Gottes Kraftfelder
29. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Als die Jünger Jesu zu Pfingsten vom Heiligen Geist ergriffen wurden, galten sie als betrunken. Seitdem ist die Frage in der Welt: Sind Glauben und Vernunft Gegner?

Foto: Amridesign / Fotolia
Die Wände der Räume, in denen Uwe Laule von Pfingsten spricht, sind aus nacktem Beton. Von Feuerzungen oder dem himmlischen Brausen der biblischen Geistausgießung ist hier nichts zu sehen. Dafür klare Linien, große Fenster. Eine alte vergiftete Verzinkerei hat Laules Firma in ein smartes Leipziger Bürogebäude verwandelt. Kann man hier, wo der Gründer-Geist, der Geist der Innovation und des Marktes weht, auch vom Heiligen Geist sprechen?
Uwe Laule kann. »Es beginnt doch damit, dass man sich als Geschäftsmann unsauberer Methoden enthält.« Und es beginnt für den 42-jährigen Juristen mit einer Macht, die weder in Paragraphen noch Zahlen zu fassen ist: Wenn er betet, sein Kopf klarer, sein Herz leichter wird, Dinge sich klären. »Dann merke ich: Ich bin nicht mehr allein. Dann spüre ich den Heiligen Geist, den Jesus uns versprochen hat.« So muss Pfingsten gewesen sein für die Jünger Jesu. Unvernünftig ist das?
Uwe Laule weiß noch viel Erstaunlicheres. Als er vor Jahren an einer schweren chronischen Krankheit litt, die als kaum heilbar gilt, betete er. Zwei Professoren diagnostizierten wenig später: Laule ist gesund. Das ist unlogisch? »Der Geist Gottes umfasst jede Vernunft in sich«, da ist sich Uwe Laule sicher. »Wenn wir Vorgänge des Glaubens nicht als vernünftig begreifen, liegt das daran, dass wir diese Logik noch nicht verstehen. Der Heilige Geist ist nicht unvernünftig.«
Was ist überhaupt die Vernunft? Für Martin Luther war sie – gut biblisch – die größte Gabe Gottes an den Menschen. Und zugleich ein Werkzeug des Teufels, das den Menschen von Gott entfremdet. Hatten nicht schon in der Pfingstgeschichte Zuschauer gespottet, die vom Geist Gottes ergriffenen Jünger seien doch nur betrunken? Auch Paulus musste erfahren, dass der Glaube an einen gekreuzigten und auferstandenen Gott den Vernünftigen als Torheit erscheinen kann. Der Atheismus der letzten 150 Jahre presste schließlich die Gedanken der Aufklärung zu einer platten Formel: Glauben und Vernunft passen einfach nicht zueinander.
»Die eine allgemeine Vernunft ist inzwischen auch als Mythos durchschaut worden«, sagt der Leipziger Theologieprofessor Matthias Petzoldt und verweist auf die modernen Geistes- und Naturwissenschaften. »Es gibt nicht die eine Vernunft, die der Maßstab für alles ist. Sondern verschiedene Lebenswelten und Kulturen haben ihre ganz eigenen Logiken. Auch Religionen.«
So gesehen war Pfingsten die Geburtsstunde einer christlichen Vernunft: Nach dem Zusammenbruch am Karfreitag, nach dem Tod Jesu, begann etwas ganz Neues. »Die Jünger bekamen damals die Gewissheit, dass ihr Leben durch den auferstandenen Christus geführt wird«, sagt der Theologe Petzoldt. »Gott weckte mit seinem Geist dieses Vertrauen in ihnen.« Tut er es nicht, bleibt die Vernunft des Glaubens ein Buch mit sieben Siegeln.
Jesus ist von den Toten auferstanden? Oder weiland übers Wasser gewandelt? »Wenn ich naturwissenschaftlich denke, dann ist das sehr unwahrscheinlich«, das weiß Norbert Martin. Der 26-jährige Forscher misst im Labor an der Technischen Universität Dresden Magnetfelder.
Die Kraftfelder Gottes konnte der Atheist Martin nicht vermessen. Zumindest, bis er im letzten Herbst in einem Glaubenskurs der Dresdner Luther-Kirchgemeinde Jesu Geschichte vom verlorenen Sohn hörte. »Rein aus Vernunftgründen sagte ich: Es ist pädagogisch falsch und ungerecht, wie der Vater in dieser Geschichte seinem Sohn vergeben hat. Doch genau das berührte mich sehr tief. Diese grenzenlose Liebe Gottes, die man als Mensch gar nicht fassen kann, zu der sagte ich plötzlich: Ja.« Es wurde sein Pfingsten. Im April ließ sich Norbert Martin taufen. Vernünftig ist er geblieben.
Von Andreas Roth
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