Alte Kirche sucht neue Nutzer
23. Juli 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Was passiert, wenn Kirchen nicht mehr für Gottesdienste gebraucht werden? Oft werden sie dann für Kultur und Kunst geöffnet.
Die Gäste des Brautpaares zerschlagen Teller und Tassen vor der Kirchenpforte. Heute ist Polterabend. Zur morgigen Hochzeit muss das Paar den Pfarrer selbst mit in die Kirche bringen. Denn die Kirche Franken (Kirchenbezirk Glauchau) ist entweiht. 1965 wurde hier der letzte Gottesdienst gefeiert. Der klassizistische Kirchenbau in dem Waldenburger Ortsteil ist ein Begegnungs- und Veranstaltungszentrum geworden.

Ein architektonisches Kleinod: Die Kirche von Franken bei Waldenburg ist 1835/36 nach dem Vorbild Karl Friedrich Schinkels im klassizistischen Stil erbaut. Sie ist heute ein Veranstaltungszentrum. Foto: Wiegand Sturm
Zwischen 1990 und 2005 wurden bundesweit 41 Kirchen und Kapellen umgewidmet, 26 vermietet, 97 verkauft und 46 abgerissen. Auch die Nikolaikirche in Freiberg wird nicht mehr für den Verkündigungsdienst genutzt. Das städtische Kulturamt vermietet das Gebäude – für Tagungen, Firmenfeiern und Konzerte. In Torgau wird die Alltagskirche als Aula des Johann-Walter-Gymnasiums genutzt.
Der Erhalt der Kirchen in Sachsen ist nicht einfach. »Natürlich will jede Kirchgemeinde als selbständige Eigentümerin ihr Gotteshaus erhalten«, sagt Harald Naumann, Baureferent der Landeskirche. »Dafür muss es manchmal aber auch geöffnet werden – zum Beispiel für eine intensivere kulturelle Nutzung.« In den vergangenen Jahren sei in Sachsen keine Kirche verkauft oder komplett umgenutzt worden, aber Naumann sieht das Problem nur als aufgeschoben. Die bisherige Politik für kirchliche Gebäude müsse überdacht werden. 4650 Gebäude, darunter 1222 Kirchen und 148 Kapellen, gehören der sächsischen Landeskirche. Vor allem Pfarrhäuser werden oft nicht mehr von Pfarrern bewohnt, sondern anderweitig vermietet.
»Wir wollen vorrangig aber kein Immobilienbetreiber sein«, so Naumann. »Über Gebäude, die nicht mehr im Verkündigungsdienst stehen, müssen die Gemeinden nachdenken.« Auch sein Vorgänger als Baureferent, Ulrich Böhme, fordert Gemeinden auf: »Wir müssen unsere Kirchen deutlich über den Gottesdienst hinaus nutzen, nicht nur öffentlich ins Gerede bringen, auch Türen öffnen.« Das Wort »Kulturkirche« lehnt er dabei ab. Zuallererst seien Kirchen Versammlungsstätten der christlichen Gemeinde zur Feier des Gottesdienstes.
Die Weinbergsgemeinde Dresden-Trachau verwendet ganz bewusst den Begriff Kulturkirche. Zwar wird drei Mal im Monat Gottesdienst gefeiert. Sonst finden in der Kulturkirche Konzerte, Sommerkino oder Theateraufführungen statt. »Die Kirche soll aber kein Kulturhaus werden, sondern es geht um eine erweiterte Nutzung«, so Pfarrer Michael Schlage. Durch die »Nachwehen der Strukturreform« musste die Kirche Anfang 2008 neu belebt werden: Sie ist nun für die Menschen eines ganzen Stadtteils da. Die Gemeinde erreicht dort ein anderes Publikum, manchmal sind nur 20 Prozent der Besucher Kirchgemeindeglieder.
Vor sechs Wochen gründete sich ein Verein, um die Veranstaltungen besser zu organisieren. »Unser Ziel ist es, die Kirche zu öffnen«, sagt Schlage. »Das klappt am besten durch Kultur.« Damit trifft er ganz die Forderungen von Ulrich Böhme: »Lasst uns intensiver die sakralen Gebäude nutzen, damit sie der Zukunft erhalten bleiben – auch für Leute, die kein Band zur Kirche haben.«
Annika Falk
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