Schatten der Vergangenheit
10. Juli 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Die Freude über 20 Jahre Ende der DDR durchzieht dieses Jahr. Doch dabei dürfen deren Opfer nicht in Vergessenheit geraten.
Als im August 1968 durch Zittau russische Panzer Richtung tschechoslowakische Grenze rollten, hielt es den damals 28-jährigen Manfred K. (Name geändert) nicht länger zu Hause. »Ich bin illegal rüber und habe den Einmarsch fotografiert«, sagt er. Er hat es mit anderthalb Jahren Haft bezahlt.
Die Grenzen zur Tschechoslowakei waren dicht gemacht worden. Die regelmäßigen Kontakte zu den Nachbarn waren auf einmal nicht mehr möglich. »Es war uns doch sympathisch, was dort geschah«, sagt er mit Blick auf den Prager Frühling, bei dem sich für kurze Zeit auch die Bedingungen für die dortigen Kirchen verbessert hatten. Das hatte der Christ mit Wohlwollen beobachtet. Bei seiner Fototour wurde er verhaftet – in der Nähe von Plauen. Man unterstellte ihm, in den Westen fliehen zu wollen. Er kam ins Gefängnis. »Wir waren 30 Leute in einer Zelle, in der nur Stroh lag«, erinnert er sich. »Eine Woche wurden wir gehalten wie Vieh.« Nach einem dreiviertel Jahr Untersuchungshaft das Urteil: 18 Monate Gefängnis. Anschließend wurde ihm gesagt: Wenn Sie sich nicht nach unseren Spielregeln richten, wird ihnen ein Unfall passieren. »Diese Angst«, sagt er, »ist immer noch da.«
Mit dieser Angst hat Michael Beleites täglich zu tun. Der sächsische Beauftragte für die Stasiunterlagen ist Anlaufstelle für Opfer der DDR-Diktatur. Er berät die Verfolgten, stellt Kontakte her zu Opferverbänden. »Es ist nach wie vor ein großer Bedarf da, dass Betroffene mit jemandem sprechen wollen, um ihre Geschichte zu erzählen und offene Fragen zu klären.« Für ehemalige politische Häftlinge sei zwar viel getan worden. Viele seien rehabilitiert, hätten Haftentschädigung beziehungsweise Opferpension erhalten. »Aber um die Geschädigten angemessen zu würdigen, brauchen sie eine wirkliche Entschädigung und keine ›besondere Zuwendung‹ im Sinne von symbolischen Hilfsleistungen«, sagt er.
Ehemalige politische Häftlinge sind oft ihr Leben lang gezeichnet. »Da wäre es hilfreich, wenn Ärzte oder soziale Stellen die Möglichkeit der politischen Verfolgung immer im Hinterkopf hätten und bei Gelegenheit auch danach fragten«, sagt Beleites. Doch er kennt auch andere Opfer: die systematisch schikaniert und verfolgt wurden, ohne jemals verhaftet worden zu sein. Oder die beruflich ausgegrenzt wurden.
Über »Verfolgte Schüler« hat André Wagler seine Diplomarbeit geschrieben. Er ist 1964 geboren. Ihm ist trotz guter schulischer Leistungen eine Hochschulausbildung verwehrt geblieben. Erst mit 37 Jahren hat er ein Studium »Soziale Arbeit« in Mittweida begonnen. Aus seinen Befragungen weiß er, dass es für manche hilfreich wäre, »wenn ihre jahrelange berufliche Erfahrung auch ohne entsprechende Ausbildung mit einem zugesprochenen Abschluss anerkannt würde«.
Waltraud Ahner wollte gern Berufsausbildung mit Abitur machen. Doch da sie aus einem christlichen Elternhaus stammt, nicht in der FDJ war und die Jugendweihe ablehnte, wurde sie nicht zugelassen. Nur die »politisch, fachlich und charakterlich geeignetsten Schüler« seien zur Aufnahme vorzusehen, wurde ihren Eltern geschrieben. »Der VIII. Parteitag der SED fordert, dass die künftigen leitenden Kader junge Revolutionäre sind«, hieß es da. »Auch ohne Stasihaft und Westflucht haben viele ihren Weg in der DDR gesucht und oft nicht gefunden«, sagt ihr Mann Michael Ahner, der ein ähnliches Schicksal hat. »Nach dem Ende der DDR musste man sich mit dem Gedanken abfinden, den Biografieknick nicht mehr aufholen zu können.« Waltraud Ahner versucht es gerade: Mit Anfang 50 macht sie jetzt eine Fachschulausbildung zur Erzieherin – mit der Rehabilitationsurkunde als »Verfolgte Schülerin« in der Tasche hatte sie sich darum beworben.
Manfred K. ist nicht versöhnt mit der Gegenwart. »Kaum ein ehemaliger politischer Häftling hat heute irgend eine Funktion in unserem Staat inne«, sagt der Zittauer. Und wenn er hört, in der DDR sei doch auch manches gut gewesen, entgegnet er: »Aber es war ein Sumpf.«
Christine Reuther
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Wer in Haft war ist für mich ein Opfer alle anderen in der Regel nicht. Wer sich nur wegen schulischer oder beruflicher Nachteile sich als Opfer der einstigen Diktatur DDR bezeichnet ist für mich ein Heuchler, er sollte sich nur einmal die Schicksale derer betrachten die sich heute bei der Arbeits- und Sozialämtern melden müssen. In der DDR war es nicht unbedingt Vorteilhaft sich als Christ zu bekennen und dieses taugte auch nicht für eine Karriere, man war oft sehr benachteiligt – mehr aber auch nicht.
Wer politisch oder sonstwie unschuldig im Haft oder Arbeitslager war ist für mich ein Opfer. Selbst die in DDR ihr “Hab und Gut” verloren haben sind für mich keine Opfer. Als Opfer sollten sich vielleicht noch die bezeichnen dürfen, die bei der NVA oder Spatentruppe schlimme schikaniert wurden alles andere ist doch nur Schwindel.
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich den Artikel gelesen. Ich bin selbst betroffen und durfte vor 1990 nicht studieren. Trotzdem hatte ich nach der Wende die Chance in meinem Wunschberuf zu arbeiten. Nun stellt sich mir seit einiger Zeit die Frage, wo ich mir diesen seit 10 Jahren ausgeübten Beruf annerkennen lassen kann. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir dazu auf meine EMail eine Antwort geben könnten.
Freundliche Grüße
Christine Müller