Asche aufs Haupt
2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Sachsen
Der Aschermittwoch ist in der sächsischen Landeskirche zugleich der Frühjahrsbußtag. Dann beginnt für viele Christen die Zeit des Fastens vor Ostern. Darüber sprach Andreas Roth mit dem Annaberger Superintendenten Klaus Michael Führer.
Ist am Aschermittwoch aller Spaß vorbei?
Führer: Mit Aschermittwoch geschieht jedenfalls ein Einschnitt: Für die Fans von Fasching ist tatsächlich erst einmal der Spaß vorbei. Wer Aschermittwoch vom Kirchenjahr her beurteilt, sieht an diesem Tag, dass nun nach Advent, Weihnachten und Epiphanias der innere Weg auf Ostern zugeht. Und der hat wenig mit dem zu tun, was wir »Spaß« nennen.
Viele Menschen fasten in dieser Zeit. Für Jesus selbst war das Fasten nicht besonders wichtig. Warum sollten wir es heute tun?
Führer: Jesus hat das Fasten nie grundsätzlich kritisiert und fastete wie seine Umwelt auch. Aber anderes war ihm offensichtlich wichtiger. Deshalb braucht keiner ein schlechtes Gewissen zu haben, der nicht fastet. Trotzdem ist das Fasten eine von der Bibel her erlaubte geistliche Übung. Und wer sich – ich sag’s einmal drastisch – abgefüllt, vollgestopft oder zugefressen fühlt, sollte mit Fastenzeiten etwas dagegen tun. Es wirkt auch gegen geistlich Ungesundes oder krank Machendes.
Fasten Sie selbst?
Führer: Ja, Rotwein. Durch diesen harmlosen Verzicht wird die Vorfreude auf die Osterzeit etwas angestachelt. Und in der Fastenzeit prüfe ich noch stärker meine Predigten und Äußerungen. Ich frage mich: Was dient wirklich dem Anliegen? Alle anderen Sätze versuche ich zu streichen.
Sie haben den Aschermittwoch vor Jahren einmal in einer katholischen Kirche in Jerusalem gefeiert und danach das Aschekreuz getragen. Wie haben Sie das empfunden?
Führer: Durch das Aschekreuz auf der Stirn habe ich den ganzen Tag die Botschaft des Aschermittwoch mit mir getragen. Ich habe darüber nachgedacht, in welchen Situationen ich mir Asche aufs Haupt streuen muss, weil ich etwas vermasselt habe und es nicht mehr reparieren kann. Das Aschekreuz auf der Stirn war das äußere Zeichen dafür.
Fehlen den oft so nüchternen und rationalen Protestanten solche Riten?
Führer: Wir sollten wieder offensiver mit der Tatsache umgehen, dass lutherische Christen und Katholiken vor allem viel voneinander lernen können – ja sogar müssen. Manches Ritual hilft auch Menschen aus der protestantischen Tradition, die biblische Botschaft mehr zu verinnerlichen.
Auf dem Weg zum Berg mit dem Kreuz
2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Wort zur Woche
Christus spricht zu den Jüngern (um 1010, Meister der Reichenauer Schule)
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
Lukas 18, Vers 31
Mich interessieren Prognosen. Mich interessieren Pläne. Mich interessiert die Zukunft. Aber ich wünsche mir positive Prognosen und gute Pläne. Weil sie mich beflügeln, dem Leben Schwung und Energie geben. Negative Prognosen höre ich weniger gern. Denn zu oft bremsen, ja lähmen sie mich.
Natürlich interessierte auch die Jünger, wie es weitergeht mit ihnen und mit dem, dem sie nachfolgten. Jesus ließ seine Jünger nie im Unklaren darüber, wohin die Reise geht. Nach Jerusalem, zur Vollendung, zum Schicksal des Menschensohnes. In den Tod. Es ist den Jüngern wohl sehr schwer gefallen, sich diesen Weg auszumalen. Sie hörten Jesus lieber von »Vollendung« reden, als von seinem Tod. Und doch gehört beides zusammen.
Am Beginn dieser Passionszeit spüre ich, wie ich einmal mehr ganz unwillkürlich mit den Jüngern hoffe: Dass der Kelch an Jesus wenigstens diesmal vorübergeht. Dass Jesus nicht für mich und andere sterben muss. Dass Gott eingreift und denen ein Ende setzt, die dunkle und todbringende Pläne mit dem Leben, mit unserer Gesellschaft haben.
Der Tod lässt sich nicht wegplanen oder schönreden. Er gehört zum Leben dazu. Der Tod hinterlässt Spuren in unserer Welt. Das weiß Jesus genau.
Aber er ahnt, er glaubt, er sieht es vor sich, dass da noch mehr ist. Wir gehen auf den Karfreitag zu, über sieben Wochen hinweg. Aber wir bleiben dort nicht stehen.
Wir sind mit Gott auf dem Weg, die Todesverfallenheit des Lebens zu überwinden. Denn auch das gehört zum Weg nach Jerusalem: Er endet nicht auf dem Berg am Kreuz. Gott wird der Übermacht der Todespläne das Leben entgegensetzen.
Georg Zimmermann, Stadtjugendpfarrer in Dresden
Sklaven nebenan
2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Aurileide Alves (sxc.hu)
Wer an Sklaven denkt, denkt heute meist an Geschichtsbücher. Sklaverei scheint weit weg zu sein.
Doch sie ist mitten unter uns.
Man findet sie in den Anzeigenspalten vieler Zeitungen und im Internet: Frauen werden dort feilgeboten für sexuelle Dienstleistungen – oder treffender: zur Ausbeutung. Die EU geht davon aus, dass allein in Westeuropa rund 500.000 Frauen jährlich zur Prostitution gezwungen werden.
Die meisten von ihnen kommen aus den armen Ländern des Ostens und Südens: Gelockt mit falschen Versprechen, verschleppt und mit Gewalt in deutschen Wohnungen und Clubs festgehalten. Doch auch die Täter sind mitten unter uns: Männer, die die Notlage der Frauen als ein preiswertes Schnäppchen ausnutzen. Und es gibt keinen Anlass anzunehmen, dass unter ihnen nicht ebenso Christen sind.
Um die Prostituierten aus der Kriminalität zu befreien, legalisierte die rot-grüne Regierung deren Arbeit. Doch gleichzeitig nahm sie der Polizei damit viele Möglichkeiten, die Rotlichtszene zu kontrollieren. Die CDU will deshalb schon seit vier Jahren das Gesetz ändern und zudem Männer bestrafen, die Zwangsprostituion ausnutzen. Doch das Gesetzesvorhaben liegt auf der langen Bank.
Dabei hat es Schweden vorgemacht: Seit zehn Jahren macht sich dort jeder strafbar, der Sex kaufen will. Seitdem gehen Menschenhandel und Zwangsprostitution extrem zurück. Was langfristig aber noch wichtiger ist: Das Bewusstsein ändert sich. Prostitution wird von immer mehr Schweden als das gesehen, was sie ist: Ausbeutung, Unterdrückung, Gewalt.
Christen und Kirchen sollten beim Thema Zwangsprostitution klar Partei ergreifen. Denn es geht um die Würde des Menschen, von dem die Bibel sagt: Gott hat ihn als sein Ebenbild geschaffen. Als Frau und Mann. Nicht als Sklavin, und nicht als Gewalttäter.
Andreas Roth
Gespräch mit Gott
2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Titelseite

Fotos: Jason Stitt (Stockxpert)
Ob die Hände gefaltet oder geöffnet sind, im Stehen oder Gehen: Gott lässt mit sich reden. Drei Geschichten vom Beten.
Hört Gott? Ja, sagt Bruder Jörg, und denkt an die Jugendlichen, die alles für sinnlos hielten und plötzlich wieder Mut zum Leben fanden. Ja, Gott hört, sagt Christine Oettel, und denkt an die Revolution der Friedfertigen vor zwanzig Jahren. Ja, sagt auch Gottfried Remtisch, und denkt an den krebskranken Mann, für den seine Gemeinde so viel betet – und der jetzt das Krankenhaus verlassen konnte.
Hört Gott? Als vor sieben Jahren Gottfried Remtischs erste Frau schwer krank war, da betete er. So viel wie nie. Und mit ihm viele in der Chemnitzer Luthergemeinde. Gottfried Remtisch hatte einen Plan gemacht: Das Gebet um seine Frau sollte vor Gott nicht abreißen. »Dabei haben wir die Gegenwart Gottes gespürt«, erinnert sich der heute 75-Jährige. »Doch obwohl wir gehofft haben, dass sie geheilt wird, ist sie heimgegangen. Wir haben es nicht in der Hand, Gott zu regulieren.«
So stand Gottfried Remtisch vor der Freiheit Gottes: so wie Hiob, dem Gott die Frau genommen hatte. Hilflos und stumm. »Doch ich habe zugleich gespürt: Wenn wir am hilflosesten sind, handelt Gott am meisten. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.«
Anders als Hiob klagte Gottfried Remtisch den Höchsten nicht an. Er liegt ihm weiter in den Ohren. Hatte Jesus nicht gesagt: »Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan«?
Und Gott tat auf. Christine Oettel kann sich noch genau erinnern. Es war im Herbst 1989. »Wenn die Friedensgebete nicht gewesen wären, wäre damals bestimmt vieles anders gelaufen. Gott hat uns stark gemacht für die Gewaltfreiheit. Das erlebt zu haben, ist ein ungeheurer Schatz, den wir in uns tragen.« Die Dresdner Christin zehrt davon bis heute. Und auch die Friedensgebete gibt es noch.
In Dresden jeden Montag, seit fast 20 Jahren. Ein Häuflein von oft nicht mehr als zehn Unermüdlichen trifft sich in einer Seitenkapelle der Kreuzkirche: Langbärtige, Langhaarige, alte Frauen und jüngere Frauen, deren Seelen zu schwach oder zu stark sind, um angesichts von Ungerechtigkeiten und Unfrieden unbekümmert zu bleiben. Einer trägt einen Obama-Anstecker: Ein Signet der Hoffnung, dass die Welt veränderbar ist.
Christine Oettel steht von der Kirchenbank auf, tritt neben den Altar, und betet laut: Um Frieden im Nahen Osten, um Frieden in Afghanistan, auf dem Balkan, in den Herzen. »Wenn man betet, wird man selbst zum Werkzeug Gottes. Beten und das Tun des Gerechten gehören zusammen.« Christine Oettel arbeitet jetzt in den Nachtcafés der Dresdner Kirchen mit, ehrenamtlich. Um denen die Tür zu öffnen, die draußen in der Kälte ohne ein Dach sind.
Doch kann das Übermaß an menschlichem Elend auch den Beter mutlos machen. Bruder Jörg weiß das. 23 Jahre war das Mitglied der evangelischen Christusträger-Bruderschaft in einem Krankenhaus im Kongo tätig, seit zwei Jahren arbeitet er nun auf einem Rittergut bei Meißen mit Jugendlichen, die an nichts mehr glauben – schon gar nicht an sich selbst.
Viele von ihnen kennen Alkohol, Gewalt, Kriminalität. Bevor Bruder Jörg morgens zu ihnen geht, trifft er sich an jedem Tag früh um sechs mit seinen zwei Mitbrüdern in der Barbarakapelle auf dem Meißener Burgberg zum Gebet. Abends um sieben beschließen sie auf gleiche Weise ihren Tag.
Versunken sitzen die Männer in ihren Alltagsjacken unter den roten Streben des gotischen Gewölbes. Viel älter als die Mauern sind nur die Gebete, die die drei Männer auf einem gleichmäßigen, sich nur hin und wieder senkenden oder hebenden Ton singen. »Die Arbeit nimmt mich häufig gefangen«, sagt Bruder Jörg.
»Da ist es heilsam, den Tagesrythmus mit den Gebeten zu unterbrechen. Es tut gut, sich in diese alten Worte fallen zu lassen. Sie öffnen den Raum für die Gegenwart Gottes.« Des Gottes, den Bruder Jörg spürt, wenn ein an Enttäuschungen übervoller Mensch neuen Mut zum Leben schöpft. Und der nicht fern ist, wenn ein hoffnungsloses Herz hoffnungslos bleibt.
Andreas Roth
![RSS DER SONNTAG [Sachsen] abonnieren](http://www.sonntag-sachsen.de/wp-content/themes/church_20/images/rss.gif)
![DER SONNTAG [Sachsen]](http://www.sonntag-sachsen.de/wp-content/themes/church_20/images/logo2.gif)



