Gottes Kraftfelder

29. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Als die Jünger Jesu zu Pfingsten vom Heiligen Geist ergriffen wurden, galten sie als betrunken. Seitdem ist die Frage in der Welt: Sind Glauben und Vernunft Gegner?

Foto: Amridesign / Fotolia

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Die Wände der Räume, in denen Uwe Laule von ­Pfingsten spricht, sind aus nacktem Beton. Von Feuerzungen oder dem himmlischen Brausen der biblischen Geistausgießung ist hier nichts zu sehen. Dafür klare Linien, große Fenster. Eine alte vergiftete Verzinkerei hat Laules Firma in ein smartes Leipziger Bürogebäude verwandelt. Kann man hier, wo der Gründer-Geist, der Geist der Innovation und des Marktes weht, auch vom Heiligen Geist sprechen?
Uwe Laule kann. »Es beginnt doch damit, dass man sich als Geschäftsmann unsauberer Methoden enthält.« Und es beginnt für den 42-jährigen Juristen mit einer Macht, die weder in Paragraphen noch Zahlen zu fassen ist: Wenn er betet, sein Kopf klarer, sein Herz leichter wird, Dinge sich klären. »Dann merke ich: Ich bin nicht mehr allein. Dann spüre ich den Heiligen Geist, den Jesus uns versprochen hat.« So muss Pfingsten gewesen sein für die Jünger Jesu. Unvernünftig ist das?
Uwe Laule weiß noch viel Erstaunlicheres. Als er vor Jahren an einer schweren chronischen Krankheit litt, die als kaum heilbar gilt, betete er. Zwei Professoren diagnostizierten wenig später: Laule ist gesund. Das ist unlogisch? »Der Geist Gottes umfasst jede Vernunft in sich«, da ist sich Uwe Laule sicher. »Wenn wir Vorgänge des Glaubens nicht als vernünftig begreifen, liegt das daran, dass wir diese Logik noch nicht verstehen. Der Heilige Geist ist nicht unvernünftig.«
Was ist überhaupt die Vernunft? Für Martin Luther war sie – gut biblisch – die größte Gabe Gottes an den Menschen. Und zugleich ein Werkzeug des Teufels, das den Menschen von Gott entfremdet. Hatten nicht schon in der Pfingstgeschichte Zuschauer gespottet, die vom Geist Gottes ergriffenen Jünger seien doch nur betrunken? Auch Paulus musste erfahren, dass der Glaube an einen gekreuzigten und auferstandenen Gott den Vernünftigen als Torheit erscheinen kann. Der Atheismus der letzten 150 Jahre presste schließlich die Gedanken der Aufklärung zu einer platten Formel: Glauben und Vernunft passen einfach nicht zueinander.
»Die eine allgemeine Vernunft ist inzwischen auch als Mythos durchschaut worden«, sagt der Leipziger Theologieprofessor Matthias Petzoldt und verweist auf die modernen Geistes- und Naturwissenschaften. »Es gibt nicht die eine Vernunft, die der Maßstab für alles ist. Sondern verschiedene Lebenswelten und Kulturen haben ihre ganz eigenen Logiken. Auch Religionen.«
So gesehen war Pfingsten die Geburtsstunde einer christlichen Vernunft: Nach dem Zusammenbruch am Karfreitag, nach dem Tod Jesu, begann etwas ganz Neues. »Die Jünger bekamen damals die Gewissheit, dass ihr Leben durch den auferstandenen Christus geführt wird«, sagt der Theologe Petzoldt. »Gott weckte mit seinem Geist dieses Vertrauen in ihnen.« Tut er es nicht, bleibt die Vernunft des Glaubens ein Buch mit sieben Siegeln.
Jesus ist von den Toten auferstanden? Oder weiland übers Wasser gewandelt? »Wenn ich naturwissenschaftlich denke, dann ist das sehr unwahrscheinlich«, das weiß Norbert Martin. Der 26-jährige Forscher misst im Labor an der Technischen Universität Dresden Magnetfelder.
Die Kraftfelder Gottes konnte der Atheist Martin nicht vermessen. Zumindest, bis er im letzten Herbst in einem Glaubenskurs der Dresdner Luther-Kirchgemeinde Jesu Geschichte vom verlorenen Sohn hörte. »Rein aus Vernunftgründen sagte ich: Es ist pädagogisch falsch und ungerecht, wie der Vater in dieser Geschichte seinem Sohn vergeben hat. Doch genau das berührte mich sehr tief. Diese grenzenlose Liebe Gottes, die man als Mensch gar nicht fassen kann, zu der sagte ich plötzlich: Ja.« Es wurde sein Pfingsten. Im April ließ sich Norbert Martin taufen. Vernünftig ist er geblieben.

Von Andreas Roth

Arbeiten für Afrika

29. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Schüler arbeiten einen Tag lang für die Tansania-Hilfe des Kirchenbezirkes Bautzen

Foto: Kirchenbezirk Bautzen

Foto: Kirchenbezirk Bautzen

Nach sechs bis sieben Jahren ist für die Jungen und Mädchen Schluss. So lange etwa dauert die Grundschulzeit im afrikanischen Land Tansania. »Rund 50 Prozent der Kinder besuchen dann keine weiterführende Schule, haben keine Ausbildungsmöglichkeit«, das hat Reinhard Pappai, Superintendent des Kirchenbezirks Bautzen, vor Ort selbst erlebt. Seit 1996 verbindet eine Kirchenbezirks-Partnerschaft die Lausitz mit der Region am Berg Meru in Tansania.
Der Kirchenbezirk Bautzen unterstützt unter anderem Schul-, Wasser- und Energieprojekte. Auf Drängen der afrikanischen Partner beteiligen sich die Lausitzer nun am Bau eines Berufschulzentrums. 160 000 Euro kostet der Baukomplex mit Schule, Internaten, Werkstätten. Einen Teil übernimmt der Kirchenkreis in Tansania. Doch ohne Unterstützung aus Bautzen werde es nicht gehen, sagt Reinhard Pappai.
Der Superintendent hat sich mit dem Tansania-Vorhaben darum bei der sachsenweiten Aktion »Genial sozial« beworben. Die Initiative der Sächsischen Jugendstiftung ruft einmal jährlich Schüler zum Arbeiten auf. Sie sollen eine Tag lang in Unternehmen, Behörden, Einrichtungen, Kirchen, Vereine oder auch bei Privatpersonen gegen Bezahlung mithelfen und das Geld dann für Hilfsprojekte im Ausland und für besondere Aktionen in Sachsen spenden. 2008 waren rund 21 500 Schüler beteiligt – 254 000 Euro kamen zusammen. Dieses Jahr findet »Genial sozial« am 23. Juni statt.
2009 wird das Bautzener Tansania-Vorhaben vom Spendenaufkommen profitieren. Außerdem dabei sind ein Sanitär-Projekt in Äthiopien und ein Schulbau im Kongo. Wichtig sei nun, so Reinhard Pappai, dass es genug Arbeit für die vielen interessierten Schüler gibt. »Eine gute Gelegenheit, endlich Liegengebliebenes aufzuarbeiten«, so Pappai. Doch in Zeiten der Wirtschaftskrise, so fürchtet der Pfarrer, haben viele Unternehmen für so etwas kein Geld übrig. Rüdiger Steinke von der Sächsischen Jugendstiftung teilt diese Befürchtung. »Wer gerade Leute entlassen hat oder darüber nachdenken muss, wird eher zögern oder ablehnen.«
Reinhard Pappai will selbst Unternehmen, aber auch Kirchen anschreiben und sich für »Genial sozial« einsetzen. Pfarrer könnten bei der Aktion eine Brückenfunktion übernehmen und Unternehmer mit engagierten Schülern in Kontakt bringen. Außerdem sollten Gemeinden selbst zu Arbeitgebern werden. »Ich hoffe sehr, dass die Kirchen mitziehen.« In der Vergangenheit allerdingst funktionierte das nur mäßig.

Irmela Hennig

www.genialsozial.de

Ein Körnchen Gerechtigkeit

29. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Wie die Globalisierung in die erzgebirgische Rolle-Mühle kam

Foto: Steffen Giersch

Foto: Steffen Giersch

Die Mühle lebt. Unaufhörlich vibriert ihr hölzerner Boden, in gelben Schläuchen bläst ein rhytmisch zischender Atem: Er pustet die Körner hinab zwischen die rumpelnden Stahlwalzen, lässt sie in den Röhren hinauf fliegen durch die Decke der Mühle und wieder hinab in die rot und blau angestrichenen Mahlwerke. Ein langer Weg, auf dem das Getreide zu feinem Mehl wird.
Ein langer Weg, der am Ende eines noch viel längeren steht. Aus Bolivien kamen die Quinoa-Körner nach Waldkirchen. Thomas Rolle lässt das gelbliche Mehl durch seine Finger rieseln. »Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt: Wir sind hier im Erzgebirge, weit weg von allem. Was interessiert mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt?« Der Müller hat mit seiner leisen Stimme Mühe, gegen das Lärmen seiner Mühle anzukommen. Globalisierung – das war für den 54-jährigen etwas Unwirkliches.
Doch dann kam sie ins Zschopautal. Als im letzten Jahr das Getreide in China knapp wurde und Börsenspekulanten den Preis hochtrieben, da schickte das Reich der Mitte seine Aufkäufer aus. Ganze Ernten aus dem Erzgebirge fanden sich plötzlich auf Schiffen nach Fernost wieder. Rolle musste fürchten, dass seine Mühle stehen bleibt. Die große Welt war plötzlich ganz nah herangekommen an die Mühle, die idyllisch in dem tief sich öffnende Erzgebirgstal liegt. Über 400 Jahre gibt es sie schon, seit 150 Jahren im Besitz der Familie Rolle.
»Vorausschauendes Handeln und die Bewahrung der Schöpfung waren für uns als Familie schon immer wichtig«, sagt Rolle. Er predigt so etwas nicht gern. Er macht lieber – oft mit einem verschmitzten Lächeln unter dem Schnauzbart. Seinen Doktortitel hat der Müllermeister für ein von ihm erfundenes Verfahren bekommen, mit dem sich aus Getreidekleie ein Styropor-Ersatz herstellen lässt. Der würde viel Erdöl ersetzen und wäre kompostierbar. Eine große Sache, nur leider recht teuer. Noch, sagt Rolle. Und bäckt vorerst etwas kleinere Brötchen. Am liebsten Bio-Brötchen. Seit 1993 – lange, bevor das Mode wurde – beliefert Rolle mit seinen 20 Mitarbeitern Bäcker in ganz Sachsen und darüber hinaus mit Mehl, Backmischungen und Zutaten aus ökologischem Anbau.
»Unser täglich Brot gib uns heute – das beten wir fast jeden Tag«, sagt Rolle. »Doch für viele Menschen auf der Welt ist das tägliche Brot leider nicht selbstverständlich. Wir würden als kleine Müller gern etwas dafür tun, diese Bitte zu erfüllen.« Die Gelegenheit dazu kam, als die sächsische Diakonie auf der Suche nach einer originellen Aktion zum 50-jährigen Geburtstag der Spendenkampagne »Brot für die Welt« war.
Die Idee vom Quinoa-Brot entstand: Das Korn wird von bolivianischen Bauern ökologisch angebaut, zu einem fairen Preis gehandelt, dann in der Rolle-Mühle gemahlen und in 150 sächsischen Bäckereien als Brot oder Brötchen verkauft. Es soll für die Idee eines fairen Welthandels werben – und es ganz praktisch vormachen, denn ein Teil des Erlöses hilft philippinischen Bauern. Die Welt und die erzgebirgische Rolle-Mühle rücken auf einmal ganz eng zusammen.
Es geht nicht ohne fairen Handel – weltweit wie vor der eigenen Haustür. Davon ist Thomas Rolle überzeugt. Als im letzten Jahr das Getreide knapp wurde, erinnerten sich einige Bauern daran, dass Rolle ihnen zuverlässig gute Preise zahlte – auch in schlechten Zeiten. Sie hielten nun auch zu ihm. Andere Mühlen standen längst still, als die Mahlwerke in Waldkirchen munter weiterdröhnten. Fairer Handel, sagt Rolle, zahlt sich eben doch aus.

Sachsens erste »Sup-Wahl« im Osterzgebirge

29. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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In Dippoldiswalde darf die Bezirkssynode ihren Superintendenten wählen

Wer wird Freibergs neuer Superintendent? Zur Wahl stehen der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold (li.) und der Dresdener Militärseelsorger Christoph Noth. Fotos: Archiv

Wer wird Freibergs neuer Superintendent? Zur Wahl stehen der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold (li.) und der Dresdener Militärseelsorger Christoph Noth. Fotos: Archiv

Am 5. Juni gibt es in Dippoldiswalde eine Premiere: Erstmals darf die Synode eines Kirchenbezirks in der sächsischen Landeskirche seinen Superintendenten selbst wählen – ihre 2007 beschlossene neue Verfassung macht es möglich. So werden die 94 Verteter der Kirchgemeinden im frisch fusionierten Kirchenbezirk Freiberg am Abend jenes Junitages geheim auf Stimmzetteln über ihren künftigen leitenden Geistlichen abstimmen.
Zur Wahl stehen der Dresdner Militärseelsorger Christoph Noth und der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold. »Es war uns wichtig, dass wir wirklich eine Auswahl haben«, sagt Pfarrer Thomas Köckert, der Vorsitzende des Kirchenbezirksvorstands.

Während bisher die sächsischen Superintendenten von der Kirchenleitung ernannt wurden, traf nun eine siebenköpfige Kommission unter dem Vorsitz von Landesbischof Jochen Bohl die Vorauswahl unter den drei Bewerbern für das Amt.

In dem Gremium saßen neben dem Präsidenten der Landessynode, Otto Guse, vier weitere Mitglieder der Kirchenleitung – aber auch je ein Verteter der zusammengeschlossenen Kirchenbezirke Dippoldiswalde und Freiberg. »Es ist ein nächster Schritt für die innerkirchliche Demokratie«, sagt Birgit Kraft nüchtern, die Vorsitzende der Kirchenbezirkssynode, die mit in der Auswahlkommission saß. Sie verweist darauf, dass die Kirchenleitung bei der Berufung des Superintendenten das letzte Wort behält.
Auch für die Kirchenleitung ist dies eine Premiere. Und wie es bei Premieren ist, hakt es dabei auch an manchen Stellen. So fehlten klare Protkolle und Vorlagen für den Wahlvorgang, sagt die Vorsitzende der Kirchenbezirkssynode Birgit Kraft. »Leider gibt es auch keine Gottesdienste, in denen sich die beiden Kandidaten mit einer Predigt den Synodalen und Kirchgemeindegliedern vorstellen können.«
Für die beiden Bewerber aber geht schon allein mit der Wahl ein alter Wunsch in Erfüllung. »Schon vor vielen Jahren habe ich gedacht: Dass eine Synode ihren Superintendenten wählen kann wäre eigentlich ganz schön«, sagt der Dresdner Soldatenseelsorger Christoph Noth.
Sein Gegenkandidat Arndt Haubold ergänzt: »Die kirchenleitenden Ämter sollten gewählt werden. Für mich ist diese Wahl etwas Besonderes – und auch etwas Schönes.« Ein Wahlkampf aber sei dies für ihn nicht, betont der Markkleeberger Pfarrer: »Ich sehe den Wahlausgang als Gottes Fügung an.«
In dem zum Jahresanfang zusammengeschlossenen Kirchenbezirk Freiberg sind die Erwartungen hoch. Der neue Superintendent soll den Kirchenbezirk, der mit 50 000 Gemeindegliedern vom Stadtrand Dresdens bis ins Erzgebirge reicht, einen. Vor allem im Alt-Kirchenbezirk Dippoldiswalde gab es großen Widerstand gegen die von der Kirchenleitung forcierte Vereinigung. Die beiden Kandidaten müssen sich deshalb vor der Kirchenbezirkssynode mit einem Vortrag vorstellen. Titel: »Der neue Kirchenbezirk Freiberg – Chancen eines Zusammenschlusses.«

Andreas Roth

Von West nach Ost

26. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Die Dresdner Delegation sieht sich nach dem Besuch des Bremer Kirchentages vor einer logistischen Herausforderung und blickt dennoch positiv auf 2011.

Die Dresdner Delegation sieht sich nach dem Besuch des Bremer Kirchentages vor einer logistischen Herausforderung und blickt dennoch positiv auf 2011. Foto: Steffen Giersch

Die Dresdner Delegation sieht sich nach dem Besuch des Bremer Kirchentages vor einer logistischen Herausforderung und blickt dennoch positiv auf 2011. Foto: Steffen Giersch

Was Bremen schafft, kann Dresden schon lange«, dachte sich Synodenpräsident Otto Guse. Nachdem er das Kirchentagsprogramm studiert hat und die Organisation in Bremen sah, wird er kleinlaut. Beim Besuch im Dresdner Pavillon folgt auf den anfänglichen Respekt dennoch Zuversicht. »Ich hoffe, dass wir gute Gastgeber und Mitgestalter sein werden«, ermuntert Guse die Dresdner Delegation. Die Vertreter der Landeskirche, der Verkehrsbetriebe, der Schulverwaltung, des Kultusminsteriums, des Ordnungsamtes, der Feuerwehr und der Dresdner Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann knüpften in Bremen Kontakte. Nicht nur untereinander, sondern auch mit den Verantwortlichen in der Hanse stadt, um aus deren Erfahrungen mit der logistischen Herausforderung Kirchentag 2011 zu lernen.
»Der Kirchentag wird ein wichtiges Ereignis für Dresden sein und wir sind gut gerüstet, haben Schulen für Gruppenunterkünfte, gute Verbindungen  durch Straßenbahnen und Busse«, so Finanzbürgermeister Vorjohann. Er besuchte den Kirchentag zum ersten Mal und war begeistert von der Stimmung während der Großveranstaltung. »Ich laufe rum und denke: Wo und wie können wir das genau so in Dresden umsetzen?«, fragt sich der CDU-Politiker. »Aber jede Stadt ist anders.« Hartmut Vorjohann nimmt die Jubiläums-DVD »60 Jahre Kirchentag« mit nach Hause, um sich Anregungen zu holen.
Landesbischof Jochen Bohl betrachtete den Bremer Kirchentag mit verändertem Blickwinkel. »Ich bin beeindruckt, wie viele Kirchgemeinden beteiligt sind«, so Bohl. »Für uns ist wichtig, dass 2011 kein Kirchentag der Dresdner Region, sondern ein Kirchentag von ganz Sachsen wird.«
Zahlreiche Sachsen engagierten sich bereits in Bremen – als einer der 4 700 Helfer, an den Ständen auf dem Markt der Möglichkeiten, beim Camper treffen neben dem Weserstadion oder in dem weißen Pavillon auf der Bürgerweide. Auf diesen wurden die Kirchentagsbesucher, die auf dem Weg zur nahe gelegenen Messe waren, aufmerksam durch das orange-gelbe Logo, das zur Vorbereitung auf den Dresdner Kirchentag gestaltet wurde.
Manja Erler, Leiterin des Dresdner Regionalbüros, begrüßte in dem Pavillon Besucher aus ganz Deutschland. Zur Seite standen ihr 15 ehrenamtliche Botschafter, die Besuchern Lust machten auf die Elbestadt. Eine von ihnen ist Anne Schwennigke. »Die Menschen reagieren sehr positiv und freuen sich auf 2011«, erzählt die gebürtige Mecklenburgerin, die seit drei Jahren in Dresden lebt. Besonders interessiert seien die Besucher an der Unterbringungssituation. In Bremen war das Angebot an Hotels eher knapp. Neben 35 240 meist jungen Teilnehmern, die in Gemeinschaftsquartieren in Schulen untergebracht waren, übernachteten 8 324 Besucher in Privatquartieren bei Bremer Familien. So auch Anne Schwennigke, die ihre Gastgeberin bereits nach Dresden eingeladen hat: »Dann kann ich etwas von der norddeutschen Hilfs bereitschaft zurückgeben.«
Auf diese Hilfsbereitschaft hoffen die Organisatoren des 33. Evangelischen Kirchentages. Die konkreten Planungen beginnen im Juni mit einer Ideenwerkstatt. Kompetente Hilfe naht im September durch den Umzug des Kirchentagsbüros von Fulda nach Dresden. Das Motto wird im März 2010 festgelegt. Zwei Monate später hat Dresden erneut die Chance zu werben – beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München. »Von Bremen nach München, von Norden in den Süden. Auch der Evangelische Kirchentag wandert, von Bremen nach Dresden, von West nach Ost« – mit diesen Worten lud Jochen Bohl bei der Abschlussveranstaltung nach Dresden ein. Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt ergänzte: »Kommen Sie in den Osten; dorthin, wo Kirchen dem Widerstand der Friedlichen Revolution Raum, Dach und Beistand gaben«, rief die Politikerin den Besuchern in Bremen zu. »Kommt nach Dresden, wo Versöhnung sichtbar ist und bringt fröhliches Christsein mit, ihr werdet Gleiches dort finden.«
Voller Vorfreude sprachen nach dem Gottesdienst viele Besucher davon, nach Dresden zu kommen – »so Gott will und wir leben«, wie der traditionelle Schlusssatz lautet.

Von Annika Falk

Das silberne Herz der Kirche

13. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Unter Tage arbeitete Horst Richter nie, dafür viele Jahre in der Annaberger Sankt-Annen-Kirche. Doch der Glaube und die Traditionen des Erzgebirges gehören für ihn zusammen.        Foto: Steffen Giersch

Unter Tage arbeitete Horst Richter nie, dafür viele Jahre in der Annaberger Sankt-Annen-Kirche. Doch der Glaube und die Traditionen des Erzgebirges gehören für ihn zusammen. Foto: Steffen Giersch

Vom 8. bis 10. Mai findet der Kirchentag Erzgebirge statt. Die Frömmigkeit der Gebirgler ist das Rückgrat der Landeskirche – und manchmal ihr Stachel.

Der schwarz-gelbe Federbusch wippt auf dem grünen zylinderförmigen Hut im Abendwind. Darunter ein Bergmann, wie man ihn sich vorstellt: der würdige weiße Bart unterm Kinn, der leicht gebückte Gang sowie die Messingknöpfe an der schwarzen Kutte und die Streitaxt, die in der Abendsonne funkeln.

»Da, sehen Sie«, sagt Horst Richter (74) und steigt langsam den Schreckenberg hin­auf: Unter dem Grün heben sich die Halden ab. »Hier fing der Silberbergbau an.« Richter kann davon erzählen, als wäre es gestern gewesen. Von Caspar Nietzelt, einem armen Familien­vater in Frohnau, dem ein Engel im Traum ein Nest mit silbernen Eiern zeigte: Den ersten Silberfund in der Gegend. Das war 1491. Doch bis heute sind im Erzgebirge Gott, der Glauben und der Bergbau eng verbunden.

Dabei ist Horst Richter – anders als seine beiden Großväter – nie Bergmann gewesen. Bevor er in die Frohnauer Bergknapp- und Brüderschaft eintrat, um das alte Erbe zu pflegen, war er viele Jahre Verwaltungsleiter in der Annaberger Sankt-Annen-Kirchgemeinde. Doch von seiner Kirche konnte er nie reden, ohne über den Bergbau zu reden. »Die Bergleute wussten nie, ob sie wieder lebendig zu ihren Familien zurückkommen. Das prägt den Glauben«, sagt Richter. »Dazu kommen die harten Winter im Gebirge und die kargen Ernten – das macht den Glauben tiefer. Der Mensch, der immer wieder von Gefahren und Nöten umgeben ist, will gestärkt und getröstet werden. Für hochtheologische Auslegungen hat er kein Verständnis.«

Die Frömmigkeit der Gebirgler ist für den früheren sächsischen Landesbischof Volker Kreß ein Maßstab für die ganze Landeskirche. »Das Erzgebirge ist das Reservoir für einen gesunden Pietismus. Er hat eine warme Ausstrahlung in unsere Kirche.« Kreß, der sein Pfarrerleben selbst im erzgebirgischen Stollberg begonnen hat, betont: »Ich bin im erzgebirgischen Pietismus nie einem unangenehmen Fanatismus begegnet. Das ist für den Zusammenhalt unserer Landeskirche sehr wichtig.«

Dies ist keineswegs selbstverständlich. Denn das Erzgebirge ist nicht nur die Bastion der Bibelstunden und gut besuchten Gottesdienste, sondern auch das Land der Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert – und der Gemeindespaltungen, mancherorts bis heute. »Das liegt daran, dass im Erzgebirge die persönliche Beziehung des einzelnen zu Gott ein sehr hohes Gut ist«, erklärt der Kirchenhistoriker Markus Hein von der Universität Leipzig. »Das ist über Jahrhunderte gewachsen. Wo die Gläubigen das Gefühl haben, dass ihre Frömmigkeit nicht ernst genommen wird, haben es Pfarrer und die Landeskirche schwer.«

Für den Kirchengeschichtler Hein ist das Erzgebirge beides: Stachel und Rückgrat der Landeskirche zugleich. Denn die tiefe, konservative und bodenständige Frömmigkeit der Gebirgler trotzt bis heute der Säkularisierung stärker als im Flachland. »Die Substanz ist noch gut«, bestätigt der Auer Superintendent Johannes Uhlig. Ein Drittel der Menschen in seinem Kirchenbezirk sind evangelisch – im sächsischen Landesdurchschnitt sind es 21 Prozent.  »Doch vor allem die jungen Leute gehen weg von hier, denn die wirtschaftliche Lage ist schlecht.«

Horst Richter weiß das. Mit den weißen Handschuhen seiner Bergmannstracht zeigt er auf die alten Hallen der Annaberger Posamentenfabrik. »Die hatten einmal 3000 Mitarbeiter«, sagt Richter. »Heute sind es noch 50.« Beim Kirchentag Erzgebirge wird Horst Richter in einem Berggottesdienst das Evangelium lesen: »Jesus sprach: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.« Im Gebirge versteht man diese Worte besonders gut.

Von Andreas Roth

Jungs sind anders

Foto: Steffen Giersch

Foto: Steffen Giersch

Oft werden sie abgestempelt als laut und aggressiv. Doch immer mehr Pädagogen glauben, dass Jungen ganz eigene pädagogische Angebote brauchen.

Zwei Drittel der Schulabbrecher und 96 Prozent der Gefängnisinsassen sind männlich. Jugendarbeitslosigkeit ist bei Jungen weiter verbreitet als bei Mädchen. Spezielle Angebote für sie werden dringend gebraucht, so das Fazit des Chemnitzer Netzwerkes für Jungenarbeit. Doch diese stecken in den Kinderschuhen – ganz entgegen der fest etablierten Angebote der Mädchenarbeit, wie dem bundesweiten »Girls’ day«, der am 23. April zum neunten Mal Mädchen motivierte, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen.

In Chemnitz hatten die Mitarbeiter verschiedener Einrichtungen beobachtet, wie sich Jungen im Heranwachsen auf die Suche nach einer eigenen, einer männlichen Identität machten. Oft verläuft diese Suche nicht ohne Konflikte und blaue Flecken. Jungs werden deshalb oft als laut, aggressiv und nervig beschrieben.

Um daran etwas zu ändern, gründete sich das Netzwerk für Jungenarbeit vor zwei Jahren. In der »Geburtsphase« versuchte der Arbeitskreis, den Begriff »Jungenarbeit« zu definieren. »Nur weil ich ausschließlich mit Jungs Fußball spiele, ist das noch lange keine Jungenarbeit«, so Andreas Reupert, Sozialpädagoge und Jungenarbeiter im Computerclub des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) Chemnitz. Jungs, die in sächsischen Kindergärten und Grundschulen zu 97 Prozent von Frauen betreut werden, müssten verschiedene Männerbilder kennen lernen.

Um auf die Thematik hinzuweisen, initiierte der Freistaat Sachsen vor drei Jahren das »Modellprojekt Jungenarbeit«. An vier Standorten wurden Leitlinien zur Jungenarbeit erarbeitet und die Arbeit vor Ort verankert. Der CVJM-Computerclub ist eines der Modellprojekte. Beim Computerspielen, einer Freizeitbeschäftigung von fast ausschließlich Jungen, beobachtet Andreas Reupert seine Schützlinge. »Jungen sehen sich selbst ganz anders, wenn sie in geschlechterspezifischen Gruppen agieren«, sagt er.

Auch Frank Hoppenz machte diese Erfahrung. Während der Anfang April organisierten Jungentage baute der Sozialarbeiter der Stadtmission Chemnitz Skulpturen aus Gasbeton – ausschließlich mit Jungen. Als er das Projekt wenige Tage später mit Jungen und Mädchen in der Werk-Statt-Schule der Stadtmission ausprobierte, konnte er die Unterschiede zwischen geschlechtergetrennter und gemeinsamer Arbeit beobachten: »Da mussten sich die Jungen profilieren und haben sich gegenseitig hochgeschaukelt.«

Auch Jan Schober hat festgestellt, dass sich Jungs in Gegenwart von Mädchen immer beweisen wollen. Deshalb bietet der Gemeindepädagoge in Kitzscher (Kirchenbezirk Leipziger Land) geschlechterspezifische Chri­stenlehre an. »Jungen brauchen einen Raum für die Entwicklung der eigenen Geschlechtlichkeit«, so Schober. Es müsse ein Umdenken in der Gesellschaft und in den Gemeinden geschehen, fordert er. Einmal im Monat setzt er sich mit einer kleinen Gruppe von Jungs mit Themen wie Gewalt, Sport, Freundschaft und natürlich Glauben auseinander. »Ich möchte als Mann der sein, an dem sie sich auch mal reiben, dessen Grenzen sie ausloten können.«

Auch Christian Kurzke fordert mehr »eigenen Raum und Zeit für Jungen unter sich«. Der Studienleiter der Evangelischen Akademie in Meißen ist Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit (LAG). Landesjugendpfarramt, verschiedene Landesorganisationen und Vereine vernetzten sich in ihr seit drei Jahren, um Bildungsangebote zu bündeln und eine Lobby für Jungenarbeit zu schaffen.

»Jungen müssen mehr Zeit mit ihresgleichen verbringen und brauchen männliche Vorbilder«, so Kurzke. Derzeit sucht die LAG einen Sozialpädagogen, denn durch den Aufbau einer Fachstelle für Jungenarbeit soll diese sachsenweit verstärkt werden.

Annika Falk

www.jungenarbeit-sachsen.de