Das silberne Herz der Kirche

13. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Unter Tage arbeitete Horst Richter nie, dafür viele Jahre in der Annaberger Sankt-Annen-Kirche. Doch der Glaube und die Traditionen des Erzgebirges gehören für ihn zusammen.        Foto: Steffen Giersch

Unter Tage arbeitete Horst Richter nie, dafür viele Jahre in der Annaberger Sankt-Annen-Kirche. Doch der Glaube und die Traditionen des Erzgebirges gehören für ihn zusammen. Foto: Steffen Giersch

Vom 8. bis 10. Mai findet der Kirchentag Erzgebirge statt. Die Frömmigkeit der Gebirgler ist das Rückgrat der Landeskirche – und manchmal ihr Stachel.

Der schwarz-gelbe Federbusch wippt auf dem grünen zylinderförmigen Hut im Abendwind. Darunter ein Bergmann, wie man ihn sich vorstellt: der würdige weiße Bart unterm Kinn, der leicht gebückte Gang sowie die Messingknöpfe an der schwarzen Kutte und die Streitaxt, die in der Abendsonne funkeln.

»Da, sehen Sie«, sagt Horst Richter (74) und steigt langsam den Schreckenberg hin­auf: Unter dem Grün heben sich die Halden ab. »Hier fing der Silberbergbau an.« Richter kann davon erzählen, als wäre es gestern gewesen. Von Caspar Nietzelt, einem armen Familien­vater in Frohnau, dem ein Engel im Traum ein Nest mit silbernen Eiern zeigte: Den ersten Silberfund in der Gegend. Das war 1491. Doch bis heute sind im Erzgebirge Gott, der Glauben und der Bergbau eng verbunden.

Dabei ist Horst Richter – anders als seine beiden Großväter – nie Bergmann gewesen. Bevor er in die Frohnauer Bergknapp- und Brüderschaft eintrat, um das alte Erbe zu pflegen, war er viele Jahre Verwaltungsleiter in der Annaberger Sankt-Annen-Kirchgemeinde. Doch von seiner Kirche konnte er nie reden, ohne über den Bergbau zu reden. »Die Bergleute wussten nie, ob sie wieder lebendig zu ihren Familien zurückkommen. Das prägt den Glauben«, sagt Richter. »Dazu kommen die harten Winter im Gebirge und die kargen Ernten – das macht den Glauben tiefer. Der Mensch, der immer wieder von Gefahren und Nöten umgeben ist, will gestärkt und getröstet werden. Für hochtheologische Auslegungen hat er kein Verständnis.«

Die Frömmigkeit der Gebirgler ist für den früheren sächsischen Landesbischof Volker Kreß ein Maßstab für die ganze Landeskirche. »Das Erzgebirge ist das Reservoir für einen gesunden Pietismus. Er hat eine warme Ausstrahlung in unsere Kirche.« Kreß, der sein Pfarrerleben selbst im erzgebirgischen Stollberg begonnen hat, betont: »Ich bin im erzgebirgischen Pietismus nie einem unangenehmen Fanatismus begegnet. Das ist für den Zusammenhalt unserer Landeskirche sehr wichtig.«

Dies ist keineswegs selbstverständlich. Denn das Erzgebirge ist nicht nur die Bastion der Bibelstunden und gut besuchten Gottesdienste, sondern auch das Land der Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert – und der Gemeindespaltungen, mancherorts bis heute. »Das liegt daran, dass im Erzgebirge die persönliche Beziehung des einzelnen zu Gott ein sehr hohes Gut ist«, erklärt der Kirchenhistoriker Markus Hein von der Universität Leipzig. »Das ist über Jahrhunderte gewachsen. Wo die Gläubigen das Gefühl haben, dass ihre Frömmigkeit nicht ernst genommen wird, haben es Pfarrer und die Landeskirche schwer.«

Für den Kirchengeschichtler Hein ist das Erzgebirge beides: Stachel und Rückgrat der Landeskirche zugleich. Denn die tiefe, konservative und bodenständige Frömmigkeit der Gebirgler trotzt bis heute der Säkularisierung stärker als im Flachland. »Die Substanz ist noch gut«, bestätigt der Auer Superintendent Johannes Uhlig. Ein Drittel der Menschen in seinem Kirchenbezirk sind evangelisch – im sächsischen Landesdurchschnitt sind es 21 Prozent.  »Doch vor allem die jungen Leute gehen weg von hier, denn die wirtschaftliche Lage ist schlecht.«

Horst Richter weiß das. Mit den weißen Handschuhen seiner Bergmannstracht zeigt er auf die alten Hallen der Annaberger Posamentenfabrik. »Die hatten einmal 3000 Mitarbeiter«, sagt Richter. »Heute sind es noch 50.« Beim Kirchentag Erzgebirge wird Horst Richter in einem Berggottesdienst das Evangelium lesen: »Jesus sprach: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.« Im Gebirge versteht man diese Worte besonders gut.

Von Andreas Roth

Bookmark and Share
Noch mehr Informationen über das evangelische Leben in Sachsen, Deutschland und der Welt finden Sie Woche für Woche im gedruckten SONNTAG.
Abonnieren Sie den SONNTAG, mit 52 Ausgaben im Jahr für nur 42,00 Euro! -->hier
Oder Sie bestellen jetzt Ihr kostenloses Probeexemplar! -->hier


Übrigens: DER SONNTAG ist auch bei Facebook.

DER SONNTAG - Wochenzeitung für die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens on Facebook

Ihre Lesermeinung zu diesem Artikel

Nutzen Sie gravatar, wenn Sie Ihr Bild mit der Meinung veröffentlichen wollen!