Keine Billig-Bildung

7. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Gestreikt haben die Mitarbeiter der kirchlichen Kindergärten nicht. Doch auch sie kennen mangelnde Anerkennung, knappe Löhne und kranke Rücken.

m Johanngeorgenstädter Kindergarten »Regenbogen«: Stillsitzen und Zuhören wie in der Schule lernen die Kinder bereits hier, zum Beispiel wenn Erzieherin Katja Riedel ihnen Pferdegeschichten vorliest. Foto: Steffen Giersch

m Johanngeorgenstädter Kindergarten »Regenbogen«: Stillsitzen und Zuhören wie in der Schule lernen die Kinder bereits hier, zum Beispiel wenn Erzieherin Katja Riedel ihnen Pferdegeschichten vorliest. Foto: Steffen Giersch

Konzentriert sucht Max mit dem Filzstift den Weg durch das gemalte Labyrinth. Neben ihm am Tisch im Kindergarten »Regenbogen« sitzt Robert und zählt die Quadrate, die sich in einer Zeichnung verstecken. Geduldig werden sie von Heike Unger begleitet. Wenn die beiden Jungen in den nächsten Tagen in die Schule kommen, werden sie gut vorbereitet sein. »Doch eine Lehrerin ist in unserer Gesellschaft vom Ansehen und vom Gehalt her ganz anders eingestuft als eine Kindergarten-Mitarbeiterin« sagt Heike Unger, die Leiterin der Kindertagesstätte der Kirchgemeinde Johanngeorgenstadt.

Dabei lernen Kinder bei ihr und ihren vier Kolleginnen nicht wenig: Sprechen zum Beispiel, selbständig essen, soziales Verhalten – die Grundlagen. Für die Vorschulkinder haben die Johanngeorgenstädterinnen ein eigenes Bildungsprojekt entwickelt. Ehrenamtlich, weil die Arbeitszeit dafür nicht reicht. »Es würde uns schon helfen, wenn wir nicht als Tanten betrachtet werden, die nur Kaffee trinken, aufpassen und ein bisschen spielen«, sagt Heike Unger. »Das hat nicht nur mit Geld zu tun, sondern vor allem mit Anerkennung.«

Genau darum ging es auch den tausenden Mitarbeitern kommunaler Kindertagesstätten, die seit Januar in ganz Deutschland gestreikt haben. Sie erreichten damit nach zähen Verhandlungen Ende Juli einen Zuwachs ihrer meist mageren Löhne um 80 bis 140 Euro im Monat sowie einen etwas verbesserten Gesundheitsschutz. Die Kindergärten von Kirche und Diakonie sind darin nicht einbezogen.

»Mitarbeiter im Erziehungsdienst sind für ihre Schwerstarbeit unterbezahlt«, sagt Matthias Lang, Vorstandsvorsitzender des Vereins »Kinderarche Sachsen«, der als Mitglied der Diakonie Sachsen sechs Kindergärten betreibt. Während sich der Monatslohn einer Erzieherin in einem kommunalen Kindergarten in Sachsen heute zwischen 1922 und 2474 Euro brutto bewegt, können ihre Kolleginnen in Einrichtungen der Diakonie derzeit maximal 2153 Euro verdienen – allerdings kommen Kinderzuschläge und ein 13. Monatsgehalt hinzu.

Doch unterm Strich verdienten Mitarbeiter in Kindergärten der Diakonie und Kirchgemeinden meist weniger als bei den Städten und Gemeinden, sagt Matthias Lang. »Das steht uns als kirchlichen Trägern nicht gut zu Gesicht.« Die sächsische Landeskirche wie auch ihre Diakonie wollen nun zunächst abwarten, ob der Tarifvertrag für die kommunalen Kitas von den Gewerkschaftsmitgliedern in einer Urabstimmung Mitte August angenommen wird. »Wenn sich dann wirklich eine Besserstellung der kommunalen Mitarbeiter ergibt, werden weitere Überlegungen notwendig sein«, sagt Friedhelm Fürst, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes der Landeskirche. »Denn wir konkurrieren mit den öffentlichen Trägern und westdeutschen Bundesländern, die mehr zahlen als wir, um Mitarbeiter.« Die meisten sächsischen Kindergärten suchen händeringend qualifiziertes Personal.

Doch es ist nicht das mangelnde Geld oder der schmerzende Rücken, was die Kindergartenleiterin Heike Unger am meisten umtreibt. Es ist eine einfache Rechnung: »Auf dem Papier ist eine Erzieherin für 13 Kinder zuständig, in der Praxis heißt das Verhältnis oft 1 zu 23.« Eine individuelle Betreuung ist dann extrem schwierig – oder unmöglich. Wäre Abhilfe ein unbezahlbarer Luxus? »Wenn der Staat Millionen nach Afghanistan oder in Bankenaffären pumpt, dann muss das auch für Kinder möglich sein«, sagt Matthias Lang, der Chef der »Kinder­arche Sachsen«. »Gerade für uns ­Christen ist das ein Auftrag.«

Andreas Roth

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