Das Evangelium swingt
16. März 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

In der Friedenskirche von Dresden-Löbtau feiert Pfarrer Markus Manzer mehrmals im Jahr Jazz-Gottesdienste, das nächste Mal am 22. März mit dem Christian-Grosch-Trio. Foto: Steffen Giersch
Sonntagmorgen in die Kirche gehen? Die meisten Menschen tun es nicht. Kirchgemeinden suchen deshalb nach neuen Formen des Gottesdienstes.
»Schönen Feierabend!« Die Begrüßung an der Tür der Radebeuler Kirche klingt nach Dienstschluss. Das passt: Es ist Freitagabend, die Menschen strömen ins Kino, Theater oder in Konzerte. Sie wollen auftanken und suchen neue Impulse nach der anstrengenden Woche. Die Türen der Kirchen aber sind verschlossen. In der Radebeuler Lutherkirche ist das seit einem Jahr anders. Seitdem gibt es den Feierabendgottesdienst.
»Im traditionellen liturgischen Gottesdienst fühlen wir uns nicht so zu Hause«,
sagt Sebastian Merchel. Deshalb hat der 28-Jährige mit seinem jungen Hauskreis den Feierabendgottesdienst aus der Taufe gehoben. Als Ergänzung zum Sonntagsgottesdienst, nicht als Ersatz. Mit entspannend flirrender Gitarrenmusik zum meditativen Ausklang der Woche, einem Moderator mit lässig umgeworfenem Schal und der Möglichkeit für die Besucher, ihre Fragen und Bitten einzubringen.
Auch Pfarrer Christian Mendt sitzt in der Kirchenbank. Er unterstützt das Projekt.
»Wir können als Pfarrer nicht mehr alle Menschen und Frömmigkeitsformen erreichen«,
sagt der Theologe nüchtern. Wenn er sich umblickt, sieht er viele Menschen, die im letzten Jahr aus seiner Gemeinde in eine Freikirche wechselten. Der Feierabendgottesdienst baut eine Brücke zu ihnen.
Ein großer Teil der evangelischen Christen nimmt kaum noch an Gottesdiensten teil. Weil sie den Sonntagvormittag anders nutzen möchten, weil ihnen der Stil des Gottesdienstes fremd ist – oder weil sie ihn schlicht für verzichtbar halten. Gut sieben Prozent der Christen in der sächsischen Landeskirche besuchen durchschnittlich Gottesdienste, oder andersherum: 93 Prozent tun es nicht. Neugierige Nicht-Christen verirren sich noch viel seltener in die Kirchen.
Deshalb bieten viele Kirchgemeinden regelmäßig Gottesdienste an, die sich deutlich von der traditionellen Form unterscheiden. Sie nennen sich Gästegottesdienst, Thomasmesse oder oft Familiengottesdienst. Oder Oase-Gottesdienst wie in dem kleinen Dorf Skassa im Kirchspiel Großenhainer Land. »Knapp 100 Erwachsene und viele Kinder kommen dazu in unsere Kirche. In normalen Gottesdiensten sind es nur 15«, sagt Pfarrer Jörg Mat-thies. Für die ländliche Kirchgemeinde ist der Aufwand für den seit Pfingsten 2008 regelmäßig stattfindenden Gottesdienst enorm: Zehn ehrenamtliche Mitarbeiter gestalten ihn mit moderner Musik, Kindergottesdienst und Kirchencafé. Eines aber entlastet Pfarrer Matthies dabei: »Wir müssen den Gottesdienst nicht neu erfinden.«
Die fast 2000 Jahre alte, immer wieder neu erprobte und veränderte Form trägt noch immer. Dass man sie immer wieder neu einkleiden kann, dafür hat nicht zuletzt der Reformator Martin Luther viel Freiraum gegeben. In einem Gottesdienst solle »nichts anderes geschehen, als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang.«
»Eine freie Gottesdienstgestaltung ist keine Garantie dafür, dass Außenstehende sich leicht in einen Gottesdienst einfinden können. Wichtig ist, dass eine Kirchgemeinde in ihrem Gottesdienst beheimatet ist und ihn einladend gestaltet«, gibt Thilo Daniel zu bedenken. Er ist der Gottesdienstreferent im Dresdner Landeskirchenamt. Derzeit arbeitet er in der Liturgischen Konferenz der EKD an einer Orientierungshilfe mit, die Kirchgemeinden beim Gestalten von so genannten Zweitgottesdiensten helfen will. »Solche neuen Angebote sollten in der Gemeinde gut vorbereitet werden und theologisch durchdacht sein«, sagt er.
Theologen der Universität Greifswald haben in einer Studie 451 Zweitgottesdienste in badischen Kirchgemeinden untersucht. Ihr Fazit: Jeder vierte Besucher dieser neuen Angebote geht sonst nur selten oder nie in die Kirche. Der Großteil der Gottesdienstteilnehmer aber ist sehr mit seiner Gemeinde verbunden. Nur scheint ihnen in den gewöhnlichen Sonntagsgottesdiensten etwas zu fehlen.
Andreas Roth
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