Den garstigen Graben der Spaltung überwinden

30. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Nate Brelsford, sxc.hu

Foto: Nate Brelsford, sxc.hu

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12, Vers 21

Ein großes Wort für mutige Leute. Es sagt genau das Gegenteil von »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Also nicht vergelten, sondern vergeben. Keine Rache, sondern Frieden suchen mit allen Menschen. Es geht Paulus dabei nicht um einen sittlichen Idealismus, sondern um das einzige siegreiche Mittel im Kampf gegen das Böse in der Welt. Das Böse darf nicht einfach nur geduldet, ertragen, verschwiegen, sondern es kann besiegt werden – nur mit anderen Mitteln.

Das Böse ist in der Welt und zerstört bis heute Familien, Leben, Völker – aber Menschen, die im Geist Christi brennen, haben ein Mittel dagegen: Gewaltverzicht, Friedensbereitschaft, Gutes tun mit einer hingebenden, versöhnenden Liebe.

Haben wir nicht erst an die Friedliche Revolution 1989 erinnert? So sahen Sieger aus: Aufrecht gehend durch die Rückenstärkung der Gebete mit Kerzen in den Händen riefen sie »Keine Gewalt« und forderten ihre Bürgerrechte. Und es geschah so, wider aller Erwartungen auf beiden Seiten! Die Gewalt der Waffen, der Spitzel, der Angst und Lügen wurde besiegt durch den Mut derer, die auf Hass und Rache verzichteten. Das Böse wurde vom Guten überwunden. Welch ein Triumph, der unser Land, ja ganz Europa verändert hat.

Durch Geschichte und eigene Erfahrung ist vielfach bestätigt: Vergeltung schafft keinen Frieden, Opfer von Gewalt werden nicht getröstet durch Rache. Denn: Schlägst du zurück, machst du dich auch schuldig und außer bei Notwehr bleibt das nicht ungesühnt. Nur das Gute kann das Böse überwinden.

Das gilt auch für unsere Kirchen: Lasst euch nicht vom Hass, der Vergeltung und Verachtung, der Verdammungen und Kriege zwischen den christlichen Konfessionen weiter bestimmen, sondern überwindet endlich den garstigen Graben der Spaltung und Demütigungen mit dem Gebet und dem Willen zur Einheit in versöhnter Vielfalt.

Reformationsfest feiern heißt eben nicht, über die Katholiken triumphieren, sondern ihnen die Hände reichen in ökumenischer Gastfreundschaft und gemeinsam dafür kämpfen, dass der 2. Ökumenische Kirchentag nächstes Jahr in München die Tür zur Versöhnung im gemeinsamen Feiern der einen Kirche Jesu Christi am Tisch des Herrn weit aufstößt.

Pfarrer Klaus Kaden ist Rektor der Dresdner Diakonissenanstalt.

www.diako-dresden.de

»So eine Art Nomade«

30. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Das Büro für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden ist eröffnet. Dessen Leiter Volker Knöll ist mal wieder Stadtbürger auf Zeit.

Noch sieht alles sehr provisorisch aus: Volker Kröll in der Dresdner Geschäftsstelle des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in der er dieses Großereignis für 2011 mit seinen Mitarbeitern vorbereitet. Foto: Steffen Giersch

Noch sieht alles sehr provisorisch aus: Volker Kröll in der Dresdner Geschäftsstelle des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in der er dieses Großereignis für 2011 mit seinen Mitarbeitern vorbereitet. Foto: Steffen Giersch


Volker Knöll ist jetzt ein Dresdner. Vorher war er Bremer. Geboren und aufgewachsen ist der 39-jährige Betriebswirt und Non-Profit-Manager in Südhessen. Viele Menschen knüpfen ihre Identität an ihren Wohnort. Würde Volker Knöll dies tun, müsste er sie alle zwei Jahre wechseln, im Rhythmus des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Als Geschäftsführer gehört er zur mobilen Truppe des Großereignisses, zu dem in Dresden vom 1. bis 5. Juni 2011 um die 100 000 Menschen erwartet werden. »Ich bin so eine Art Nomade«, sagt er. Auch »Handwerker« oder »Wanderzirkus« würden er und die rund 80 Mitarbeiter der Geschäftsstelle genannt, meint er und lacht. Freundlich, agil, offen, humorvoll – so wirkt er bei der Eröffnung der Geschäftsstelle. Die befindet sich nur ein paar Schritte entfernt vom Dresdner Zwinger.

Seine neue Wohnung hat Volker Knöll im Stadtteil Striesen gefunden. Gemeinsam mit seiner Verlobten. Auch sie gehört zu den Organisatorinnen des Kirchentages. Ein Glücksfall – die Belastungsprobe für das Familienleben entfällt. Auch die anderen drei Geschäftsführer, die ihm folgen, müssen die Kirchentagsstadt zu ihrem Hauptwohnsitz machen. Kisten packen und die gesamte Einrichtung im Laster verstauen, sei für ihn schon fast zur Routine geworden, sagt Knöll. »Nach dem dritten Umzug hat man sich daran gewöhnt, dass es IKEA-Möbel gibt.«

Aber sich mit Haut und Haaren auf den neuen Ort einzulassen, gehöre nun einmal dazu. Die schwierige Seite dieses fortwährenden Wechsels für ihn: »Dass man ständig sein soziales Umfeld wechseln muss. Menschen, die man erst intensiv kennen gelernt hat, muss man wieder loslassen.«

Sich gründlich umzusehen – das wird auch in Dresden seine Haupttätigkeit sein. Immer mit dem prüfenden Veranstalter-Blick: Welche Wiese eignet sich für einen Gottesdienst unter freiem Himmel? Wo kann eine Bühne stehen? In welche Halle passen wie viele Menschen? Für diese Touren will er den Dienstwagen stehen lassen und sich aufs Fahrrad schwingen.

In der Geschäftsstelle herrscht reges Kommen und Gehen. Das werde so bleiben, sagt Volker Knöll. »Unsere Arbeit hat eine hohe Dynamik.« Für die Inhalte ist das Büro in Fulda zuständig. Er und seine Mitarbeiter haben das Terrain technisch vorzubereiten. Es wird Abteilungen geben für Möbel, Computer, Telefone, für Transport, Raumplanung, Quartiere.

»Ich habe hier die Funktion eines Dirigenten mit Orchester«, sagt Volker Knöll. Er muss darüber wachen, dass nicht mehr ausgegeben wird als im Haushalt zur Verfügung steht – voraussichtlich werde sich dieser Betrag um die 14 Millionen Euro bewegen.

Tomas Gärtner

Geschäftsstelle 33. Deutscher Evangelischer Kirchentag Dresden 2011 e. V., Ostra-Allee 25, 01067 Dresden, Telefon (03 51) 79 58 50
www.kirchentag.de

Wir sind Bettler: das ist wahr

29. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Die Bibel ist das lebendige Wort des liebenden Gottes. Deshalb wandte sich Martin Luther gegen einen fundamentalistischen Buchstabenglauben – und eine fromme Vereinnahmung der Schrift.

Szene aus dem Spielfilm »Luther« (2003) mit Joseph Fiennes (r.) in der Titelrolle. Die Lebensgeschichte des Reformators ist am 31. Oktober um 11.30 Uhr im MDR zu sehen. Foto: Rolf von der Heydt/NFP

Szene aus dem Spielfilm »Luther« (2003) mit Joseph Fiennes (r.) in der Titelrolle. Die Lebensgeschichte des Reformators ist am 31. Oktober um 11.30 Uhr im MDR zu sehen. Foto: Rolf von der Heydt/NFP

Die Reformation wurde ausgelöst durch Martin Luthers neues Lesen der biblischen Texte. Über ein Jahrtausend lang beherrschte das Bild des fernen, zornigen Gottes die Christenheit. Luther entdeckt das Gottesbild des Neuen Testamentes vom nahen und liebenden Gott wieder. Das Zentrum von Luthers Glaube bildet fortan der in Jesus Christus offenbar, ja anfassbar gewordene Gott. Dadurch kommt gegenüber dem Mittelalter eine ganz neue Wärme in das Verhältnis des Menschen zu Gott hinein.

Weil der Reformator diese Erkenntnis durch das Studium der Bibel gewinnt, büßt die Tradition der Kirche ihre normative Bedeutung für den evangelischen Glauben ein. Die Bibel genügt für den Glauben! Allein die Schrift – sola scriptura –, sagen die Reformatoren.

An vielen Stellen in seinen Büchern preist Luther die Schrift mit hymnischen Tönen. Sie ist der Königsweg zu Gott. Alle biblischen Bücher predigen Jesus Christus als den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, wenn auch in unterschiedlicher Intensität.

Trotzdem ist die Heilige Schrift für den Reformator kein papierener Papst. Luther vertritt kein fundamentalistisches Schriftverständnis. Die Wahrheit der Schrift ist in Windeln eingewickelt, wie er sagt. Deshalb kritisiert er biblische Aussagen, wenn er der Überzeugung ist, dass sie die Botschaft von der voraussetzungslosen Annahme des Menschen durch Gott eher verdunkeln als erhellen. Den Jakobusbrief etwa nennt er eine »stroherne Epistel« – ein Brief ohne Saft und Kraft.

Luther ist der Überzeugung: Die Wahrheit der Bibel lässt sich nicht rational beweisen. Kein Mensch kann sie aus eigener Vernunft noch Kraft verstehen. Gott muss dem Leser ihr Verständnis durch seinen Geist erst öffnen. Um die Bibel zu verstehen, um ihrer Botschaft von Herzen zustimmen zu können, muss ein Mensch von ihrem Geist ergriffen werden. Jeder muss selbst zum biblischen Menschen werden: sich unter Zöllnern und Sündern wiederentdecken.

Luther war aus eigener Erfahrung bewusst, dass ohne Anfechtung niemand die Schrift verstehen kann. »Die Anfechtung lehrt aufs Wort merken.« Der Reformator las die biblischen Texte, »als wären sie gestern geschrieben«, als tröste und mahne Gott darin ihn allein.

Die Bibel ist für Luther also eine höchst dynamische Angelegenheit. Sie ist das lebendige Wort Gottes. Sie ist Anrede Gottes an den Menschen. Durch ihr Wort will Gott dem Menschen begegnen. Deshalb ist Luther der Überzeugung, dass die Verschriftlichung des Evangeliums in der Bibel nur ein Notbehelf ist. Die gute Nachricht vom Kommen Gottes in die Welt muss gepredigt werden, wenn Menschen Christen werden – und bleiben – sollen. Es braucht das Glaubenszeugnis eines anderen Menschen.

Trotz der Betonung des gesprochenen Wortes war Luther kein Vertreter eines charismatischen oder enthusiastischen Schriftverständnisses. Ein Merkmal charismatischer Bewegungen ist das Rechnen mit dem unmittelbaren Reden des Geistes im Herzen. Im Gegensatz zu traditioneller evangelischer Theologie und Frömmigkeit wird diese Form des Geisteswirkens nicht misstrauisch beargwöhnt, sondern kraftvoll ersehnt. Viele charismatische Christen übersehen aber, dass solches Reden des Geistes im Herzen leicht zu verwechseln ist mit den Wünschen des eigenen Herzens. Es bedarf deshalb der Bibel als Prüfungsinstanz.

Besondere Offenbarungen des Gei­stes sind immer nur zu einer bestimmten Zeit, in bestimmten Situationen und für einen bestimmten Empfängerkreis hilfreich. Sie haben also für die christliche Gemeinde nur eine partielle Bedeutung. Dagegen hat sich die Bibel zu allen Zeiten und an allen Orten als Inspirationsquelle für den Glauben erwiesen. Die Bibel ist deshalb für den Glauben unverzichtbar! Gerade in ihrer Fremdheit vermag sie neue Horizonte zu eröffnen und in neue Wirklichkeitsräume zu führen.

Das Wort der Bibel muss die Leser stören, muss aufrütteln.Luthers letzte schriftliche Äußerung, auf einem Zettel notiert, den man erst nach seinem Tod fand, gibt diese Erfahrung wieder: »Den Vergil kann in seinen Bucolicis und Georgicis (Hirten- und Bauerngesängen) niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Hirte oder Landwirt gewesen; den Cicero in seinen Briefen (so stelle ich mir’s vor) versteht niemand, wenn er nicht zwanzig Jahre in einem hervorragenden Staatswesen sich betätigt hat; die Heilige Schrift meine niemand genügend verschmecket zu haben, er habe denn hundert Jahre mit den Propheten Kirchen geleitet … Wir sind Bettler: das ist wahr.«

Peter Zimmerling


Peter Zimmerling ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Unterbezahlte Einzelkämpfer

29. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Viel Unzufriedenheit unter sächsischen Kirchenmusikern

logo_kimuIch wünsche mir mehr Zeit, zur Vorbereitung zum Beispiel«, sagt Sibylle Schulze. Sie hat eine 35-Prozent-Stelle als Kantorin in Reichenberg. »Aber damit bin ich voll ausgelastet.« Diese Teilanstellung von Kirchenmusikern in der sächsischen Landeskirche hält sie für keinen guten Zustand, wie sie auf einer Podiumsdiskussion anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Hochschule für Kirchenmusik in Dresden sagt.

»Ein Kirchenmusiker muss von seinem Gehalt leben und eine Familie ernähren können«, meint sie. Vielleicht könnte man von woanders, von den Baumitteln zum Beispiel und vom Gehalt des Pfarrers zwei Prozent abzweigen für Kantor oder Kantorin, schlägt sie vor.

Ein Kantor aus dem Auditorium pflichtet ihr bei: »Eine 70-Prozent-Anstellung als Hauptamtlicher – das ist zu wenig.« Unter seinen Kollegen breite sich angesichts dessen Resignation aus.Zwei Drittel der hauptamtlichen Kirchenmusiker in der Landeskirche hätten Teilanstellungen, meist 70 Prozent, sagt Landeskirchenmusikdirektor Markus Leidenberger. Würden alle voll angestellt, könnte es in mancher Kleinstadt keinen Kirchenmusiker mehr geben.

Jens Staude, Landes­obmann des Kirchenchor­werkes, erinnert auch an die ehren- und nebenamtlichen Kirchenmusiker und fordert größere Wertschätzung für sie, »die sich auch in Anstellungsverhältnisse niederschlägt«. Hauptamtliche müssten sie intensiver begleiten. »Sie fühlen sich oft allein gelassen.«

Dabei sei ihnen die erstaunliche Tatsache zu verdanken, dass die Zahlen von Chorsängern in den sächsischen Kirchgemeinden seit Jahren stabil sind. »Wir sind zu bescheiden, wenn es um die Darstellung unserer Arbeit geht«, sagt er.

Wenn es darum gehe, eigene Forderungen durchzusetzen, beispielsweise in der Synode, wo nur zwei Kirchenmusiker vertreten sind, reichten Anträge einzelner Kantoren nicht, ergänzt Leidenberger. »Unserem Berufsstand fehlt ein Netzwerk.« Der Sächsische Landesverband evangelischer Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen in Deutschland (VEKM) jedenfalls sei dies noch nicht, sagt dessen Vorsitzender Jens Petzl. 290 Mitglieder gehörten dem Verband an. »Aber wir sind meistens Einzelkämpfer.«

Für bessere Verständigung untereinander seien regelmäßige Treffen von Kantoren in einer Region sinnvoll, meint Kantor Stefan Gehrt aus Schönfeld-Weißig. Andere schlagen vor, Ausschüsse für Kirchenmusik in den Kirchenbezirksvorständen zu gründen.

Tomas Gärtner

Gottes Kompass ist da – wir müssen ihn nur benutzen

22. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Micha 6, Vers 8

Barbara Kästner aus Großpostwitz ist Reise­referentin der Kirchlichen Frauenarbeit Sachsens. Foto: Archiv

Barbara Kästner aus Großpostwitz ist Reise­referentin der Kirchlichen Frauenarbeit Sachsens. Foto: Archiv

Solange es Menschen gibt, sind sie auf der Suche nach Orientierung für ein gelingendes, gottgefälliges Leben. So waren es die Zeitgenossen des Propheten Micha in einer unruhigen Zeit. Und auch wir erleben heute trotz Wohlstand viele Unsicherheiten und suchen Orientierung. Eigentlich wissen wir alle, was Gott von uns fordert. Aber weil wir Menschen wieder vergessen, muss Gott uns immer wieder daran erinnern. Die Worte des Micha sagen es uns kurz und prägnant.

Erstens: Gottes Wort halten. Nimm Gottes Gebote als Richtschnur deines Lebens, sie laden dich ein zu einem gelingenden Leben, lege bei den Entscheidungen, die du treffen musst, immer wieder dieses Maß an. Zweitens: Liebe üben. Nicht umsonst steht da »üben« und nicht »tun«. Denn es ist immer wieder ein Üben und oft genug misslingt es uns. Bei vielen Menschen fällt uns das Lieben auch ganz leicht: unsere Familie, Freunde … Wie ist das aber mit den Unbequemen, den Unsympathischen?

Hier sollen wir immer wieder Liebe und Toleranz üben und versuchen, unser Herz weit zu machen. Drittens: Demütig sein vor unserem Gott. Demut ist in unserer Zeit nicht gerade eine attraktive Eigenschaft, wer will schon demütig sein? Aber wir sollen uns nicht vor den Menschen beugen, sondern vor Gott. Diese aufrechte Demut aus dem Glauben kann uns mutig machen. Die Wende vor 20 Jahren wurde vor allem von Menschen ins Rollen gebracht, die aus dem Mut, der in der Demut vor Gott steckt, handelten.

Mein Weg als Mensch fordert von mir immer wieder Entscheidungen. Eigentlich habe ich dafür einen guten Kompass von Gott mitbekommen. Ich muss ihn nur benutzen.

Barbara Kästner

Maulschellen

22. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Martin Hanusch ist Chefredakteur bei "Glaube + Heimat"

Martin Hanusch ist Chefredakteur bei "Glaube + Heimat"

Erst die Pfandbons für 1,30 Euro, dann eine Bulette mit zwei Brötchenhälften – die Reihe von Kündigungen wegen Bagatellen nimmt kein Ende. Nun trifft es eine Altenpflegerin aus Konstanz. Weil sie unerlaubt einige Maultauschen einsteckte, ist ihr nach 17-jähriger Betriebszugehörigkeit gekündigt worden – zu Recht, wie das Arbeitsgericht in Radolfzell jetzt entschieden hat. Verständlicherweise sorgt der aktuelle Fall für bundesweites Aufsehen. Da verliert eine Angestellte ihre Arbeit wegen ein paar Teigtaschen, die ansonsten im Müll (!) gelandet wären. Andererseits erhalten Banker, die mitunter immensen Schaden angerichtet haben, Millionen-Boni und gehen straffrei aus. Das verstärkt das Gefühl: Die Kleinen hängt man und die Großen lässt man laufen.

Dem Buchstaben nach mag der Spruch des Arbeitsgerichtes rechtens sein. Natürlich stellt die »vorsätzliche Verletzung des Eigentums oder Vermögens des Arbeitgebers« einen Grund zur außerordentlichen Kündigung dar. Verhältnismäßig ist die Entscheidung trotzdem nicht. Wozu gibt es Abmahnungen? Warum führen solche Bagatelldelikte einzig bei Arbeitnehmern zu fristlosen Kündigungen. Bei Geschäftsführern oder Vorständen zeigen sich Gerichte deutlich großzügiger.

Sicher: Vertrauen bleibt ein hohes Gut, das nicht einfach über Bord geworfen werden darf. Aber dass ausgerechnet Buletten oder Maultaschen das Verhältnis zwischen Unternehmen und Mitarbeitern nachhaltig erschüttern, glaubt wohl ernsthaft niemand. Hier liegt der Verdacht nahe, dass nach einem Grund gesucht wurde, um eine unliebsame Mitarbeiterin loszuwerden. Schließlich werden in Unternehmen tausendfach Kekse genommen, Kulis eingesteckt oder auf Firmenkosten Telefonate geführt. In der Regel hat das keine Konsequenzen.

Dass das Gericht dies nicht berücksichtigt, ist ein fatales Signal und wirft kein gutes Licht auf den Arbeitgeber. Der hat nämlich unabhängig vom Kündigungsschutz auch eine Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern. Aber die ist halt schwer einklagbar.

Von Martin Hanusch

Kirchliche Diplomatie

22. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Staat und Kirche in Sachsen: Wo Kirche sich einbringt und wie sie von Politikern gesehen wird.

© Antti Karppinen/Fotolia.com

© Antti Karppinen/Fotolia.com

Unter den Theologen an der Leipziger Universität wird das Thema theoretisch behandelt. Um das Verhältnis von Staat und Kirche soll es dort bei den »Theologischen Tagen« vom 26. bis 29. Oktober gehen. Derweil ist in Dresden Pfarrer Christoph Seele dabei, dieses Verhältnis praktisch zu gestalten. Der 45-Jährige ist seit Juli Beauftragter der Evangelischen Landeskirchen beim Freistaat Sachsen. »So etwas wie ein Botschafter«, sagt er. »Gespräche sind mein Handwerkszeug. Dies ist das Feld der Diplomatie.«

Am 29. September hat sich ein neuer Sächsischer Landtag konstituiert. In der schwarz-gelben Regierung sitzen mehrere neue Minister. Was Pfarrer Seele tun kann, regelt der 1994 geschlossene Kirchenvertrag. Der schreibt Gespräche zu Fragen fest, die »für beide Seiten von besonderer Bedeutung sind« und dass bei der Gesetzgebung die Kirchen »angemessen zu beteiligen« seien. Deshalb verfolgt Seele die Debatten des Landtags, ist zu Gast bei den Fraktionen. Thema Nummer 1 derzeit: das Ladenschlussgesetz. Es läuft im Herbst 2010 aus, wird jetzt überprüft, möglicherweise geändert. Im Koalitionsvertrag jedenfalls heißt es dazu: »Die Feier­tagsruhe der bereits heute in Sachsen besonders geschützten Feiertage wird weiterhin erhalten.«

Dies stimme ihn optimistisch, sagt Seele. Zu Einzelheiten, etwa der vorgeschlagenen Öffnung von Autowaschanlagen und Videotheken am Sonntag, wird er verhandeln müssen, nachdem er die Positionen der drei evangelischen Landeskirchen Berlin-Brandenburgs, Mitteldeutschlands und Sachsens als gemeinsames Votum eingebracht hat. Politische Neutralität werde er dabei ebenso zeigen wie Klarheit in kirchlichen Belangen.
Regeln will er alles im Gespräch. Zur Klage vor Gericht solle nur im äußersten Fall gegriffen werden. »Das führt nur zur Verhärtung der Fronten.« Dies gelte auch bei den anderen Diskussionsthemen: bei den kirchlichen Schulen etwa, beim Religionsunterricht oder beim Bestattungsgesetz.

Die Ministerien, mit denen er zu tun hat, signalisieren jedenfalls Entgegenkommen. Wissenschafts- und Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) erklärt: »Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut und soll entsprechend weiterlaufen.« Kultusminister Roland Wöller (CDU), ebenso wie von Schorlemer evangelisch-lutherischer Konfession, kündigt durch eine Sprecherin »konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit« an und betont: »Das Kultusministerium sieht sich insbesondere der historisch gewachsenen Verbindung von Bildung, Werteorientierung und Kirche verpflichtet.«

Offenheit kündigen auch die fünf demokratischen Landtagsfraktionen an. Als »Partner« der Kirchen betrachtet sich ihrem Sprecher zufolge die CDU-Fraktion. Sie wolle verantwortungsvoll mit den Anregungen der Landeskirchen umgehen. Beim Ladenöffnungsgesetz seien diese berücksichtigt »und die Sonn- und Feiertagsruhe in Sachsen grundsätzlich bewahrt« worden. FDP-Fraktionschef Holger Zastrow verweist auf »enge Kontakte« bereits in der vergangenen Legislaturperiode und erklärt: »Grundsätzlich beziehen wir die Positionen Betroffener in unsere politische Arbeit ein.«

Martin Dulig von der SPD-Fraktion sieht in den Kirchen Partner, »von denen wir unsere Arbeit kritisch und konstruktiv begleitet sehen wollen«. »Wir werden zwar nicht immer übereinstimmen, aber ich sehe sehr große Schnittmengen«, fügt er hinzu. Ein Sprecher von Bündnis 90/Grüne erinnert an bestehende Kontakte zu kirchlichen Gruppen bei Themen wie Klima- und Umweltschutz, er­neuer­bare Energien, Flüchtlingspolitik, Engagement für Demokratie und Toleranz. Linke-Fraktionschef André Hahn nennt seine Fraktion »offen für das Potenzial der Kirche als einer Ideen­geberin von Politik«. Die Argumente der Kirchen wolle die Linke bei ihrer Meinungsbildung berücksichtigen.

Sprechen will Pfarrer Seele mit allen, die dies wollen. »Nur so können sich unsere christlichen Grundwerte in der Gesetzgebung manifestieren.«

Von Tomas Gärtner

Die Jugend stärken

22. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Am 9. und 10. Oktober tagte der Landesjugendkonvent, das höchste landesweite Gremium aller ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Christine Reuther sprach darüber mit Peter Hofmann.

Peter Hofmann ist Vorsitzender des Landesjugendkonvents. Foto: Archiv

Peter Hofmann ist Vorsitzender des Landesjugendkonvents. Foto: Archiv

Herr Hofmann, womit hat sich der Landesjugendkonvent auf seiner Herbsttagung befasst?
Hofmann:
An zwei Tagen haben wir uns über Aktuelles in den Kirchenbezirken ausgetauscht, hörten Berichte aus den landeskirchlichen Gremien und Verbänden und führten Wahlen durch. Samstags setzen wir uns normalerweise mit aktuellen jugendpolitischen Themen auseinander. Zu dieser Tagung aber wurden wir zusammen mit 500 Jugendlichen vom Landesjugendpfarramt zum Ehrenamtlichentag eingeladen.

Auf einer früheren Tagung war ja beschlossen worden, sich in den kirchlichen Reformprozess einzubringen. Wie ist da der Stand, werden Sie gehört?
Hofmann:
Im Frühjahr 2008 haben wir uns mit dem Impuls­papier »Kirche der Freiheit« beschäftigt. Daraus ist ein offener Brief an die Kirchenleitung und die Synode entstanden, in dem wir unter anderem eine stärkere Jugendbeteiligung in den verschiedenen landeskirchlichen Gremien fordern. Nach Veröffentlichung des Briefes lud uns die Kirchenleitung zu Gesprächen ins Landeskirchenamt ein. Außerdem unterstützt uns Synodenpräsident Guse bei dem Vorhaben, uns auf der Frühjahrssynode zu präsentieren. Langfristig streben wir sechs stimmberechtigte Jugendliche in der Synode an, dafür müssen wir uns aber eine Plattform schaffen.

Wie werden Sie weiter arbeiten?
Hofmann:
Zum einen werden wir uns weiter um Gespräche mit anderen Gremien bemühen und uns für eine starke Jugendbeteiligung auf allen kirchlichen Ebenen einsetzen. Zum anderen werden wir inhaltlich weiterarbeiten. Die Arbeitsgrup­pe Liturgie zum Beispiel hat es sich zum Ziel gesetzt, Impulse für die Gestaltung von Gottesdiensten zu schaffen, damit sie für Jugendliche ansprechender und verständlicher werden.

Welche Themen bewegen darüber hinaus die Jugendlichen in der Landeskirche?
Hofmann:
Für die Frühjahrstagung 2010 haben wir das Thema »Evangelisch bleiben« gewählt. In keiner Generation gibt es so viele Kirchenaustritte, wie im Alter von 20 bis 30 Jahren. Welche Angebote können Gemeinden für junge Erwachsene und zugezogene Jugendliche schaffen, um dem Trend entgegenzuwirken? Die Idee dazu ist beim Gespräch im Landeskirchenamt entstanden, da junge Menschen nicht nur Zukunft, sondern auch Gegenwart unserer Kirche sind.

www.ljk-sachsen.de

… dass Eltern nicht streiten

15. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Sie tragen ihre selbstgestalteten Kerzen zum Altar: Rund 650 Grundschülerinnen und -schüler nahmen am 9. Oktober am ersten Friedensgebet für Kinder in der Leipziger Nikolaikirche teil. Foto: Uwe Winkler

Sie tragen ihre selbstgestalteten Kerzen zum Altar: Rund 650 Grundschülerinnen und -schüler nahmen am 9. Oktober am ersten Friedensgebet für Kinder in der Leipziger Nikolaikirche teil. Foto: Uwe Winkler

Die Nikolaikirche war fast so voll wie bei den Friedensgebeten vor 20 Jahren. Doch am 9. Oktober 2009 waren es hunderte Kinder, die in die Kirche strömten. Über 650 Schülerinnen und Schüler aus elf Leipziger Grundschulen hatten sich zum Friedensgebet für Kinder angemeldet.

»Es ist ganz, ganz wichtig, die Erfahrungen der Friedensgebete vor 20 Jahren an die Kinder weiterzugeben«, sagt der Leiziger Superintendent Martin Henker. Die Ereignisse im Herbst 1989 in der DDR sollten auch von der näch­sten Generation angenommen und als wertvoll geschätzt werden.

In ihrem Anspiel zu Beginn des Friedensgebets erzählen die Kinder von Eitelkeit und Neid, Streit und Hänseleien, Angst, Gewalt und Einsamkeit. Und erst als sie in ihrer Geschichte zu einer gemeinsamen Aktivität zusammenfinden, bauen sie auf dem Altarplatz Kartons auf mit Aufschriften wie Neugierde, Zusammenhalt, Entschuldigung und Frieden.

»Wohl denen, die Frieden bringen.« Über diese Bibelworte spricht der Leipziger Bezirkskatechet Uwe Hahn zu den Kindern. »Es ist so schwer, die Hand auszustrecken, wo Fäuste geballt sind«, sagt er. »Aber einer muss die Hand ausstrecken zur Versöhnung, vielleicht bist Du es«, sagt er.

Die Kinder haben Kerzen gestaltet, die sie anzünden und zum Altar tragen. Und einige treten vor, um zu erzählen, was ihnen Frieden bedeutet: »Frieden ist, wenn sich Menschen vertragen, wenn es keinen Nachbarschaftsstreit gibt, Frieden kennt keine Waffen. Frieden heißt: keine Schießereien in Ländern, die arm sind«, sagen sie. Und beim Gebet benennen sie ihre Wünsche, wie das gehen könnte: »Dass mehr Leute an Gott glauben, dass sich Eltern nicht streiten, dass es keine Todesstrafe mehr gibt, dass es in Afghanistan und überall keinen Krieg mehr gibt«, lauten die vorgetragenen Bitten.

Vorbereitet hatten die Andacht Schüler des Evangelischen Schulzentrums, des katholischen Maria-Montessori-Schulzentrums und der freien Schule »Clara Schumann«. Das Friedensgebet für Kinder war der Auftakt für die zahlreichen Veranstaltungen zur Erinnerung an die große Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989.

Christine Reuther

Damit die Seele einen Ruhepunkt findet

15. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen.
Jeremia 17, Vers 14

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Bettina Dörfel ist Landesleiterin der Kirchlichen Frauenarbeit in Sachsen. Foto: Steffen Giersch

Bettina Dörfel ist Landesleiterin der Kirchlichen Frauenarbeit in Sachsen. Foto: Steffen Giersch

Es geht ihr nicht gut. Nein, sie hatte keinen Unfall, keine schlimme Diagnose und auch entlassen wurde sie nicht. Aber sie ist innerlich zerrissen, sie hat sich so engagiert für saubere Kleidung, für gerechte Löhne in den Entwicklungsländern, für ökologisches Bewusstsein rund um die Welt und vieles mehr. Immer wieder hat sie die Unheilsstrukturen aufgedeckt, darüber gepredigt, die Leute beschworen. So richtig tut sich nichts. Sie wird belächelt und bespöttelt. »Ich kann es nicht mehr hören«, sagen die Leute zu ihr. »Vielleicht muss die Menschheit ja in ihr Unglück rennen«, sagt sie sich.

Ähnliches hat Jeremia erlebt. Er litt darunter, dass die Leute ihn nicht mehr ernst nahmen. Leidenschaftlich hatte er sich dafür eingesetzt, dass die Menschen ihre Lebenseinstellungen grundsätzlich ändern. »Wo bleibt denn das Unglück, das der Herr angedroht hat? Es soll doch kommen!«, so beschreibt er die Reaktion seiner Landsleute in Vers 15.

Verunsichert wirkt Jeremia hier, enttäuscht und zornig. Vielleicht ein erster Schritt, damit die zerrissene Seele wieder heil werden kann: alles herauslassen, was an Wut in einem steckt. Gut ist es, wenn man es Gott sagen kann und nicht anderen an den Kopf knallen muss. Noch besser ist es, wenn man so wie Jeremia »Du« sagen kann zu Gott, wenn in der Enttäuschung dieses Vertrauen bestehen bleibt. Dann hat sich die Situation zwar nicht verändert, aber die Seele hat einen Ruhepunkt gefunden.

Von diesem Punkt aus kann sich Heilendes entwickeln, kann sich Bitterkeit lösen und der Blick klar werden: Was ist mein Auftrag jetzt? Wofür kämpfe ich trotz allem Widerstand? Wer unterstützt mich? Was tue ich Gutes für mich, damit die Seele heil bleibt? Und wenn mir letzteres nicht ganz gelingt, dann weiß
ich ja, an wen ich mich wende.

Bettina Dörfel

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