Wir Kriegsherren

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

Reden wir über das Töten. Reden wir über den Krieg. Denn sehen können wir ihn nicht – nicht wirklich. Die Bilder aus Afghanistan und die Phrasen der Militärs und Verteidigungspolitiker können sich dem Grauen kaum annähern. Sie täuschen. Keine Kamera ist dabei gewesen, als sich vor einer Woche am Fluss Kundus auf Veranlassung der Bundeswehr zwei Tanklaster in eine Feuerwolke verwandelten. Als Menschen brannten, starben und vor Schmerzen brüllten. Auch Kinder. So sieht es aus, wenn Deutschland am Hindukusch verteidigt wird.

(Quelle: Unsere Bundeswehr in Afghanistan/Bundeswehr)

(Quelle: Unsere Bundeswehr in Afghanistan/Bundeswehr)

Redet man so über das Töten, dann ist keine Zeit mehr für den diplomatischen Kammerton. Kein Deutscher weiß das besser als die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Man kann viel über die Verworrenheit jenes fernen Krieges philosophieren, über globale Sicherheitspolitik und ihren moralischen Auftrag.

Aber man kann nicht davon schweigen: Die Auftraggeber des Tötens und Verbrennens am Fluss Kundus sind – wir. Das müssen wir wissen, und sollten die mit Wahlversprechen aufmunitionierten Bundestags-Kandidaten danach fragen.

Die Soldaten seelsorgerlich begleiten, ihr Gewissen zu schärfen und im Übrigen auf ein gutes Verhältnis zu Politik und Bundeswehr bedacht zu sein – das reicht nicht für die Kirche und ihren Auftrag. Sie muss die meist verschwiegenen Fragen klar stellen: Sollte ein toter Afghane uns weniger aufrütteln als ein toter deutscher Soldat? Und: Kann das Ziel, Terroranschläge auf Deutsche zu verhindern, den massenhaften Feuertod von Afghanen rechtfertigen?

Jesu Bergpredigt gibt eine klare Antwort. Der schwedische Außenminister Carl Bildt hat sie so formuliert: Wir gewinnen nicht, indem wir töten.

Andreas Roth

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “Wir Kriegsherren”
  1. D. Recknagel sagt:

    Ach nee, Herr Andreas Roth, auf einmal so kritisch.
    Wie kam es denn zu diesem Gesinnungswechsel?
    Am 18. Juni d. J. schrieben Sie in Ihrem Artikel “Papa fährt nach Afghanistan” im “Sonntag” keinen einzigen kritischen Ton zu dem Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan oder zum Krieg in Afghanistan überhaupt. (Die Bergpredigt gabs im Juni übrigens auch schon) Und plötzlich sind wir alle Kriegsherren, Sie auch. Liegt das nur daran, daß auch anderweitig kritische Töne angeschlagen werden?
    Von einem Redakteur einer evangelischen Zeitung erwarte ich nicht, daß er seinen Mantel nach dem Wind hängt, das kann ich in jeder anderen Zeitung lesen. Ich erwarte einen klaren, auch streitbaren Standpunkt, der aus dem evangelischen Bekenntis erwächst.

    Mit freundlichen Grüßen
    D. Recknagel

  2. Redaktion DER SONNTAG sagt:

    Sehr geehrte Frau bzw. sehr geehrter Herr Recknagel,

    ich möchte Ihnen zunächst ausdrücklich danken für Ihre Reaktion auf meinen Kommentar. Denn eine kritische und aufmerksame Begleitung durch Leserinnen und Leser ist stets gut für den Journalismus. Da Sie mich persönlich angesprochen haben, möchte ich Ihnen gern etwas ausführlicher antworten – auch, weil Sie mit Ihrer Wortmeldung eine grundsätzliche Frage des Journalismus ansprechen.

    Der von Ihnen erwähnte Beitrag im SONNTAG vom 18. Juni über sächsische Soldaten, die sich auf dem Weg nach Afghanistan befanden, war eine Reportage – ein journalistisches Genre, das sich grundsätzlich vom Kommentar unterscheidet. Die Reportage lebt von dem, was der Reporter vorfindet: Von den Menschen, ihren Geschichten und den sinnlichen Eindrücken. Der Reporter sollte ihr nicht seine eigene Haltung – und sei es die der Bergpredigt – mit Gewalt überstülpen. Er sollte beobachten, reflektieren, und das Urteil seinen mündigen Lesern überlassen.

    Ganz anders der Kommentar: Er lebt allein von der subjektiven, streitbaren Meinung des Autors – so wie mein Kommentar zum Afghanistan-Krieg in Nummer 37 des SONNTAGs. In den vergangenen Monaten und Jahren haben auch meine Kollegen beim SONNTAG in der Frage von Krieg und Militär eindeutig Stellung bezogen. Freilich in Kommentaren.

    Natürlich ist die Trennung in eine objektive (Reportage/Bericht) und subjektive Form (Kommentar) in der journalistischen Praxis idealtypisch. Sie hilft der ethischen Orientierung, aber ist nie lupenrein zu realisieren. So ist auch jede Reportage grundiert von der persönlichen Einstellung des Autors. Und so erlaube ich mir nun doch den Hinweis auf den Inhalt meiner Afghanistan-Reportage im SONNTAG vom 18. Juni: Dort ist ganz ausdrücklich vom Töten die Rede und vom Zweifel selbst der Soldaten am Sinn dieses Krieges. Der letzte Satz des Beitrages lautet: “Aber Frieden können wir in der jetzigen Situation mit Waffen nicht schaffen.” Es ist die selbe Aussage, mit der auch mein Kommentar vom 11. September schließt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Andreas Roth

    Redakteur DER SONNTAG

  3. D. Recknagel sagt:

    Sehr geehrter Herr Roth,

    Vielen Dank für Ihre Antwort auf meine Lesermeinung.
    Ich wandte mich an Sie, weil beide Artikel mit Ihrem Namen unterschrieben waren.
    Sie machen auf den Unterschied zwischen Reportage und Kommentar aufmerksam.
    Aber was ist “objektiv”? Neutralität gibt es nicht, habe ich gelernt, allenfalls Sachlichkeit.
    Ihre Reportage habe ich im Juni mehrmals gelesen, und auch noch einmal, bevor ich meine erste Lesermeinung schrieb. Die Unsicherheit der Soldaten über den Sinn ihres Einsatzes, und die Angst vor dem, was da kommen mag wird durch eine gewisse Großspurigkeit überdeckt. Aber sie ist zu spüren. Die Darstellung von Kirche für die Soldaten im Einsatzort kann auch verstanden werden als: “siehe, welch ein Missionsfeld!”
    Da ich die Reportage nicht mit journalistischem Auge lese, ist mir der vorletzte Satz in Erinnerung: “Wir können die Lage stabilisieren.” – Also hat der Einsatz doch Sinn.
    Diese Reportage ist schon recht einseitig, es kam kein Soldat zu Wort, der den Einsatz abgelehnt hat, es kamen keine Angehörigen zu Wort, es kam kein Soldat zu Wort, der einen solchen Einsatz mit größeren zeitlichen Abstand reflektiert.
    Es ist in Ihrer Reportage nicht zu spüren, daß der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr umstritten ist, nicht nur aus politischer oder christlicher Sicht, sondern auch von den Hilfsorganisationen, deren Arbeit die Einsätze ja auch schützen sollen.
    Der Kommentar vom 11. September ist das ganze Gegenteil.
    Das bekomme ich, trotz des Wissens über unterschiedliche journalistischer Genres, nicht zusammen.
    Und das habe ich kritisiert.

    Mit freundlichen Grüßen
    D. Recknagel

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