Das Amt der Einheit

3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Seit fünf Jahren ist Sachsens Landesbischof Jochen Bohl im Amt. DER SONNTAG befragte ihn zu seinem Glauben, unserer Kirche und dem Zeitgeschehen.

Landesbischof Jochen Bohl © Steffen Giersch

Hat sich der Mensch und Christ Jochen Bohl durch das Bischofsamt verändert?
Ein anderer Mensch bin ich nicht geworden. Aber mit diesem Amt und seiner umfassenden Beanspruchung zu leben, das hat mich verändert und prägt mich sehr.

Haben Sie als Bischof Erkenntnisse gewonnen, die in Ihrem Glaubensweg vorher nicht so deutlich waren?
Jeder Mensch lernt unentwegt, und auch das Leben im Glauben kennt keinen Stillstand. Zum Beispiel habe ich im letzten Jahr beim Pfarrertag über die Opfertheologie gesprochen, weil ich denke, sie ist in den Gemeinden dran. Unter der Pfarrerschaft ist das ebenfalls ein wichtiges Thema – und auch für mich selbst hat die intensive Arbeit Klärung bewirkt.

Jochen BohlBrauchen wir den Opfertod Jesu, um selig zu werden?
Christus ist für uns gestorben und das bedeutet: Er ist für mich gestorben, denn wie jeder Mensch bin ich der Macht der Sünde verhaftet – das kann man sich auch nicht aussuchen. Insofern halte ich es für verfehlt, wenn man sich vom Gedanken, dass Christus für uns an das Kreuz ging, verabschieden würde. Manche denken, dass dieser Glaubenssatz in dieser Zeit nicht vermittelt werden könne. Das sehe ich anders, denn es ist ja nicht so, dass Gott versöhnt werden müsste, was viele irrtümlich denken – als sei es ein rachsüchtiger Gott, dem ein Opfer gebracht wird. Sondern es geht darum, dass Christus ein Opfer gebracht hat, um für uns die Trennung von Gott zu überwinden.

Wie wörtlich müssen wir biblische Aussagen nehmen?
Man darf die Bibel nicht nur als ein Dokument einer vergangenen Zeit lesen. Wenn Menschen sagen, für sie ist die Bibel das unverfälschte Wort Gottes, so freue ich mich darüber und sage: ja, auch ich begegne in ihr der persönlichen Anrede Gottes. Zugleich ist mir die historisch-kritische Erforschung unverzichtbar. Denn es ist ja offenkundig, dass auch die biblischen Autoren unterschiedliche Akzente setzen, die verstanden und eingeordnet sein wollen. Johannes schreibt das Evangelium anders als Markus, und Lukas zeigt insbesondere die soziale Dimension der Guten Nachricht auf. Insofern wird eine gute und gründliche theologische Ausbildung der Pfarrer unbedingt gebraucht, darauf werden wir auch in Zukunft großen Wert legen.

Wie sehen Sie das Verhältnis zu den Freikirchen?

Ich möchte da unterscheiden zwischen den traditionellen Freikirchen, die es seit langem gibt, und den Gruppierungen, die sich in den letzten Jahren von unserer Landeskirche getrennt haben. Letzteres empfinde ich als ein ernstes Problem, und zwar für beide Seiten. Es ist schmerzhaft, wenn Menschen unsere Landeskirche verlassen. Das gilt umso mehr, wenn sie ihren Glauben besonders ernst nehmen wollen. Ich frage aber, ob es sich nicht meist um eine erste Begeisterung handelt, die mit einem fehlenden Verständnis für das Vertraute einhergeht. Oft kommt nach kurzer Zeit die Erkenntnis, dass Probleme geblieben sind und es unverändert schwer ist, damit umzugehen. Die Landeskirche bietet so viele Möglichkeiten, den eigenen Glauben zu leben, dass der Entschluss, sich von der Landeskirche zu trennen, meist doch sehr leichtfertig anmutet. Wir sollten uns schon bemühen, beieinander zu bleiben. Auch ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, denn das Bischofsamt ist das Amt der Einheit.

Jochen Bohl

Wir haben starke Landeskirchliche Gemeinschaften. Wie sehen Sie diese eigenen Strukturen innerhalb der Ortsgemeinden?
Das Verhältnis zur Landeskirchlichen Gemeinschaft schätze ich als sehr gut ein, sie ergänzt unseren Dienst. Wir sind in einem ständigen Gesprächsprozess und ich schätze an den Schwestern und Brüdern, dass sie die Einheit der Landeskirche als hohes Gut ansehen. Das ist besonders wichtig, weil der Zeitgeist auf Trennung aus ist. Wir leben im Zeitalter der Individualisierung und der Pluralisierung der Lebensmöglichkeiten. Jeder Mensch hat viele Optionen, sein Leben zu gestalten. Davon wird auch die Kirche beeinflusst. Um so wichtiger ist es, dass wir in das Gebet Jesu einstimmen, »dass sie alle eins seien« (Johannes 17).

Wären nicht etwas freiere Strukturen gut: dass Gemeinden mehr Verantwortung für Geld und Personal haben?

Die Kirchgemeinden haben bereits seit einigen Jahren die Möglichkeit, zusätzliches Personal aus eigenen Mitteln zu beschäftigen. Zugleich werden wir alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht, um die Personal­ausstattungen im Verkündigungsdienst so gut zu halten, wie es eben möglich ist. Im Vergleich der EKD-Kirchen schätze ich die Finanzausstattung der sächsischen Kirchgemeinden als überdurchschnittlich ein.

Wie kann die Kirche auf die alternde Gesellschaft reagieren?

Unsere Zielgruppe Nummer eins sind Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien. Wir wollen alles mögliche tun, um ihnen in unserer Kirche eine Heimat zu bieten. Gerade in der Kindergartenarbeit haben wir Anknüpfungspunkte, um mit jungen Eltern zu sprechen, die ihre Kinder in einen unserer Kindergärten schicken. Dieser ganze Bereich hat hohe Priorität, vor allem aus missionarischen Gründen. Was nicht bedeutet, dass wir die Alten aus dem Blick verlieren. Ich freue mich ganz besonders darüber, dass die Zahl der Ehren­amtlichen stetig steigt. Da sind viele Ältere darunter. Ich bin dankbar, dass sie das Leben in der Landeskirche in starkem Maße prägen.


Sehen Sie in unseren Gemeinden die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten ausreichend repräsentiert?

Leider nicht, so erreichen wir unter den Jugendlichen im Wesentlichen Gymnasiasten. Mittel- und Hauptschüler kommen bei uns leider schon seit langem zu kurz. Dass wir alle gleichermaßen ansprechen können, ist unter den Bedingungen der Individualisierung wohl nicht möglich. Dennoch empfinde ich das Fehlen ganzer Bevölkerungsgruppen im kirchlichen Leben schon als ein Manko, das uns nicht ruhen lassen sollte. Deswegen ist zum Beispiel die sozial-diakonische Jugendarbeit so wichtig.

Jochen Bohl

Täte nicht mehr Armut oder Demut der Kirche gut?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auch als arme Kirche in der Lage wären, Christus zu bezeugen. Aber wir sollten uns eine solche Situation nicht herbei wünschen. Schon deswegen nicht, weil wir dann nicht die Mittel hätten, den Armen zu helfen. Was da von Kirche und Diakonie getan wird mit Spenden, Kollekten, Kirchensteuern, ist bemerkenswert. Demut wiederum ist eine geistliche Haltung, zu der niemand ein für alle mal gefunden hat. Wer sie einnimmt, wird an die Seite der Armen und Schwachen treten. In Deutschland ist es lange Tradition, dass die Kirche sich aus diesem Grund einmischt in die Gesellschaft – und das werden wir auch weiter tun.

Können Sie Beispiele nennen?

Beim Schutz des Sonntags beispielsweise. Oder denken sie daran, was in den letzten Jahren für behinderte Menschen in Sachsen erreicht worden ist. Da hat sich die Diakonie von unserem Menschenbild her eingebracht. Was wir von der aktuellen Krise des Finanzsystems oder dem politischen Extremismus halten, kann jeder wissen. Aber wir spielen als Kirche eine andere Rolle als Parteien. In der Frage des Mindestlohns etwa haben wir keine besondere Kompetenz und sollten auch nicht so tun, als hätten wir sie.

Müsste Kirche nicht viel mehr intervenieren, wenn sich in der Gesellschaft Missstände auftun?

Ob wir zu viel reden oder zu wenig – diese Frage stelle ich mir ständig. Und ich bin mir nie sicher, ob wir das rechte Maß finden. Aber ich möchte davor warnen, das nur daran zu messen, ob etwas in der Zeitung steht. Wir sind ununterbrochen im Gespräch mit Vertretern der Politik und Wirtschaft über ethische Fragen und konkrete Gesetzesvorhaben. Die Kirche hat einen beträchtlichen Einfluss auf die Politik.

Viele Menschen beschäftigt der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Wie stehen Sie zu diesem Krieg?

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, an dieser Einsicht kann die Kirche nicht vorbei. Zugleich gilt es in einer gefallenen Schöpfung, dem Bösen zu wehren. Den ISAF-Einsatz in Afghanistan hat die Weltgemeinschaft beschlossen, um Frieden herzustellen und größeres Unheil abzuwenden – darum ist die Beteiligung der Bundeswehr nicht zu beanstanden. Dennoch bleibt für mich große Skepsis über die Ziele und ob sie erreicht werden können. Im übrigen werde ich im Oktober sächsische Soldaten und unseren Frankenberger Pfarrer Fritzsch in Faisabad besuchen, um Unterstützung in ihrer gefährlichen Situation für sie zum Ausdruck zu bringen.

Wie beurteilen Sie den Ausgang der Landtagswahl?
Ich hoffe, dass die starken Stimmenverluste der NPD für sie der Anfang vom Ende sind; und dafür bestehen gute Aussichten. Was die erneut gesunkene Wahlbeteiligung angeht, so finde ich sie im Jahr 20 nach der Friedlichen Revolution beschämend.

Die Fragen anLandesbischof Jochen Bohl stellten Christine Reuther und Andreas Roth

Die Fragen an Landesbischof Jochen Bohl stellten Christine Reuther und Andreas Roth; Fotos: Steffen Giersch

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Das Amt der Einheit”
  1. Wolfgang Oehmichen sagt:

    “Dennoch empfinde ich das Fehlen ganzer Bevölkerungsgruppen im kirchlichen Leben schon als ein Manko, das uns nicht ruhen lassen sollte”. Das Wort Manko ist mir in diesem Zusammenhang viel zu bescheiden. Es ist beschämend, wenn es Gruppen von Menschen gibt, die zur Kirche keinen Zugang finden bzw. zu denen die Kirche keinen Zugang findet. Hier hätte ich mir mehr “Ursachenforschung” gewünscht.

    Warum tummeln sich in unseren Gemeinden denn mehr Gymnasiasten und die vom Intellekt her schwächeren Jugendlichen sind in der Minderheit? Und wenn es daran liegen sollte, dass wir sie intellektuell überfordern (was ich stark annehme), was müssen wir denn dann tun? Der Verweis auf die sozial-diakonische Arbeit reicht mir nicht aus. Zudem werden die wenig vertretenden Jugendlichen in weniger als 10 Jahren Erwachsene sein, die weiterhin keinen Zugang zur Kirche finden. Und irgendwann werden sie nicht einmal unsere Seniorenkreise bevölkern, weil sie keine kirchliche Sozialisierung erfahren haben.

    Woran liegt es und was wäre dran, wenn ganze Menschengruppen mit unseren normalen Angeboten nichts anfangen können? Vielleicht, weil sie keine guten und mitdenkenden Zuhörer im Gottesdienst sind und die “schönen Gottesdienste des Herrn” ihnen nichts geben, vielleicht, weil ihnen Lesungen und Lieder aus fremden Erfahrungswelten sich einfach nicht erschließen, und die schönen Erklärungen zur Liturgie im SONNTAG (falls sie den lesen) ihnen wie aus einer fremden Welt vorkommen, vielleicht, weil sie keinen Mut haben, sich den relativ geschlossenen Bibelstunden und Gesprächskreisen anzuschließen, vielleicht, weil Kirche ihre veränderte Lebenswelt überhaupt nicht wahr nimmt bzw. nicht darauf reagiert. Mir haben die Konfirmanden immer leid getan, wenn sie früh vor 9 Uhr mit hängenden Schultern mutterseelenallein den Weg zur Kirche schlurften und ebenso mutterseelenallein in den Bänken saßen, am Ende ihre Unterschrift abfassten und dem ersehnten letzten Gottesdienst ( =Konfirmation) ein Stück näher kamen. Für Theatergruppe, Jugendchor, Junge Gemeinde hatten die einfach keinen Nerv und waren damit weg. Und sind weg geblieben. Nur zu Weihnachten sind sie da, da wird ihnen nichts abgefordert, sondern das Herz angesprochen.

    Warum tun wir das sonst so wenig? Ein Großteil unserer Gemeindeveranstaltungen wird, davon bin ich überzeugt, dem Großteil der Menschen um uns her nicht gerecht. Dazu brauchen wir keine sozial-diakonische Arbeit. Wenn wir uns als Kirche Gedanken machen über unseren Weg bis 2030, dann sollten wir überlegen, welche “LEUCHTfeuer” nötig sind, den Umfang der erreichten Menschengruppen zu erweitern.

    Ob das ohne wesentliche Veränderungen bei uns, der Kirche, gehen wird?