Vom Leben lesen

Foto: René Schulte -- Fotolia

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Zwischen Atheismus-Kampfschrift und Pilger-Bestseller: Was uns der Buchmarkt über die religiösen Interessen der Sachsen sagt.

Richard Dawkins’ Atheismus-Kampfschrift »Der Gotteswahn« ist im Osten Deutschlands recht häufig gekauft worden. Aber weitaus besser gegangen ist Hape Kerkelings Pilgerbericht »Ich bin dann mal weg«. Der Blick in eine Bestseller-Liste, die Verkaufszahlen in ostdeutschen Buchhandlungen zusammenfasst, sagt viel über die literarischen Vorlieben der überwiegend kirchenfern sozialisierten ehemaligen DDR-Bürger, wenn es um das Thema Religion geht. Auf Positionen zwischen Kerkeling und Dawkins hält sich seit Monaten Richard David Precht mit einer unterhaltsam geschriebenen Einführung in die großen Fragen der Philosophie. Religion kommt darin vor – wenn auch nur als untergeordnetes Thema. Immerhin, ostdeutsche Leser zeigen deutliches Interesse für Bücher, in denen es um das Nachdenken über grundsätzliche Fragen der Existenz geht. Dass sie sich dabei der Religion oft auf dem Weg über Philosophie, Psychologie oder Naturwissenschaften nähern, beobachten auch Bibliothekarinnen in Sachsen.

Das Darwin-Jahr haben etliche Leser zum Anlass genommen, um sich über die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungsglauben zu informieren.Hoch im Kurs in Bibliotheken stehen naturwissenschaftliche Erklärungen zur Entstehung des Glaubens, aber auch Bücher über die Unsterblichkeit der Seele, über Tod, Wiedergeburt und Jenseits. Theologie ist weniger gefragt, schon gar nicht evangelische oder katholische Positionen. Wenn, dann höchstens die kritische Sicht darauf. Spiritualität scheint als konfessionell unabhängiges Phänomen zu interessieren. Auch als religionsunabhängiges. Buchhändlerinnen registrieren ein gewachsenes Interesse für fernöstliche Religionen, allen voran den Buddhismus. Beim Islam greifen Leser eher zu Veröffentlichungen über dessen Zusammenhang mit der Weltpolitik.

Beim Sachbuch zum Thema Religion gilt: Biografien bewegen mehr als Theorien. So sorgte die Afrika-Missionarin Renate Ellmenreich jüngst in Leipzig mit ihren Erinnerungen für eine gefüllte Buchhandlung an der Thomaskirche. Verlage veröffentlichen Biografien, die den Zusammenhang zwischen Lehre und Leben am anschaulichsten vermitteln – auf der Buchmesse in Leipzig etwa zu Johannes Calvin, dessen 500. Geburtstag im Juli ansteht.

Ähnliches gilt für die gegenwärtigen Wertedebatten. Wo es um Moral und Ethik geht, setzen Verlage gern auf bekannte Namen aus der Kirche. Die Evangelische Verlagsanstalt will mit einer neuen Reihe »Öffentliche Theologie« christliches Reflektieren mit der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion zu verknüpfen. Der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber wird sie aus Anlass der Leipziger Buchmesse als Herausgeber vorstellen. Gefragt ist ebenso die christliche Perspektive eines Richard Schröder oder die von Reinhard Höppner. Und Pfarrer Friedrich Schorlemmer stellt in diesem Frühjahr gleich zwei neue Bücher vor, eines über gelingendes Leben und eines über Heimat.

Lebhaftes Interesse registrieren Buchhändlerinnen und Bibliothekarinnen an der Bibel. Viele, zumal kirchenfern Aufgewachsene, suchen zugleich nach Erklärungen und Erläuterungen, die nicht nur Christen verstehen, sondern auch Menschen, die sich »nur mal so« informieren möchten.

Bei anspruchsvollerer Belletristik ist Religiöses die Ausnahme. Wie bei Reglindis Rauca, die über Kindheit und Jugend in einer streng religiösen Familie im vogtländischen Plauen der DDR-Zeit erzählt. Religiöse Elemente finden sich am ehesten noch in der Lyrik. In dem gerade erschienenen Gedichtband »wüten gegen die stunden« des in Radebeul lebenden Jörg Bernig, vielen als Romanautor bekannt, begegnen wir betenden Menschen, »Gottes unheimlicher Hand« und Paul-Gerhardt-Zitaten.

Tomas Gärtner

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