Steter Tropfen

25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

Steter Tropfen höhlt den Stein« möchte man sagen angesichts des Koalitionsvertrages zwischen sächsischer CDU und FDP. Zumindest was die Sonntagsöffnung von Videotheken und Autowaschanlagen betrifft. Das fordert die FDP in Sachsen seit Jahren: Bereits zu Beginn der vorigen Legislaturperiode, im Dezember 2004, hatte sie einen derartigen Antrag ins Landesparlament eingebracht. Damals galt bei der CDU noch das Bekenntnis zum Sonntagsschutz.

Foto: MrK001 (sxc.hu)

Foto: MrK001 (sxc.hu)

Nun hat die FDP ihren Willen: Die künftigen Regierungspartner haben es abgesegnet, dass man sonntags Autos waschen und Videos ausleihen darf.

Nun gut, könnte man sagen. Wen stören schon offene Autowaschanlagen am Sonntag? Und Videoschauen gehört vielleicht zu manchem Sonntagsvergnügen. Doch was für eine Einstellung steht dahinter? Was ist der Sonntag, den Menschen noch wert? Einkaufen scheint eines der beliebtesten Freizeitvergnügen zu sein. Der Andrang in immer größeren, neueren Einkaufszentren spricht für sich.

Vielleicht sagen dann manche Politiker um der Wählergunst willen eines Tages: Wenn Familien so gern Ausflüge in »Einkaufstempel« machen, warum sollen sie das nicht auch sonntags können? In die eigentlichen Tempel, sprich die Kirchen, geht ja sowieso kaum noch jemand am Sonntag. Und: Die meisten Feiertage sind ja jetzt schon nur noch Anlässe, der Kauflust zu frönen. Wozu brauchen wir sie dann noch? Das sind die Fragen, die eigentlich hinter den Autowaschanlagen und Videotheken stehen. Und wenn sie niemand mehr stellt, heißt es weiter: »Steter Tropfen …«.

Darauf sollten wir Christen immer wieder den Finger legen. Denn zu den Grundlagen unseres Zusammenlebens gehören immer noch die zehn Geboten, deren drittes lautet: Du sollst den Feiertag heiligen.

Christine Reuther

Ewiges Leben – wo gibt’s das schon?

25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

2. Timotheus 1, Vers 10

Foto: Jonathan Ruchti (sxc.hu)

Foto: Jonathan Ruchti (sxc.hu)

»Dafür hat er aber das ewige Leben!« Das sagte sie mit einer überzeugenden Geste. Es war in einem Spielwarengeschäft. Ich musste merklich die Augenbrauen angehoben haben, denn der Preis für das kleine Wägelchen schien mir recht stolz. Deshalb setzte die freundliche Verkäuferin auch gleich dazu: »Das ist aber auch was Richtiges, damit werden sie wirklich ihre Freude haben.«

Ehe ich mich entscheiden konnte, brummelte neben mir eine ältere Dame: »Ewiges Leben, so was gibt’s nicht! Alles geht kaputt. Und«, so setzte sie hinzu, »möchte ich auch gar nicht haben. Schon gut, wenn es mal Schluss ist mit dem ganzen Jammer«. Was für ein Stichwort mitten am Tag. Jetzt müsste ich doch als Pfarrer …

Mir fiel nichts ein. Auch nicht Paulus mit seinem Wochenspruch. Aber Recht hat sie die alte Dame: Ewiges Leben, immer so weiter, ohne Veränderung, das gibt es nicht. Das darf es nicht geben. »Das könnte den feinen Herren so passen«, habe ich dazu einmal gelesen. »Sie werden Freude damit haben, das ist was Richtiges«, hatte die Verkäuferin gesagt.

Könnte man es so sagen: Ewiges Leben ist richtiges, wirkliches Leben? Ein Leben das nicht nur Blendwerk ist und auf Kosten anderer geht. Ein Leben das Bestand hat: vor anderen, vor mir und vor Gott. Das auch am Ende nicht verloren geht. Jesus hat es uns verkündet und einzigartig vorgelebt.

Gott steht dazu. Mit einem solchen Leben ist es nicht aus. Es hat vor ihm und der Zeit Bestand. Und nach so was Richtigem sehne ich mich doch. Ich muss es nicht selbst hinbekommen, nur Jesus folgen. »Was ist denn nun?«, fragend sieht mich die Verkäuferin an. Mein Gott das ewige Leben! »Ja, ich nehme es« – das Wägelchen.

Matthias Weismann

Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirks Leipziger Land.

Enttäuscht von Schwarz-Gelb

25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Landesbischof Jochen Bohl (Foto: Giersch)

Landesbischof Jochen Bohl (Foto: Giersch)

Kirchen kritisieren Koalitionsvertrag der künftigen sächsischen Regierung

Die beiden großen Kirchen in Sachsen haben den Koalitionsvertrag von CDU und FDP wegen der darin enthaltenen Aufweichung des Sonntagsschutzes scharf kritisiert. Landesbischof Jochen Bohl sagte, er sei enttäuscht von der CDU und warf der Koalition eine »Politik gegen die Menschen» vor. Mit Verweis auf das Dritte Gebot forderte der Landesbischof, dass der Sonntag kein Tag werden dürfe wie jeder andere.

Der am vergangenen Mittwoch von CDU und FDP vorgestellte Koalitionsvertrag schreibt fest, dass künftig Videotheken und Autowaschanlagen auch sonntags öffnen dürfen.

Die sächsische Diakonie übt ebenfalls harte Kritik an der neuen Koalition aus CDU und FDP. »Das Wort Armut oder Armutsbekämpfung taucht im Koalitionsvertrag von CDU und FDP an keiner Stelle auf«, sagt Christian Schönfeld, Vorstand des Diakonischen Werkes der Landeskirche. »Rund ein Viertel der Bevölkerung fällt damit aus dem Blick der beiden Regierungsparteien einfach heraus.« Nirgends sei in dem Papier von Gemeinwohl und sozialer Gerechtigkeit die Rede.

Nach Ansicht des Diakonie-Chefs sei eine Verbesserung des Betreuungsschlüssels in Kindergärten dringlicher als die nun von CDU und FDP beschlossene Flexibilisierung der Kita-Öffnungszeiten. Schönfeld forderte die neue Staatsregierung zur Solidarität mit den Städten und Gemeinden auf. »Wir können nur hoffen, dass der Freistaat mit seinen Landkreisen und Kommunen, deren öffentliche Armut durch den Steuerausfall noch deutlich steigen wird, tatsächlich solidarisch ist und sie in die Lage versetzt, ihre sozialen Aufgaben auch zu erfüllen.«

Positiv bewertet die evangelische Landeskirche dagegen, dass die neue Regierung die bisherige finanzielle Unterstützung für freie – auch konfessionelle – Schulen überprüfen will. Der Bischof des katholischen Bistums Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, hofft deshalb, »dass nun endlich die Ungerechtigkeit in der Berechnungsformel für die Zuschüsse für Schulen in freier Trägerschaft nicht nur untersucht, sondern auch korrigiert« werde. »Wir brauchen keine Trost­pflästerchen, sondern Gerechtigkeit«, so Reinelt.

Andreas Roth / epd

Abgeschriebene Stimmen

25. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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© paxi+Huebi/Fotolia.com

© paxi+Huebi/Fotolia.com

Am Sonntag ist Bundestagswahl. Doch wer arm ist und ohne Arbeit, fühlt sich oft ausgeschlossen – auch von der Demokratie.

Kunze hat seine Stimme abgegeben, schon lange vor der Wahl. Gefaltet hat er die Einladung zur Stimmabgabe. Dann zerknüllt. Ab in die blaue Tonne, wo sich die Zeitungen mit all den Wahlversprechen türmen. »Meine Stimme«, sagt Matthias Kunze (alle Namen geändert), der sonst lieber schweigt, »meine Stimme kommt sowieso nicht dort an, wo sie hin soll.«

Da wirft Kunze sie lieber eigenhändig in den Müll. Was soll ihm auch die Demokratie, wenn einer wie er – ein kräftiger Mann von 42 Jahren, davon 14 ohne Arbeit – nur wenige Wochen vor der Wahl mit Atemnot ins Krankenhaus kommt und die Ärztin ihn noch vor der Behandlung harsch anfährt, warum er nicht Geld für die Zuzahlung dabei hätte. Eine Ohnmacht spürte Kunze da – auch die Ohnmacht, über solch eine Gesundheitspolitik mitbestimmen zu können.

Er sagt: »Das ist keine Demokratie.«

Jetzt sitzt Kunze donnerstags im Teekeller unter der Leipziger Michaeliskirche und lobt die DDR. Die, die sich hier treffen, haben ähnliche Probleme wie Kunze: Wenig Geld, wenig Hoffnung, keine Arbeit. Wenn die Rede auf die Politik kommt, kann sie auch der rote Tee nicht mehr milde stimmen. Dann wird es laut.

»Doch«, sagt Rainer Becker, der zu den Nachdenklichen hier gehört, »die Demokratie ist schon gut«. Aber gerecht müsse sie sein. Zwei Berufe hat der 47-jährige Leipziger, und immer noch keine Stelle. Wählen geht er trotzdem – um nicht die NPD zu stärken. »Wir Armen und Arbeitslosen sind wahrscheinlich noch zu wenige«, überlegt Becker. »Die in Berlin haben ihre Mittelschicht, die ihnen die Stimmen einbringen. Und damit ist es für die gut.«

Ist das nur das Klagelied der Enttäuschten, der Verdruss der Zukurzgekommenen? Nein, hier geht es um Politik. In ihrer allernacktesten Form. Um einen Kindergartenplatz für Melanie Preißlers dreijährigen Sohn zum Beispiel. Seit anderthalb Jahren sucht die schmale, junge Mutter. Erfolglos. Sie will gern arbeiten – aber wie soll das gehen, wenn sie noch ihren Sohn betreuen muss?

Dafür bekommt sie vom Staat Arbeitslosengeld II, das so genannte Hartz IV. Die rot-grüne Bundespolitik hat es vor vier Jahren eingeführt. Und auch das hat sie eingeführt: Das Kindergeld, das alle Eltern in Deutschland erhalten, wird den Ärmsten unter ihnen als Einkommen gleich wieder von den staatlichen Hilfen abgezogen.

»50 Euro bleiben mir im Monat für meinen Sohn«, rechnet Melanie Preißler leise vor. »Er braucht Essen, er braucht eine Winterjacke, er braucht Stiefel – allein die kosten schon im Billigladen 40 Euro.«

Aber am 27. September, das weiß die junge Mutter, geht sie ins Wahllokal. Warum? Sie überlegt lange. »Damit ich meine Stimme irgendwie abgegeben habe.« Sie würde was mit Tieren wählen, vielleicht die Tierschutzpartei. Die hat für sie ehrliche, überschaubare Ziele, die berühren sie. Anders als die großen Parteien.

Ob sie in der Demokratie wirklich mitbestimmen kann? Melanie Preißler schüttelt den Kopf – so wie alle im Erwerbslosentreff unter der Michaeliskirche. »Ich habe kein Vertrauen mehr in diesen Staat«, sagt Ralf Schneider. 42 Jahre ist er alt, hat Maurer gelernt und Fleischer. Jeden Tag, sagt Schneider, halte er Ausschau nach Arbeit. Was er findet, sind Jobs für fünf, sechs Euro die Stunde irgendwo am anderen Ende der Republik. Und die Frage: Kann man davon in Würde leben?

Die politischen Debatten um den Mindestlohn erreichen Schneider schon nicht mehr. Seit zehn Jahren hat er nicht mehr gewählt. »Ihre Versprechen halten die Politiker ohnehin nicht.« Sein früherer Schulkamerad ist jetzt Innenminister in Sachsen-Anhalt. Sie grüßen sich nur von weitem.

Jetzt ist Wahlkampf. Die Kandidaten tätscheln Kinderköpfe, loben Hunde, legen Grundsteine. Doch in den Keller unter der Leipziger Michaeliskirche ist noch keiner von ihnen hinabgestiegen.

Andreas Roth

Mein Spruch zur halben Nacht

17. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Alle eure Sorgen werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

1. Petrusbrief, Kapitel 5, Vers 7

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Foto: Nils Thingvall, sxc.hu

Foto: Nils Thingvall, sxc.hu

Manchmal, so gegen Morgen, wird genau dieser Spruch mein Spruch zur halben Nacht. Vielleicht kennen Sie das ja auch? Eigentlich schläft noch alles. Aber die Gedanken sind auf einmal blitzmunter. Noch ist der Körper erschöpft, doch das Problem ist längst wieder wach. Nur die Müdigkeit hatte es gestern Abend in die Ecke geschoben.

Doch jetzt, bereits in der halben Nacht fängt es schon wieder an, sich zu drehen. Immer schneller. Aber nicht nur das, flugs zieht es andere in seinen fruchtlosen Tanz. Und schon wirbeln all die ungelösten Fragen mit den unerledigten Aufgaben, die noch zu machenden mit den bereits versäumten Terminen, die ärgerlichen Lappalien mit den wirklichen Menschheitsproblemen wie wild geworden durcheinander. Kein anmutiger Reigen. Ärger kommt auf: »Schlaf lieber oder steh auf, trink einen Tee, mach was Vernünftiges. Jetzt kannst Du eh nichts bewirken.«

Doch dann leuchtet mir manchmal dieser Spruch. Merkwürdigerweise nie als erstes.
Weil Sorgen immer etwas mit quälenden Fragen und eigenen Schuldanteilen, wenigstens mit Versäumnissen zu tun haben, sind sie so hartnäckig. Die einzelnen »Aufreger« stehen fast immer in einem viel größeren Zusammenhang wiederkehrender Sorgen.

Deshalb zielt der Rat aus dem 1. Petrusbrief auf die eigentliche Hilfe. Das Belastende nicht auf andere zu schieben, mich auch nicht abzulenken, nicht schön zu reden oder alles selber lösen zu wollen, sondern dem anzubefehlen, der die Zusammenhänge wirklich kennt – also auch mich und meine Anteile. Dem, der trotzdem zu mir steht, und nicht nur das. Die Sorgen auf Gott zu werfen, der sich nicht sorgt, sondern für mich sorgt. Und zwar wirklich. So, dass ich sogar wieder ruhig schlafen kann.

Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirks Leipziger Land.

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Klare Ansage

17. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

2009 hat die Landeskirche zum Aktionsjahr erklärt: Für Demokratie und gegen Rechtsextremismus. Nun hat die NPD die Hälfte ihrer Wähler verloren – und sitzt doch wieder im Landtag.

Man kann nichts gegen die vielen NPD-Plakate tun? Doch, sagten sich Christen aus der Sächsischen Schweiz vor der Landtagswahl.   Foto: Steffen Giersch

Man kann nichts gegen die vielen NPD-Plakate tun? Doch, sagten sich Christen aus der Sächsischen Schweiz vor der Landtagswahl. Foto: Steffen Giersch

Am Abend des 30. August hatte Holger Apfel keine gute Laune. Seine NPD hatte bei der Landtagswahl an diesem Tag ihre Wäh­ler­zahl soeben halbiert. »Das war ein Kartell gegen die NPD«, vergaß der Fraktionschef vor keinem Mikrofon zu schimpfen: »Ein Kartell aus Parteien, Gewerkschaften – und Kirche!«

Joachim Rasch dürfte für Apfel sicher auch dazu gehören. Zehn Tage vor der Wahl zog der Sebnitzer Pfarrer kurz entschlossen mit einer Handvoll Menschen aus seiner Kirchgemeinde und mit der Unterstützung örtlicher Gastwirte los, legte die Leiter an die Laternenmasten und plakatierte eine Entschuldigung für die ausländerfeindlichen Parolen der NPD. Mitten in der der Hochburg der Rechtsextremen. Es dürfte dies einer der Höhepunkte des Aktionsjahres der sächsischen Landeskirche für Demokratie und gegen Rechtsextremismus sein.

Im Vorfeld der Wahl hatten auch Landessynode wie Landesbischof und manche Pfarrer zur Wahl demokratischer Parteien aufgerufen und erklärt: »Rechtsextreme Parteien wie die NPD sind für Christen nicht wählbar.« Doch was können Kirchgemeinden und Christen konkret gegen Rechtsextremismus und für eine demokratische Kultur tun?

Die sächsische Arbeitsgruppe Kirche und Rechtsextremismus gab dazu eine Broschüre heraus, das Landesjugendpfarramt geht mit seinem Projekt »Demokratie lernen« direkt zu Schülern, Lehrern, Pfarrern und Studenten – in 21 Veranstaltungen allein im Aktionsjahr. Berater des Kulturbüros Sachsen, das sich auf demokratische Aufklärung spezialisiert, besuchten 2009 über 14 Kirchgemeinden und vier Kirchenbezirkssynoden. Einiges ist in Bewegung gekommen.

»Doch gemessen an den 800 Kirchgemeinden in unserer Landeskirche ist das nicht viel«, räumt Pfarrer Karl-Heinz Maischner von der Arbeitsgruppe Kirche und Rechtsextremismus ein. »In vielen Gemeinden wird das Thema noch immer totgeschwiegen.«

Als das Kulturbüro Sachsen im vergangenen Juni in der Kirchgemeinde Sebnitz zu einem Gesprächsabend einlud, kam nur eine Dutzend Interessierte – in einer Stadt, in der die NPD regelmäßig zweistellige Wahlergebnisse einfährt. »Viele Menschen haben Angst, zur Zielscheibe zu werden. Andere wollen sich einfach aushalten«, sagt Pfarrer Joachim Rasch.

Er ahnt, dass mit der bloßen Abgrenzung zu den Rechtsextremen keine Menschen zu gewinnen sind. Deshalb hat er im Religionsunterricht mit seinen Schülern die Todesstrafe diskutiert, die Neonazis lauthals fordern. »Wir müssten noch viel mehr den platten Parolen entgensetzen«, glaubt Rasch. »Wir trauen uns nur oft nicht.«

Andreas Roth

Augen auf!

17. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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augen_aufSeit neun Jahren engagiert sich in der Oberlausitz eine Initiative von jungen Menschen für Demokratie und für eine vielfältige Kultur, die auch die polnischen und tschechischen Nachbarn einbezieht. Dass dieser Zittauer Verein jetzt mit dem Förderpreis der Deutschen Nationalstiftung geehrt wurde, zeigt, für wie wichtig seine Arbeit im Dreiländereck auch auf Bundesebene gehalten wird.

»Augen auf!« – so haben die Gründer ihren Verein genannt. Eine Aufforderung, die an alle Bürger gerichtet ist, auch an uns in den Kirchgemeinden.

Gerade wir dürfen nicht wegsehen, wenn rechtsextremistische Demokratiefeinde aus der Frustration über hohe Arbeitslosigkeit und Unsicherheit Kapital für eine Politik schlagen, die sich keinen Deut um Menschenwürde schert.

Mit Vereinen wie »Augen auf« gibt es vielerorts muntere Gruppen, die nicht nur reagieren, wenn irgendwo Neonazis marschieren, sondern selbst Angebote machen. Die an Schulen und in Vereine gehen, Sportveranstaltungen oder Kulturfeste organisieren. Sie wollen Jugendlichen zeigen, dass eine demokratische Kultur der Vielfalt einfach größeren Spaß macht als nationalistische Beschränktheit und bornierte Haudrauf-Parolen.

Wenn Kirchgemeinden etwas gegen Rechtsextremismus tun wollen, sollten sie vor allem die Augen aufmachen und nach Verbündeten in ihrer Umgebung schauen – nach solchen wie diesem Zittauer Verein zum Beispiel. Sie könnten so dafür sorgen, dass aus Einzelinitiativen jenes breite Bündnis wird, von dem Demokratie lebt. Und sie könnten dort selbstbewusst von ihrem christlichen Glauben sprechen – als das sicherste Fundament für Demokratie und Menschenwürde.

Tomas Gärtner

Internetverweis zum Projekt: http://www.augenauf.net

»Alles zieht an mir«

17. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Zeit für Arbeit oder Kinder? Viele Väter sind hin- und hergerissen. Die Kirche sollte sie bei ihrer Suche nach neuen Wegen begleiten.

Das Pferd ist für die zehnjährige Theresa und ihren Vater Uwe Hübler schwer zu bändigen – so wie die Zeit füreinander, die wie in vielen Familien oft flüchtig und knapp ist.<br />
Foto: Steffen Giersch

Das Pferd ist für die zehnjährige Theresa und ihren Vater Uwe Hübler schwer zu bändigen – so wie die Zeit füreinander, die wie in vielen Familien oft flüchtig und knapp ist. Foto: Steffen Giersch

Ein wenig unsicher blickt Uwe Hübler über den Koppelzaun. »Mal sehen, ob das Reiten was wird«, grübelt er. Doch wenn Hübler hinüber zu seiner Tochter sieht – ein bezopftes Pferdemädchen von zehn Jahren – falten sich seine Augen zu einem verschmitzten Lächeln. »Ich habe ja Theresa dabei, da kann nichts passieren.«

Und nichts kann sie stören: Das Handy ist aus, der Terminkalender weit weg. Geschenkte Zeit. »Es ist schön, Papa mal nur für mich zu haben. Sonst kommt er oft erst abends wenn ich schon im Bett bin«, sagt Theresa. Papa nickt: »Familie, Beruf, der Kirchenvorstand, der Chor, die Behindertenarbeit«, zählt der 39-jährige Eppendorfer auf: »Alles ist wichtig und zieht an mir.« Das ist das Grundgefühl vieler moderner Väter. Sie sollen erfolgreich sein, aber zugleich viel Zeit für ihre Kinder haben. Oft wollen sie das auch selbst – und bleiben ratlos zurück: Wie soll Mann das vereinbaren?

Wenigstens ein Wochenende lang gelingt es Uwe Hübler und sieben anderen Männern problemlos: Auf einem Pferdehof im erzgebirgischen Neuhermsdorf beim Vater-Tochter-Wanderreiten der landeskirchlichen Männerarbeit. »Wir sind mit unseren Angeboten schon da, lange bevor das Väter-Thema Trend geworden ist«, sagt deren Geschäftsführer Thomas Lieberwirth.

Allein in diesem Jahr haben an Segel-, Fußball-, Reit- und Zeltfreizeiten 100 Väter und ihre Kinder teilgenommen. »Die Vater-Kind-Beziehung ist auch theologisch wichtig«, glaubt Lieberwirth. »Wenn Kinder mit ihrem Vater Probleme hatten, wird der Glauben an einen himmlischen Vater schwierig. Die Vermittlung von Glaubensinhalten durch den Vater ist gerade für Jungen wichtig.«

Uwe Hübler streichelt nachdenklich den Schimmel, der ihn auf dem Erzgebirgskamm neugierig beschnuppert. »In der Kirchgemeinde hat man als Vater nicht so viel Anschluss bei Angeboten für Kinder. Das ist immer Frauensache.« Deshalb rief der Rochlitzer Heiko Heilmann im vergangenen Januar in seiner Gemeinde ein monatliches Vater-Kind-Angebot ins Leben – und musste es schnell wieder begraben: Mangels Interesse. »Vielleicht wollen Väter solche festen Angebote gar nicht«, überlegt Heilmann. »Ein Mann ist sicher schneller für den Posaunenchor oder den Kirchenvorstand zu gewinnen als für einen Vater-Kind-Kreis.«

Männer sind anders – Väter auch. Auf dem Reiterhof in Neuhermsdorf umarmt die 12-jährige Larissa ihren Vater, nachdem sie gemeinsam ihr Zelt aufgebaut haben: »Er macht mehr fetzige Dinge und denkt sich Besonderes aus. Die Mama ist mehr ruhig.« Papa Matthias Häschel lächelt. »Ich finde es ganz wichtig, dass Väter anders sind als Mütter. Man ergänzt sich. Das ist bewusst so angelegt in der Schöpfung.«

Nicht göttlichen Ursprungs jedoch ist jener Unterschied: »Frauen machen nach wie vor deutlich mehr mit Kindern als Männer«, konstatiert eine Studie der evangelischen Männerarbeit. »Beim Spielen und Spazierengehen können die Männer mit den Frauen mithalten, nicht aber beim Kuscheln, trösten, waschen, ins Bett bringen.«

Wie Uwe Hübler so in der Abendsonne auf der Pferdekoppel steht und seiner Tochter zusieht, weiß er: All das will er auch. »Die Beziehung zu einem Kind ist ein bleibender Gewinn für das ganze Leben. Aber im Alltag scheitert es oft an der Arbeit und den vielen Verpflichtungen.« Das neue Väter-Ideal macht da manchmal alles nur noch komplizierter. »Auch in der Vaterrolle muss nun alles perfekt sein – und vieles wird dann Stress.« Die Kirche könnte ein behutsamer Begleiter sein für Männer, die neue Wege suchen. Wie für Uwe Hübler an diesem Spätsommerabend. Er sieht zu seiner Tochter, und springt über den Pferdezaun. Leichtfüßig, wie ein Junge.

Andreas Roth

»Gott riss das Ruder herum«

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Für den Gornsdorfer Manfred Keller gehören die 9. November 1989 und 1938 zusammen.

»Wenn ein Volk Gott um Verzeihung bittet, kommt etwas in Bewegung«, davon ist Pfarrer Manfred Keller überzeugt. Deshalb nimmt er zu jeder Lesung aus seinem Wende-Buch auch den hölzernen Davidstern mit. (Foto: Steffen Giersch)

»Wenn ein Volk Gott um Verzeihung bittet, kommt etwas in Bewegung«, davon ist Pfarrer Manfred Keller überzeugt. Deshalb nimmt er zu jeder Lesung aus seinem Wende-Buch auch den hölzernen Davidstern mit. (Foto: Steffen Giersch)

Das, was man später die »Wende« nennen würde, begann für Manfred Keller mit einem Besuch beim Tischler. Einen Davidstern aus Holzlatten sollte der dem Pfarrer des erzgebirgischen Dorfes Jahnsbach zimmern. Als der Bußtag im November 1988 herankam, legte Keller ihn auf den Taufstein seiner Kirche und fragte seine Gemeinde: »Wer kann sich noch erinnern, was im November vor 50 Jahren geschehen ist?«

Eine Handvoll Frauen und Männer kamen nach vorn und erzählten: Von den großen jüdischen Kaufhäusern im nahen Chemnitz, von der brennenden Synagoge, von der Pogromnacht am 9. November 1938. Dann fragte Keller die Gemeinde, ob sie sich vorstellen konnten, Gott um Vergebung zu bitten. Es geschah in aller Stille und mit vielen Kerzen. »Wenn ein Volk sich demütigt und im Gebet um Verzeihung bittet, dann reagiert Gott vielleicht«, hoffte Keller. »Dann kommt etwas in Bewegung.«

Manfred Keller traut Gott Großes zu. Das war schon so, als er seit 1972 Jugendwart im Kirchenbezirk Aue war. Immer im Schatten des mächtigen Uranbergbaus der Wismut, vom SED-Staat äußerst misstrauisch beobachtet. Und dennoch gelang es dem damaligen Diakon, zu den Rüstzeiten, evangelischen Jugendtagen und offenen Abenden hunderte junge Menschen anzuziehen. Im Grunde, sagt Manfred Keller, sieht er sich immer zuerst als Missionar für die frohe Botschaft Jesu – ob er nun Bibelverse predigte oder gegen den Wehrdienst in der NVA.

»Der K. entwickelte sich im Kreis Aue zu einem der reaktionärsten und aktivsten Würdenträger der ev.-luth. Kirche«, schrieb die Stasi-Kreisdienststelle Zschopau in ihre Akten. »Er ist Wehrdienstverweigerer und seine Angriffe richten sich besonders gegen den Wehrkundeunterricht.« Als Keller 1988 Pfarrdiakon in Jahnsbach wurde, ließ ihn die Staatssicherheit durch sechs Inoffizielle Mitarbeiter beschatten.

Dann kam der Herbst 1989. Demonstrationen, das »Neue Forum« oder Friedensgruppen gab es in dem 1500-Einwohner-Dorf nicht. Dafür das Friedensgebet in Manfred Kellers Kirche. Und weil der Druck auch in dem Erzgebirgsort wuchs, lud der Pfarrer zusammen mit anderen in den Gasthof zu einem Einwohnerforum ein. Der Saal war voll, und die Wogen schlugen hoch. »Endlich durften die Menschen sagen, was sie schon immer sagen wollten«, erinnert sich der 67-jährige Keller, der heute im Ruhestand ist. »Der Kessel war zum Überlaufen voll.«

Es ging um ganz Handfestes: Christliche Schüler sagten dem scharfen Direktor die Meinung, Einwohner beschwerten sich über die Verbrennung von Kunststoffen im örtlichen Bademodewerk – und über die stinkende Gülle der LPG-Rinderzucht. So begann die Freiheit in Jahnsbach.

Als die Versammlung abends nach zehn zu Ende war, gingen die Bürger aufrecht durchs Dorf. Rechts und links der Straße standen die Fester offen. Aus ihnen rief es. Die Mauer ist auf! »Wir konnten es kaum fassen«, sagt Manfred Keller. »Der lebendige Gott hatte das Ruder herumgerissen.« Es war der 9. November, 51 Jahre nach dem Brand der Synagogen.

Andreas Roth

Manfred Kellers Buch »Wendegeschichten« kann beim Autor für 8,50 Euro bestellt werden:
August-Bebel-Straße 15, 09390 Gornsdorf, E-Mail manfred.keller1@gmx.de.

Endlich angekommen

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Russlanddeutsche Aussiedler sind oft evangelisch – aber selten in Kirchgemeinden. Sie haben einen langen Weg hinter sich. Und neue Probleme.

Ein Stück Russland in der neuen Heimat Sachsen: Jeden Abend treffen sich die Aussiedler Elisabeth Baglay, Wassili und Laura Schachalai, Ella Wolf und Jelena Holzwart (v.li.). (Foto: Steffen Giersch)

Ein Stück Russland in der neuen Heimat Sachsen: Jeden Abend treffen sich die Aussiedler Elisabeth Baglay, Wassili und Laura Schachalai, Ella Wolf und Jelena Holzwart (v.li.). (Foto: Steffen Giersch)

Jeden Abend, wenn die Sonne untergeht, kommen sie heraus. Setzen sich auf die drei Sandsteinquader im Schatten der Plattenhäuser, und erzählen sich all das Gute in ihrem Leben – und all das Schlechte. Über den Krieg, die vielen Abschiede, Vertreibungen und Umzüge. Die ständige Fremdheit.

Nun sind sie angekommen in der Heimat ihrer Vorfahren. In Deutschland. Und die sechs Frauen hocken draußen im Freitaler Neubaugebiet Zauckerode, so wie es die Alten in ihren sibirischen, kasachischen und kirgisischen Dörfern tun – und reden: auf Russisch. Wenn aber die 65-jährige Ella Wolf ihre Muttersprache spricht, hat sie einen schwäbisch-weichen Klang. So singt und betet sie sonntags auch in der Kirche oben in Pesterwitz. »Warum soll unser Gottesdienst auch auf Russisch sein?«, fragt sie, beinahe entrüstet. »Wir sind Deutsche und verstehen Deutsch.«

Ella Wolf ist eine Seltenheit. Nur eine Handvoll Russlanddeutscher kommen sonntags mit ihr in die Pesterwitzer Kirche, zu der das Gebiet in Freital-Zauckerode gehört. Dabei ist jeder dritte Einwohner hier Aussiedler, und fast jeder Zweite unter ihnen in Sachsen sieht sich als »evangelisch« an.

Warum sie dennoch nicht in die Kirche finden? Wadim Lechner hebt ratlos die Schultern. Vor sieben Jahren kam der 41-Jährige mit seiner Familie aus dem Altai nach Freital, nun ist er Kirchenvorstand. »Uns hat die Pesterwitzer Gemeinde eingeladen, offen aufgenommen und unterstützt.«

Doch viele Russlanddeutsche machen nicht auf, wenn die Kirchgemeinde klingelt. Zu fremd sind ihnen das Land, die Sprache und auch die hiesigen Glaubensgemeinschaften. In Löbau beispielsweise mietete die Kirchgemeinde vor drei Jahren eigens eine Wohnung in einem von vielen Aussiedlern bewohnten Neubauviertel, um ihnen näher zu kommen. »Aber man spürte kaum ein Echo«, sagt Pfarrer Friedrich Krohn enttäuscht. »Es verlief sich im Sande.«

Sucht man nach den Gründen, kann man bei den Frauen auf dem Hof von Freital-Zauckerode fündig werden. Bei Irina Lotz zum Beispiel. Sie kann sich noch an die Wasserschüssel auf dem Tisch erinnern, mit der sie getauft wurde – zu Hause, von ihrer Urgroßmutter. Eine Kirche gab es weit und breit nicht im kasachischen Kindheitsort der 50-Jährigen, Taufen war verboten. »Meine Urgroßoma sagte: In unserem Glauben ist es nicht so wichtig, in die Kirche zu gehen. Wir können auch zu Hause glauben und beten.«

Anatoli Jurk tut das nicht. Ihn plagen andere Sorgen. Als Kind hat er mit seiner deutschen Großmutter gebetet. Doch erzogen wurde der heute 24-Jährige – so wie die meisten seiner Generation – atheistisch.Wie fast jeder dritte Spätaussiedler ist er ohne Arbeit, denn ihre Schul- und Berufsabschlüsse werden in Deutschland oft nicht anerkannt. Und da ist noch die fremde Sprache der Vorfahren – Anatoli Jurk muss sie in Freital erst mühsam erlernen. So wie er tragen viele Spätaussiedler an dem Erbe der sowjetischen Politik, die ihren deutschen Bürgern lange ihren Glauben, ihre Sprache und Kultur verbot.

Heimat? Dieses Gefühl muss nun erst wachsen, auch in Freital-Zauckerode. Noch prallen in dem Plattenbaugebiet mitunter Gegensätze auf­einander, gerade unter den Jungen: Die »Deutschen« hier, die »Russen« dort. Jetzt hat die Kirchgemeinde Pesterwitz einen Mitarbeiter eingestellt, der auf den Straßen den Kontakt zu russlanddeutschen Kindern und Jugendlichen suchen soll. Um den Weitgereisten ein klein wenig entgegenzukommen.

Andreas Roth

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