Wenn alle gemeint sind, sollten auch alle benannt werden

8. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Foto: Shlomit Wolf, sxc.hu

Foto: Shlomit Wolf, sxc.hu

Dieses Gebot haben wir von ihm, dass wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1 Johannes 4, Vers 21

Ja, es leuchtet mir ein, dass ich Gott nur lieben kann, wenn ich auch meine Nächsten liebe (wie mich selbst). Es braucht keine Erklärungen, dass ich Gott in anderen Menschen begegne, dass sich meine Liebe zu Gott im Umgang mit meinen Mitmenschen widerspiegeln muss.

Diese Liebe hat Jesus unmissverständlich in die Welt gebracht und vorgelebt. Sie findet Ausdruck überall dort, wo ich Menschen zum Leben verhelfe, wo ich an Menschen im Abseits nicht vorübergehe, wo ich Unrecht nicht tatenlos hinnehme. Dazu brauche ich Vertrauen und Mut.

Ich vertraue darauf, dass Gottes Liebe und dieses Gebot allen Menschen gelten. Und wenn alle Menschen gemeint sind, sollten auch alle Menschen benannt werden, also nicht nur die Brüder, sondern auch die Schwestern. Es ist für uns selbstverständlich, dass sich Näch­stenliebe an Männer und Frauen richtet – warum sollte das nicht auch in unserer Sprache sichtbar werden? Denn es reicht mir nicht, wenn die Frauen nur mitgemeint sind.

Dieser Vers ist ein Bespiel dafür, dass es nötig ist, diesem sprachlichen Unrecht endlich auch mit unserer Sprache gerecht zu werden. Und dazu sind keine sprachlichen Verrenkungen nötig. Ein Beispiel dafür ist die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache: »Dieses Gebot ist uns gegeben: Alle, die Gott lieben, sollen auch ihre Geschwister lieben.«

Solche Art der Achtsamkeit gegenüber Frauen ist auch ein Zeichen der Liebe. Jesus hat damit begonnen. Er hat Frauen beachtet und zu ihrem Recht verholfen, wo es sonst niemand tat. Unsere Aufgabe sollte es sein, das auch sprachlich ernst zu nehmen.

Antje Hinze ist Landespfarrerin der kirchlichen Frauenarbeit Sachsen.

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “Wenn alle gemeint sind, sollten auch alle benannt werden”
  1. Ludwig Grafe sagt:

    Sehr geehrte Frau Hinze,
    mit Interesse lese ich jede Woche das „Wort zur Woche“, aber Ihres vom 11. Oktober hat mich betroffen gemacht.
    Leider fordern Sie, daß Frauen und Männer getrennt angesprochen werden sollen. Abgesehen davon, daß das grammatikalisch falsch ist (die Germanisten haben dafür einen speziellen Begriff, der mir leider wieder entfallen ist), wird damit schon heute eine neue Benachteiligung (das Wort Diskriminierung vermeide ich bewußt) der Männer aufgebaut. Wenn Sie Äußerungen von Politikern und in der Presse etwas genauer beobachten, werden Sie feststellen, daß der weibliche und männliche Plural nur für positiv belegte Begriffe verwendet wird, wie zum Beispiel „Wählerinnen und Wähler“, „Bürgerinnen und Bürger“ und vereinzelt auch „Christinnen und Christen“ (bei letzterem läuft es mir jedes mal kalt den Rücken runter) oder sogar „Jüngerinnen und Jünger“ (die weibliche Form eines Mannes?). Dabei bin ich noch nie auf den Gedanken gekommen, daß bei der Ansprache „der Christen“ nur die Männer gemeint sein könnten!
    Im Gegensatz dazu wird aber für negativ belegte Begriffe in den Medien peinlichst die weibliche Ansprache vermieden – oder haben Sie schon mal irgendwo gelesen „die Raserinnen und Raser“, „die Alkoholikerinnen und Alkoholiker“, „die Steuersünderinnen und Steuersünder“ oder „die Schlägerinnen und Schläger“ – obwohl es das sowohl bei Frauen als auch bei Männern leider gibt. Selbst in der Bibel müßte dann korrigiert werden „Sünderinnen und Sünder.
    Vor Gott sind wir alle gleich – wir sollten deshalb hier nicht das Trennende suchen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ludwig Grafe

  2. Ronald Quednau sagt:

    Liebe Frau Hinze und lieber Herr Grafe,

    ich bemerke sehr oft die grammatikalische Verunglimpfung in z. B. Medien.

    Wir könnten dem Bildungs-Minister jedoch eine Petition einbringen. Wie wäre es mit:

    Menscherinnen und Menscher ? Erzeugerinnen und Erzeuger ? Schlachterinnen und Schlachter ? Hackerinnen und Hacker ? Farbigerinnen und Farbiger ? Weißerinnen und Weißer ? Lebendigerinnen und Lebendigerern ?…oder wie hieße es dann ?….das ist doch eine hübsche Idee, oder ?

    Wer dazu keine Lösung weiß, sollte sich im Klaren sein, selbst Deutschlehrer blicken nicht mehr durch. Ein Gutes hat diese Verworrenheit jedoch. Die Druckindustrie erfreut sich höherer Papier-Nachfrage…ich muss nun lächeln.

    Spaß beiseite…seit Jahrtausenden sind bei Begriffen Menschen, Gläubige usw. stets beide Geschlechter berücksichtigt gemeint. In manchen Abschriften weicht es lediglich durch den Unterschied Alt- Nieder- und Hochdeutsch voneinander ab.

    Konfessionsgerichtete Abschriften haben da eine zusätzliche Stellenabweichung, die teils auch ohne Festregeln genutzt wird. Vor Tausend Jahren Geschriebenes wird heute teils ganz anders übermittelt. Menschen überliefern und Menschen haben eben auch Fehler.

    Herrn Grafe danke ich für den Hinweis zur Diskriminierung der Männer. Das geschieht übrigens seit Langem auch im Arbeits-Stellenmarkt. Dabei habe ich natürlich auch Verständnis für viele Frauen, die nicht mehr in Lohn und Brot geraten können.

    Wir können alles komplizierter machen, als es ist. Dafür sind wir “Deutschen” (sollte ich da eher Deutscherinnen und Deutscher nennen ?) ja weltweit schon seit X-Zeiten belächelt.

    Weder Frauen-Herrschaft noch Männer-Herrschaft sind für die Zukunft des Intelligentem Mensch-Sein sinnvoll. Ein Für- und Miteinander ist die Lösung.

    Frauen haben ein großes „durch die Bauch-Mitte Entscheiden“ und wir Männer ein großes „Ratio…von links nach rechts alles Berücksichtigende“ in uns. Die Kunst sollte es werden, dies zum Wohle @LLer zu vereinen.

    Es grüßt herzlich, Ronald aus Hamburg

  3. Dr. Raabe, Ferdinand sagt:

    Solange durch die sog. gerechte Sprache lediglich etwas abstrus anmutende Formulierungen entstehen, mag man das Ganze ja noch unter Ulk verbuchen. An manchen Stellen entstehen dadurch aber auch Irrtümer, z.B. wenn einmal beide Formen genannt werden und im nächsten Satz dann nur noch die männliche oder, noch besser, die weibliche gebraucht wird. In diesem Fall ist für jeden logisch formulierenden Menschen klar, dass nur Männer oder nur Frauen gemeint sind, nicht so aber für den Verursacher des Textes. Er wollte nur, gerechterweise, einmal die Männer und einmal die Frauen nennen, und Sachsen-Anhalts ehemaliger Ministerpräsident Höppner erläuterte mir das anlässlich eines Streitgespräches um die Bibel in gerechter Sprache auch so. Was aber, wenn ausnahmsweise einmal nur die Frauen oder aber nur die Männer gemeint sind? Dafür gäbe es dann bei dieser babylonischen Sprachverwirrung keine geeignete Ausdrucksmöglichkeit. Der korrekte Sinn müsste dann erahnt werden.