemen ist er jetzt näher – und sie spüren das. »Luthers Rechtfertigungslehre predige ich jeden Sonntag«, sagt Harald Seibt. »Doch erst seit meiner Krankheit ist ihr Inhalt für mich keine Theorie mehr: In der Schwachheit ist Gott mächtig, nicht durch meine Leistung.«
Andreas Roth
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”In der Schwachheit ist Gott mächtig”
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