Mit den Wölfen heulen oder wie Lämmer springen?

11. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. Lukas 10, Vers 16

Foto: Michael Lorenzo (SXC.hu)

Foto: Michael Lorenzo (SXC.hu)

Jesus sandte viele Jünger aus, um die Gute Nachricht von der Liebe Gottes weiterzugeben – so erzählt Lukas. »Wer euch hört, der hört mich!«, gibt Jesus ihnen mit auf den Weg. An euch erkennen Menschen, wer ich bin, wie ich rede und handle. Lebt, wie ich gelebt habe. Euer Leben wird nicht einfach sein – wie »Lämmer unter Wölfen«.

Wer will schon Lamm sein unter Wölfen in einer Welt, in der es darum geht, den eigenen Platz zu finden, sich zu behaupten und durchzusetzen?! Was meint Jesus mit dem Bild von den Lämmern? Wir haben sie vor Augen – unverwechselbar, zutraulich, zärtlich und schön. Sie können sich nicht verstellen und jagen keine Angst ein. Sie rufen Aufmerksamkeit und Zuwendung hervor. Unbekümmert wecken sie Freude. Sie manipulieren nicht und drängen sich nicht mit Gewalt auf – wie das Evangelium. Es stiftet Frieden, wo Menschen Frieden wollen. Und wo nicht, empfiehlt Jesus: »Schüttelt den Staub von euren Füßen und zieht weiter«.  Denn: »Wer euch verachtet, der verachtet mich.« Ein beklemmender Gedanke.

Zuvor erinnert uns Lukas an die so genannten »Weherufe« Jesu über Städte in Galiläa, in denen Jesus und seine Jünger abgelehnt und davongejagt wurden – im Bild: Orte, an denen die Wölfe heulen. Orte, an denen wir heute meinen, unauffällig zu sein und still halten zu müssen.

Dennoch: Es scheint keinen anderen Weg für uns Christen zu geben als den Weg der Lämmer: unbekümmert, werbend um Glauben an die Liebe Gottes, zärtlich, voller Zutrauen, angewiesen auf Verständnis und Fürsorge. Was wollen wir – stillhalten, mit den Wölfen heulen oder wie Lämmer springen?

Gabriele Mendt

Obama, der ’89er

Der lang- jährige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche Christian Führer. Foto: Archiv

Der lang- jährige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche Christian Führer. Foto: Uwe Winkler

»Hoffnung« und »Wandel« waren die wichtigsten Worte im Wahlkampf von Barack Obama. Nun besucht er als US-Präsident Ostdeutschland, wo diese Worte 1989 schon einmal ihre Kraft gezeigt haben. Ist Obama ein 89er? Darüber sprach Andreas Roth mit Christian Führer, dem langjährigen Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, von der die großen Demonstrationen im Herbst 1989 ausgingen.

Mit Barack Obama kommt ein Mann nach Sachsen, der an die Macht von Hoffnungen und Träumen zu glauben scheint. Kommt Ihnen das bekannt vor?
Führer: Das war bei uns im Herbst 1989 auch so: Dass die biblische Botschaft von »Schwertern zu Pflugscharen« in einem atheistischen Land eine Zugkraft entwickelte, war eine verrückte Sache. Da sah man, welche Kraft eine Vision haben kann. Das sehe ich bei Obama auch. Mich hat beeindruckt, wie er mit der Politik seines Vorgängers gebrochen hat: Er hat die Folter abgeschafft und davon Abstand genommen, Konflikte nur mit Gewalt zu lösen. Er geht auf die Muslime zu und hat die Vision einer atomwaffenfreien Welt. Jesus hat gesagt: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Und in der Bergpredigt werden die Gewaltlosen selig gepriesen. All diese Dinge erweisen sich als wahr.

Können all die Hoffnungen und Illusionen – bei Obama ebenso wie die aus dem Herbst 1989 – unenttäuscht bleiben?
Führer: Für die, die Obama für den Messias halten, kommt auf jeden Fall eine Enttäuschung. Jesus ist der einzige Messias, und der ist schon da. Wichtig ist, dass sich Obama nicht seine Ziele kleinreden lässt und in Angst versetzt wird. Ich wünsche ihm sehr, dass er dieser Versuchung nicht erliegt.

Was kann die Kirche von Obama lernen?
Führer: Er hat eine klare Botschaft und übermittelt sie freundlich, offen und glaubwürdig mit seiner Person. Wie Jesus spricht Obama eine Sprache, die alle Menschen verstehen – ohne Wörterbuch und Hochschulabschluss. Damit berührt er Menschen innerlich. Ein Schönredner ist er dabei nicht. Das kann für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verkündigungsdienst ein Vorbild sein.

Ist Obamas Hoffnung auch die Hoffnung des christlichen Glaubens?
Führer: Dass Gott alle Tränen abwischen, dass er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, wo Gerechtigkeit und Frieden sein werden – wenn Obama in diese Richtung geht, ist er auf den Spuren Jesu. Da ist er völlig anders als sein Vorgänger Bush, der Jesus ständig im Mund geführt hat.

Wovon träumen wir in diesen Tagen?

4. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Heilig, heilig, heilig
ist der Herr Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll.
Jesaja 6, Vers 3

Träumen wir wie der Prophet Jesaja in schwerer Zeit, da die Mächtigen korrupt regieren und nicht nach Gott fragen?
Jesaja will gegen sie auftreten, doch ihm fehlt der Mut. Da gibt ihm ein Traum die Kraft zum heiligen Widerstand. Er sah Gott auf einem prächtigen Thron sitzen in einem langen Königsmantel. Der Saum bedeckte den ganzen Boden – Seraphim – merkwürdige sechsflüglige Wesen schwebten über dem Thron. Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zweien ihre Füße, mit zweien flogen sie. Warum waren ihre Gesichter verborgen? Gott ist eine Kraft, die andere nicht bloßstellt, sondern schützt. Ihm ist Leben heilig.

Jesaja hörte die Seraphim einander zurufen: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.«

Foto: Irum Shahid / SXC

Foto: Irum Shahid / SXC

Und Jesaja wiederholt diese Traumworte voller Kraft und Mut gegenüber den Mächtigen. Woher gewinnen wir unsere Kraft in schweren Zeiten?

Ein indianisches Lied erzählt, wie Fremde im Dorf zu begrüßen sind. Der Fremde ist heilig und soll sich nicht ängstigen. So sammeln sich in der Dorfmitte nicht die jungen Krieger in Schmuck und Waffen, sondern die weisen Alten. Sie tanzen im Kreis. Immer wieder bedecken sie ihre Gesichter – wie Seraphim – mit weiten Ärmeln. So kann der Fremde sich an ihr Aussehen langsam gewöhnen.

In jedem noch so fremden Gesicht ist Gott zu finden. »Alle Lande sind seiner Ehre voll.« Ehrfurcht nennen wir die heilige Haltung, mit der wir allem Leben behutsam, achtsam und beflügelt von Gottes Liebe begegnen sollen. Aus dieser Haltung gewinnen wir Kraft, Mut und eine neue Sicht: In unserer Mitte tanzende Engel Gottes. Ein Traum?

Von Gabriele Mendt

Die Luft geht nicht aus

4. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Sterben Posaunenchöre aus? Das muss nicht sein, findet die Posaunen­mission und geht bei der Nachwuchs­gewinnung neue Wege.

Trompete lernen ist nicht einfach, einen Posaunenchor zu erhalten auch nicht: Der freiberufliche Musiker Thomas Köckritz probt im Gemeindehaus Dresden-Weißig mit dem Posaunenchornachwuchs. Foto: Steffen Giersch

Trompete lernen ist nicht einfach, einen Posaunenchor zu erhalten auch nicht: Der freiberufliche Musiker Thomas Köckritz probt im Gemeindehaus Dresden-Weißig mit dem Posaunenchornachwuchs. Foto: Steffen Giersch

Auf ganze sechs Bläser war der Posaunenchor in Schönfeld-Weißig geschrumpft. »Und die Leute werden älter«, sagt Landesposaunenwart Andreas Altmann. »Entweder stirbt der Posaunenchor irgendwann oder wir überlegen uns rechtzeitig, wie wir neue Bläser gewinnen.« Vielerorts ist das so.

Nicht aber in Dresden-Niedersedlitz. Etwa 20 Mitglieder gehören dem dortigen Posaunenchor an – vom neunjährigen Schüler bis zum 75-jährigen Rentner, wie Pfarrer Reinhard Maack berichtet, der den Chor selbst leitet und unterrichtet. Die jüngeren bringen Brüder oder Freunde mit. Ein stabiles Ensemble. Am 7. Juni wird es 50 Jahre alt. Für Bläser, die gemeinsam in der Jungen Gemeinde begannen und nun gemeinsam älter werden, sei es dagegen schwieriger, sagt Landesposaunenwart Jörg-Michael Schlegel. »Für einen Jugendlichen ist es natürlich nicht gerade attraktiv, mit lauter Sechzigjährigen zusammen zu spielen.« In Weißig scheint eine Lösung gefunden.

Jeden Mittwochabend kommen drei Jungen im Alter zwischen neun und 13 Jahren ins Gemeindehaus. Thomas Köckritz übt mit ihnen eine Stunde lang, den richtigen Ton auf Trompete oder Posaune zu treffen, lehrt sie das richtige Atmen und den Rhythmus zu halten. Auch drei Erwachsenen gibt er im Gemeindehaus Unterricht. Das Besondere daran: Er gehört nicht zur Kirchgemeinde, sondern ist freiberuflicher Musiker, unterrichtet an Musikschulen und leitet ein Jugendblasorchester. Dies ist ein neuer Weg, den die sächsische Posaunenmission seit 2006 in der Nachwuchsgewinnung geht. »Jungbläserschule« nennt sich das Projekt. Zwei bis vier Jahre dauert die Grundausbildung. Doch bereits nach einem halben Jahr können Anfänger das erste Mal gemeinsam mit dem Bläserkreis auftreten.

Ein Instrument müssen ihnen die Eltern nicht unbedingt gleich kaufen. Das können sie auch beim Posaunenchor ausleihen. Unterricht gehörte in den sächsischen Posaunenchören schon immer dazu. Doch bisher hat das in der Regel der Chorleiter selbst ehrenamtlich übernommen, wie Landesposaunenwart Jörg-Michael Schlegel erzählt. Das aber bedeute zusätzlichen Zeitaufwand. Viele von ihnen schaffen das nicht mehr. Seit 1990 sind etliche Posaunenbläser aus den Gemeinden deshalb an die Musikschulen gegangen. Das Problem dabei: »Die Bläser in den Gemeinden haben eine andere Griffweise beim Spielen als an der Musikschule gelehrt wird«, sagt Schlegel. Also müssen sie sich umstellen. »Außerdem holen sich Musikschulen die guten Musiker dann in ihr eigenes Ensemble.« Für den Posaunenchor der Kirchgemeinde bleibt dann häufig keine Zeit mehr.

Bei der »Jungbläserschule« erhalten die Laienmusiker eine fundierte und genau auf ihre Art des Spiels zugeschnittene Ausbildung von einem auswärtigen Profi. Vorteil Nummer zwei: Der Unterricht findet im Gemeindehaus statt. »Da ist der Zusammenhang zur Gemeinde immer da«, sagt Schlegel. Der Nachteil gegenüber früher: Das muss jetzt bezahlt werden. 30 Euro monatlich kostet der Unterricht in kleinen Gruppen, 45 Euro der Einzelunterricht. Das aber sei immer noch weniger als an der Musikschule, sagt Schlegel. Zudem beteiligen sich viele Gemeinden an der Finanzierung. Nach einer zweijährigen Testphase hat sich das Modell aus Sicht der Posaunenmission bewährt.

An 15 Orten werden jeweils etwa zehn Kinder unterrichtet, wie Schlegel sagt. »Sie sind in den Posaunenchor integriert und bleiben dabei.« Steigende Tendenz verzeichnet die Posaunenmission auch beim Interesse an Kursen für Jungbläser. Vor 1990 seien dazu in der Regel um die 20 Bläser gekommen, sagt Schlegel. Jetzt seien etwa 200 Plätze pro Jahr ausgebucht. »Das Erlenen eines Instrumentes ist ein sinnvolles Hobby«, findet Landesposaunenwart Schlegel. Dazu komme das Gruppenerlebnis. »Und mancher Erwachsene findet auf diesem Weg zu einer Gemeinde.«

www.spm-ev.de

Tomas Gärtner

Obama würde wählen gehen

4. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Obama in Dresden (Foto: Joerg Schoener, Montage: Der Sonntag)

Obama in Dresden (Foto: Joerg Schoener, Montage: Der Sonntag)

Dresden im Ausnahmezustand: Auf Straßenbahnen wird »Mi­ster President« begrüßt, und die Bürger finden auf den offiziellen Internetseiten der Stadt eine Anleitung zum Fähnchenbasteln. Derlei kommt gelernten DDR-Bürgern seltsam bekannt vor – und doch ist alles anders als zur Zeit des von der SED verordneten Jubels.

Obama reist nach Dresden, gerade weil hier wie vielerorts in Ostdeutschland große Geschichte geschrieben wurde: Friedliche Menschen stürzten vor 20 Jahren eine Diktatur, und schufen so eine hoffnungsvolle Pointe nach der düsteren deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Dresdner Frauenkirche ist dafür ein Symbol. Einen Idealisten wie Obama muss das faszinieren. Denn Hoffnung – auch wenn sie ganz unrealistisch erscheint – ist der Kern seiner Agenda.

Für viele Menschen auf der ganzen Welt ist er damit zum Spiegel ihrer eigenen Hoffnungen geworden: auf eine Welt ohne Atomwaffen, ohne Folter, ohne Klimakatastrophe. Doch so wichtig eine charismatische Figur wie Obama ist: in ihr liegt auch eine Gefahr. Sie täuscht schnell darüber hinweg, dass nur wir selbst unsere Probleme lösen können. Kurz nach Obamas Dresden-Besuch gibt es dazu Gelegenheit. Dann sind Kommunal- und Europawahlen. Hier können wir ganz handfest mitentscheiden: Über globale Gerechtigkeit genauso wie über Gerechtigkeit nebenan.

Freie Wahlen sind das Erbe des Herbstes 1989. Darauf hat auch die sächsische Landeskirche zu Recht hingewiesen.

Wir dürfen dieses Erbe nicht verspielen. Der amerikanische Präsident weiß das. Aber er weiß auch: Handeln müssen die Menschen – müssen wir – selbst. Yes, we can: Wir können das.

Von Andreas Roth

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