Ein Satz der Hoffnung als Hilfe zum Leben
27. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Foto: Ilker, sxc.hu
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.
Jesaja 42, Vers 3
Solche Abende müsste es öfter geben! Freunde hatten uns in ihren herrlichen Garten eingeladen. Schon lange war die Sonne untergegangen, wir saßen am Feuer und es gab viel zu erzählen. In der Stille dieses Abends wurden die Gespräche immer intensiver. Einer erzählte von der Krankheit seines Nachbarn. Da ist keine Hoffnung mehr, sagte er. Man kann nur noch etwas gegen die Schmerzen tun.
Wir redeten lange miteinander. Wäre da Hoffnung nicht auch wie ein Hohn angesichts der fortgeschrittenen Krankheit? Hoffnung, worauf? Es geht nicht ums vertrösten wider besseren Wissens! Wird schon wieder werden – das ist Lüge im Angesicht des Todes. Und trotzdem: Ist es nicht gut zu wissen, dass unsere Grenzen für Gott nicht gelten? Ist es nicht gut zu wissen, dass Sein Leben bleibt?
In Kabul gab es wieder einen Anschlag. Menschen wurden verletzt. Mindestens 95 Menschen kommen in Bagdad ums Leben. Es muss doch einmal fruchten, dass so viele Menschen sich dort für ein friedliches Miteinander einsetzen! Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Wir erleben einen guten Abend am Feuer. Die Glut glimmt noch, als wir gehen.
»Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen«. So sagt der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes zu seinem Volk. Das sagt er in schwieriger Situation. Das Volk, mit dem Gott seinen Bund geschlossen hat am Berg Sinai, das großartige Befreiungserfahrungen mit Gott gemacht hat, ist in der Verbannung. Es hat alles aufgeben müssen: Heimat, Freunde, Tempel. Die Hoffnung droht zu schwinden. Dass sie jemals wieder in ihre Heimat kommen, können sie nicht mehr glauben. Da sagt Gott durch den Propheten seinen Menschen zu, dass er das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird.
Das ist ein Satz der Hoffnung. Ich brauche diesen Satz als Hilfe zum Leben. Danke Gott, dass die Hoffnung, die in dir gegründet ist, bleibt – über alle unsere Grenzen hinaus.
Uta Krusche-Räder ist Superintendentin des Kirchenbezirks Pirna.
Seligpreisungen in Sandstein
27. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen
Harald Bretschneider schuf »Stein der Weisen« für ein Freitaler Altenpflegeheim

Harald Bretschneider während der Steinmetzarbeit an seinem »Stein der Weisen«, den der Hobbybildhauer und pensionierte Oberlandeskirchenrat für ein Altenpflegeheim der Diakonie anfertigt. Foto: Steffen Giersch
Der Schöpfer des Denkmals ist kein professioneller Künstler, sondern Harald Bretschneider, 1991 bis 1997 Direktor der Dresdner Stadtmission, dann bis 2007 Oberlandeskirchenrat im Landeskirchenamt. »Stein der Weisen« – diesen Titel hat er selbst den beiden Tafeln aus Sandstein gegeben, an denen er seit Januar gearbeitet hat.
Neben der Malerei und der Fotografie gehört die Bildhauerei schon seit Jahren zu seinen Hobbys. Jetzt, mit 67 Jahren und im Ruhestand, widmet er sich ihr intensiver. Ein praktischer Mensch, der mit Werkzeug umzugehen versteht, ist er bereits seit seiner Jugend gewesen. Nach dem Theologiestudium Anfang der 60er Jahre war er Bauarbeiter und hat Zimmermann gelernt. Auch später als Dorfpfarrer in Wittgensdorf bei Zittau sei er zugleich immer auch Zimmerer geblieben, wie er erzählt. Er hat Häuser eingerüstet und Schornsteingerüste auf Dächer gesetzt. Daneben hat er gemeinsam mit Ehrenamtlichen Einladungen zu den Festgottesdiensten des Kirchenjahres künstlerisch gestaltet.
Der Erfinder des Symbols »Schwerter zu Pflugscharen« in den 80er Jahren, als er Landesjugendpfarrer war, hat christliche Werte immer auch öffentlich vertreten. Angefangen bei den Gesprächen mit Kirchenfernen auf der Baustelle über diese gewiefte Umdeutung eines sowjetischen Denkmals in ein Symbol der kirchlichen Friedensbewegung bis hin zu seinen Plädoyers für die Vermittlung von religiösem Wissen im sächsischen Bildungswesen. Nun will er dies mit dem Denkmal auf symbolische Weise tun.
Für Silvio Griebsch, den Leiter des »Bodelschwingh«-Heimes ist das Denkmal ein »gutes Stück Mission«. Dieser »Stein der Weisen« symbolisiere den Geist des Hauses, zeige die christliche Grundlage, die hinter dem Pflegekonzept der Einrichtung steht, sagt er. Harald Bretschneider erinnert daran: »Die Zehn Gebote bilden die verdichtete Lebens- und Glaubenserfahrung, wie das Leben gelingt.« Sie seien die Grundlage der Gesetzgebung der europäischen Staaten. »Wo sie missachtet werden, wird die menschliche Kultur und das Leben zerstört.« Als Ergänzung dazu betrachtet er die Seligpreisungen, »in denen Gott uns immer wieder neu zur Orientierung seine Hand reicht«.
Tomas Gärtner
Mittendrin in Mittweida
27. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig
Kirche zum Tag der Sachsen am 5. und 6. September in der mittelsächsischen Stadt

Noch ist manches zu besprechen und zu organisieren für das »Glaubensfest Mitteinander«: Gottfried Neubert (l.) und Pfarrer Johannes Grasemann vor der Mittweidaer Kirche »Unser lieben Frauen«. Foto: Wiegand Sturm
Der Standort der Kirchenmeile mache das auch deutlich, ergänzt Gottfried Neubert. Er gehört zur evangelisch-freikirchlichen Gemeinde und hat die Kirchenmeile entlang der Weberstraße unterhalb der Stadtkirche »Unser lieben Frauen« organisiert. Die Straße führt direkt zum Marktplatz mit der MDR-Bühne, auf der am Sonntag auch der Gottesdienst stattfinden wird. Ungefähr 60 kirchliche Werke und Vereine hat Gottfried Neubert angeschrieben, 20 haben sich für einen Stand beworben.
Von der Kirchenmeile führen Stufen nach oben zur Kirche. An den Festtagen wird dort entlang eine Leine mit T-Shirts und Luftballons gespannt sein als Wegweiser. Mit ebensolchen T-Shirts bekleidet werden Helfer aus den Gemeinden die Gäste hier oben erwarten zum Programm in der gotischen Kirche von 1496: Chormusik, eine Video-Vorführung sowie Kirchen- und Orgelführungen werden sich hier tagsüber abwechseln.
Dabei präsentiert der Orgelverein das neue Patent der Bautzener Orgelbaufirma Eule, das gemeinsam mit der Mittweidaer Hochschule entwickelt und in die Ladegast-Jehmlich-Orgel der Stadtkirche erstmals eingebaut wurde. Durch Lichtsignale werden die vorprogrammierten Register bedient. Eine Technik, die in Bautzen auch gerade in die neue Orgel des Salzburger Mozarteums eingebaut wird (der Sonntag berichtete).
Wenn auch Pfarrer Grasemann auf diese Neuerung stolz ist, so ist doch die Restaurierung der Orgel insgesamt eine große finanzielle Last für die Gemeinde – »zumal die Denkmalpflege ihre zugesagten Mittel wieder gestrichen hat«, so Grasemann. Nun fehlen der Gemeinde 100 000 Euro. Aber auch ein Kantor, »der sich in die Orgel verliebt«, so der Pfarrer. Denn diese Stelle ist seit Juni vakant. Am Tag der Sachsen wird die Orgel vor allem vom ehemaligen Kirchenmusikdirektor Eckhard Zuckerriedel gespielt.
Und während es oben in und an der Kirche Musik und Besinnung gibt, hat die Jugend auf der Kirchenbühne unten in der Stadt ein umfangreiches Musikprogramm organisiert für alle Altersklassen. Auch die kirchlichen Wagen für den Festumzug am Sonntag haben Junge Gemeinden der Region organisiert. Es freut Pfarrer Grasemann besonders, dass auf diese Weise die Kirche durch junge Menschen repräsentiert und wahrgenommen wird.
Christine Reuther
Das kirchliche Programm zum Tag der Sachsen in Mittweida:
Sonnabend, 5. September: Kirche offen 11.30 bis 23 Uhr, Kirchturm offen 10 bis
21 Uhr; Sonntag, 6. September: Kirche und Kirchturm offen 11.30 bis 18 Uhr; Gottesdienst auf dem Markt 10 Uhr.
Das Programm des Tages der Sachsen im Internet: www.tds.sachsen.de
www.kirchgemeinde-mittweida.de
Apfelbäumchen als Zeichen der Hoffnung
27. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Ein Großereignis mit Nachwirkungen: Sächsische Kirchenvorstände erleben, warum sich die Arbeit für das Evangelium lohnt.

Erinnerungsfoto mit Landesbischof: Nach dem Abschlussgottesdienst trafen sich die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher vor der Dresdner Frauenkirche. Fotos: Steffen Giersch
Das ist wohl so eine Art Kirchentag.« Zu diesem Schluss kommt ein Passant angesichts der vielen Menschen mit orangen Halsbändern und Namensschildern daran vor der Dresdner Kreuzkirche. Eine ausländische Touristin lässt sich auf englisch erklären, was Kirchenvorstände sind und warum sie sich an diesem Tag in der Dresdner Kreuzkirche treffen.
Zum ersten sächsischen Kirchenvorstandstag am 23. August sind etwa 2000 Kirchenvorsteher nach Dresden gekommen. Sie feiern in der Kreuzkirche den Eröffnungsgottesdienst, studieren einen von Kreuzkantor Roderich Kreile extra komponierten Kanon ein und lassen sich von Manfred Lütz humorvoll auf den Tag einstimmen. Der Kölner Psychotherapeut und katholische Theologe ruft den Zuhörern in seinem vergnüglichen Blick auf die evangelische wie katholische Kirche zu: »Ehrenamtler: Wir sind die Entscheidenden – und die Hauptamtler müssen uns in Demut dienen.«
In der Kirche, sagt Lütz, sei es üblich geworden zu jammern. Die Psychologie meine zwar: »Jammern stärkt die Gemeinschaft«, so der Arzt. »Aber man kann es auch übertreiben. Das Christentum hat der Welt eine Heilsgeschichte gebracht«, das müsse wieder deutlich werden.

Foto: Steffen Giersch
Derart motiviert verteilen sich die Kirchenvorsteher auf die rund 70 Werkstätten und Foren, bei denen im kleineren Kreis ganz praktische Themen besprochen werden. Wie Ehrenamtliche zu gewinnen sind, beschreiben Mitarbeiter des Landesjugendpfarramtes aus ihren Erfahrungen. Grundsätzlich jedes Mitglied einer Jungen Gemeinde werde zur Qualifizierung für ehrenamtliche Mitarbeit eingeladen. »Jeder ist es wert, angefragt zu werden«, laute dabei das Motto. Und: »Wenn ein Jugendlicher ausgebildet ist, möchte er etwas damit anfangen«. Ziel der Qualifizierungen sei Anerkennung. »Dann wachsen die Jugendlichen auch in die Gemeindearbeit hinein«, so die Erfahrungen der Jugendmitarbeiter.
Um Anerkennung der eigenen Arbeit geht es auch in einem Forum zum Thema »Haupt- und Ehrenamt Hand in Hand«. Ganz konkrete Fragen treten dort auf: »Wie kann man liebevoll-diplomatisch sagen, dass jemand für seine Aufgabe nicht geeignet ist?« heißt es da. Und: »Müsste es nicht mehr Ausbildungsmöglichkeiten für Ehrenamtliche geben?«

Foto: Steffen Giersch
Über das »Wachsen gegen den Trend« diskutieren die Teilnehmer in einem gleichnamigen Forum mit Gudrun Lindner und Axel Noack. »Keine Angst, die Kirche Jesu Christi geht nicht an unseren Fehleinschätzungen zugrunde«, ermuntert dabei die langjährige sächsische Synodalpräsidentin. »Was ihr wirklich schadet, ist die Unbeweglichkeit des Satzes: Das war schon immer so. Und die Verleugnung: Das ist nicht mehr meine Kirche.«
Vom Kleinerwerden zu reden, ist für den ehemaligen Magdeburger Bischof Axel Noack »ein Akt der Ehrlichkeit«. »Das eigentliche Problem ist die damit oft verbundene Resignation. Wenn eine Kirche nicht mehr wachsen will, ist sie in ihrer Substanz geschädigt«, sagt er und weist darauf hin, welche Chancen Kirchgemeinden in Kindergärten und Schulen haben, um Menschen mit dem Evangelium vertraut zu machen. »Kirche ist immer noch zu sehr auf die Kerngemeinde orientiert. Die anderen werden als Weihnachtschristen oder Karteileichen bezeichnet. Wenn wir wachsen wollen, müssen wir die alle mögen.«
Dass dazu auch die Menschen außerhalb der Kirchenmauern und in sozialen Schwierigkeiten gehören, wird auf einem anderen Forum deutlich. »Wir sind auf dem besten Weg, eine Kirche des Mittelstands zu werden«, sagt der Kirchenvorsteher Rudolf Berthold, der selbst erwerbslos ist. »Wir wissen meist nicht, wer in unseren Gemeinden von Armut betroffen ist. Denn diese Menschen verstecken sich oft aus Scham.«
Wie die Kirchgemeinden auf sie zugehen können, darüber werden Ideen ausgetauscht: Sei es durch einen regelmäßigen Kaffeetreff für Erwerbslose, durch das Angebot, sie auf das Arbeitsamt zu begleiten oder durch den Verzicht auf teure Rüstzeiten, die ärmere Gemeindeglieder ausschließen. »Am Wichtigsten aber ist für Menschen in sozialen Schwierigkeiten das Zuhören und Ernstnehmen ihrer Probleme – auf Augenhöhe – und auch über die Grenzen der Gemeinde hinaus«, sagt Barbara Müller aus Oederan. »So hat es Jesus gemacht.«
Das Engagement der Kirchenvorsteher würdigt Landesbischof Jochen Bohl als »Schatz für die Kirche«. Beim Abschlussgottesdienst in der Frauenkirche dankt ihnen auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich: »Sie leisten einen unschätzbar wertvollen Dienst auch für die Gesellschaft in Sachsen insgesamt. Sie schaffen soziale Wärme und geben Werteorientierung.«

Foto: Steffen Giersch
Christine Reuther / Andreas Roth
Wer will schon mit gesenktem Kopf durch die Welt gehen?
20. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1. Petrus 5, Vers 5

Foto: Sanja Gjenero, SXC
Unangenehm dieses Wort: Demut. Es hinterlässt immer einen schalen Nachgeschmack, wenn es überhaupt je in den Mund genommen wird. Das liegt wohl daran, dass es nach Selbstaufgabe oder Selbstverleugnung, nach Unterwürfigkeit und Selbstverachtung klingt.
Sich immer zurücknehmen, mit gesenktem Kopf durch die Welt gehen – wer will das schon. Ich will das auch nicht. Es lohnt sich, das Wort einmal auf seinen Inhalt hin zu buchstabieren, also im Einzelnen zu betrachten. Der Ursprung des Wortes stammt – laut Bibellexikon – aus dem Althochdeutschen: diomuoti, dienstwillig sein oder die Gesinnung eines Dienenden haben.
Ich habe noch eine Übersetzungsmöglichkeit gefunden: Dien – mutig. Das gefällt mir und macht deutlich: Gott ist der Allmächtige, aus dessen Willen wir leben. Ihm ordnen wir unser Leben unter, ihm dienen wir. Demut ist also die Haltung des Glaubens, die auf Gott weist. Und von dieser Unterordnung unter den Willen und das Wirken Gottes wird auch unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen bestimmt.
Ich lerne, den anderen zu sehen, der wie ich ein Kind dieses allmächtigen Gottes ist. Ich muss mit anderen nicht konkurrieren, um meinen Platz bei Gott zu haben. Das ist eine wichtige Grundlage für unser Miteinander.
»Demut – noch nie gehört? Möglich – man kennt sie kaum noch. Doch wo sie gelebt wird, schmilzt das Eis, sind die Tage heller, die Blumen bunter, sprießen Zweige der Hoffnung.«
Gute Worte! Eine Freundin hat sie mir aufgeschrieben. Ich weiß nicht, woher sie sie hat, aber ich erkenne: Helligkeit, Buntes und Hoffnung sind Zeichen dafür, was Demut bewirkt.
Uta Krusche-Räder ist Superintendentin im Kirchenbezirk Pirna.
Neuer Anlauf
20. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Joakim Buchwald, sxc.hu
Heute spricht kaum noch jemand über die Qualitätsstandards von kirchlichen Angeboten oder eine notwendige Strukturanpassung. Das soll jetzt wieder anders werden. Im September ist in Kassel die nächste Zukunftswerkstatt der EKD geplant.
Dass das Unternehmen jetzt Werkstatt heißt und nicht mehr Zukunftskongress wie noch in Wittenberg ist dabei bezeichnend. Offenbar hat die EKD manche Erwartung relativiert. Ein Grundübel des gesamten Prozesses ist es zweifellos gewesen, vor allem die ökonomische Effizienz im Blick zu haben. Mit diesem Ansatz geht das Papier nicht nur an der Wirklichkeit der Gemeinden vorbei, es hat auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verprellt. Denn die Gestaltung von Kirche lässt sich eben nicht allein durch Organisationsmodelle aus der Wirtschaft bewerkstelligen.
Der in dem Papier geforderte Mentalitätswandel sei zwar richtig, konstatierte zuletzt selbst die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann. Aber auch die Jünger Jesu seien keine »Elitetruppe« gewesen. Einem Sterbenden die Hand zu halten, lasse sich nicht effektiv gestalten. Es gehe vielmehr darum, Sehnsucht nach dem Glauben zu wecken.
Wie das bewerkstelligt werden kann, ist die eigentliche Frage. Erst wenn der Reformprozess das wieder in das Zentrum rückt, kann der neuerliche Anlauf gelingen. Ansonsten bleibt auch die Zukunftswerkstatt in Kassel eine Episode ohne Folgen.
Martin Hanusch
Baum statt Grabstein
20. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Sachsen hat ein neues Bestattungsgesetz. Es erlaubt auch Baum-bestattungen. Die wichtigsten Neuerungen – und die Streitpunkte. © Thaut Images/Fotolia

Sind Baumbestattungen künftig erlaubt?
Ja. Zwar sollen Verstorbene auch künftig nur auf Friedhöfen beigesetzt werden können, um die Totenruhe zu wahren. Doch man wolle dem Wunsch vieler Bürger nach naturnahen Begräbnisformen nachkommen, so das Sozialministerium. Auf dem städtischen Südfriedhof in Leipzig gibt es diese Möglichkeit bereits seit sieben Jahren. 238 Urnen wurden bisher an Wurzeln von Bäumen beigesetzt – in anonymen Gräbern. »Am Anfang gab es viele Nachfragen. Doch der große Trend ist mittlerweile vorbei«, sagt Günter Schmidt von der Friedhofsabteilung der Stadt Leipzig. »Manche Menschen entscheiden sich aus Naturverbundenheit für die Baumbestattung. Andere, weil sie sagen: Wie ich vergehe, wächst der Baum.«
Wird es auf kirchlichen Friedhöfen Baumbestattungen geben?
Nein, sagt der sächsische Oberlandeskirchenrat Jörg Teichmann. »Das hat vor allem mit den seelsorgerlichen Werten unserer Friedhofskultur und mit unserem traditionellen Totengedenken zu tun.« Teichmann verweist darauf, dass Baumgräber meist den Namen der Verstorbenen nicht nennen. »Der Abschied und das Weitergehen von der Trauer zur Bewältigung des Schmerzes sind auf diese Weise jedoch nicht oder nur schwer möglich.« Doch die Kirche könne durchaus dem Wunsch nach naturnahen Bestattungen entgegenkommen, so der Oberlandeskirchenrat. »Die kirchlichen Friedhöfe sind bereits jetzt in den allermeisten Fällen Orte der Ruhe und Besinnung inmitten der Natur. Besonders gut verwirklicht ist das in den großen park- oder waldähnlichen Friedhofsanlagen mit herrlichen alten Baumbeständen, aber auch auf vielen Dorffriedhöfen.«
Gibt es mehr Zeit, sich von Verstorbenen zu verabschieden?
Ja. Künftig dürfen nach dem Tod eines Menschen acht Tage bis zur Bestattung vergehen – bisher waren es fünf. Damit will das Sozialministerium den Angehörigen mehr Zeit zum Organisieren der Beisetzung einräumen. Zugleich gibt es damit mehr Raum, Abschied zu nehmen. »Man entdeckt mittlerweile wieder, wie wichtig das ist«, sagt der Leipziger Theologieprofessor Peter Zimmerling. » Heute wohnen viele Angehörige und Freunde oft weit entfernt. Da ist es gut, wenn mehr Zeit bleibt, sich zu verabschieden oder Verstorbene auszusegnen.«
Was ändert sich für so genannte Schmetterlingskinder?
»Auf Wunsch der Eltern können nunmehr Fehlgeborene unabhängig von Gewicht und Alter individuell bestattet werden«, so Sozialministerin Christine Clauß. »Wenn Eltern keine individuelle Bestattung wünschen, werden künftig sämtliche Fehlgeburten auf einer gemeinsamen Begräbnisstätte beigesetzt.« Bisher geschah dies nur bei Kindern, die bereits mehr als 500 Gramm wogen. »Mit der Bestattung wird deutlicher: Jedes Kind ist eine Person gewesen. Das ist wichtig für trauernde Eltern«, sagt Margret Mehner, die im Dresdner Verein Kaleb Betroffene begleitet.
Die Vorsitzende des Vereins Sternenkinder Dresden, Daniela Aust, sieht indes noch Nachbesserungsbedarf am Gesetz: »Es wird nicht eindeutig geregelt, wer für die Bestattung verantwortlich ist«, sagt die Pathologin. »Eltern können nicht immer die Verantwortung dafür tragen – gerade bei Abtreibungen. Die Krankenhäuser sollten für die Bestattungen zuständig sein.«
Mitspieler oder Bestimmer
20. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Am Sonntag treffen sich 1900 Kirchenvorsteher in Dresden. Sie sind die eigentlichen Führungskräfte der Landeskirche.

Foto: Bilderbox/fotolia.com; Signet: evlks.de
Gern würde Angela Müller im Kirchenvorstand auch über einen neuen Pfarramtsleiter beraten. »Doch die Stellenausschreibung durch das Landeskirchenamt verzögerte sich Monat um Monat. Da kamen wir uns schon allein gelassen vor.« Oft muss sie dann an ihr zweites Ehrenamt denken: als Vorsitzende des Elternrates am Stollberger Gymnasium. »In der Schulverwaltung wird Wert auf die Meinung der Ehrenamtlichen gelegt. In der Kirchenverwaltung ist das nicht immer so.«
Dabei sind die rund 8500 Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher in der sächsischen Landeskirche die eigentlichen Führungskräfte. »Kirche sind nicht zuerst die Hauptamtlichen oder die Amtskirche da oben. Kirche ist die Gemeinschaft derer, die vom Evangelium bewegt sind«, sagt Professor Ulf Liedke, Vorsitzender des theologischen Ausschusses der Landessynode. »Ein Kirchenvorstand hat deshalb nicht nur organisatorische, sondern auch theologische Leitungsaufgaben.«
Seine Bedeutung wird in Zukunft wachsen, wenn die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter sinkt. »Das Ehrenamt wird in der Kirche auch in höheren Ebenen zunehmend wichtiger«, glaubt Wolfgang Nethöfel, Marburger Theologieprofessor und Mitglied des Netzwerkes Kirchenreform.
Doch als in Angela Müllers Stollberger Kirchgemeinde vor einem Jahr wie überall in der Landeskirche der neue Kirchenvorstand gewählt wurde, gingen gerade elf Prozent der Mitglieder zur Abstimmung. Im Landesdurchschnitt habe die Wahlbeteiligung bei höchstens 20 Prozent gelegen, sagt Karl-Heinz Maischner, der Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen. »In ihren Gemeinden führen Kirchenvorsteher nicht selten ein verborgenes Dasein.« Eine gute Kommunikation der Vorstandsbeschlüsse in Gottesdiensten, Gemeindebriefen und -abenden könnte dem abhelfen.
»Viele erfahrene Kirchenvorsteher haben das Handtuch geworfen. Wenn sie sich in der Strukturreform Gedanken gemacht haben und das dann mit einem Federstrich von der Landeskirche abgewiesen wurde, dann frustrierte das«, beobachtet Maischner, der regelmäßig Kirchenvorstände berät. Doch neue Kandidaten mit genügend Zeit und Erfahrung zu finden, ist nicht leicht – zumal in ländlichen Regionen.
»Manchmal haben Kirchenvorsteher den Eindruck: Wir arbeiten nur die Tagesordnung ab«, hat der Theologe Ulf Liedke erfahren. »Bei der Leitungsfähigkeit und der theologischen Kompetenz gibt es unter Kirchenvorstehern eine große Unsicherheit.« Die Landeskirche will sie nun stärker unterstützen: mit dem Arbeitsbuch »Wegzeichen«, mit den Weiterbildungsangeboten ihrer Ehrenamtsakademie und auch mit dem erstmals stattfindenden Kirchenvorstandstag in Dresden am 23. August.
»Auch Pfarrer müssen den Umgang mit Ehrenamtlichen im Leitungsamt lernen«, sagt Karl-Heinz Maischner. »Viele Theologen geben Dinge nicht gern aus der Hand und verstehen das als Machtverlust. Dabei bietet ihnen ein aktiver Kirchenvorstand auch viel Entlastung.«
In Stollberg scheint das zu funktionieren. »Für die Arbeit im Kirchenvorstand ist mir wichtig, dass wir eine einladende und offene Gemeinde sind, in der sich Menschen in ihrer jeweiligen Situation zu Hause fühlen«, sagt Angela Müller. »Doch manchmal muss man auch streiten, um Dinge zu bewegen.«
Andreas Roth
Ehrenamtsakademie der Landeskirche www.eaa-sachsen.de
Kinderfreundlich
13. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Doriana S., sxc.hu
Aber Statistiken anschauen und hoffen, dass endlich mehr Kinder geboren werden, bringt nichts. Zwar ist einiges in Gang gekommen in den vergangenen zwei Jahren. Trotzdem jubelte Ursula von der Leyen vor 16 Monaten zu früh. Die Familienministerin sprach vom Babywunder als Folge ihrer Politik. Es blieb aus – trotz Elterngeld, Vätermonaten und Krippen-Ausbau.
Die Gesellschaft muss sich darum kümmern, dass Kinder in Deutschland wirklich willkommen sind. Wir brauchen eine Umgebung, in der niemand wegen Lärmbelästigung gegen die Kita in der Nachbarschaft klagt, in der Kinder in der Straßenbahn nicht als Störfaktor gesehen oder Familien mit mehr als drei Kindern nicht als »asozial« abgestempelt werden.
Dieser Wandel braucht Zeit, wie ein Blick gen Norden lehrt. Seit den 70er Jahren sind in Schweden Kinderbetreuung, Gleichberechtigung der Eltern und Vereinbarkeit von Familie und Beruf zentrale politische Themen. Nach langem Kampf gibt es mittlerweile eine ausreichende Betreuungsstruktur. Papas, die während ihres Erziehungsurlaubs Kinderwagen durch den Park schieben und Krabbelgruppen besuchen, gehören zum Alltag. Derzeit erlebt Schweden einen erneuten Babyboom. Durchschnittlich 1,8 Kinder bringt eine Schwedin zur Welt – deutsche Frauen nur 1,37.
Vielleicht passt ein Kind nicht in die persönliche Lebensplanung oder beschert einen Knick auf der Karriereleiter, aber Kinder bescheren inneren Reichtum – und sichern letztendlich unsere Zukunft.
Annika Falk
Ein gemeinsamer Schatz von Juden und Christen
13. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Wohl dem Volk,
dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.
Psalm 33, Vers 12

Foto: Franci Strümpfer, SXC.hu
Es war eindrucksvoll, die Orte nun mit eigenen Augen zu sehen – ein wunderbares Land. Bei einer neuen Reise wollte ich die Menschen kennen lernen – aus vielen Völkern und Religionen, die dort so dicht beieinander und doch getrennt voneinander leben. Ich wollte sie besser verstehen.
Zwei Wochen im Herbst 2000 verbrachte ich in Israel – bei christlichen Arabern mit israelischer Staatsangehörigkeit, die inzwischen meine Verwandten waren und inmitten der kriegerischen Auseinandersetzungen. »Lasst uns suchen nach dem, was uns verbindet. Denn wer weiß, was ihn mit anderen verbindet, der kann auch das Unterscheidende annehmen«, so sagte Isha und dann sangen und beteten wir Psalmen.
Es ist mir schon lange deutlich, welchen Schatz wir in den Psalmen unserer Bibel haben. Ich liebe diese Gebete, weil in ihnen Menschen in unterschiedlichen Situationen Lob und Dank, Klage, Sorge und Fürbitte vor Gott bringen – auch dann, wenn wir keine eigenen Worte finden.
Doch in den Tagen in Israel lernte ich einen neuen Aspekt des Psalmgebetes kennen: Juden und Christen, das Gottesvolk des alten Bundes und das des neuen Bundes haben diesen Schatz gemeinsam. Er lässt uns die Liebe und Größe Gottes entdecken und nimmt uns füreinander in die Verantwortung. Und das ist gut so.
Uta Krusche-Räder ist Superintendentin des Kirchenbezirks Pirna.
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