Ein Körnchen Gerechtigkeit
29. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Westsachsen
Wie die Globalisierung in die erzgebirgische Rolle-Mühle kam

Foto: Steffen Giersch
Die Mühle lebt. Unaufhörlich vibriert ihr hölzerner Boden, in gelben Schläuchen bläst ein rhytmisch zischender Atem: Er pustet die Körner hinab zwischen die rumpelnden Stahlwalzen, lässt sie in den Röhren hinauf fliegen durch die Decke der Mühle und wieder hinab in die rot und blau angestrichenen Mahlwerke. Ein langer Weg, auf dem das Getreide zu feinem Mehl wird.
Ein langer Weg, der am Ende eines noch viel längeren steht. Aus Bolivien kamen die Quinoa-Körner nach Waldkirchen. Thomas Rolle lässt das gelbliche Mehl durch seine Finger rieseln. »Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt: Wir sind hier im Erzgebirge, weit weg von allem. Was interessiert mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt?« Der Müller hat mit seiner leisen Stimme Mühe, gegen das Lärmen seiner Mühle anzukommen. Globalisierung – das war für den 54-jährigen etwas Unwirkliches.
Doch dann kam sie ins Zschopautal. Als im letzten Jahr das Getreide in China knapp wurde und Börsenspekulanten den Preis hochtrieben, da schickte das Reich der Mitte seine Aufkäufer aus. Ganze Ernten aus dem Erzgebirge fanden sich plötzlich auf Schiffen nach Fernost wieder. Rolle musste fürchten, dass seine Mühle stehen bleibt. Die große Welt war plötzlich ganz nah herangekommen an die Mühle, die idyllisch in dem tief sich öffnende Erzgebirgstal liegt. Über 400 Jahre gibt es sie schon, seit 150 Jahren im Besitz der Familie Rolle.
»Vorausschauendes Handeln und die Bewahrung der Schöpfung waren für uns als Familie schon immer wichtig«, sagt Rolle. Er predigt so etwas nicht gern. Er macht lieber – oft mit einem verschmitzten Lächeln unter dem Schnauzbart. Seinen Doktortitel hat der Müllermeister für ein von ihm erfundenes Verfahren bekommen, mit dem sich aus Getreidekleie ein Styropor-Ersatz herstellen lässt. Der würde viel Erdöl ersetzen und wäre kompostierbar. Eine große Sache, nur leider recht teuer. Noch, sagt Rolle. Und bäckt vorerst etwas kleinere Brötchen. Am liebsten Bio-Brötchen. Seit 1993 – lange, bevor das Mode wurde – beliefert Rolle mit seinen 20 Mitarbeitern Bäcker in ganz Sachsen und darüber hinaus mit Mehl, Backmischungen und Zutaten aus ökologischem Anbau.
»Unser täglich Brot gib uns heute – das beten wir fast jeden Tag«, sagt Rolle. »Doch für viele Menschen auf der Welt ist das tägliche Brot leider nicht selbstverständlich. Wir würden als kleine Müller gern etwas dafür tun, diese Bitte zu erfüllen.« Die Gelegenheit dazu kam, als die sächsische Diakonie auf der Suche nach einer originellen Aktion zum 50-jährigen Geburtstag der Spendenkampagne »Brot für die Welt« war.
Die Idee vom Quinoa-Brot entstand: Das Korn wird von bolivianischen Bauern ökologisch angebaut, zu einem fairen Preis gehandelt, dann in der Rolle-Mühle gemahlen und in 150 sächsischen Bäckereien als Brot oder Brötchen verkauft. Es soll für die Idee eines fairen Welthandels werben – und es ganz praktisch vormachen, denn ein Teil des Erlöses hilft philippinischen Bauern. Die Welt und die erzgebirgische Rolle-Mühle rücken auf einmal ganz eng zusammen.
Es geht nicht ohne fairen Handel – weltweit wie vor der eigenen Haustür. Davon ist Thomas Rolle überzeugt. Als im letzten Jahr das Getreide knapp wurde, erinnerten sich einige Bauern daran, dass Rolle ihnen zuverlässig gute Preise zahlte – auch in schlechten Zeiten. Sie hielten nun auch zu ihm. Andere Mühlen standen längst still, als die Mahlwerke in Waldkirchen munter weiterdröhnten. Fairer Handel, sagt Rolle, zahlt sich eben doch aus.
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