Sing, mei Pfarrer, sing

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

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Zum »Tag der Sachsen« in Mittweida feierten 320000 Besucher – darunter viele Christen, ein iranischer Türmer und der Ministerpräsident.

Der 4,5 Kilometer lange Festumzug zum »Tag der Sachsen« quer durch Mittweida wurde von 3500 Menschen gestal-tet. Einer von ihnen ist Johannes Möller, der Jugendpfarrer des Kirchenbezirks Rochlitz aus Syhra. (Fotos: Steffen Giersch)

Der 4,5 Kilometer lange Festumzug zum »Tag der Sachsen« quer durch Mittweida wurde von 3500 Menschen gestal-tet. Einer von ihnen ist Johannes Möller, der Jugendpfarrer des Kirchenbezirks Rochlitz aus Syhra. (Fotos: Steffen Giersch)

Der höchste Sachse beim größten Volksfest des Freistaates kommt aus dem Iran. Unzählige Male läuft Manouchehr Borhan am vergangenen Wochenende die 166 Stufen auf den Turm der Mittweidaer Kirche »Unser lieben Frauen« hinauf. Lebendig erklärt er die Geschichte des über 500 Jahre alten Gotteshauses. Borhan bläst in das Türmerhorn und blickt hinunter in das Gewühl, in dem sich zum Tag der Sachsen insgesamt 320 000 Menschen drängen.

»Nein, Gott sei Dank habe ich noch keine Erfahrungen mit Neonazis gemacht«, sagt der Christ, Flüchtling und Stadtkirchen-Türmer, der seit vier Jahren in Mittweida lebt – in der Stadt, die in den letzten Jahren oft durch gewalttätige rechtsextreme Kameradschaften von sich reden machte. »Die Leute hier sind warmherzig – ich denke, in ganz Sachsen ist die Mehrheit so«, sagt Borhan.

Über die Straße vom Stadtkern hoch zur Kirche hat die Gemeinde zum Fest Wäscheleinen gespannt mit bunten Hemden. Auf ihnen steht die Aufschrift »Besser MITTeinander« – das Motto des Sachsentages und ein Aufruf für ein Klima der Toleranz, für das auch in dem großen ökumenischen Gottesdienst auf dem Mittweidaer Markt am Sonntagmorgen gebetet wird.

Lutherische, katholische und freikirchliche Christen gestalten dieses Glaubensfest, zu dem auch der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Landtagspräsident Erich Iltgen zu Gast sind, gemeinsam. In Anspielung auf die negativen Schlagzeilen Mittweidas in den letzten Jahren fordert Pfarrer Johannes Grasemann dabei: »Es soll besser werden – miteinander.«

Einen Einblick in das vielfältige Leben der Christen in Mittelsachsen bietet die Kirchenbühne mit Musikgruppen und Künstlern. Die Stadtkirche lädt zu Orgelklängen, Führungen und Andachten ein. Und auf der stark frequentierten Kirchenmeile präsentieren sich kirchliche Vereine und Einrichtungen.

»Es gibt hier gute Gespräche«, sagt der Chemnitzer Pfarrer Stephan Brenner im Zelt der Kontaktstelle Kirche. Nebenan präsentiert der diakonische Verein Netzwerk Mittweida e.V. seine Beratungs- und Beschäftigungsangebote für erwerbslose Menschen. Gegen eine Spende für die Ausgegrenzten dürfen Besucher dort auf eine Büchsenpyramide werfen. Auch der oberste Sachse, Ministerpräsident Tillich, probiert es. Ein Volltreffer war es nicht.

Andreas Roth

Jammern verbindet – mehr nicht

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Psalm 103, Vers 2

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Foto: Derek Kimball / sxc.hu

Foto: Derek Kimball / sxc.hu

»Jammern verbindet die Leute zwar – mehr aber auch nicht!« Mit dieser Feststellung löste der Theo­loge und Psychotherapeut Manfred Lütz auf dem Kirchvorstehertag in der Dresdner Kreuzkirche Heiterkeit und spontanes Verstehen aus. Jammern verbindet zwar, zieht aber auch zu Boden.

Freilich, beklagenswerte Zustände gibt es ausreichend. Keine Frage. Aber es gibt wenig­stens ebenso viele Gründe zum Danken. Doch die geraten nicht automatisch in den Blick. Deshalb gefällt mir die Geschichte eines Lebenskünstlers so gut, der einmal erzählte, dass er niemals ohne eine Handvoll Bohnen in der Jackentasche das Haus verlässt.

Jedes Mal, wenn er eine positive Kleinigkeit erlebt – zum Beispiel einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen seiner Frau, ein köstliches Essen oder einfach eine Freundlichkeit – für alles, was ihn dankbar stimmt und was er nicht so schnell vergessen will, lässt er eine Bohne von der linken in die rechte Jacken­tasche wandern. Abends sitzt er dann zu Hause und zählt die Bohnen. Er zelebriert diesen Vorgang regelrecht und staunt stets, wie viel Gutes und gar nicht Selbstverständliches er den ganzen Tag über wieder erlebt hat.

Die Geschichte erzählt leider nicht, ob jener Lebenskünstler sich anschließend in seinem Abendgebet dann auch bei Gott bedankt. Bei mir kommt das ganz von allein, wenn ich mir nur die Gründe zur Dankbarkeit bewusst mache. Weil die aber wegen meiner Jammerleidenschaft oft wegrutschen, ist die »Bohnenübung« so hilfreich. Und wenn ich dann den Herrn lobe und danke, was er mir Gutes getan hat, ist das nicht nur etwas, was Gott gefällt, sondern etwas, was mir selbst und damit anderen guttut.

Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirks Leipziger Land.

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Wir Kriegsherren

11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

Reden wir über das Töten. Reden wir über den Krieg. Denn sehen können wir ihn nicht – nicht wirklich. Die Bilder aus Afghanistan und die Phrasen der Militärs und Verteidigungspolitiker können sich dem Grauen kaum annähern. Sie täuschen. Keine Kamera ist dabei gewesen, als sich vor einer Woche am Fluss Kundus auf Veranlassung der Bundeswehr zwei Tanklaster in eine Feuerwolke verwandelten. Als Menschen brannten, starben und vor Schmerzen brüllten. Auch Kinder. So sieht es aus, wenn Deutschland am Hindukusch verteidigt wird.

(Quelle: Unsere Bundeswehr in Afghanistan/Bundeswehr)

(Quelle: Unsere Bundeswehr in Afghanistan/Bundeswehr)

Redet man so über das Töten, dann ist keine Zeit mehr für den diplomatischen Kammerton. Kein Deutscher weiß das besser als die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Man kann viel über die Verworrenheit jenes fernen Krieges philosophieren, über globale Sicherheitspolitik und ihren moralischen Auftrag.

Aber man kann nicht davon schweigen: Die Auftraggeber des Tötens und Verbrennens am Fluss Kundus sind – wir. Das müssen wir wissen, und sollten die mit Wahlversprechen aufmunitionierten Bundestags-Kandidaten danach fragen.

Die Soldaten seelsorgerlich begleiten, ihr Gewissen zu schärfen und im Übrigen auf ein gutes Verhältnis zu Politik und Bundeswehr bedacht zu sein – das reicht nicht für die Kirche und ihren Auftrag. Sie muss die meist verschwiegenen Fragen klar stellen: Sollte ein toter Afghane uns weniger aufrütteln als ein toter deutscher Soldat? Und: Kann das Ziel, Terroranschläge auf Deutsche zu verhindern, den massenhaften Feuertod von Afghanen rechtfertigen?

Jesu Bergpredigt gibt eine klare Antwort. Der schwedische Außenminister Carl Bildt hat sie so formuliert: Wir gewinnen nicht, indem wir töten.

Andreas Roth

Wo täglich 70 Kinder singen

3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Der evangelische Kindergarten Meerane erhielt das musikalische Gütesiegel »Felix«

»Wir müssen doch mit den Pfunden wuchern, die wir haben«, sagt Kindergartenleiterin Henrike Marosi zu »Felix«, der Auszeichnung für besonders sangesfreudige Kinder und Erzieherinnen. Seit Dienstag vergangener Woche prangt das bunte Emailleschild am evangelischen Kindergarten »St. Martin« von Meerane. Der Vorsitzende des sächsischen Kirchenchorwerkes Jens Staude hat es dem Kindergarten übergeben.

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Die Kinder der evangelischen Kindertagesstätte »St. Martin« in Meerane sind besonders musikalisch: täglich singen und musizieren sie mit ihren Erzieherinnen, manchmal auch mit Kantor Norbert Ranft (l.). Foto: Wiegand Sturm

Felix

»Ich hatte das Schild schon im Harz an einem Kindergarten gesehen«, berichtet Henrike Marosi. Dass auch ein Burgstädter Kindergarten dieses Signet erhalten hatte, erfuhr sie aus der Tagespresse – und bewarb sich Anfang des Jahres ihrerseits um dieses musikalische Gütesiegel.

»Die Aktion ›Felix‹ ist eine Initiative des Deutschen Chorverbandes und des Verbandes evangelischer Kirchenchöre in Deutschland«, sagt Jens Staude. Der Lößnitzer Kantor ist der Vorsitzende des sächsischen Kirchenchorwerks. Seit vorigem Jahr unterstütze dieses die gesamtdeutsche Initiative auch für Sachsen. Die Auszeichnung erhielten Kindergärten, »die sich in besonderem Maße im musikalischen Bereich betätigen und beispielhaft musikalisch wirken«, so Staude.

Der kirchliche Kindergarten in Burgstädt sei der erste in Sachsen gewesen, der das Gütesiegel erhielt, sagt Staude. Nach dem Meeraner Kindergarten bekam in der vergangenen Woche auch noch der Kindergarten in Klingenthal das Zertifikat »Felix« von Jens Staude überreicht. »Die Beantragung durch drei Einrichtungen macht deutlich, dass dafür Interesse besteht und das Singen mit Kindern für manche sehr wichtig ist«, sagt Staude. Das sächsische Kirchenchorwerk wolle das fördern und weiter bekannt machen.

Henrike Marosi schien der »Felix« wie geschaffen für ihre Einrichtung. Schließlich arbeitet der Kindergarten der Kirchgemeinde Meerane seit seiner Gründung 1948 mit musischem Profil. Alle Erzieherinnen spielen ein Instrument. Täglich singen und musizieren sie mit den 70 Kindern. An einem Tag in der Woche kommt die Musikschule zur musikalischen Früherziehung in den Kindergarten. Und vor allem Kantor Norbert Ranft unterrichtet den jüngsten Nachwuchs für die Meeraner Kirchenmusik: Er singt nicht nur mit ihnen, sondern gibt auch Flötenunterricht.

Der »Felix« gilt drei Jahre. Dann kann sich ein Kindergarten neu bewerben und überprüfen lassen.
Henrike Marosi in Meerane weiß schon jetzt: »Na klar werden wir uns wieder bewerben. Das ist doch das beste, was man tun kann.«
Christine Reuther

www.kirche-meerane.de
www.dcvg.de/felix.html

Bevor der Faden abreißt …

3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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© Gino Santa Maria (Fotolia.com)

Harmoniebedürfnis statt offenes Gespräch: In manchen Kirchgemeinden werden Konflikte oft zu lange verdrängt.

Der Streit eskalierte in der Gemeindeversammlung in der Bad Schandauer Kirche. 34 Gemeindeglieder hatten ihren Pfarrer in einem Brief aufgefordert zu gehen: Aus Unzufriedenheit über die Qualität seiner Gottesdienste und aus Ärger über Mängel in der geistlichen und organisatorischen Leitung. Zehnmal so viele andere Gemeindeglieder lehnten das ab, stellten sich hinter ihren Seelsorger.

In Schönheide hat sich der Pfarrer mit dem Kirchenvorstand überworfen, ist vom Landeskirchenamt in den Wartestand versetzt worden, um sich eine neue Stelle zu suchen. Er hat Widerspruch eingelegt, fühlt sich von Mitgliedern des Kirchenvorstandes »gemobbt«.

Zwei Fälle, in denen sich ein Konflikt zur Katastrophe ausgewachsen hat. So nennt die Dresdner Schulpfarrerin und Gemeindeberaterin Isolde Schäfter jene Endphase eines Streites, in der es fast nur noch Misstrauen, Hass, Kränkungen gibt. »Doch in den Kirchgemeinden erlebe ich allzu oft Menschen, die auf Harmonie bedacht sind. Da wird nicht offen geredet über Differenzen, da wird viel zu viel Ärger unterdrückt und geschluckt.« Dabei seien Konflikte etwas Positives, zeigten sie doch, wie sehr sich Menschen engagieren. Zudem gäbe es ohne sie keine Veränderungen. »Gefährlich wird es nur, wenn sie verdrängt werden.« Dann lähmen Stress, Unzufriedenheit, sinkende Motivation die Arbeit.

Besonders, seit sich überall Gemeinden zusammenschließen müssen, gibt es zahlreiche Anlässe für Konflikte, wie Joachim Wilzki sagt, Gemeindeberater und Leiter der Ehrenamtsakademie. Städtisch geprägte Gemeinden müssten sich mit eher ländlichen zusammentun. Oder eine missionarisch aktive mit einer, deren Mitglieder anderes für wichtiger halten. Konflikte zwischen Gemeinde, Kirchenvorstand und Kantor oder Pfarrer resultierten oft aus enttäuschten Erwartungen, hingen häufig mit Gemeindestrukturen und Organisation der Arbeit zusammen.

Um das zu begreifen, müsse man sich gründlich damit beschäftigen. Das brauche Zeit, sagt Wilzki: »Die haben sich Gemeinden und Kirchenvorstände noch vor zehn Jahren genommen und sich auf Klausurtagen und Rüstzeiten zusammengesetzt. Jetzt wollen viele möglichst schnell und effektiv Lösungen erzielen. Das verführt dazu, Konflikte vor sich her zu schieben.«

Viktor Klink, Pfarrer im Ruhestand in Dresden, hätte sich damals, als er selbst schwere Konflikte mit seinem Kirchenvorstand erlebte, viel früher Beistand von außen gewünscht: »Visitation, Gemeindeberatung und -begleitung, Supervision, Mediation«, zählt er auf.

Genau dies ist Aufgabe der Gemeindeberater, die über das Institut für Seelsorge und Gemeindepraxis in Leipzig miteinander verbunden sind. »Wir kommen zu zweit, können den Konflikt mit unserem Blick von außen emotionsfrei analysieren«, sagt Wilzki. Die Lösung aber müssten alle Seiten selbst wollen. Am besten bereits, wenn ein Konflikt zu schwelen beginnt. Anzeichen dafür seien: »Wenn sich Gruppierungen bilden, man übereinander statt miteinander redet.« Doch die meisten kämen, wenn es zu spät ist, sagt Wilzki. »Die Erfahrung lehrt: So lang wie der Weg in den Konflikt war, so lang wird er sein, um wieder herauszukommen.«

Dass sie als Gemeindeberaterin da oft nur noch Feuerwehr spielen kann, grämt Isolde Schäfter. Sie wünscht sich eine viel intensivere Begleitung von Gemeindefusionen. Doch mitunter könnten die zwölf Gemeindeberater in der Landeskirche kaum die akuten Fälle bewältigen. Zumal sie das ehrenamtlich in ihrer Freizeit tun müssten.

Der Kirchenvorstand in Bad Schandau hat jetzt beschlossen, sich einen Gemeindeberater zu Hilfe zu holen. Wieder sieht es nach einem Katastropheneinsatz aus.

Tomas Gärtner

Kontakt:
Institut für Seelsorge und Gemeindepraxis,
Paul-List-Straße 19, 04103 Leipzig,
Telefon (03 41) 3 50 53 40,
E-Mail isg.leipzig@evlks.de

Keine Entschuldigung

3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Graik: Ivan Petrov (sxc.hu)Wohnen ist ein Menschenrecht. Und eine Privatsphäre gehört zu den geschützten Werten in unserer Gesellschaft. Aber eben nicht für alle Menschen, wie man an den Zuständen in Asylbewerberheimen immer mal wieder sieht. Jüngstes Beispiel ist der Selbstmord einer Libanesin, die mit ihrer Familie im Asylbewerberheim Frankenau bei Mittweida untergebracht war und wegen dessen Schließung in ein anderes Heim verlegt werden sollte.

Ein eigene Wohnung, das wollte die Frau für ihre Familie. Dass sie schon länger als selbstmordgefährdet galt, kann bei ihrem Tod in keiner Hinsicht als Entschuldigung dienen. Im Gegenteil: Es zeigt nur, unter welchem seelischen Druck diese Frau stand, die mit ihrer Familie die Heimat verlassen musste in eine ungewisse Zukunft hinein. Die ihren Kindern ein Zuhause bieten will und doch nur immer wieder in einer Massenunterkunft landet.

Wie mit Asylbewerbern umzugehen ist, dafür gibt es Gesetze. Es ist geregelt, wer von ihnen eine eigene Wohnung beanspruchen darf und wer nicht. Erst unlängst trat das mit dem Kirchenasyl als Protest gegen die Wohnsituation von Flüchtlingsfamilien in Grimma zutage.

Behördenmitarbeiter sind an die Gesetze gebunden. Doch Gesetze können geändert werden. Im Falle der Wohnsituation von Flüchtlingen scheint das dringend nötig. Wozu aber keine Gesetzesänderung nötig ist, das ist ein einfühlsames Verhalten gegenüber den Menschen in ihrer verzweifelten Lage. Und wenn man den bisher bekannt gewordenen Tatsachen glauben darf, wurde ja noch nicht einmal ein Notarzt gerufen, um die Frau zu retten: Ihr Mann sollte sie selbst ins Krankenhaus fahren, wo natürlich jede Hilfe zu spät kam. Und dafür gibt es nun wirklich keine Entschuldigung.

Christine Reuther

Der eigentliche Sinn und das unverwechselbare Gesicht

3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Matthäus 25, Vers 40

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Matthias WeismannWas ist, wenn Gott herunter kommt? Und dann auch noch wie ein Heruntergekommener aussieht? Doch wer will das schon? Gott im Himmel, erhaben und weit weg, diese Vorstellung ist den ­meisten Menschen wohl lieber. Weit weg scheint Gott heute vielen Menschen zu sein. Bei all dem, was uns global, regional und ganz persönlich auf den Nägeln brennt – wo ist da Gott?

Jesus beantwortet die Frage nach Gott verblüffend einfach: Du findest Gott in den Geringsten. Dorthin ist er gekommen, dort will er sich finden lassen. Dort ist er zum Greifen nah. Und was du den Geringsten Gutes tust, das gefällt ihm, das ist wirklich wichtig, ja das tust du ihm selbst.

Das kann doch keiner wörtlich oder gar ausschließlich verstehen? In der ersten Reihe unserer Festgottesdienste und Empfänge würden ja ganz andere Menschen sitzen. Unsere Kirchenleitungen und Synoden hätten mit Sicherheit andere Tagesordnungen. Finanziell würden wir andere Prioritäten setzen und mein Pfarreralltag würde sich viel weniger mit Verwaltung und der Aufrechterhaltung des christlichen Vereinslebens beschäftigen.

Aber wenn wir fragen wo denn der eigentliche Sinn bleibt, warum wir das alles tun, warum Kirche so oft als belanglos und in der Gesellschaft verwechselbar wahrgenommen wird, warum wir uns manchmal so gottverlassen vorkommen, also, wenn wir uns so was fragen, ist Jesu Hinweis im wörtlichsten Sinn richtungweisend. Da können wir uns zwar noch zur Seite wenden oder die Augen verschließen. Aber behaupten, man könne Gott heute nicht sehen, das können wir nicht mehr.

Matthias Weismann

Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirks Leipziger Land.

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Das Amt der Einheit

3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Seit fünf Jahren ist Sachsens Landesbischof Jochen Bohl im Amt. DER SONNTAG befragte ihn zu seinem Glauben, unserer Kirche und dem Zeitgeschehen.

Landesbischof Jochen Bohl © Steffen Giersch

Hat sich der Mensch und Christ Jochen Bohl durch das Bischofsamt verändert?
Ein anderer Mensch bin ich nicht geworden. Aber mit diesem Amt und seiner umfassenden Beanspruchung zu leben, das hat mich verändert und prägt mich sehr.

Haben Sie als Bischof Erkenntnisse gewonnen, die in Ihrem Glaubensweg vorher nicht so deutlich waren?
Jeder Mensch lernt unentwegt, und auch das Leben im Glauben kennt keinen Stillstand. Zum Beispiel habe ich im letzten Jahr beim Pfarrertag über die Opfertheologie gesprochen, weil ich denke, sie ist in den Gemeinden dran. Unter der Pfarrerschaft ist das ebenfalls ein wichtiges Thema – und auch für mich selbst hat die intensive Arbeit Klärung bewirkt.

Jochen BohlBrauchen wir den Opfertod Jesu, um selig zu werden?
Christus ist für uns gestorben und das bedeutet: Er ist für mich gestorben, denn wie jeder Mensch bin ich der Macht der Sünde verhaftet – das kann man sich auch nicht aussuchen. Insofern halte ich es für verfehlt, wenn man sich vom Gedanken, dass Christus für uns an das Kreuz ging, verabschieden würde. Manche denken, dass dieser Glaubenssatz in dieser Zeit nicht vermittelt werden könne. Das sehe ich anders, denn es ist ja nicht so, dass Gott versöhnt werden müsste, was viele irrtümlich denken – als sei es ein rachsüchtiger Gott, dem ein Opfer gebracht wird. Sondern es geht darum, dass Christus ein Opfer gebracht hat, um für uns die Trennung von Gott zu überwinden.

Wie wörtlich müssen wir biblische Aussagen nehmen?
Man darf die Bibel nicht nur als ein Dokument einer vergangenen Zeit lesen. Wenn Menschen sagen, für sie ist die Bibel das unverfälschte Wort Gottes, so freue ich mich darüber und sage: ja, auch ich begegne in ihr der persönlichen Anrede Gottes. Zugleich ist mir die historisch-kritische Erforschung unverzichtbar. Denn es ist ja offenkundig, dass auch die biblischen Autoren unterschiedliche Akzente setzen, die verstanden und eingeordnet sein wollen. Johannes schreibt das Evangelium anders als Markus, und Lukas zeigt insbesondere die soziale Dimension der Guten Nachricht auf. Insofern wird eine gute und gründliche theologische Ausbildung der Pfarrer unbedingt gebraucht, darauf werden wir auch in Zukunft großen Wert legen.

Wie sehen Sie das Verhältnis zu den Freikirchen?

Ich möchte da unterscheiden zwischen den traditionellen Freikirchen, die es seit langem gibt, und den Gruppierungen, die sich in den letzten Jahren von unserer Landeskirche getrennt haben. Letzteres empfinde ich als ein ernstes Problem, und zwar für beide Seiten. Es ist schmerzhaft, wenn Menschen unsere Landeskirche verlassen. Das gilt umso mehr, wenn sie ihren Glauben besonders ernst nehmen wollen. Ich frage aber, ob es sich nicht meist um eine erste Begeisterung handelt, die mit einem fehlenden Verständnis für das Vertraute einhergeht. Oft kommt nach kurzer Zeit die Erkenntnis, dass Probleme geblieben sind und es unverändert schwer ist, damit umzugehen. Die Landeskirche bietet so viele Möglichkeiten, den eigenen Glauben zu leben, dass der Entschluss, sich von der Landeskirche zu trennen, meist doch sehr leichtfertig anmutet. Wir sollten uns schon bemühen, beieinander zu bleiben. Auch ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, denn das Bischofsamt ist das Amt der Einheit.

Jochen Bohl

Wir haben starke Landeskirchliche Gemeinschaften. Wie sehen Sie diese eigenen Strukturen innerhalb der Ortsgemeinden?
Das Verhältnis zur Landeskirchlichen Gemeinschaft schätze ich als sehr gut ein, sie ergänzt unseren Dienst. Wir sind in einem ständigen Gesprächsprozess und ich schätze an den Schwestern und Brüdern, dass sie die Einheit der Landeskirche als hohes Gut ansehen. Das ist besonders wichtig, weil der Zeitgeist auf Trennung aus ist. Wir leben im Zeitalter der Individualisierung und der Pluralisierung der Lebensmöglichkeiten. Jeder Mensch hat viele Optionen, sein Leben zu gestalten. Davon wird auch die Kirche beeinflusst. Um so wichtiger ist es, dass wir in das Gebet Jesu einstimmen, »dass sie alle eins seien« (Johannes 17).

Wären nicht etwas freiere Strukturen gut: dass Gemeinden mehr Verantwortung für Geld und Personal haben?

Die Kirchgemeinden haben bereits seit einigen Jahren die Möglichkeit, zusätzliches Personal aus eigenen Mitteln zu beschäftigen. Zugleich werden wir alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht, um die Personal­ausstattungen im Verkündigungsdienst so gut zu halten, wie es eben möglich ist. Im Vergleich der EKD-Kirchen schätze ich die Finanzausstattung der sächsischen Kirchgemeinden als überdurchschnittlich ein.

Wie kann die Kirche auf die alternde Gesellschaft reagieren?

Unsere Zielgruppe Nummer eins sind Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien. Wir wollen alles mögliche tun, um ihnen in unserer Kirche eine Heimat zu bieten. Gerade in der Kindergartenarbeit haben wir Anknüpfungspunkte, um mit jungen Eltern zu sprechen, die ihre Kinder in einen unserer Kindergärten schicken. Dieser ganze Bereich hat hohe Priorität, vor allem aus missionarischen Gründen. Was nicht bedeutet, dass wir die Alten aus dem Blick verlieren. Ich freue mich ganz besonders darüber, dass die Zahl der Ehren­amtlichen stetig steigt. Da sind viele Ältere darunter. Ich bin dankbar, dass sie das Leben in der Landeskirche in starkem Maße prägen.


Sehen Sie in unseren Gemeinden die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten ausreichend repräsentiert?

Leider nicht, so erreichen wir unter den Jugendlichen im Wesentlichen Gymnasiasten. Mittel- und Hauptschüler kommen bei uns leider schon seit langem zu kurz. Dass wir alle gleichermaßen ansprechen können, ist unter den Bedingungen der Individualisierung wohl nicht möglich. Dennoch empfinde ich das Fehlen ganzer Bevölkerungsgruppen im kirchlichen Leben schon als ein Manko, das uns nicht ruhen lassen sollte. Deswegen ist zum Beispiel die sozial-diakonische Jugendarbeit so wichtig.

Jochen Bohl

Täte nicht mehr Armut oder Demut der Kirche gut?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auch als arme Kirche in der Lage wären, Christus zu bezeugen. Aber wir sollten uns eine solche Situation nicht herbei wünschen. Schon deswegen nicht, weil wir dann nicht die Mittel hätten, den Armen zu helfen. Was da von Kirche und Diakonie getan wird mit Spenden, Kollekten, Kirchensteuern, ist bemerkenswert. Demut wiederum ist eine geistliche Haltung, zu der niemand ein für alle mal gefunden hat. Wer sie einnimmt, wird an die Seite der Armen und Schwachen treten. In Deutschland ist es lange Tradition, dass die Kirche sich aus diesem Grund einmischt in die Gesellschaft – und das werden wir auch weiter tun.

Können Sie Beispiele nennen?

Beim Schutz des Sonntags beispielsweise. Oder denken sie daran, was in den letzten Jahren für behinderte Menschen in Sachsen erreicht worden ist. Da hat sich die Diakonie von unserem Menschenbild her eingebracht. Was wir von der aktuellen Krise des Finanzsystems oder dem politischen Extremismus halten, kann jeder wissen. Aber wir spielen als Kirche eine andere Rolle als Parteien. In der Frage des Mindestlohns etwa haben wir keine besondere Kompetenz und sollten auch nicht so tun, als hätten wir sie.

Müsste Kirche nicht viel mehr intervenieren, wenn sich in der Gesellschaft Missstände auftun?

Ob wir zu viel reden oder zu wenig – diese Frage stelle ich mir ständig. Und ich bin mir nie sicher, ob wir das rechte Maß finden. Aber ich möchte davor warnen, das nur daran zu messen, ob etwas in der Zeitung steht. Wir sind ununterbrochen im Gespräch mit Vertretern der Politik und Wirtschaft über ethische Fragen und konkrete Gesetzesvorhaben. Die Kirche hat einen beträchtlichen Einfluss auf die Politik.

Viele Menschen beschäftigt der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Wie stehen Sie zu diesem Krieg?

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, an dieser Einsicht kann die Kirche nicht vorbei. Zugleich gilt es in einer gefallenen Schöpfung, dem Bösen zu wehren. Den ISAF-Einsatz in Afghanistan hat die Weltgemeinschaft beschlossen, um Frieden herzustellen und größeres Unheil abzuwenden – darum ist die Beteiligung der Bundeswehr nicht zu beanstanden. Dennoch bleibt für mich große Skepsis über die Ziele und ob sie erreicht werden können. Im übrigen werde ich im Oktober sächsische Soldaten und unseren Frankenberger Pfarrer Fritzsch in Faisabad besuchen, um Unterstützung in ihrer gefährlichen Situation für sie zum Ausdruck zu bringen.

Wie beurteilen Sie den Ausgang der Landtagswahl?
Ich hoffe, dass die starken Stimmenverluste der NPD für sie der Anfang vom Ende sind; und dafür bestehen gute Aussichten. Was die erneut gesunkene Wahlbeteiligung angeht, so finde ich sie im Jahr 20 nach der Friedlichen Revolution beschämend.

Die Fragen anLandesbischof Jochen Bohl stellten Christine Reuther und Andreas Roth

Die Fragen an Landesbischof Jochen Bohl stellten Christine Reuther und Andreas Roth; Fotos: Steffen Giersch

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