Jammern verbindet – mehr nicht

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Psalm 103, Vers 2

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Foto: Derek Kimball / sxc.hu

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»Jammern verbindet die Leute zwar – mehr aber auch nicht!« Mit dieser Feststellung löste der Theo­loge und Psychotherapeut Manfred Lütz auf dem Kirchvorstehertag in der Dresdner Kreuzkirche Heiterkeit und spontanes Verstehen aus. Jammern verbindet zwar, zieht aber auch zu Boden.

Freilich, beklagenswerte Zustände gibt es ausreichend. Keine Frage. Aber es gibt wenig­stens ebenso viele Gründe zum Danken. Doch die geraten nicht automatisch in den Blick. Deshalb gefällt mir die Geschichte eines Lebenskünstlers so gut, der einmal erzählte, dass er niemals ohne eine Handvoll Bohnen in der Jackentasche das Haus verlässt.

Jedes Mal, wenn er eine positive Kleinigkeit erlebt – zum Beispiel einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen seiner Frau, ein köstliches Essen oder einfach eine Freundlichkeit – für alles, was ihn dankbar stimmt und was er nicht so schnell vergessen will, lässt er eine Bohne von der linken in die rechte Jacken­tasche wandern. Abends sitzt er dann zu Hause und zählt die Bohnen. Er zelebriert diesen Vorgang regelrecht und staunt stets, wie viel Gutes und gar nicht Selbstverständliches er den ganzen Tag über wieder erlebt hat.

Die Geschichte erzählt leider nicht, ob jener Lebenskünstler sich anschließend in seinem Abendgebet dann auch bei Gott bedankt. Bei mir kommt das ganz von allein, wenn ich mir nur die Gründe zur Dankbarkeit bewusst mache. Weil die aber wegen meiner Jammerleidenschaft oft wegrutschen, ist die »Bohnenübung« so hilfreich. Und wenn ich dann den Herrn lobe und danke, was er mir Gutes getan hat, ist das nicht nur etwas, was Gott gefällt, sondern etwas, was mir selbst und damit anderen guttut.

Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirks Leipziger Land.

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