Der Kirchentag bekommt sächsisches Profil
25. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Als die »gesammelte Kompetenz« der Landeskirche begrüßte Manja Erler die rund 100 Teilnehmer einer ersten Ideenkonferenz für den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden. »Ich denke, genau das braucht der Kirchentag«, sagte die landeskirchliche Beauftragte für dieses Großereignis zu den Vertretern der Kirchenbezirke und kirchlichen Werke am Montag.

Vor allem sollten Ideen für das sächsische Profil gesammelt werden: sowohl für den Abend der Begegnung, bei dem sich die gastgebende Landeskirche vorstellt, als auch für die zahlreichen Gottesdienste, Foren und Podien.
Die jeweiligen Gastgeber der vergangenen Kirchentage hätten stets den Wunsch gehabt, ihre spirituellen Grundlagen aufzuzeigen, sagte Christiane Begerau vom Kirchentagsbüro in Fulda. Um dem gerecht zu werden, solle in allen Vorbereitungsgruppen für das Kirchentagsprogramm »ein deutlich spürbarer Teil von Menschen aus der Region beteiligt« werden.
Erste Vorhaben wurden bei der Ideenwerkstatt schon vorgestellt: die mit viel Einsatz in den DDR-Neubaugebieten gegründeten Kirchgemeinden vorstellen, denen jetzt durch den Wegzug der Menschen die Mitglieder abhanden kommen; einen Kirchenraum des 21. Jahrhunderts von Künstlern gestalten lassen; ein Zentrum für Männer mit Kicker, Kletterwand und Vater-Sohn-Gesprächen; ein Frauenzentrum mit Schwerpunkt Arbeitslosigkeit und Armut; Foren und Gespräche zu Globalisierung, Ost-West-Konflikt, Fairem Handel und Klimaschutz; Bergmannsgottesdienste; Dampferfahrten mit Gesprächsgruppen; Chorbegegnungen und eine Komponistenwerkstatt sowie zahlreiche Jugendveranstaltungen.Immerhin waren beim letzten Kirchentag in Bremen etwa 30 Prozent der Teilnehmer unter 30 Jahre alt.
Bis 1. Oktober können alle Vorhaben aus den Gemeinden, Kirchenbezirken und kirchlichen Werken mit ausführlicher Projektbeschreibung eingereicht werden.
Ein sächsischer Lenkungsausschuss entscheidet darüber, was ins Kirchentagsprogramm soll. Im März 2010 wird in Fulda die Kirchentagslosung ausgesucht. An diese angelehnt werden dann alle Veranstaltungen konzipiert.
»Wir brauchen die Stadt, wir brauchen die Region und wir brauchen auch Betten in nichtchristlichen Haushalten für die Quartiere«, so Manja Erler. 10 000 Privatquartiere werden benötigt sowie 50 000 Schlafplätze in Schulen rund um Dresden.
Christine Reuther
Kontakt:
Beauftragte für den Kirchentag 2011,
Manja Erler,
Haus der Kirche, Dreikönigskirche,
Hauptstraße 23,
01097 Dresden,
Telefon (0351) 8124220,
E-Mail manja.erler@evlks.de.
Gesetz statt Gespräch
25. Juni 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kommentar
Ärzte haben es dank moderner Medizin immer mehr in der Hand, unser Lebensende hinauszuschieben. Sie sind sogar verpflichtet dazu. Auch wenn es in manchen Fällen sinnlos ist, etwa bei Sterbenden in hohem Alter, die dennoch künstlich ernährt werden. Sind die Ärzte da Ausführende eines göttlichen Ratschlusses oder stellen sie sich ihm in den Weg?
Jede der rund acht Millionen Patientenverfügungen in der Bundesrepublik ist auch ein Misstrauensvotum gegen Götter in Weiß und Apparatemedizin. Ist ein Versuch, die Entscheidungsgewalt über die Art seines Endes auch in die eigene Hand zu bekommen. Das nun vom Bundestag beschlossene Patientenverfügungsgesetz zollt diesem Wunsch Respekt, dem ja ein intensives Nachdenken über das Lebensende vorausgegangen ist. Nach sechsjährigem Ringen wurde es Zeit, die Unsicherheiten zu beenden.
Auf juristischer Ebene scheint das gelungen. Aber grundsätzliche Klarheit für alle möglichen Einzelfälle kann auch dieses Gesetz, so nötig es war, nicht schaffen.
Eine seiner entscheidenden Schwachstellen ist, die Beratung mit einem Arzt nicht für verbindlich erklärt zu haben. Zum einen kalkuliert man damit wissentlich ein, dass Menschen, allein auf ihr in der Regel mangelhaftes Wissen über die moderne Medizin bauend, falsche Entscheidungen in punkto Leben und Tod treffen. Denn mit der Forderung, die Patientenverfügung müsse die tatsächliche Behandlungssituation formulieren, sind wir Laien ohne Hilfe eines Arztes schlichtweg überfordert.
Zum anderen aber wischt es beiseite, worauf es hier gerade ankommt: Ein rechtzeitiges, vorsorgendes, sachlich fundiertes Gespräch zwischen Ärzten, Patienten, Angehörigen über die konkrete Umsetzung ethischer, nicht zuletzt religiöser Ansichten über Menschenwürde.
Von Tomas Gärtner
Erste Hilfe für die Seele
25. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Wenn ein Mensch unerwartet stirbt, sind Rettungskräfte und Polizisten schnell zur Stelle – und auch Notfallseelsorger. Sie kümmern sich um die Angehörigen.
Der Sonntag verspricht, nun doch schön zu werden. Der Regen hat sich verzogen, die Maisonne bahnt sich ihren Weg. Und Sebastian Estel macht sich auf dem Weg zum Bäcker. Da klingelt sein Handy: Hastig packt er den Stadtplan, Kerzen, die Bibel und ein Gesangbuch in seine Tasche. Auch Taschentücher. Schnell fährt er los, um an den Einsatzort zu kommen. Der Notarztwagen und die Polizei sind schon da.
Als Estel aussteigt, hält er kurz inne – und betet: Um Gottes Beistand, um die richtigen Worte. Und darum, dass er sich einlassen kann auf jene Frau, die dort in sich versunken auf dem Fußweg hockt. Sebastian Estel ist Notfallseelsorger. Und die Frau vor ihm hat gerade ihre Mutter verloren. Gemeinsam mit ihrer Schwester, ihrem Bruder und ihrer 10-jährigen Tochter hatte sie die 56-jährige Mutter abholen wollen – und fand sie auf dem Bett liegend, jäh und unfriedlich gestorben. Einen Ausflug wollten sie gemeinsam machen, es ist Muttertag.
Nun schweigt die Frau. Sebastian Estel setzt sich neben sie auf den Fußweg. Auf seine Fragen reagiert sie nicht. Also schweigt er mit ihr. Lange. »Es ist schwer, das auszuhalten«, sagt der 32-jährige Dresdner. »Man hätte gern immer die passenden Sätze parat, würde gern etwas tun. Doch man muss es aushalten, wenn die Worte fehlen. So nimmt man den Menschen ernst. Er ist nicht allein.«
Die Fragen der 10-jährigen Enkelin der Toten beantwortet Estel geduldig und wahrhaftig. Sebastian Estel ist einer von 220 sächsischen Christen, die ehrenamtlich Menschen in Extremsituationen begleiten: Nach einem tödlichen Unfall, einem Selbstmord, dem plötzlichen Tod eines Kindes.
Die 25 Notfallseelsorge- und Kriseninterventions-Teams in Sachsen – sechs davon in kirchlicher Trägerschaft – werden zu über 500 Einsätzen im Jahr gerufen. In jedem Kirchenbezirk ist ein Pfarrer für sie zuständig.
»Das Besondere der christlichen Notfallseelsorge ist, dass wir auch die Möglichkeit zum gemeinsamen Gebet, zum Segen oder zur Beichte geben können«, erklärt Hans-Christoph Werneburg, Dresdner Polizeipfarrer und Beauftragter der Landeskirche für die Notfallseelsorge. Gerade nach Unfällen gehe es nicht selten um die Frage von Schuld, oder darum, wie Gott solches Leid zulassen könne.
100 sächsische Pfarrer arbeiten derzeit als Notfallseelsorger. Doch es ist nicht leicht, genügend Theologen dafür zu finden. »Bei der zunehmenden Arbeitsbelastung reicht bei vielen die Kraft für die oft zwölfstündigen Bereitschaftsdienste nicht mehr«, weiß Hans-Christoph Werneburg. Unter Nicht-Theologen sei das Interesse an einer Ausbildung zum Notfallseelsorger dagegen groß. »Doch bei dem anstrengenden Ehrenamt stellt sich bei Berufstätigen oft nach einer Weile Ermüdung ein.«
Der Verein »Notfallseelsorge Kriseninterventionsteam Annaberg« kann darüber nicht klagen. Seine 16 Mitglieder – darunter zwei Pfarrer, Rettungssanitäter und Polizisten – fahren seit sechs Jahren Einsätze zwischen Gelenau und Oberwiesenthal. »Es wird von Jahr zu Jahr mehr«, sagt Pfarrer Peter Bergmann, der Koordinator der Notfallseelsorge in Annaberg. »Die Rettungskräfte merken zunehmend, dass wir eine Lücke schließen, wenn sie schon wieder weg sind.«
Sebastian Estel bleibt da. Die Kinder der Frau, die so unerwartet leblos in ihrer Wohnung lag, wollen sich ein letztes Mal von ihrer Mutter verabschieden. Sebastian Estel steht neben ihnen am Bett, schweigend legen sie die Muttertagsblumen neben die Tote. »Das ist wichtig für die Angehörigen, um den Tod zu realisieren«, sagt Estel. Er erklärt den Trauernden, wo sie Beratung und Hilfe bekommen können und achtet darauf, dass keiner ohne Beistand die Wohnung verlässt.
Dann ist der Einsatz zu Ende. Die Verabredung mit Freunden zu einem Abendgottesdienst sagt Estel ab. Er braucht jetzt die Stille, einen Spaziergang über die Elbwiesen. Betend.
Andreas Roth
Papa fährt nach Afghanistan
18. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Marienberger Soldaten werden an den Hindukusch verlegt. Ein Pfarrer begleitet sie. Und auch die Sorge – vor Anschlägen und dem ersten Schuss.
Das Mädchen stapft mit seinem Vater die Kasernenstraße hinauf. Ein roter Punkt im Regen, der über den riesig heranfahrenden Eisenkäfer staunt. Das Mädchen ahnt nicht, dass sein Vater in ein paar Wochen wünschen wird, möglichst selten mit diesem Panzer übers unsichere afghanische Gebirge zu fahren. Das Mädchen ahnt auch nicht, was die Frau neben ihm denkt, als ihr Sohn die schwere Schutzweste fein säuberlich in alle Einzelteile zerlegt – extra für die Mutter.
Hier, sagt der Sohn, die Keramikplatte. Und hier, das Kettenhemd. »Gut«, sagt der Sohn, groß, blond, die Tropenuniform schon am Leib, »ein Messer geht da schon durch. Oder eine Scharfschützenkugel.« Die kleine Mutter schweigt. Schließlich seufzt sie. Und murmelt ungläubig: »Naja.« In ein paar Wochen wird ihr Sohn mit 119 anderen Marienberger Soldaten ins afghanische Faisabad geflogen.
»Angst? Die gestehen wir uns selbst nicht zu«, sagt Thomas Franz, der Chef der zweiten Kompanie des Marienberger Panzergrenadierbataillons. »Angst ist negativ belegt.« Vor ihm in einer dunklen Halle der Kaserne stehen die Waffen. »Kampfentfernung: 600 Meter für Kopfziele«, heißt es auf einem Schild über die Leistungsfähigkeit eines G22-Gewehrs. »Wir sind darin ausgebildet, den Feuerkampf zu erwidern und den Feind zu zerschlagen«, erklärt Hauptmann Franz. Doch was ist ihr Auftrag? Der Schutz von Entwicklungshelfern, Nothilfe und Selbstverteidigung, sagt der Kompaniechef.
Fragt man aber seine Soldaten, werden die Antworten technisch und unklar: Große Visionen sind es jedenfalls nicht. »Ein Soldat muss so einen Einsatz mitmachen, sonst ist er kein Soldat«, sagt der Oberfeldwebel Marcus Enzmann. Geschworen hat er, das deutsche Volk tapfer zu verteidigen. »In Afghanistan haben wir ein paar Schulen gebaut und ein paar Brücken. Dass wir dort unser Vaterland verteidigen, ist bei mir aber noch nicht angekommen.« Vielleicht, grübelt der 27-jährige Zeitsoldat aus Chemnitz, sind sie dort etwas fehl am Platz. »Und natürlich habe ich auch Angst, das eigene Leben zu verlieren oder als Krüppel zurückzukommen.«
Die Angst kommt von den hohen Bergen rings um die afghanische Stadt Faisabad, in der Enzmann ab Juli in einem Container Waffen pflegen wird. Für Terroristen und ihre Raketen liegt das staubige deutsche Feldlager im Tal in Sichtweite. Mitten drin die kleine Kirche, benannt nach dem kämpferischen Erzengel Michael, dem Bezwinger des Teufels. »Hier gehen Soldaten, die zu Hause noch nie eine Kirche von innen gesehen haben, jeden Sonntag in den Gottesdienst«, sagt der Frankenberger Pfarrer Wilfried Fritzsch. Der Militärseelsorger begleitet die Marienberger Soldaten nach Afghanistan – nun schon zum zweiten Mal.
Hinter den kleinen, verdunkelten Fenstern der Kirche können die Uniformierten jederzeit Stille finden, Kerzen anzünden, im Chor singen oder über die Bibel sprechen. »Einige lassen sich hier sogar taufen«, hat der Kompaniechef Thomas Franz (Foto) beobachtet. »Gerade in Siuationen mit psychischem Druck bauen Soldaten zum Pfarrer ein Vertrauensverhältnis auf, weil er außerhalb der Hierarchie steht.« Nöte gibt es genug: die Enge im Lager, die Trennung von der Familie. Erst in der vergangenen Woche wurde ein sächsischer Soldat in Afghanistan bei einem Anschlag schwer verletzt.
Kurz vor der Abreise nach Faisabad wälzt Oberstabsfeldwebel Maier in der Marienberger Kaserne Akten. Peter Maier, der Christ und Bayer, leistet sich keine Illusionen. Nicht darüber, dass zum Soldatenberuf der Befehl und im Extremfall auch das Töten gehört. Und auch nicht über die Möglichkeiten der Bundeswehr am Hindukusch. »Dort wird es immer schlimmer«, brummt er nüchtern. »Wir können die Lage stabilisieren. Aber Frieden können wir in der jetzigen Situation mit Waffen nicht schaffen.«
Andreas Roth
Lust auf Glauben – Sächsischer Gemeindebibeltag [Crimmitschau, 20.+21. Juni]
18. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Lebenslust – würde man hinter diesem Motto ein frommes Treffen vermuten? »Biblisch ist das Wort ja nicht unbedingt«, räumt Ralf Gotter ein, der den Sächsischen Gemeindebibeltag in Crimmitschau organisiert. »Aber Lebensfreude gehört zum Glauben dazu. Das ist uns nur oft nicht so bewusst. Christen sollten keine engherzigen und griesgrämigen Leute sein. Sie haben allen Grund zur Freude, denn Gott hat uns erlöst.«
Und deshalb soll auch der Sächsische Jugend- und Gemeindebibeltag in Crimmitschau am 20. und 21. Juni fröhlich werden. Zum siebenten Mal findet er nun – organisiert vom Christlichen Verein junger Menschen (CVJM) – seit 1998 statt. Hunderte, wenn nicht gar Tausende Christen aus ganz Sachsen werden im Crimmitschauer Eisstadion und in der Lutherkirche erwartet.
»Wir wollen Lust auf das Leben hier und auch auf das ewige Leben machen und Freude an Gemeinde wecken«, sagt der Zwickauer Jugendpfarrer Jens Buschbeck, der ein Seminar auf dem Gemeindebibeltag gestalten wird.
Mit einem Jugendgottesdienst wird die Großveranstaltung am Sonnabendnachmittag eröffnet. »Junge Christen möchten wir im Glauben ermutigen – und gemeinsam feiern«, so Buschbeck. Dazu bietet ein Gebetskonzert im Stadion Gelegenheit.
In Bibelarbeiten und Seminaren können am Sonnabend und Sonntag Christen aller Generationen über ihren Glauben ins Gespräch kommen. Unter andem wird dabei der bekannte Bestsellerautor und Theologe Manfred Lütz über »Lebenslust« sprechen, der Berliner Kabarettist Torsten Hebel wird eine Bibelarbeit halten. Auch ein Kinderprogramm wird es geben.
»Der Name ist beim Gemeindebibeltag Programm: Die Bibel steht hier im Zentrum«, betont Johannes Berthold, der Vorsitzende der Landeskirchlichen Gemeinschaften in Sachsen. »Wenn Kirche bedeutsam bleiben und Profil gewinnen will, muss sie das Eigene stärken – und das kann sie nur aus ihrem Ursprung: der Bibel.«
Der Gemeindebibeltag wird gemeinsam getragen von den Landeskirchlichen Gemeinschaften, dem Volksmissionskreis Sachsen, dem CVJM und der Geistlichen Gemeindeerneuerung. »Er ist ein Ort der Begegnung verschiedener Bewegungen«, so Johannes Berthold. »Man braucht neben der Beheimatung in der eigenen Gemeinde auch hin und wieder die Erfahrung der Menge, zu sehen: Wir sind viele. Das kann ermutigen.«
Auch Freikirchen aus der Evangelischen Allianz wirken beim Gemeindebibeltag mit. »Das ist uns ein Anliegen«, betont Organisator Ralf Gotter. »Wir sind gemeinsam zum Zeugnisgeben aufgerufen, da gehören wir zusammen.«
Beim Abschlussgottesdienst des Gemeindebibeltages wird Johannes Berthold predigen. Auch über das für einen Gottesdienst eher ungewöhnliche Thema »Lebenslust«. »Sie muss sich aber abheben von einer einfachen Wohlfühl-Mentalität und Spaßkultur«, sagt der Theologe. »Es gibt ein Bedürfnis in unserer Gesellschaft nach wirklicher Freude. Der Glaube kann da eine Antwort geben. Er ist eine Quelle der Freude – fließend wie ein stiller Strom, nicht wie ein Event.«
Andreas Roth
Schuld sind nicht immer nur die anderen
18. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Matthäus 11, Vers 28
An wen denken Sie? An Kranke, an Menschen mit Behinderungen, an Einsame, Schwache und Verzweifelte? An die Frau von nebenan, oder an sich selbst? Der vertraute Spruch markiert und schmückt Eingangsportale und Gebetsorte in manchen Kirchen und vielen diakonischen Einrichtungen. Diese Orte sollen sie einladen und ihnen sichtbar den Weg weisen – den Mühseligen und Beladenen. Hier können sie seufzen, weinen, schreien und hoffentlich Trost und Ruhe finden.

Über Generationen begegnen sich an solchen Orten Menschen, fragen und erzählen einander, was ihr Leben trägt und prägt – der Glaube an Jesus Christus, in dem Mühsal und Lebenslasten Raum haben und nicht verdrängt werden müssen.
Jesus dachte aber darüber hinaus noch an etwas anderes, das uns »mühselig und beladen« macht, was uns niederdrückt: Schuld. Jesus sucht bewusst schuldig gewordene Menschen auf: den Zöllner Zachäus, die Frau aus Samarien am Brunnen, Petrus und Judas. Er spricht mit ihnen: »Bei mir ist ein neuer Anfang für euch möglich! Hier könnt ihr quälende Schuld ablegen, die nicht wieder gut zu machen ist.«
Wenn wir heute von Schuld sprechen, ist es in der Regel nicht die eigene. Dennoch – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – wir werden schuldig: wenn wir aus unseren Kindern andere Menschen machen wollen als Gott in ihnen angelegt hat, wenn wir unsere Eltern im Alter allein lassen, wenn wir aus Sorge um unseren Arbeitsplatz zu Unrecht schweigen, wenn wir auf Kosten anderer wirtschaften, Wenn wir …
Jesus will unser Bewusstsein für unsere eigene Schuld schärfen. Er wird unserer Sehnsucht nach Entlastung und Erquickung Raum geben. Er wartet auf unsere Antwort. Werden wir antworten: »Ja, Herr, wir kommen zu dir«?
Gabriele Mendt
Gabriele Mendt ist Referentin für Bildung im Landeskirchenamt.
Gebetserfahrung
18. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar
Gebet wird in unserer Gesellschaft immer unwichtiger. Gebetskreise finden immer weniger statt. Das Gespräch mit Gott erledigt jeder für sich allein, nicht in der Gruppe. Das erstaunte die Teilnehmerinnen des Projektes »Mission to the North«. Sie sind mittlerweile die viel überzeugenderen Missionare, kommen vom Süden in den Norden. Die drei Frauen aus Indien, Tansania und Papua Neuguinea erzählen bei ihren Besuchen in sächsischen Gemeinden von ihrem Glauben. Vor allem aber erzählen sie von Gebetserfahrungen.
Pfarrerin Nahana Mjema aus Tansania erinnerte sich beim Gemeindeabend in Leipzig unter Tränen an ein großes Unwetter, das ihren gesamten Wohnort zerstörte. Von den Wunderheilern, die zu ihr kamen und forderten: »Wo ist dein Gott? Er soll sich zeigen!« Wie sie betete und die Kirche und das Pfarrhaus die einzigen Gebäude waren, die nicht von der Flut weggeschwemmt wurden. Und von den drei Babys, die auf einer Fußmatte im Wasser trieben – als einzige Überlebende ihrer Familien. Wer von uns kann von solch einer Gebetserfahrung erzählen?
Gebet spielt in unseren Kirchgemeinden eine untergeordnete Rolle. Grace Mary Santhi aus Indien erzählte von den Sonntagnachmittagen, an denen sich ihr Frauenkreis in der Kirche trifft, um für kranke Gemeindemitglieder oder Nachbarn zu beten. Von den Hindus, die zu ihr kommen, um für sich beten zu lassen. Von den Nachtgebeten, die bis in die frühen Morgenstunden dauern. Die Missionarinnen aus dem Süden forderten die Menschen in Sachsen auf: »Fangt an zu beten!«
Wir sollten uns kritisch hinterfragen, welche Rolle Gebet in unserem Leben spielt. Ob wir nicht öfter auch für andere beten könnten. Ob wir nicht öfter mit anderen zusammen beten könnten.
Annika Falk
Geh’ nach Sibirien
11. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Eine Familie flüchtet vor dem Krieg in ihrer Heimat Tschetschenien nach Deutschland. Eine Rückkehr wäre gefährlich. Doch Asyl bekommt sie nicht.

Eine neue Heimat die keine sein darf: Michael Zakarov auf dem Balkon seiner Wohnung in einem Dresdner Asylbewerberheim. In Sachsen fühlt er sich zu Hause und engagiert sich ehrenamtlich in Vereinen. Foto: Steffen Giersch
Am Anfang war das Licht. Nach langer Zeit: Licht. Nach den Stunden und Tagen, die sie liegend in finsteren Hohlräumen unter der Ladefläche eines LKWs verbracht hatten: Mutter, Vater und ihre fünf Kinder. Dass sie nun in Berlin waren, ahnten sie nicht. »Geht 300 Meter da entlang«, sagte der Schlepper auf Russisch. »Dann sagt: Asyl! Dort ist die Aufnahmestelle, dann wird alles gut.« Licht. Nichts suchte Michael Zakarov dringender. Er kam an diesem Frühsommertag vor fünf Jahren mit seiner Familie geradewegs aus der Finsternis.
Nach Inguschetien, wo sein Vater den Schleuser gefunden hatte, der sie über tausende Kilometer ins gelobte Europa, in die Freiheit, in ein besseres Leben schmuggeln sollte, waren sie zu Fuß gekommen: Durch die Wälder des Kaukasus, durch Flüsse und über hohe Berge. Der Vater und die großen Geschwister trugen die kleinen auf den Schultern. Ringsumher Krieg. Nur weg von Grosny. Aus der Stadt, wo russische Bomben schon im ersten Tschetschenienkrieg Mitte der 90er Jahre das Haus der Familie Zakarov und den ganzen umliegenden Stadtteil in Schutt und Asche gelegt hatten. Wo Michaels Großeltern und Onkel umkamen und muslimische Fundamentalisten eine Kirche zerstörten, in die auch die christliche Familie Zakarov ging. Wo der Morgen des 3. Dezember 2003 heraufgezogen war, an dem die Soldaten des russischen Präsidenten Putin wieder eine ihrer regelmäßigen »Säuberungsmaßnahmen« durchführten. Sie rannten in den Keller, in dem die Familie Zakarov notdürftig lebte.
»Einmal im Monat haben sie in unserem Viertel alles durchsucht nach jungen Männern«, sagt Michael Zakarov. Als die Soldaten kamen, war er gerade Wasser holen am Brunnen. Das rettete ihm wohl das Leben. »Alle über 14 waren schon unter Verdacht, Terroristen zu sein.« Mit Gewehrkolben hieben die Soldaten auf den Vater ein. Als sich sein fünfjähriger Sohn Georgij schützend vor ihn stellen wollte, schlugen sie ihn bewusstlos und blutig. Michaels großen Bruder zerrten die Soldaten ins Auto und fuhren davon.
Er kam nie wieder zurück. Damals sagte man in Tschetschenien: Wenn einer nach sieben Tagen nicht wiederkommt, dann bleibt er verschwunden. Warum?, fragten sich die Eltern: Wieso? Auch Gott fragten sie das. »Ich habe ihnen gesagt: Gott verlässt uns nicht. Doch es gab Situationen, in denen man lebt, als ob es Gott nicht gibt – und uns niemand beschützt. Dann denkt man, dass uns nur Gewehre helfen.« Zakarov aber, der junge Mann mit dem sanften, vollen Gesicht, widerstand der Versuchung.
»Wir dachten, wir könnten in Europa ein neues Leben beginnen.« Starr blickt der 26-Jährige aus dem Fenster des Dresdner Heimes, in dem er seit vier Jahren mit seiner Familie lebt. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Er solle zurück nach Russland, beschied ihm ein Richter, als Michael vor dem Dresdner Verwaltungsgericht gegen seine drohende Abschiebung klagte. »In den Dörfern Sibiriens könne ich ruhig leben, meinte er.« Menschenrechtsorganisationen wie die »Gesellschaft für bedrohte Völker« widersprechen: Tschetschenen würden überall in Russland als Terroristen angesehen und willkürlich festgenommen, Schikanen und Demütigungen seien alltäglich.
Michael Zakarov weiß das. Noch wird er in Deutschland geduldet, so lange das sächsische Oberverwaltungsgericht nicht über das Bleiberecht seiner Eltern entschieden hat. Die Angst vor der Abschiebung bleibt. Sie mischt sich mit all den Kriegsbildern im Kopf, wegen denen alle aus Zakarovs Familie schon im Krankenhaus waren. Die Angst steigert sich, wenn er aller drei Monate im sorgsam restaurierten Dresdner Stadthaus vorsprechen muss, um die Verlängerung seiner »Duldung« zu erbitten. Keine 400 Meter davon entfernt, in der Semperoper, bekam Wladimir Putin erst im Januar von Ministerpräsident Tillich den sächsischen Dankesorden überreicht. In Gold.
Andreas Roth
Streit um Erinnerungen an ’89
11. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Zwischen Leipzig und Leisnig
Ehemalige Mitglieder der Basisgruppen diskutierten in der Leipziger Nikolaikirche

Friedrich Magirius, Ute Leukert und Christian Führer auf dem Podium der Nikolaikirche. Foto: Uwe Winkler
Anfangs waren die Stimmen noch versöhnlich. Unter dem Motto »Die Basisgruppen unter dem Dach der Nikolaikirche« diskutierten am vergangenen Montag Zeitzeugen der Friedlichen Revolution. Zum Ende des Abends artete das Gespräch in Streit aus und ließ unbeantwortete Fragen im Raum stehen.
»Beteiligte sehen Ereignisse anders als die, die darüber berichten oder sie zu deuten versuchen«, leitete Nikolaikirchenpfarrer Bernhard Stief das Gesprächsforum ein. Und die Beteiligten sahen die Ereignisse anders.
Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass der Protest nicht nur in der Nikolaikirche stattgefunden habe. Christoph Wonneberger, ehemaliger Pfarrer der Lukasgemeinde und Mitorganisator der Friedensgebete, machte deutlich, dass Leipzig nicht die erste oder einzige Stadt war, die Friedensgebete abgehalten hat.
Heftig diskutiert wurde auch die »Zensur«, wie die Kontrolle über die Friedensgebete ab 1988 von den Basisgruppen bezeichnet wurde. Die Organisation der Friedensgebete ging weg von den Gruppen. »Auf politischen Druck hin?«, fragte Uwe Schwabe in die Runde. »Wir haben uns von der Kirchenleitung ausgegrenzt gefühlt«, so das ehemalige Mitglied der »Initiativgruppe Leben«. »Außerdem wollten wir nicht, dass die Kirchenleitung für uns die Konflikte klärt.«
Brigitte Moritz, früher Mitglied im »Arbeitskreis Friedensdienste«, pflichtete ihm bei: »Die ganze DDR war ein Kindergarten, da wollten wir nicht noch einen kirchlichen Kindergarten.« Die Basisgruppen wollten selbst verantwortlich sein für ihr Handeln. »Wir wollten uns nicht reinreden lassen«, sagte Ute Leukert, Mitbegründerin der Gruppe »Frauen für den Frieden«. Besonders differenziert sah sie die Kirche, als sie erfuhr, dass ein Stasi-Mitarbeiter den Synodalausschuss leitete. Dadurch sei ihr Vertrauen in die Kirche geschwächt worden.
Friedrich Magirius und Christian Führer, damals Superintendent und Nikolaikirchenpfarrer, versuchten zu erklären: Als Verantwortlicher habe er Gespräche beim Rat der Stadt über sich ergehen lassen müssen, sagte Magirius. Im Paternoster des Rathauses habe er manches Gebet gen Himmel geschickt, erinnerte er sich. Christian Führer hingegen hat den staatlichen Druck kaum gespürt: »Als Gemeindepfarrer war ich ein viel zu kleines Licht, wurde nicht zu Gesprächen gebeten.« Angst hatte er dennoch Tag und Nacht: »Gott sei Dank war der Glaube immer größer als die Angst.« Am 29. September 1989 wurde er ins Gefängnis in der Beethovenstraße geholt. »Wir wurden zehn Minuten lang angebrüllt, uns wurde auch mit der Inhaftierung gedroht«, so der Pfarrer. Er blieb ein freier Mann, organisierte weiter Friedensgebete. »Der Bischof, die Kirchenleitung und wir alle sind von Gott davor bewahrt worden, mit den Friedensgebeten aufzuhören, was der Staat immer wollte«, resümierte Führer.
Die Fragen nach der Podiumsdiskussion hatten einen scharfen Unterton. Nur ein ehemaliges Mitglied des katholischen Friedenskreises schaffte versöhnliche Stimmung und dankte dafür, dass dieser Protest in der Nikolaikirche möglich gewesen sei – in der katholischen Kirche sei dies nicht der Fall gewesen.
Annika Falk
Lage(r)bericht
11. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Lars Sundström (sxc.hu)
Nun ist er über uns hinweg geschwebt. Kaum jemand hat ihn leibhaftig gesehen: den amerikanischen Präsidenten Barack Obama bei seinem Besuch in Dresden und Buchenwald. Aber alle waren begeistert. Die Flaggen beider Länder hatten sich Passanten ins Gesicht gemalt. Auf großen Leinwänden konnten in Dresden seine Schritte verfolgt werden.
Der Mythos des Heilsbringers wird durch diese anwesende Abwesenheit bei gleichzeitiger Vollsperrung ganzer Stadtteile nur verstärkt. Zu hoch sind eben die Erwartungen an diesen Präsidenten – und deshalb wohl auch zu groß die Sorgen um seine Sicherheit. Und er selbst? Von den Kameras wird das Bild eines lässigen Souveräns wiedergegeben, der auf alles eine angemessene Antwort findet.
Er scheint das Gute im Menschen zu verkörpern. Deshalb hofft die ganze Welt auf ihn: der Nahe Osten ebenso wie die Gefangenen in Guantánamo. Und hätte er nicht schon gleich nach seiner Wahl im Januar versichert, dieses Gefangenenlager aufzulösen, er hätte es wohl nach seinem Besuch in Buchenwald tun müssen. Sonst wäre seine Ergriffenheit an diesem Ort nicht glaubwürdig gewesen.
Schade nur, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel aus diesem Anlass keine klare Aussage zur Aufnahme ehemaliger Guantánamo-Gefangener in Deutschland machte. Auch das wäre glaubwürdig gewesen. Schließlich hat Deutschland im vergangenen Jahrhundert einiges zur Unmenschlichkeit des Lagerunwesens beigetragen. Derart geschundene Menschen aufzunehmen, müsste also eine Selbstverständlichkeit sein. Doch die Kanzlerin sagte Obama lediglich eine konstruktive Debatte darüber zu, das vermeldete jedenfalls die Nachrichtenagentur Reuters. So ist das in diesem Jahr: Klare Ansagen gibt es wohl auch hier erst nach der Wahl.
Christine Reuther
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