Papa fährt nach Afghanistan

18. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Marienberger Soldaten werden an den Hindukusch verlegt. Ein Pfarrer begleitet sie. Und auch die Sorge – vor Anschlägen und dem ersten Schuss.

Foto: Steffen GierschDas Mädchen stapft mit seinem Vater die Kasernenstraße hinauf. Ein roter Punkt im Regen, der über den riesig heranfahrenden Eisenkäfer staunt. Das Mädchen ahnt nicht, dass sein Vater in ein paar Wochen wünschen wird, möglichst selten mit diesem Panzer übers unsichere afghanische Gebirge zu fahren. Das Mädchen ahnt auch nicht, was die Frau neben ihm denkt, als ihr Sohn die schwere Schutzweste fein säuberlich in alle Einzelteile zerlegt – extra für die Mutter.

Hier, sagt der Sohn, die Keramikplatte. Und hier, das Kettenhemd. »Gut«, sagt der Sohn, groß, blond, die Tropenuniform schon am Leib, »ein Messer geht da schon durch. Oder eine Scharfschützenkugel.« Die kleine Mutter schweigt. Schließlich seufzt sie. Und murmelt ungläubig: »Naja.« In ein paar Wochen wird ihr Sohn mit 119  anderen Marienberger Soldaten ins afghanische Faisabad geflogen.

»Angst? Die gestehen wir uns selbst nicht zu«, sagt Thomas Franz, der Chef der zweiten Kompanie des Marienberger Panzergrenadierbataillons. »Angst ist negativ belegt.« Vor ihm in einer dunklen Halle der Kaserne stehen die Waffen. »Kampfentfernung: 600 Meter für Kopfziele«, heißt es auf einem Schild über die Leistungsfähigkeit eines G22-Gewehrs. »Wir sind darin ausgebildet, den Feuerkampf zu erwidern und den Feind zu zerschlagen«, erklärt Hauptmann Franz. Doch was ist ihr Auftrag? Der Schutz von Entwicklungshelfern, Nothilfe und Selbstverteidigung, sagt der Kompaniechef.

Foto: Steffen GierschFragt man aber seine Soldaten, werden die Antworten technisch und unklar: Große Visionen sind es jedenfalls nicht. »Ein Soldat muss so einen Einsatz mitmachen, sonst ist er kein Soldat«, sagt der Oberfeldwebel Marcus Enzmann. Geschworen hat er, das deutsche Volk tapfer zu verteidigen. »In Afghanistan haben wir ein paar Schulen gebaut und ein paar Brücken. Dass wir dort unser Vaterland verteidigen, ist bei mir aber noch nicht angekommen.« Vielleicht, grübelt der 27-jährige Zeitsoldat aus Chemnitz, sind sie dort etwas fehl am Platz. »Und natürlich habe ich auch Angst, das eigene Leben zu verlieren oder als Krüppel zurückzukommen.«

Die Angst kommt von den hohen Bergen rings um die afghanische Stadt Faisabad, in der Enzmann ab Juli in einem Container Waffen pflegen wird. Für Terroristen und ihre Raketen liegt das staubige deutsche Feldlager im Tal in Sichtweite. Mitten drin die kleine Kirche, benannt nach dem kämpferischen Erzengel Michael, dem Bezwinger des Teufels. »Hier gehen Soldaten, die zu Hause noch nie eine Kirche von innen gesehen haben, jeden Sonntag in den Gottesdienst«, sagt der Frankenberger Pfarrer Wilfried Fritzsch. Der Militärseelsorger begleitet die Marienberger Soldaten nach Afghanistan – nun schon zum zweiten Mal.

Kompaniechef Thomas Franz Hinter den kleinen, verdunkelten Fenstern der Kirche können die Uniformierten jederzeit Stille finden, Kerzen anzünden, im Chor singen oder über die Bibel sprechen. »Einige lassen sich hier sogar taufen«, hat der Kompaniechef Thomas Franz (Foto) beobachtet. »Gerade in Siuationen mit psychischem Druck bauen Soldaten zum Pfarrer ein Vertrauensverhältnis auf, weil er außerhalb der Hierarchie steht.« Nöte gibt es genug: die Enge im Lager, die Trennung von der Familie. Erst in der vergangenen Woche wurde ein sächsischer Soldat in Afghanistan bei einem Anschlag schwer verletzt.

Kurz vor der Abreise nach Faisabad wälzt Oberstabsfeldwebel Maier in der Marienberger Kaserne Akten. Peter Maier, der Christ und Bayer, leistet sich keine Illusionen. Nicht darüber, dass zum Soldatenberuf der Befehl und im Extremfall auch das Töten gehört. Und auch nicht über die Möglichkeiten der Bundeswehr am Hindukusch. »Dort wird es immer schlimmer«, brummt er nüchtern. »Wir können die Lage stabilisieren. Aber Frieden können wir in der jetzigen Situation mit Waffen nicht schaffen.«

Andreas Roth

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Papa fährt nach Afghanistan”
  1. Heidus sagt:

    Was wollen deutsche Soldaten am Hindukush? Frieden Schaffen geht nur ohne Waffen, eine alte Weisheit auch der DDR-Friedensbewegung. Oder wird für den nächsten Krieg geprobt? Hatte man doch das letzte mal auch so gemacht.