Jungs sind anders

Foto: Steffen Giersch

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Oft werden sie abgestempelt als laut und aggressiv. Doch immer mehr Pädagogen glauben, dass Jungen ganz eigene pädagogische Angebote brauchen.

Zwei Drittel der Schulabbrecher und 96 Prozent der Gefängnisinsassen sind männlich. Jugendarbeitslosigkeit ist bei Jungen weiter verbreitet als bei Mädchen. Spezielle Angebote für sie werden dringend gebraucht, so das Fazit des Chemnitzer Netzwerkes für Jungenarbeit. Doch diese stecken in den Kinderschuhen – ganz entgegen der fest etablierten Angebote der Mädchenarbeit, wie dem bundesweiten »Girls’ day«, der am 23. April zum neunten Mal Mädchen motivierte, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen.

In Chemnitz hatten die Mitarbeiter verschiedener Einrichtungen beobachtet, wie sich Jungen im Heranwachsen auf die Suche nach einer eigenen, einer männlichen Identität machten. Oft verläuft diese Suche nicht ohne Konflikte und blaue Flecken. Jungs werden deshalb oft als laut, aggressiv und nervig beschrieben.

Um daran etwas zu ändern, gründete sich das Netzwerk für Jungenarbeit vor zwei Jahren. In der »Geburtsphase« versuchte der Arbeitskreis, den Begriff »Jungenarbeit« zu definieren. »Nur weil ich ausschließlich mit Jungs Fußball spiele, ist das noch lange keine Jungenarbeit«, so Andreas Reupert, Sozialpädagoge und Jungenarbeiter im Computerclub des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) Chemnitz. Jungs, die in sächsischen Kindergärten und Grundschulen zu 97 Prozent von Frauen betreut werden, müssten verschiedene Männerbilder kennen lernen.

Um auf die Thematik hinzuweisen, initiierte der Freistaat Sachsen vor drei Jahren das »Modellprojekt Jungenarbeit«. An vier Standorten wurden Leitlinien zur Jungenarbeit erarbeitet und die Arbeit vor Ort verankert. Der CVJM-Computerclub ist eines der Modellprojekte. Beim Computerspielen, einer Freizeitbeschäftigung von fast ausschließlich Jungen, beobachtet Andreas Reupert seine Schützlinge. »Jungen sehen sich selbst ganz anders, wenn sie in geschlechterspezifischen Gruppen agieren«, sagt er.

Auch Frank Hoppenz machte diese Erfahrung. Während der Anfang April organisierten Jungentage baute der Sozialarbeiter der Stadtmission Chemnitz Skulpturen aus Gasbeton – ausschließlich mit Jungen. Als er das Projekt wenige Tage später mit Jungen und Mädchen in der Werk-Statt-Schule der Stadtmission ausprobierte, konnte er die Unterschiede zwischen geschlechtergetrennter und gemeinsamer Arbeit beobachten: »Da mussten sich die Jungen profilieren und haben sich gegenseitig hochgeschaukelt.«

Auch Jan Schober hat festgestellt, dass sich Jungs in Gegenwart von Mädchen immer beweisen wollen. Deshalb bietet der Gemeindepädagoge in Kitzscher (Kirchenbezirk Leipziger Land) geschlechterspezifische Chri­stenlehre an. »Jungen brauchen einen Raum für die Entwicklung der eigenen Geschlechtlichkeit«, so Schober. Es müsse ein Umdenken in der Gesellschaft und in den Gemeinden geschehen, fordert er. Einmal im Monat setzt er sich mit einer kleinen Gruppe von Jungs mit Themen wie Gewalt, Sport, Freundschaft und natürlich Glauben auseinander. »Ich möchte als Mann der sein, an dem sie sich auch mal reiben, dessen Grenzen sie ausloten können.«

Auch Christian Kurzke fordert mehr »eigenen Raum und Zeit für Jungen unter sich«. Der Studienleiter der Evangelischen Akademie in Meißen ist Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit (LAG). Landesjugendpfarramt, verschiedene Landesorganisationen und Vereine vernetzten sich in ihr seit drei Jahren, um Bildungsangebote zu bündeln und eine Lobby für Jungenarbeit zu schaffen.

»Jungen müssen mehr Zeit mit ihresgleichen verbringen und brauchen männliche Vorbilder«, so Kurzke. Derzeit sucht die LAG einen Sozialpädagogen, denn durch den Aufbau einer Fachstelle für Jungenarbeit soll diese sachsenweit verstärkt werden.

Annika Falk

www.jungenarbeit-sachsen.de

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