Besiers Wende

30. Juli 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Einst kritisierte der Historiker Gerhard Besier die ostdeutschen Kirchen scharf für ihre Kompromisse mit der SED. Nun ist er in der Linkspartei.

»Ich habe wenig Angst, denn ich habe mich am Ende fast immer durchsetzen können.« Der Dresdner Historiker Gerhard Besier scheut keinen Streit. Und auch nicht den Wandel vom Konservativen zum Sozialisten. Foto: Steffen Giersch

»Ich habe wenig Angst, denn ich habe mich am Ende fast immer durchsetzen können.« Der Dresdner Historiker Gerhard Besier scheut keinen Streit. Und auch nicht den Wandel vom Konservativen zum Sozialisten. Foto: Steffen Giersch

Spott durchzieht fein sein Gesicht. Der Professor weiß: Das Gelächter seines Publikums ist ihm sicher. Er braucht die Autoren der Bibel nur »selbsternannte Ghostwriter Gottes« zu nennen, oder von politisch arg wetterwendigen Kirchenmännern zu erzählen – schon spendet der Saal eilig Beifall.

Man reibt sich die Augen. Wer ist der Mann, der hier ergrauten SED-Kadern einen Wohlfühl-Nachmittag bereitet: Ist es wirklich Gerhard Besier, der in den 90er Jahren den ostdeutschen Kirchen »Kumpanei« mit dem SED-Regime vorgeworfen hatte? Wenige Wochen nach dieser Tagung der Leipziger Rosa-Luxemburg-Stiftung tritt der Kirchenhistoriker im April 2009 der Linkspartei bei. Bald wird er für sie im sächsischen Landtag sitzen.

Eigentlich ist dieser Umstand nur eine kleine Notiz wert. Und doch erzählt er viel mehr: über die Gebrochenheit von Lebensläufen und die Gebrochenheit von Geschichte. Und über Gerhard Besier, der als weltläufiger Intellektueller über ihr zu schweben scheint. In seinen Büchern über die DDR-Kirchen weht ein schneidender Wind: »Pfäffische Unterwürfigkeit« und »Anpassung« diagnostizierte der westdeutsche Professor aus großbürgerlichem Hause in seinem dreibändigen Werk »Der SED-Staat und die Kirche«. Die evangelischen Kirchen seien von Spitzeln und den Ideen des Sozialismus durchsetzt gewesen.

Der Historiker maß die Akten am Anspruch des Evangeliums und wurde zum Empörten. Er traf damit manche Lebenslüge. Aber noch schmerzhafter traf er viele Christen, die ihren Glauben mit Mut, aber nicht ohne Kompromisse in den Untiefen der SED-Diktatur lebten.

»Vieles, was Besier schreibt, ist schlicht falsch« sagt Richard Schröder, Berliner Theologieprofessor und einer der Gründer der Ost-SPD. »Besier konnte nicht unterscheiden, welche Spielräume die evangelische Kirche in der DDR hatte. Er machte sich in maßloser Selbstüberschätzung im Schnellkurs zum Spezialisten. Und beutete das Thema für sein Renommee aus.« Besier machte Karriere: Erst als Theologieprofessor in Heidelberg und ab 2003 als Chef des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung.

Also alles nur überschießender Ehrgeiz? »Nein, Besier will die Friedhofsstille in einer mit sich selbst zufriedenen Kirche immer wieder durchbrechen«, sagt der renommierte Heidelberger Theologe Klaus Berger. »Er will die Opfer der Geschichte zur Geltung bringen.« Besier, der sportliche Denker mit den streitlustig blitzenden Augen, verabscheut kaum etwas so sehr wie das Dumpfe der Macht – und eine Kirche, die ihren Auftrag an die Macht verrät. »Die Kirche ist so satt«, sagt er. Besier selbst ist noch hungrig.

So hungrig, dass ihm bisweilen beim Kritisieren das rechte Maß abhanden kommt. Um dem zu entgehen, hätte er sich nur an seine Zeit im westdeutschen »Sozialistischen Hochschulbund« erinnern müssen. Oder daran, wie gern er die Unterstützung des DDR-Innenmini­steriums für seine Forschungen in Anspruch genommen hat. Wenn er darüber nachdenkt, wie SED und Stasi Kirchenleute ködern konnten, fällt ihm ein: »Bei Theologen gibt es eine stark ausgeprägte Eitelkeit: Sie brauchen ein Forum und wollen gehört werden. Das ist eine Versuchung.« Ihr hat der Theologe Besier, der nach seiner Entlassung als Direktor des Hannah-Arendt-Instituts fern vom öffentlichen Interesse an der TU Dresden Europastudien lehrt, nun selbst nachgegeben: Als Sachsens Linkspartei-Chefin Cornelia Ernst ihn um seine Mitarbeit an einer – durchaus kritischen – Studie zur Geschichte ihrer Partei bat, sagte er zu. Und blieb.

Während der Professor das Programm der Sozialisten vor drei Jahren noch mit »Drogenkonsum« gleichsetzte, lobt er jetzt deren Wirtschaftspolitik. Den Psychologen Besier – der er auch ist – interessiert momentan ohnehin etwas anderes viel mehr: »Menschen haben Brüche.« Der 61-Jährige, der lange als konservativer Hoffnungsträger galt bis die CDU den Querdenker fallen ließ, studiert das nun bei den Sozialisten.

Und er empört sich wieder. Diesmal darüber, wie SED-Mitglieder nach der Wende aus Führungspositionen geworfen wurden. »Ich bin bestürzt darüber, wie Westdeutsche Urteile fällten.« Es klingt nicht selbstkritisch, sondern ganz pastoral. »Es gibt immer Neuanfänge im Leben, man kann ein Anderer werden. Diese Chance hatten viele Ostdeutsche nicht.« Professor Besier nimmt sie sich gerade.

Andreas Roth

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