Erste Hilfe für die Seele
25. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Wenn ein Mensch unerwartet stirbt, sind Rettungskräfte und Polizisten schnell zur Stelle – und auch Notfallseelsorger. Sie kümmern sich um die Angehörigen.
Der Sonntag verspricht, nun doch schön zu werden. Der Regen hat sich verzogen, die Maisonne bahnt sich ihren Weg. Und Sebastian Estel macht sich auf dem Weg zum Bäcker. Da klingelt sein Handy: Hastig packt er den Stadtplan, Kerzen, die Bibel und ein Gesangbuch in seine Tasche. Auch Taschentücher. Schnell fährt er los, um an den Einsatzort zu kommen. Der Notarztwagen und die Polizei sind schon da.
Als Estel aussteigt, hält er kurz inne – und betet: Um Gottes Beistand, um die richtigen Worte. Und darum, dass er sich einlassen kann auf jene Frau, die dort in sich versunken auf dem Fußweg hockt. Sebastian Estel ist Notfallseelsorger. Und die Frau vor ihm hat gerade ihre Mutter verloren. Gemeinsam mit ihrer Schwester, ihrem Bruder und ihrer 10-jährigen Tochter hatte sie die 56-jährige Mutter abholen wollen – und fand sie auf dem Bett liegend, jäh und unfriedlich gestorben. Einen Ausflug wollten sie gemeinsam machen, es ist Muttertag.
Nun schweigt die Frau. Sebastian Estel setzt sich neben sie auf den Fußweg. Auf seine Fragen reagiert sie nicht. Also schweigt er mit ihr. Lange. »Es ist schwer, das auszuhalten«, sagt der 32-jährige Dresdner. »Man hätte gern immer die passenden Sätze parat, würde gern etwas tun. Doch man muss es aushalten, wenn die Worte fehlen. So nimmt man den Menschen ernst. Er ist nicht allein.«
Die Fragen der 10-jährigen Enkelin der Toten beantwortet Estel geduldig und wahrhaftig. Sebastian Estel ist einer von 220 sächsischen Christen, die ehrenamtlich Menschen in Extremsituationen begleiten: Nach einem tödlichen Unfall, einem Selbstmord, dem plötzlichen Tod eines Kindes.
Die 25 Notfallseelsorge- und Kriseninterventions-Teams in Sachsen – sechs davon in kirchlicher Trägerschaft – werden zu über 500 Einsätzen im Jahr gerufen. In jedem Kirchenbezirk ist ein Pfarrer für sie zuständig.
»Das Besondere der christlichen Notfallseelsorge ist, dass wir auch die Möglichkeit zum gemeinsamen Gebet, zum Segen oder zur Beichte geben können«, erklärt Hans-Christoph Werneburg, Dresdner Polizeipfarrer und Beauftragter der Landeskirche für die Notfallseelsorge. Gerade nach Unfällen gehe es nicht selten um die Frage von Schuld, oder darum, wie Gott solches Leid zulassen könne.
100 sächsische Pfarrer arbeiten derzeit als Notfallseelsorger. Doch es ist nicht leicht, genügend Theologen dafür zu finden. »Bei der zunehmenden Arbeitsbelastung reicht bei vielen die Kraft für die oft zwölfstündigen Bereitschaftsdienste nicht mehr«, weiß Hans-Christoph Werneburg. Unter Nicht-Theologen sei das Interesse an einer Ausbildung zum Notfallseelsorger dagegen groß. »Doch bei dem anstrengenden Ehrenamt stellt sich bei Berufstätigen oft nach einer Weile Ermüdung ein.«
Der Verein »Notfallseelsorge Kriseninterventionsteam Annaberg« kann darüber nicht klagen. Seine 16 Mitglieder – darunter zwei Pfarrer, Rettungssanitäter und Polizisten – fahren seit sechs Jahren Einsätze zwischen Gelenau und Oberwiesenthal. »Es wird von Jahr zu Jahr mehr«, sagt Pfarrer Peter Bergmann, der Koordinator der Notfallseelsorge in Annaberg. »Die Rettungskräfte merken zunehmend, dass wir eine Lücke schließen, wenn sie schon wieder weg sind.«
Sebastian Estel bleibt da. Die Kinder der Frau, die so unerwartet leblos in ihrer Wohnung lag, wollen sich ein letztes Mal von ihrer Mutter verabschieden. Sebastian Estel steht neben ihnen am Bett, schweigend legen sie die Muttertagsblumen neben die Tote. »Das ist wichtig für die Angehörigen, um den Tod zu realisieren«, sagt Estel. Er erklärt den Trauernden, wo sie Beratung und Hilfe bekommen können und achtet darauf, dass keiner ohne Beistand die Wohnung verlässt.
Dann ist der Einsatz zu Ende. Die Verabredung mit Freunden zu einem Abendgottesdienst sagt Estel ab. Er braucht jetzt die Stille, einen Spaziergang über die Elbwiesen. Betend.
Andreas Roth
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