Ein Geben und Nehmen
7. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen
Ehrenamtliche Seelsorgehelferinnen und ihre Arbeit mit Gefangenen der JVA Zeithain

Angelika Neumann (2. v. l.) und Christine Sims (r.) mit den vier Insassen der Justizvollzugsanstalt Zeithain bei der Vorbereitung des Mittagessens in der Pfarrküche von Riesa-Weida. Foto: Steffen Giersch
Martin zählt schon die Tage, bis er in den offenen Vollzug verlegt wird. Dann kann der 23-Jährige ein berufsvorbereitendes Jahr absolvieren, ehe er eine Lehre als Bürokaufmann beginnt. Seine Freundin, die erst Schluss machen wollte, wenn er in den Knast kommt, wartet auf ihn. »Sie ist mein einziger Halt im Leben«, sagt Martin.
»Die meisten, um die wir uns kümmern, haben niemanden mehr. Und ohne Bezugsperson gibt es keinen Ausgang und keinen Urlaub«, sagt Angelika Neumann. Etwa 20 Häftlinge kommen einmal im Monat im Gefängnis zum Bibelgespräch. Um diesen Kreis kümmern sich die beiden Frauen besonders, besuchen die Männer in ihren Zellen, begleiten sie beim Ausgang. Einmal im Monat aber nehmen sie Gefangene, denen Hafterleichterung bewilligt wurde und die bei der Gefängnisleitung rechtzeitig einen Antrag gestellt haben, für wenige Stunden mit nach draußen in den Gottesdienst und zum gemeinsamen Mittagessen.
Heute gibt es gefüllte Paprikaschoten. Kai S. ist der Küchenchef. Der gelernte Fleischer verteilt die Arbeit: Zweibeln schälen, Paprika waschen. Er hat noch einige Monate im Gefängnis abzusitzen. Die Zeit nutzt er zu Schweißerlehrgängen. Dann will er ein neues Leben beginnen.
Als Angelika Neumann vor 14 Jahren mit der Häftlingsbetreuung anfing, hatte sie die Hoffnung, wenigstens einen wieder auf den richtigen Weg zu begleiten. »Inzwischen war ich zu vier Hochzeiten eingeladen«, erzählt sie. Zu vielen ehemaligen Häftlingen hat sie Kontakte, führt Briefwechsel. Sie hat sie ins Leben begleitet. »Ich habe ein Möbellager, bekomme Spenden an Wäsche, Geschirr und Kleidung«, sagt sie. Damit kann mancher Häftling seine ersten Schritte ins zivile Leben machen. Nicht bei allen gelingt das. Die Frauen kennen Fälle, wo ehemalige Häftlinge mit einem eigenen Haushalt total überfordert sind, sich und die Wohnung verkommen lassen und irgendwann wieder »drin« landen.
Harri B. weiß das nur zu gut. Er will selbst einen Verein gründen, »um Gefangene aufzufangen, wenn sie rauskommen«, wie er sagt. »Ich denke, ich kann da mitreden«, fügt er hinzu. Noch für August ist ihm die vorzeitige Entlassung zugesagt worden.
Angelika Neumann und Christine Sims ernten oft Unverständnis, wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit erzählen. Mitstreiter finden sie nicht. Dabei sei die Arbeit Gewinn für beide Seiten, sagt Christine Sims.
Kürzlich hörte Angelika Neumann von den Sorgen der landeskirchlichen Gemeinschaft in Pulsen mit ihrem verwilderten Grundstück ums sanierte Haus. Sie suchte Helfer für einen Arbeitseinsatz unter »ihren« Gefangenen. »Da waren alle Hände oben«, sagt Martin K., alle hätten sich gemeldet. »Soviel zum Thema Geben und Nehmen«, fügt er hinzu.
Christine Reuther
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