Wir sind Bettler: das ist wahr
29. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Die Bibel ist das lebendige Wort des liebenden Gottes. Deshalb wandte sich Martin Luther gegen einen fundamentalistischen Buchstabenglauben – und eine fromme Vereinnahmung der Schrift.

Szene aus dem Spielfilm »Luther« (2003) mit Joseph Fiennes (r.) in der Titelrolle. Die Lebensgeschichte des Reformators ist am 31. Oktober um 11.30 Uhr im MDR zu sehen. Foto: Rolf von der Heydt/NFP
Die Reformation wurde ausgelöst durch Martin Luthers neues Lesen der biblischen Texte. Über ein Jahrtausend lang beherrschte das Bild des fernen, zornigen Gottes die Christenheit. Luther entdeckt das Gottesbild des Neuen Testamentes vom nahen und liebenden Gott wieder. Das Zentrum von Luthers Glaube bildet fortan der in Jesus Christus offenbar, ja anfassbar gewordene Gott. Dadurch kommt gegenüber dem Mittelalter eine ganz neue Wärme in das Verhältnis des Menschen zu Gott hinein.
Weil der Reformator diese Erkenntnis durch das Studium der Bibel gewinnt, büßt die Tradition der Kirche ihre normative Bedeutung für den evangelischen Glauben ein. Die Bibel genügt für den Glauben! Allein die Schrift – sola scriptura –, sagen die Reformatoren.
An vielen Stellen in seinen Büchern preist Luther die Schrift mit hymnischen Tönen. Sie ist der Königsweg zu Gott. Alle biblischen Bücher predigen Jesus Christus als den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, wenn auch in unterschiedlicher Intensität.
Trotzdem ist die Heilige Schrift für den Reformator kein papierener Papst. Luther vertritt kein fundamentalistisches Schriftverständnis. Die Wahrheit der Schrift ist in Windeln eingewickelt, wie er sagt. Deshalb kritisiert er biblische Aussagen, wenn er der Überzeugung ist, dass sie die Botschaft von der voraussetzungslosen Annahme des Menschen durch Gott eher verdunkeln als erhellen. Den Jakobusbrief etwa nennt er eine »stroherne Epistel« – ein Brief ohne Saft und Kraft.
Luther ist der Überzeugung: Die Wahrheit der Bibel lässt sich nicht rational beweisen. Kein Mensch kann sie aus eigener Vernunft noch Kraft verstehen. Gott muss dem Leser ihr Verständnis durch seinen Geist erst öffnen. Um die Bibel zu verstehen, um ihrer Botschaft von Herzen zustimmen zu können, muss ein Mensch von ihrem Geist ergriffen werden. Jeder muss selbst zum biblischen Menschen werden: sich unter Zöllnern und Sündern wiederentdecken.
Luther war aus eigener Erfahrung bewusst, dass ohne Anfechtung niemand die Schrift verstehen kann. »Die Anfechtung lehrt aufs Wort merken.« Der Reformator las die biblischen Texte, »als wären sie gestern geschrieben«, als tröste und mahne Gott darin ihn allein.
Die Bibel ist für Luther also eine höchst dynamische Angelegenheit. Sie ist das lebendige Wort Gottes. Sie ist Anrede Gottes an den Menschen. Durch ihr Wort will Gott dem Menschen begegnen. Deshalb ist Luther der Überzeugung, dass die Verschriftlichung des Evangeliums in der Bibel nur ein Notbehelf ist. Die gute Nachricht vom Kommen Gottes in die Welt muss gepredigt werden, wenn Menschen Christen werden – und bleiben – sollen. Es braucht das Glaubenszeugnis eines anderen Menschen.
Trotz der Betonung des gesprochenen Wortes war Luther kein Vertreter eines charismatischen oder enthusiastischen Schriftverständnisses. Ein Merkmal charismatischer Bewegungen ist das Rechnen mit dem unmittelbaren Reden des Geistes im Herzen. Im Gegensatz zu traditioneller evangelischer Theologie und Frömmigkeit wird diese Form des Geisteswirkens nicht misstrauisch beargwöhnt, sondern kraftvoll ersehnt. Viele charismatische Christen übersehen aber, dass solches Reden des Geistes im Herzen leicht zu verwechseln ist mit den Wünschen des eigenen Herzens. Es bedarf deshalb der Bibel als Prüfungsinstanz.
Besondere Offenbarungen des Geistes sind immer nur zu einer bestimmten Zeit, in bestimmten Situationen und für einen bestimmten Empfängerkreis hilfreich. Sie haben also für die christliche Gemeinde nur eine partielle Bedeutung. Dagegen hat sich die Bibel zu allen Zeiten und an allen Orten als Inspirationsquelle für den Glauben erwiesen. Die Bibel ist deshalb für den Glauben unverzichtbar! Gerade in ihrer Fremdheit vermag sie neue Horizonte zu eröffnen und in neue Wirklichkeitsräume zu führen.
Das Wort der Bibel muss die Leser stören, muss aufrütteln.Luthers letzte schriftliche Äußerung, auf einem Zettel notiert, den man erst nach seinem Tod fand, gibt diese Erfahrung wieder: »Den Vergil kann in seinen Bucolicis und Georgicis (Hirten- und Bauerngesängen) niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Hirte oder Landwirt gewesen; den Cicero in seinen Briefen (so stelle ich mir’s vor) versteht niemand, wenn er nicht zwanzig Jahre in einem hervorragenden Staatswesen sich betätigt hat; die Heilige Schrift meine niemand genügend verschmecket zu haben, er habe denn hundert Jahre mit den Propheten Kirchen geleitet … Wir sind Bettler: das ist wahr.«
Peter Zimmerling
Peter Zimmerling ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.
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