Vielfalt in Gefahr
13. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Viele sächsische Kirchgemeinden sind mit der Erhaltung ihrer Kunstschätze überfordert, stellt der Kunstdienst fest.

Mit Hochachtung vor der historischen Handwerkskunst betrachtet Tanja Schimkus, Freiwillige im sozialen Jahr, eines der prachtvollen Paramente der Zwickauer Domgemeinde aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Foto: Andreas Wohland
Die Spuren der Zeit sind nicht zu übersehen. Etwa hundert Jahre alt ist das Altartuch aus dem Zwickauer Dom St. Marien, verziert mit Applikationen im Jugendstil. Inzwischen aber ist es so stark beschädigt, dass es nicht mehr zu verwenden ist. »Es gehört zu unseren wertvollen Kunstgegenständen«, sagt Pfarrer Frank Bliesener. »Aber es zu reparieren oder zu erneuern – das wäre für die Gemeinde viel zu teuer.« Deshalb hat die Gemeinde es durch ein ganz schlichtes Tuch ersetzt.
In dem Raum im Pfarrhaus am Zwickauer Domhof, eine ehemalige Wohnung, die als provisorisches Archiv dient, lagern weitere dieser alten Tücher, Paramente genannt, übereinandergelegt auf dem Fußboden. Die Gemeinde tue das Beste, versuche, sie so schonend wie möglich aufzubewahren, sagt Frank Schmidt, der Leiter des Kunstdienstes der sächsischen Landeskirche. Doch aufhalten könne sie den weiteren Verfall kaum. »Die Tücher sind aus Naturseide. Nach über hundert Jahren geht die kaputt, selbst bei sorgfältigster Aufbewahrung.« Dieser Teil der kulturellen Überlieferung aus der Zeit des Historismus, hochwertiges Handwerk und Beleg sächsischer Frömmigkeitsgeschichte, drohe verloren zu gehen, beklagt Schmidt.
Es sind nicht die einzigen Kunstgegenstände in sächsischen Kirchgemeinden, die ihm Sorgen bereiten. Die mehr als 1300 Kirchen und über 270 Friedhofskapellen in Sachsen verfügen über reiche und historisch wertvolle Ausstattungen. »Nach dem Zweiten Weltkrieg sind nur wenige neue Kirchen gebaut worden. Fast der gesamte Bestand sind Bauten mit Denkmalstatus«, so Schmidt. Etwa 200 gotische Flügelaltäre, 650 Einzelbildwerke aus dem Mittelalter, Statuen vor allem, und 128 mittelalterliche Messkelche, der älteste aus dem 13. Jahrhundert, befinden sich in den sächsischen Kirchen. Zahlreiche silberne Abendmahlsgeräte aus dem 17. Jahrhundert zeugen von barocker Prachtentfaltung. »Auch aus dem 19. und 20. Jahrhundert gibt es Abendmahlsgeräte, die nicht einfache Katalogware, sondern handwerklich anspruchsvoll gestaltet sind«, sagt Schmidt.
Besonders schwierig sei es, sakrale Kunstgegenstände zu erhalten, die nicht mehr in Gebrauch sind. Die Zwickauer Paramente sind nur ein Beispiel. Eine Besonderheit in Sachsen waren im 17. und 18. Jahrhundert die Begräbnisbruderschaften. »Vor allem im Erzgebirge findet man in den Kirchen ihre Bestände: Vortragekreuze, Sargauflegekruzifixe und die erzählenden Zyklen der Sargschilde.« Sie werden heute kaum noch gebraucht. Oft ist das Holz bereits wurmstichig. Ähnlich ist es um Stühle und Möbel aus der Barockzeit, bäuerliche Sakristeimöbel aus dem 18. und 19. Jahrhundert bestellt. »Die werden kaum noch benutzt, stehen mancherorts auf den Dachböden. Der Restaurierungsbedarf dafür ist groß. Doch anderes ist wichtiger«, sagt der Kunstdienstleiter.
Größere Baumaßnahmen am Gebäude hätten die Gemeinden zwar im Blick, weniger hingegen die Erhaltung von Kunstgegenständen, konstatiert auch der Bericht des Landeskirchenamtes. Er kommt zu dem Ergebnis: »Der Verlust der Dichte und Vielfalt kultureller Überlieferung zeichnet sich jetzt bereits deutlich ab.«
Das größte Problem: Für die Restaurierung denkmalgeschützter Gebäude gibt es staatliche Fördermittel, für das so genannte »Kleininventar« nicht. »Die Summen, die dafür gebraucht würden, liegen unter der Fördergrenze«, sagt Frank Schmidt. »Aber solche Beträge, die von einigen hundert bis 3000 Euro reichen, können die Gemeinden nur schwer aufbringen.« Dafür in der breiten Öffentlichkeit um Spenden zu werben sei wesentlich schwerer als etwa bei einer Orgel. Unterstützen könne der Kunstdienst die Gemeinden hier nur, indem er sie berät und für Restaurierungen geeignete Fachleute vermittelt.
Tomas Gärtner
Tendenz: fallend
13. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Wirtschaftskrise ist nicht mehr bloß ein Schlagwort. Sie trifft Menschen – und auch die Kirche.

Foto: N_Sorokin/Stockxpert
Heute sprechen alle von der Krise. Als André Haufe von ihr hinweggefegt wurde, kannte er ihren Namen noch nicht. Damals, vor einem Jahr, war es noch ein fernes Rumoren. Und Haufe schraubte in den Radebeuler Hallen von KBA Planeta mannshohe Druckmaschinen zusammen. Überraschend wie eine Springflut kam sie dann: die Krise. Banken ließen plötzlich Kredite platzen, Druckereien konnten Maschinen nicht mehr bezahlen, bei KBA Planeta in Radebeul fehlte plötzlich die Arbeit.
Eine einfache Logik, die keiner der spekulierenden Finanzgurus vorausgesehen hatte. Und die zuerst Leute wie André Haufe trifft. 35 Jahre, verheiratet, drei Kinder, ein Haus gebaut. Seit Oktober 2008 ohne Job, denn sein Arbeitsvertrag war befristet. 359 Kollegen wurden von KBA Planeta bisher entlassen, 250 sollen im September folgen. War die Wirtschaftskrise für viele Menschen bislang noch ein unwirkliches Schreckensbild, wird sich das im Herbst ändern. Dann, sagen Wirtschaftswissenschaftler, stehen in Sachsen Tausende Jobs auf dem Spiel.
Die Wellen der Krise werden spätestens dann auch die Kirchgemeinden erreichen. »Es gibt viele Leute in unserer Gemeinde, die auch im Gebet an mich denken« sagt André Haufe. In der Radebeuler Lutherkirche werden die Entlassenen in die Fürbitten eingeschlossen. Arbeiter sitzen dabei in den Kirchenbänken neben Arbeitslosen und Vorstandsmitgliedern von Haufes ehemaliger Firma. Klassenkampf aber gibt es hier nicht.
»Als der KBA-Vorstandsvorsitzende Bolza-Schünemann im April seinen Hut genommen hat, wurde das in unserer Gemeinde sehr geachtet. Da hat einer Verantwortung übernommen«, sagt Pfarrer Christian Mendt. »Die Entlassungen lassen die Unternehmer unter uns nicht kalt. Vor Gott sind wir alle gleich.« Auch André Haufe glaubt das. Nein, sagt er, Wut habe er nicht. Zu verzweigt sind die Gründe der Krise, deren Opfer Haufe geworden ist – wie sein früherer Chef. Wird auch die Kirche zu ihrem Opfer?
»Die Wirtschaftskrise werden wir auf alle Fälle zu spüren bekommen«, sagt der Präsident des sächsischen Landeskirchenamtes, Hans-Dieter Hofmann. »Eingriffe in den laufenden Haushalt werden jedoch nicht nötig sein. Gegenwärtig ist auch nicht zu erwarten, dass die in den Kirchgemeinden bereits angelaufene Planung für das kommende Jahr nennenswert beeinträchtigt ist.«
Die sächsische Diakonie spürt die Folgen der Krise schon heute. Werkstätten für behinderte Menschen haben mit einem Umsatzeinbruch von bis zu 40 Prozent zu kämpfen. Obwohl die sozialen Probleme in der Krise zunehmen, fürchtet die Diakonie, dass die staatlichen Zuschüsse für ihre Beratungsangebote angesichts sinkender Steuereinnahmen zurückgeschraubt werden. Die beiden Radebeuler Kirchgemeinden ergreifen selbst die Initiative: Im Herbst werden sie in der reichsten Stadt Sachsens eine Tafel eröffnen, bei der Bedürftige Lebensmittel erhalten können. »Da ist wirklich ein Bedarf da«, sagt Pfarrer Christian Mendt.
In den Hallen von KBA Planeta reißen indessen die Gerüchte nicht ab. Und das ängstliche Rechnen mit den Punkten des Sozialplanes: Wann trifft es mich? Der Schlosser Sebastian Keil weiß nicht, an welcher Stelle er auf der Liste steht – und will es auch nicht wissen. »Angst habe ich nicht«, sagt der Vater von drei Kindern. »Aber niemand kann sagen: Ich kann nicht entlassen werden.« Der Christ Keil hat Hoffnung. Sie kommt von den zwei Maschinen, die er gerade montiert. Für Amerika! »Wenn die Amis wieder kaufen, ist es schon mal ein gutes Zeichen.«
Ist Weihnachten die Krise vorüber? Wahrscheinlich nicht. Doch Pfarrer Christian Mendt denkt schon heute daüber nach, was aus der Weihnachtsfeier werden soll, die seine Gemeinde seit drei Jahren für die Planeta-Mitarbeiter gestaltet. »Wir wollen dazu auch diejenigen mit ihren Kindern einladen, die entlassen wurden. Als ein Zeichen, dass sich die Kirchgemeinde mit ihnen solidarisiert.«
Andreas Roth
Bereicherung
7. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Foto: Mateusz Stachowski, sxc.hu
Ein alarmierendes Zeichen. Es zeigt, wie aus der Furcht davor, im Beruf und in der Gesellschaft zu kurz zu kommen, und Ressentiments gegen Fremde ein gefährliches Gemisch entsteht. Hier gegenzusteuern, sollten gerade wir Christen als dringend gebotene Aufgabe annehmen. Rechtsextreme Ideologie als mit dem christlichen Glauben unvereinbar zurückzuweisen, ist das eine. Schwieriger aber ist die Frage: Wie verhindern wir, dass Menschen, die ihre Wurzeln im Ausland haben, ausgegrenzt werden?
Wie Integration praktisch aussehen soll, darüber herrscht längst keine Einigkeit. Richtungsweisend ist da ein bundesweites Modellprojekt, an dem als einzige ostdeutsche Stadt Pirna beteiligt ist. Die Befragung von Zugewanderten und Einheimischen dazu organisiert ein Professor von der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden. Migranten werden dabei nicht als Problem, sondern Bereicherung betrachtet.
Dieser Perspektivwechsel ist entscheidend: Weg von einer als völlige Anpassung verstandenen Integration, hin zur Wertschätzung von Unterschieden. Auch Gemeinden können integrierend wirken. Sie sollten sich die Frage stellen: Wie können wir ausländische Mitbürger an der Gestaltung des öffentlichen Lebens beteiligen?
Tomas Gärtner
Ein Geben und Nehmen
7. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Ehrenamtliche Seelsorgehelferinnen und ihre Arbeit mit Gefangenen der JVA Zeithain

Angelika Neumann (2. v. l.) und Christine Sims (r.) mit den vier Insassen der Justizvollzugsanstalt Zeithain bei der Vorbereitung des Mittagessens in der Pfarrküche von Riesa-Weida. Foto: Steffen Giersch
Martin zählt schon die Tage, bis er in den offenen Vollzug verlegt wird. Dann kann der 23-Jährige ein berufsvorbereitendes Jahr absolvieren, ehe er eine Lehre als Bürokaufmann beginnt. Seine Freundin, die erst Schluss machen wollte, wenn er in den Knast kommt, wartet auf ihn. »Sie ist mein einziger Halt im Leben«, sagt Martin.
»Die meisten, um die wir uns kümmern, haben niemanden mehr. Und ohne Bezugsperson gibt es keinen Ausgang und keinen Urlaub«, sagt Angelika Neumann. Etwa 20 Häftlinge kommen einmal im Monat im Gefängnis zum Bibelgespräch. Um diesen Kreis kümmern sich die beiden Frauen besonders, besuchen die Männer in ihren Zellen, begleiten sie beim Ausgang. Einmal im Monat aber nehmen sie Gefangene, denen Hafterleichterung bewilligt wurde und die bei der Gefängnisleitung rechtzeitig einen Antrag gestellt haben, für wenige Stunden mit nach draußen in den Gottesdienst und zum gemeinsamen Mittagessen.
Heute gibt es gefüllte Paprikaschoten. Kai S. ist der Küchenchef. Der gelernte Fleischer verteilt die Arbeit: Zweibeln schälen, Paprika waschen. Er hat noch einige Monate im Gefängnis abzusitzen. Die Zeit nutzt er zu Schweißerlehrgängen. Dann will er ein neues Leben beginnen.
Als Angelika Neumann vor 14 Jahren mit der Häftlingsbetreuung anfing, hatte sie die Hoffnung, wenigstens einen wieder auf den richtigen Weg zu begleiten. »Inzwischen war ich zu vier Hochzeiten eingeladen«, erzählt sie. Zu vielen ehemaligen Häftlingen hat sie Kontakte, führt Briefwechsel. Sie hat sie ins Leben begleitet. »Ich habe ein Möbellager, bekomme Spenden an Wäsche, Geschirr und Kleidung«, sagt sie. Damit kann mancher Häftling seine ersten Schritte ins zivile Leben machen. Nicht bei allen gelingt das. Die Frauen kennen Fälle, wo ehemalige Häftlinge mit einem eigenen Haushalt total überfordert sind, sich und die Wohnung verkommen lassen und irgendwann wieder »drin« landen.
Harri B. weiß das nur zu gut. Er will selbst einen Verein gründen, »um Gefangene aufzufangen, wenn sie rauskommen«, wie er sagt. »Ich denke, ich kann da mitreden«, fügt er hinzu. Noch für August ist ihm die vorzeitige Entlassung zugesagt worden.
Angelika Neumann und Christine Sims ernten oft Unverständnis, wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit erzählen. Mitstreiter finden sie nicht. Dabei sei die Arbeit Gewinn für beide Seiten, sagt Christine Sims.
Kürzlich hörte Angelika Neumann von den Sorgen der landeskirchlichen Gemeinschaft in Pulsen mit ihrem verwilderten Grundstück ums sanierte Haus. Sie suchte Helfer für einen Arbeitseinsatz unter »ihren« Gefangenen. »Da waren alle Hände oben«, sagt Martin K., alle hätten sich gemeldet. »Soviel zum Thema Geben und Nehmen«, fügt er hinzu.
Christine Reuther
Keine Billig-Bildung
7. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Gestreikt haben die Mitarbeiter der kirchlichen Kindergärten nicht. Doch auch sie kennen mangelnde Anerkennung, knappe Löhne und kranke Rücken.

m Johanngeorgenstädter Kindergarten »Regenbogen«: Stillsitzen und Zuhören wie in der Schule lernen die Kinder bereits hier, zum Beispiel wenn Erzieherin Katja Riedel ihnen Pferdegeschichten vorliest. Foto: Steffen Giersch
Dabei lernen Kinder bei ihr und ihren vier Kolleginnen nicht wenig: Sprechen zum Beispiel, selbständig essen, soziales Verhalten – die Grundlagen. Für die Vorschulkinder haben die Johanngeorgenstädterinnen ein eigenes Bildungsprojekt entwickelt. Ehrenamtlich, weil die Arbeitszeit dafür nicht reicht. »Es würde uns schon helfen, wenn wir nicht als Tanten betrachtet werden, die nur Kaffee trinken, aufpassen und ein bisschen spielen«, sagt Heike Unger. »Das hat nicht nur mit Geld zu tun, sondern vor allem mit Anerkennung.«
Genau darum ging es auch den tausenden Mitarbeitern kommunaler Kindertagesstätten, die seit Januar in ganz Deutschland gestreikt haben. Sie erreichten damit nach zähen Verhandlungen Ende Juli einen Zuwachs ihrer meist mageren Löhne um 80 bis 140 Euro im Monat sowie einen etwas verbesserten Gesundheitsschutz. Die Kindergärten von Kirche und Diakonie sind darin nicht einbezogen.
»Mitarbeiter im Erziehungsdienst sind für ihre Schwerstarbeit unterbezahlt«, sagt Matthias Lang, Vorstandsvorsitzender des Vereins »Kinderarche Sachsen«, der als Mitglied der Diakonie Sachsen sechs Kindergärten betreibt. Während sich der Monatslohn einer Erzieherin in einem kommunalen Kindergarten in Sachsen heute zwischen 1922 und 2474 Euro brutto bewegt, können ihre Kolleginnen in Einrichtungen der Diakonie derzeit maximal 2153 Euro verdienen – allerdings kommen Kinderzuschläge und ein 13. Monatsgehalt hinzu.
Doch unterm Strich verdienten Mitarbeiter in Kindergärten der Diakonie und Kirchgemeinden meist weniger als bei den Städten und Gemeinden, sagt Matthias Lang. »Das steht uns als kirchlichen Trägern nicht gut zu Gesicht.« Die sächsische Landeskirche wie auch ihre Diakonie wollen nun zunächst abwarten, ob der Tarifvertrag für die kommunalen Kitas von den Gewerkschaftsmitgliedern in einer Urabstimmung Mitte August angenommen wird. »Wenn sich dann wirklich eine Besserstellung der kommunalen Mitarbeiter ergibt, werden weitere Überlegungen notwendig sein«, sagt Friedhelm Fürst, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes der Landeskirche. »Denn wir konkurrieren mit den öffentlichen Trägern und westdeutschen Bundesländern, die mehr zahlen als wir, um Mitarbeiter.« Die meisten sächsischen Kindergärten suchen händeringend qualifiziertes Personal.
Doch es ist nicht das mangelnde Geld oder der schmerzende Rücken, was die Kindergartenleiterin Heike Unger am meisten umtreibt. Es ist eine einfache Rechnung: »Auf dem Papier ist eine Erzieherin für 13 Kinder zuständig, in der Praxis heißt das Verhältnis oft 1 zu 23.« Eine individuelle Betreuung ist dann extrem schwierig – oder unmöglich. Wäre Abhilfe ein unbezahlbarer Luxus? »Wenn der Staat Millionen nach Afghanistan oder in Bankenaffären pumpt, dann muss das auch für Kinder möglich sein«, sagt Matthias Lang, der Chef der »Kinderarche Sachsen«. »Gerade für uns Christen ist das ein Auftrag.«
Andreas Roth
Jede Begabung wird gebraucht
7. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. Lukas 12, Vers 48

Foto: Sanja Gjenero, Sxc.hu
Zuerst war ich verwundert. Eine solch klare Ansage höre ich selten. Dann wusste ich: Das ist die richtige Frau für einen Dienst in der neu erbauten Klinik unserer Stadt. Seitdem sind drei Jahre vergangen. In der Klinik gibt es regelmäßige Seelsorgedienste mit mehreren Mitarbeitenden. Grüne Damen arbeiten dort. Ein gutes Miteinander zwischen Klinikleitung, Mitarbeitenden und Seelsorgern bringt Vorteile für alle. Mittendrin die Frau, die mir damals gegenüber saß.
Diese Geschichte steht mir vor Augen, wenn ich das Thema der neu beginnenden Woche lese: die anvertrauten Gaben. Unterschiedliche Gaben sind uns anvertraut und lassen uns dadurch eine große Vielfalt erleben. Und immer kommt es darauf an, dass jede und jeder seine eigenen Gaben entdecken kann und mutig einsetzt. Denn jedes Gaben-Geschenk begründet eine besondere Verantwortung.
Und so ist Gottes Gerechtigkeit: Er erwartet nicht von allen gleichermaßen, sondern je nach seinen Begabungen. Was machen Sie gerade mit Ihrer Begabung? Oder haben Sie sie noch nicht entdeckt? Bestimmt gibt es irgendwo einen Platz, an dem gerade Ihre Begabung gebraucht wird.
Uta Krusche-Räder ist Superintendentin des Kirchenbezirks Pirna
ADAC des Himmels
7. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Auch im Urlaub ist Kirche sichtbar – mit »Kirche Unterwegs« auf Campingplätzen oder durch Tourismusseelsorger an Urlaubsorten in ganz Europa.

© Imaginando/Fotolia.com
Als »ADAC des Himmels« bezeichnet EKD-Oberkirchenrat Michael Riedel-Schneider die Tourismusseelsorger, denn Kirche sei dort, wo Menschen unterwegs sind. »Sie fragen gerade in Urlaubszeiten stärker nach Kirche, weil sie mehr Zeit haben, eher zur Ruhe kommen«, so der Beauftragte für die Urlauberseelsorge. »Wir erreichen mit den Gottesdiensten an den Urlaubsorten die Menschen, die wir sonst im Alltag nicht erreichen.«
Drei Wochen lang unterstützen die Pfarrer ihre Kollegen vor Ort – fünf von ihnen kommen 2009 aus Sachsen. So auch Gotthard Müller aus Chemnitz. Der pensionierte Pfarrer war im Juli mit seiner Frau in Mittersill im Salzburger Land. Zum zweiten Mal besuchte das Ehepaar die Region. »Es ist angenehm, wenn man vor Ort Bekannte hat«, erzählt der 68-Jährige. Die Gemeinde hat für den Urlauberseelsorger sogar eine kleine Wohnung im Gemeindehaus eingerichtet. Müller hielt Gottesdienste, besuchte Patienten im Krankenhaus und erlebte viele bereichernde Begegnungen – sowohl mit österreichischen Gemeindegliedern als auch mit sächsischen Urlaubern. Die freuten sich besonders über den Seelsorger aus der Heimat. »Es ist eine gute Mischung aus Dienst und Urlaub«, erzählt der Pfarrer, der neben der Arbeit genug Zeit für Museumsbesuche und Wanderungen fand. »Nur leider gibt es sehr wenige Pfarrer aus Ostdeutschland, die sich als Urlauberseelsorger bewerben.«
Viele bleiben in der Heimat, um in den sächsischen Urlaubsregionen im Einsatz zu sein. Seit 36 Jahren ist Gerhard Roßbach mit »Kirche Unterwegs« auf dem Campingplatz an der Talsperre Pirk im Vogtland. Hier geht es familiär zu. Die Dauercamper fahren teilweise seit Jahrzehnten nach Pirk. Sie kennen den Diakon, plaudern mit ihm über das Wetter und die Beschwerlichkeiten des Alltags, schütten ihm ihr Herz aus. »Ohne ›Kirche Unterwegs‹ würde etwas fehlen«, so Ilona Kühner, die Geschäftsführerin des Platzes. »Sie sind ein sehr gutes Aushängeschild für uns und gehören einfach dazu, vor allem unser Gerhard.«
Der Diakon hielt am vergangenen Sonntag seinen letzten Abschlussgottesdienst. In wenigen Wochen geht er in Rente. Ein Nachfolger ist noch nicht gefunden. Bei »Kirche Unterwegs« gibt es keinen Achtstundentag, Urlaub im Sommer fällt flach. Wochenlang war Gerhard Roßbach jedes Jahr an den Talsperren Pöhl und Pirk im Einsatz. Mit ehrenamtlichen Mitarbeitern gestaltete er ein buntes Programm mit Kinderrunden, Filmabend, Konzerten und Stockbrot. »Wir wollen aber nicht nur betreuen und bespaßen, sondern auch das Evangelium zur Sprache bringen«, betont er. Auch er merkt, dass sich die Menschen im Urlaub eher die Zeit nehmen und zuhören, wenn etwa am Lagerfeuer eine Andacht gehalten wird. Ein Problem der offenen Arbeit sieht der Diakon allerdings: »Es ist schwierig, die Menschen an eine Gemeinde zu binden, nachdem sie im Urlaub erste Schritte im Glauben gegangen sind.«
Von Annika Falk
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