Die Iraker sind da
30. Juli 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig
Der Leipziger Naomi-Verein betreut die irakischen Flüchtlinge

Die Trinitatis-Schwestern Gudrun Neubert (l.) und Christine Mewes bieten in Leipzig-Volkmarsdorf im Naomi-Verein Beratung und Begleitung von Aussiedlern und Flüchtlingen an. Foto: Uwe Winkler
Nun sind sie auch Anlaufstelle für die zwei irakischen Familien – eine schiitische und eine mandäische –, die innerhalb des Flüchtlingsprogramms von Europäischer Union (EU) und UN-Flüchtlingsorganisation UHNCR in Europa Zuflucht gefunden haben. Im November 2008 hatten die EU-Außenminister beschlossen, rund 10 000 besonders schutzbedürftige irakische Flüchtlinge – meist Angehörige religiöser Minderheiten – aufzunehmen. 2500 in Deutschland. Acht davon sind nun in Leipzig angekommen.
»Am Montag durften wir sie nicht anrufen, da ist ihr Schweigetag«, erzählt Schwester Gudrun über die Familie, die sich zum Mandäischen Glauben bekennt, den sie auf Johannes den Täufer zurück führt. Mandäer werden im Irak ebenso wie Christen verfolgt. Viele von ihnen flohen nach Syrien oder Jordanien. Um dort zu überleben, haben sie meist ihr ganzes Geld aufgebraucht.
»Sie kommen ohne jeden Pfennig nach Deutschland«, sagt Schwester Christine, die die Flüchtlinge in Hannover vom Flughafen abgeholt hat. Nun geht es darum, sie zu Behörden zu begleiten und ihnen bei allen Alltagsfragen in der neuen Heimat beizustehen – und für medizinische Behandlung zu sorgen. Denn die junge Mutter aus der schiitischen Familie wurde Opfer eines Bombenattentats, hat Verbrennungen am ganzen Körper erlitten und muss dringend in ärztliche Obhut.
Die Trinitatis-Schwestern gehören zu einer evangelischen Kommunität. Gegründet wurde die »Schwesternschaft vom Trinitatis-Ring«, wie sie richtig heißen, 1977 in Leipzig als im Glauben verbundene Kinderdiakoninnen, die nach den drei Prinzipien Armut und Gütergemeinschaft, Unterordnung und Ehelosigkeit leben. Heute sind sie noch elf und leben in Lützschena.
»Unser diakonischer Zweig ist der Naomi e. V.«, sagt Schwester Christine. Zunächst seien nur Spätaussiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion die betreute Klientel gewesen. Heute kümmern sie sich um Migranten aller Nationalitäten, die in Leipzig ankommen. »Wir sind hier im Stadtteil besonders Anlaufpunkt für Jugendliche, die nirgends aufgefangen sind«, sagt Schwester Christine. Viele von ihnen, die mit 15 oder 16 Jahren nach Deutschland gekommen seien, hätten Schwierigkeiten, in der Schule in der kurzen Zeit den Abschluss zu schaffen.
»Wir kennen eine ganze Reihe junger Russlanddeutscher, die ohne jede Beziehung zur Außenwelt leben und auch für ihre Eltern nicht mehr ansprechbar sind. Die nur zuhause am Computer sitzen und nirgends dazugehören«, sagt Schwester Gudrun. »Wir erleben beides: wo die Integration geglückt ist und andere, wo man daneben steht und nichts tun kann«, fügt sie hinzu.
Und weil die Schwestern nicht nur daneben stehen wollen, haben sie 2005 ihre »Kreativstube« gegründet als Treffpunkt für Einheimische und Zugewanderte, »wo man sich begegnen kann und etwas gemeinsam tut«, wie Schwester Gudrun sagt. Es sei ein Raum der Akzeptanz und des Angenommenseins quer durch Generationen, Religionen und Nationalitäten. Vielleicht auch irgendwann für die Neuankömmlinge aus dem Irak.
Christine Reuther
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