Ein König, der die Füße wäscht und mit den Sündern isst
26. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.
Sacharja 9, Vers 9

Foto: Daniel Cubillas, sxc.hu
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Drei Überraschungen in einem so kurzen Satz! Die erste: Dein König kommt zu dir. Das Normale war und ist: Du musst zu deinem König gehen, dich durch die Vorzimmer dienern, unterwürfig die Bitten vorbringen und warten, bis seine »Königliche Hoheit« geruht, dich wahrzunehmen. Dieser König verlässt seinen Palast, seine Sicherheiten und Bequemlichkeiten und geht zu den Menschen. Er wird einer von uns, ein König auf Augenhöhe, darum reitet er auch auf einem Esel und nicht auf einem Schlachtross. Er kommt zu uns, Advent!
Die zweite Überraschung: Er kommt als Gerechter. Nicht als Richter, als Polizei, als Prüfer, sondern als einer, der uns gerecht werden will und vor möglicher Verurteilung rettet. Er kommt, um zu heilen und aufzurichten, zu versöhnen und zu vergeben. Ein König, der bei uns wohnt und alle Tränen des Leides abwischt, der alles neu macht und allen Lebensdurst stillt (Offenbarung 21, Vers 3ff).
Die dritte Überraschung: Der König kommt als Helfer! Er dient uns, er hilft unserer Schwachheit auf, er heilt wo er kann und gerufen wird. Ein König, der die Füße wäscht und mit den Sündern isst. Einer der sein Leben hingibt für seine Freunde.
Was für Sacharja noch endzeitliche Vision, ist uns mit Jesus Gegenwart geworden. Unser König kam so zu uns, sanftmütig und überzeugend, ohne Schwert doch mit der Vollmacht seiner Liebe. Darum singen wir Hosianna und erinnern uns mit der ganzen Wärme unserer Kerzen und Symbole des Advents: »Gott sei Dank durch alle Welt, der sein Wort beständig hält und der Sünder Trost und Rat zu uns her gesendet hat. Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war, und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit.« (Evangelisches Gesangbuch 12, Verse 1 und 2).
Klaus Kaden
Pfarrer Klaus Kaden ist Rektor der Diakonissenanstalt Dresden.
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Offen für Suchende
26. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Wie finden Erwachsene zum Glauben? Das fragten Wissenschaftler auch in Sachsen – und fanden manche Überraschung.

Die Kirchentür steht offen: In der Radfahrerkirche in Stadt Wehlen an der Elbe suchen auch viele Touristen Besinnung. An solchen Orten kommen Menschen mit der Kirche in Kontakt, auch wenn sie ihr sonst fern stehen. Foto: Steffen Giersch
Zahlen können auch den Glaubenden manchmal hoffnungslos machen. Dafür genügt der Blick in die Mitgliederstatistik der hiesigen Kirchen. Ausgerechnet Zahlen sollen nun für neue Hoffnung sorgen. »50 Prozent der sächsischen Befragten, die als Erwachsene neu zum Glauben kamen, stammen aus einem konfessionslosen Elternhaus«, verkündet der Greifswalder Privatdozent Johannes Zimmermann und zeigt auf die bunten Diagramme an der Wand.
Bekehrung ist möglich – auch in einer Gesellschaft, in der Atheismus der Normalfall ist. So lautet die Kurzfassung jener Studie des Greifswalder Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung, die am vergangenen Freitag in der Dresdner Dreikönigskirche vorgestellt wurde. Ihr Titel: »Wie finden Erwachsene zum Glauben?«
Dafür wurden in den Landeskirchen Württembergs, des Rheinlands, Mecklenburgs, Brandenburgs und Sachsens 462 Menschen schriftlich befragt, die in den letzten Jahren neu oder wieder zum Glauben gekommen sind. Von manchem ihrer Ergebnisse sind die Greifswalder Theologen selbst überrascht, so Zimmermann: »Bekehrungen sind in der Mitte der Kirche zu finden und keine Randphänomene.« Sie sind eben meist nicht Antworten auf Lebenskrisen, sondern ereignen sich bei jedem zweiten Befragten mitten im gesunden und leistungsfähigen Alter zwischen 35 und 50.
Erstaunlich ist auch die Bildung der Befragten: Jeder Zweite hat Abitur oder die mittlere Reife, nur vier Prozent sind arbeitslos. »Lange herrschte die Annahme: Je höher die Bildung, desto höher auch die Distanz zur Kirche. Unsere Studie zeigt eine Gegenbewegung«, so der Theologe Zimmermann. »Aber zugleich bereitet uns Sorge, dass die Lebenswelt so genannter bildungsferner Schichten in der Kirche bisher offenbar kaum vorkommt.«
Doch wie kann die Kirche Menschen erreichen? Nicht in erster Linie über groß angelegte Kampagnen oder Missionsveranstaltungen. Für über 80 Prozent der Befragten waren überzeugende und überzeugte Freunde, Bekannte oder Pfarrer entscheidende Begleiter auf dem Weg zum Glauben – für über die Hälfte waren auch Ehepartner oder eigene Kinder wichtig. Der Frankenberger Pfarrer Jörg Hänel schließt daraus: »Wir müssen Christen sprachfähig machen. Sie sind ebenso wichtige Vermittler des Glaubens wie die Pfarrer.«
Unter den Veranstaltungen, die den Befragten auf ihrem Glaubensweg hilfreich waren, nannten über 80 Prozent den traditionellen Gottesdienst. Rund zwei Drittel schätzen Glaubenskurse und Hauskreise – in Sachsen sogar noch weitaus mehr.
»Auch in unserer Kirchgemeinde haben wir festgestellt, dass viel mehr Menschen über diese Wege eine Beziehung zu Gott finden als über große Evangelisationen«, bestätigt Andreas Brandt aus Aue bei der Vorstellung der Forschungsergebnisse.
»Es ist offenbar sehr wichtig, dass die Kirche auch in der Fläche präsent ist«, sagt der Höckendorfer Pfarrer Eckehard Möller mit Blick auf die Studie. »Doch was passiert, wenn im Zuge der Sparbemühungen der Pfarrer nicht mehr da ist für Menschen, die nach Kirche suchen?«
Andreas Roth
Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung
Hier die Zusammenfassung der Studie zum nachlesen: (PDF, 3,1MB)
Vergebung oder Gerechtigkeit?
26. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu
Besinnlich ist das Thema nicht gerade, das die neue Magdeburger Bischöfin Ilse Junkermann kurz vorm Advent angestoßen hat: Christen und die Kirche sollten sich versöhnen mit ehemaligen SED-Funktionären und Spitzeln, fordert sie. Opfer-Vertreter sind empört. Es gibt Streit. Das alles passt nicht zum Advent? Im Gegenteil, es berührt sogar den Kern seiner Botschaft. Denn in der Zeit vor Weihnachten erinnern wir uns daran, dass Gott ein Mensch wurde und neue Maßstäbe in die Welt brachte: Vergebung, Feindesliebe, die Überwindung des Bösen mit Gutem.
Bischöfin Junkermann hat recht: Auf diese versöhnende Weise lassen sich Mauern überspringen zwischen Opfern und Tätern. Nur, was sie fordert, ist längst Wirklichkeit. Es ist sogar die eigentliche Wurzel der Friedlichen Revolution. Der adventliche Geist des Friedens ließ Menschen, die unter der DDR-Diktatur gelitten haben, respektvoll und mit dem Willen zum Neuanfang mit den Trägern dieses Systems umgehen.
Advent aber ist auch der Schrei Marias nach Gerechtigkeit. »Er stößt die Gewaltigen vom Thron«, singt sie über Gott, »und er erhebt die Niedrigen«. Diese Gerechtigkeit aber fehlt vielen, die in der DDR Unrecht erlitten haben. Während ehemalige Funktionäre von SED und Blockparteien recht nahtlos und ohne sich lange mit Selbsterkenntnis aufzuhalten auf der Siegerstraße wandeln, spüren Opfer der Diktatur noch immer deren Schatten im Nacken.
Diese Spannung liegt auch 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution noch in der ostdeutschen Luft – leise, meist etwas melancholisch, selten bitter, aber nicht wegzubekommen. Sie bleibt auch im Advent mit seiner Verheißung von Vergebung und Gerechtigkeit eine offene Frage – und eine offene Hoffnung.
Andreas Roth
Pflaster für die Seele
26. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Kranke Menschen leiden oft auch seelisch. Mediziner entdecken zunehmend die spirituelle Begleitung als Quelle der Heilung.

Foto: OlgaLIS (Stockxpert)
Eine Insel, von der habe sie geträumt. Rolf-Michael Turek, Krankenhausseelsorger in Leipzig, erinnert sich noch an die schwerstkranke Frau, die er auf der Intensivstation kurz vor ihrem Tod besuchte. Er hat ihr Lavendelöl auf ein Taschentuch geträufelt und sie hat den Duft eingeatmet. »Dann sind wir im Geist spazieren gegangen auf dieser Insel«, erzählt er. Ein »heiler Ort« sei das für diese Frau gewesen. Und aus der imaginären Reise habe sie sichtlich Kraft geschöpft.
»Jede Lebensgestaltung symbolisiert etwas von dem, was der Person heilig ist und was sie zutiefst bewegt«, meint Turek. In banalen Dingen könne sich das zeigen, im eigenen Garten zum Beispiel. Alltagsspiritualität nennt er das. Die werde oft gering geschätzt. Dabei haben Mediziner sie inzwischen als wichtige Eigenschaft des Patienten entdeckt.
»Erstmals in der Medizingeschichte wird die spirituelle Thematik mit der physischen und der psychosozialen auf eine Ebene gestellt«, konstatiert der Jesuitenpater, Mediziner und Philosoph Eckhard Frick aus München. Er ist Experte für »Spiritual Care« – so lautet der englische Begriff für diese neue Richtung. Spiritualität meint hier mehr als Religion, Glauben, Frömmigkeit. In der Medizin bedeute es Sinnsuche, sagt Frick. »Besonders bei schweren Krankheiten geht es für den Patienten darum, die Absurdität des Leidens in seine Biografie zu integrieren.« Bisher ist dies Sache des Seelsorgers. Künftig aber werde es zu einer Aufgabe auch für Pfleger, Psychologen, Ärzte, die mit dem Seelsorger in einem Team zusammenarbeiten.
Das beginnt bei der Diagnose. Der Arzt soll außer nach dem körperlichen Befinden auch danach fragen, woraus der Patient Hoffnung und Kraft schöpft, was seinem Leben Sinn verleiht. »Spirituelle Anamnese« wird das genannt. Etliche Mediziner jedoch hegen Zweifel, ob das in Sachsen, wo weniger als ein Viertel der Bevölkerung evangelisch oder katholisch ist, praxistauglich sei. Zumal Ärzte nicht einmal für die herkömmliche Anamnese ausreichend Zeit hätten. »Für die meisten Ärzte und Patienten ist Spiritualität kein Thema«, sagt Thomas Herrmann, Direktor der Radioonkologie an der Dresdner Universitätsklinik. »Patienten erwarten nicht seelsorgerische Betreuung, sondern medizinische Kompetenz.«
Das sieht in der Palliativmedizin anders aus. Hier ist die neue Richtung auch entstanden. »Gleich nach der Aufnahme klären wir Glaubensrichtung und Lebensvorstellungen des Patienten«, sagt Sylvia Schneider, Oberärztin auf der Palliativstation im Krankenhaus Chemnitz-Rabenstein. »Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein Mensch mit schwerster Erkrankung nicht nur körperlich, sondern auch seelisch leidet. Ungeklärte spirituelle Fragen können Unruhe und Schmerzen auslösen.« Im Dresdner Diakonissenkrankenhaus spiele die seelische Dimension des Patienten besonders bei der Diagnose und Behandlung von Krebs eine Rolle, sagt der Ärztliche Direktor Andreas Werner. Zu dem Expertenkreis, der wöchentlich die Behandlung von Palliativpatienten bespricht, gehöre daher auch der Seelsorger.
Pfarrer Nikolaus Krause, Seelsorger der Dresdner Universitätsklinik, hat die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die ihm von überwundenen Krisen und Leid aus ihrem Leben erzählen, dabei Kraft in schwerer Krankheit schöpfen. Auch Religiöses könne diese Erfahrung formulieren. »Wer das Lied ›Wenn ich einmal soll scheiden‹ gesungen und sich ganz tief hat berühren lassen, der kann auch im Leiden einen Sinn entdecken. Mit Spiritualität kann man einen kleinen Kosmos gegen das große Chaos setzen.«
Selten nur sprechen Patienten offen von ihren spirituellen Bedürfnissen, hat Rolf-Michael Turek erfahren. Meist indirekt. Wenn sie etwa von Momenten berichten, wo sie Raum und Zeit vergessen haben. »Solche spirituellen Erfahrungen sind eine Kraftquelle.«
Tomas Gärtner
Ernste Aufgaben
19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Johannes Kimme wird neuer Präsident des Landeskirchenamtes – und steht vor großen Herausforderungen.

Freude nach der Wahl: Noch-Präsident Hans-Dieter Hofmann, Landesbischof Jochen Bohl und Synodenpräsident Otto Guse (v. l.) gratulieren Johannes Kimme, dem neuen Präsidenten des Landeskirchenamts. Foto: Steffen Giersch
Einen Tag lang hatte sich die Synode für die Wahl Zeit genommen, doch bereits am Mittag des 14. November 2009 war es entschieden: Johannes Kimme wird neuer Präsident des Landeskirchenamtes. Schon nach dem ersten Wahlgang zeichnete es sich ab. Da fielen auf ihn 44 und auf den zweiten Kandidaten Thomas Schlichting 17 Stimmen der 75 anwesenden Synodalen. Um die erforderliche Zweidrittelmehrheit zu erreichen, wurde nach drei Stunden der zweite Wahlgang anberaumt. Dieser brachte das Ergebnis: Es stimmten 58 Synodale für Johannes Kimme und 10 für Thomas Schlichting.
Beide Kandidaten hatten sich am Vorabend ausgiebig den Synodalen vorgestellt: Thomas Schlichting als Verwaltungsjurist in Dresden, Bautzen und Leipzig, wo er das Regionalkirchenamt leitet. Dort hat er auf verschiedenen Ebenen Erfahrungen im Umgang mit der kirchlichen Gesetzgebung gesammelt.
Johannes Kimme, elftes Kind des früheren Leipziger Missionsdirektors August Kimme, brachte seine Erfahrungen als Verwaltungsrichter und Präsident großer Landesbehörden zum Ausdruck. Von 1990 bis 2007 leitete er das Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen, seit Januar 2009 als Vizedirektor die Landesdirektion Leipzig. »Zuhören und erkennen, was der Nächste will – nur so hat man eine Vertrauensbasis«, hatte er zu seinen Vorstellungen im Umgang mit den Mitarbeitern gesagt.
Dass mit Johannes Kimme »jemand von außen« das Landeskirchenamt leiten wird, darüber zeigte sich Synodenpräsident Otto Guse gegenüber dem Sonntag erfreut. Dem neugewählten Landeskirchenamtspräsidenten legte er ans Herz: »Sie haben unsere Stimme, unser Vertrauen haben Sie damit noch nicht.« Vertrauen wachse langsam und vor der Landeskirche lägen ernste Aufgaben.
Wie ernst die Lage ist, das machte der Haushaltsplan für 2010 deutlich: Nach einem Überschuss von rund 3 Millionen Euro im Jahr 2008 geht es nun an die Rücklagen. Im kommenden Jahr ist bei einem Gesamthaushalt von 160,7 Millionen Euro ein Defizit von 3,4 Millionen Euro vorhanden. Dieses soll unter anderem auch dadurch ausgeglichen werden, dass dem Pensionsfond keine Rücklagen zugeführt werden. Dieser enthalte gegenwärtig mit 35,7 Millionen Euro etwa ein Drittel der angestrebten 100-prozentigen Rücklage, sagte Finanzdezernent Reinhard Kersten vor der Synode. Deshalb müssten für die Pensionen noch Haushaltsmittel verwendet werden.
Ein positives Signal an die Jugend hingegen setzten Landeskirchenamt und Synode, indem sie den ursprünglichen Hauhaltsentwurf noch um die Summe von 340 000 Euro zugunsten der Sanierung des baufälligen Domizils der Leipziger Studentengemeinde erhöhten.
Trotz des absehbaren Rückgangs der Kirchensteuereinnahmen sowie des EKD-Finanzausgleichs sind zwei Dinge sicher: Es darf nie zur Aufnahme von Krediten kommen, wie der scheidende Landeskirchenamtspräsident Hans-Dieter Hofmann sagte. Und: Bis zum Jahr 2013 gibt es keine Kürzungen bei den Stellen im Verkündigungsdienst. »Zu dieser Zusage können wir stehen, und das ist auch keine Überraschung für die Gemeinden«, sagte Synodenvizepräsidentin Bettina Westfeld.
Wie es ab 2014 in den Gemeinden, kirchlichen Werken und Einrichtungen weitergeht, dafür gibt es bereits eine Arbeitsgruppe.
Und dabei werden auch die Kompetenzen des neuen Landeskirchenamtspräsidenten gefragt sein, der nach seiner Wahl vor der Synode versicherte, das Amt »würdig, initiativ, freudig und humorvoll« auszufüllen.
Christine Reuther
»Wir stehen auf der Seite der Opfer«
19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Landesbischof Bohl sprach in seinem Bericht über Mission, Kapitalismus und den Krieg

Landesbischof Jochen Bohl (Foto: Giersch)
Die Landeskirche hat in den letzten 90 Jahren 80 Prozent ihrer Mitglieder verloren – geistlich aber sei sie gewachsen. Das sagte Landesbischof Jochen Bohl in seinem Bericht vor der Synode. Eine »komfortable Mehrheitssituation« sei der Kirche auch nicht verheißen. »In einer neutestamentlichen Perspektive ist die kleine Schar – die zwei oder drei, die in seinem Namen versammelt sind – eine angemessene Beschreibung für sie.«
Ein Rückzug in die Nische aber ist das nicht. Mission ist für den Landesbischof eine zentrale Herausforderung seiner Kirche, denn: »Gott will, dass allen Menschen geholfen wird«. Doch vielen Christen falle es nicht leicht, sich zum eigenen Glauben zu bekennen und Nicht-Christen Auskunft zu geben. »Wir müssen die Sprachfähigkeit des Glaubens in den Gemeinden stärken und schulen«, mahnte der Landesbischof. Doch das Wort allein genüge nicht. »Wir müssen auch bei denjenigen sein, die in der Gesellschaft schon längst aufgegeben wurden. Es darf sich keine Kirchgemeinde von ihrem diakonischen Auftrag verabschieden.«
Dass dazu auch die Kritik an den Mächtigen in Wirtschaft und Politik gehört, daran ließ der Landesbischof in seinem Bericht keinen Zweifel. Scharf griff er die Ökonomisierung vieler Lebensbereiche und den quasi-religiösen Gebrauch des Begriffs Wachstum an. »Der Tanz um das Goldene Kalb ist nach dem ersten Schrecken über die weltweite Wirtschaftskrise schon wieder in vollem Gange. Wir werden zu den Auswüchsen des Kapitalismus nicht schweigen. Die Kirche steht auf der Seite der Opfer.«
Deutliche Worte fand der Bischof auch zum Krieg in Afghanistan. »In den acht Jahren des Einsatzes ist kaum etwas besser, dafür vieles schlimmer und schwieriger geworden. Es muss jetzt darüber geredet werden, was das Ziel und das Ende des Einsatzes ist.« Das Friedenszeugnis sei der Kirche immer aufgegeben. Deshalb kritisierte Bohl auch die Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Rheinland-Pfalz und forderte deren Abzug.
In beiden Fragen – Afghanistan und Nuklearwaffen – bat die Synode einstimmig die Kirchenleitung, Gespräche mit der Bundesregierung und Bundestagsabgeordneten aufzunehmen.
Andreas Roth
Ein Licht für Anna
19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Vor ihrer Geburt gestorbene Kinder haben auf dem Auer Klösterlein-Friedhof ein Grab

Vor dem Grabmal einer trauernden Mutter auf dem Auer Klösterlein-Friedhof zünden Franziska Ullmann und Pfarrer Frank Pierel eine Kerze für ihre gestorbenen Kinder an. Foto: Steffen Giersch
Über diese Trauer wird meist geschwiegen. Stumm ist sie, so wie die vom Schmerz gekrümmte Frau, die sich in grüner Bronze über das Grab ihres Kindes beugt. Vor 90 Jahren ließ eine trauernde Mutter dieses Denkmal auf den Auer Klösterlein-Friedhof setzen. Franziska Ullmann steht davor und kennt dieses Gefühl. »Ich habe vier Kinder«, sagt sie. Zwei von ihnen leben, zwei starben vor der Geburt. Die 29-Jährige zündet zu Füßen der trauernden Mutter ein Licht an. Seit vier Jahren finden hier Kinder ihr Grab, die nie das Licht der Welt erblickten. Bunte Windräder, ein Teddybär, eine Holzeisenbahn und viele farbenfrohe Spielzeug-Schmetterlinge – die Trauer mischt sich an diesem Ort mit lebendiger Liebe.
In Sichtweite steht auch das kleine Holzkreuz, das Franziska Ullmann für eines ihrer Kinder gesetzt hat. Gegenüber ein Kreuz mit dem Namen von Anna. Nach der 22. Schwangerschaftswoche ist sie im Krankenhaus gestorben. »Auf meiner Hand«, sagt Frank Pierel. »Sie war zu jung.« Der Pfarrer der Kirchgemeinde in Aue-Zelle und seine Frau nahmen Anna mit nach Hause, zimmerten einen Sarg und setzte sie am übernächsten Tag auf dem Klösterlein-Friedhof bei. Für viele Ärzte, Pfleger und auch Betroffene war das damals unvorstellbar. Gestorbene Kinder – so sagte es das Gesetz – waren hygienisch einwandfrei zu entsorgen.
»Doch wir spürten, wie wichtig und heilsam es für Eltern ist, ihr gestorbenes Kind beisetzen zu können«, sagt Frank Pierel. »Wir mussten früher erleben, wie bitter es ist, wenn das verwehrt wurde.« Zehn Kinder hat das Pfarrerehepaar, fünf von ihnen hat es verloren. Für sie richteten sie auf dem Friedhof vor zehn Jahren einen Begräbnisplatz ein, der offen sein sollte auch für andere Kinder.
»Wir haben unsere Trauer in der Gemeinde nicht versteckt«, sagt Frank Pierel. »Das führte dazu, dass ganz viele Eltern mit einem ähnlichen Schicksal begannen, sich zu öffnen. Viele haben bis dahin nie über ihre Trauer reden können.« So wurde das Grab auf dem Klösterlein-Friedhof ein Platz für die Trauer vieler Eltern: christlicher, atheistischer, muslimischer, buddhistischer – und auch für eine 80-jährige Frau, die ihr Kind vor 60 Jahren verloren hatte. Manche Eltern, die ihre Trauer erst verdrängen, rufen nach Jahren bei der Kirchgemeinde an. »Wenn sie dann erfahren, dass sich jemand um ihr Kind gekümmert hat, sind sie glücklich«, hat Pfarrer Pierel erfahren.
Wie hilflos die Nachricht vom Tod eines ungeborenen Kindes machen kann, das weiß Franziska Ullmann – als Mutter, aber auch als frühere Schwesternschülerin auf einer gynäkologischen Station. »Ich habe erlebt, wie das Pflegepersonal sagte: ›Sie können wieder Kinder bekommen.‹ Aber genau das hilft nicht.« Deshalb hat die Christin zusammen mit der Hebamme Birgit Teubner vor einem Jahr den Verein Sternenkinder Aue gegründet. Hebammen, Ärzte, Schwestern, Pfarrer und Betroffene knüpfen darin ein Netz, um trauernde Eltern aufzufangen.
Seit letztem Sommer muss jedes Kind, das im Mutterleib stirbt, bestattet werden – auch Kinder, die abgetrieben wurden. Dafür hat sich Pfarrer Frank Pierel bei Politikern eingesetzt. »Weil diese Kinder auch Menschen sind. Und weil ich weiß, dass manche Frauen nach einem Jahr beginnen, nach ihrem Kind zu fragen.«
Andreas Roth
Der Tod eines Fußballers
19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Trauerfeier Robert Enke AWD Arena 15. November 2009, Foto: Nifoto, Wikipedia
Ein junger Mann scheut den Besuch bei der Großmutter, die im Krankenhaus im Sterben liegt. Die Kinder werden nicht ans Totenbett des Opas gelassen, um ihnen den Anblick zu ersparen. Die Witwe zieht sich in ihre vier Wände zurück, weil niemand von ihrem Schmerz etwas hören will. Im Gegensatz dazu geht in der Unterhaltungsbranche, namentlich in Filmen, nichts mehr ohne Tote und möglichst viel Blut. Bei Verkehrsunfällen drängeln sich die Gaffer: Ist vielleicht einer zu Tode gekommen und ich hab’s gesehen?
Unser Verhältnis zum Tod scheint ambivalent. Jeder weiß, dass er eines Tages kommt. Doch niemand will ihn mit seiner eigenen Person in Verbindung bringen, will ihn zu nah an sich heran lassen. Er ist ein Tabuthema wie schwere Krankheit und menschliches Leid.
Da verwundert es schon, dass der Selbstmord eines Spitzensportlers plötzlich tausende Menschen in kollektive Trauer fallen lässt. Müssen erst ein Prominenter und seine Familie in unermesslichem Leid versinken, damit die Themen Tod, Selbstmord und psychische Krankheit wahrgenommen werden?
Man sah Menschen weinen, die Robert Enke vom Fußballfeld kannten, oder vielleicht nur seinen Namen gehört hatten. Fast hatte man den Eindruck, außer echter Trauer sei die als Großereignis inszenierte Trauerfeier ein Ventil gewesen für sonst nicht zugelassene Gefühle.
Wir tun uns also keinen Gefallen, wenn wir den Tod verdrängen. Er gehört zum Leben, unwiderruflich. In unserem auf Unterhaltung, Erfolg und Jugendlichkeit ausgerichteten Lebensumfeld muss das wohl immer mal wieder gesagt werden. Denn dann bekommen wir auch ein Gefühl für die Nöte der Mitmenschen – nicht nur, wenn es sich um einen bekannten Sportler handelt.
Christine Reuther
Dieses Wächteramt hat vor allem die Kirche
19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Foto: Robert Aichinger, sxc.hu
Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.
Lukas 12, Vers 35
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Müde war sie eingeschlafen am Bett ihrer Mutter auf der Intensivstation. Tagelang hatte sie ausgeharrt, gebetet, gehofft, dass die Mutter aus dem Koma erwacht, dass doch noch ein wenig Lebenszeit für sie zusammen bleiben möge. Keiner wusste, wie lange die Krise anhalten wird, aber sie hatten ihr ehrlich gesagt, dass sie auch mit dem Schlimmsten rechnen muss.
Sie wollte ihre Mutter auch in dieser Zeit nicht verlassen, Tag und Nacht blieb sie in ihrer Nähe, so oft es ging an ihrem Bett. Nun war sie erschöpft. Als sie aufwachte, war alles wie immer: Die Atemmaschine pumpte laut und regelmäßig, auf den Bildschirmen flackerten die Lebenszeichen ihrer Mutter. Jetzt nahm sie das Angebot des Gästezimmers an. Sie schlief unruhig, aber doch einige Stunden. Schrill weckte sie das Telefon: Ihre Mutter sei soeben gestorben, sie solle doch schnell kommen. Lange konnte sie sich das nicht verzeihen …
Jesus ruft seine Jünger auf, jederzeit bereit zu sein und wachsam auf sein Kommen zu warten. Das Bildwort vom geschürzten Kleid und den brennenden Fackeln deutet eine Bereitschaft derer an, dem Herrn, wann auch immer er kommt, stets entgegenzugehen und ihn willkommen heißen zu können. Dieses Wächteramt vor allem hat die Kirche.
Er soll sie stets bereit und bei der Arbeit finden, damit wir den entscheidenden Augenblick nicht verpassen. Das kann keiner allein, da ist es gut, in einer weltweiten Christenheit verbunden zu sein, wo wir dankbar wissen können, »… wenn wir uns legen, dass deine Kirche immer wacht: Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht«, wie es im Gesangbuchlied 266 heißt.
Klaus Kaden
Pfarrer Klaus Kaden ist Rektor der Evangelisch-Lutherischen Diakonissenanstalt Dresden.
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»Mal richtig, richtig arbeiten«
19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Menschen mit geistigen Behinderungen haben kaum eine Chance auf Arbeit. Um das zu ändern, sammelt die Diakonie auf Sachsens Straßen Spenden.

Haustechniker, Küchenhelfer, Bauarbeiter: Für Paul Rönsch, Maik Kurpas und Robert Gaudig von der Comenius-Förderschule in Herrnhut sind es Traumberufe. Foto: Steffen Giersch
Maiks Augen leuchten. Egal, ob er nun die blauen Teller wäscht, abtrocknet oder Gemüse schneidet. »Ich wollte schon immer mal richtig, richtig arbeiten«, sagt der lockige 19-Jährige in der weißen Kochjacke. Solch eine Arbeitsfreude ist selten. Noch seltener ist es, dass einer wie Maik Kurpas überhaupt in einer Küche arbeitet. Denn er geht in eine Förderschule für Jugendliche mit einer geistigen Behinderung.
Ihnen bietet die Comenius-Schule der Herrnhuter Diakonie in der 12. Klasse die Möglichkeit, sich im Berufsleben auszuprobieren. Maik wählte die Küche im Großhennersdorfer »Begegnungszentrum im Dreieck«. Der Koch des Vereins, José Francisco, lobt mit einem herzlichen Lachen: »Kaum habe ich etwas gesagt, ist er schon unterwegs. Er ist schneller als ich.«
Der Küchenchef mag Maiks Offenheit und sein Verständnis. Doch in Sachsen haben Menschen mit einer geistigen Behinderung nur äußerst selten die Chance, ihre Stärken in ganz normalen Betrieben unter Beweis zu stellen. Viele von ihnen haben keine Arbeit – und wenn doch, dann in Werkstätten für behinderte Menschen.
»Wie viele deutschen Bundesländer sondert auch Sachsen geistig Behinderte tragischerweise mit der Förderschule und den Werkstätten aus dem allgemeinen Arbeitsmarkt aus«, sagt Saskia Schuppener, Professorin für Förderpädagogik an der Universität Leipzig. Und das, obwohl seit März dieses Jahres auch in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention gilt. Sie garantiert allen Schülern mit einem Handicap einen gemeinsamen Unterricht mit gesunden Altersgenossen. »Doch unter den jetzigen Bedingungen gibt es für Menschen mit geistigen Behinderungen kaum Perspektiven auf dem ersten Arbeitsmarkt«, so Saskia Schuppener.
»Was sind Eure beruflichen Träume?« Alles beginnt für Klassenlehrer Achim Gaida mit dieser Frage. Mit 22 Schülern seiner Arbeitstrainingsklasse an der Herrnhuter Förderschule hat er sich in den letzten drei Jahren auf den Weg gemacht, diesen Träumen näher zu kommen. Drei Schüler fanden dabei einen festen Arbeitsplatz.
Paul Rönschs Arbeitsvertrag ist noch ganz frisch. Im Keller des Haupthauses der Herrnhuter Diakonie stapelt der stille 19-Jährige mit dem freundlichen runden Gesicht Holzscheite in den Ofen. Ab sofort ist er für die Wärme der großen Einrichtung zuständig. »Fördermittel spielten bei unserer Entscheidung keine Rolle«, sagt Norbert Wiedemann, der technische Leiter der Diakonie. »Für uns war wichtig: Er arbeitet tadellos und selbstständig und wird von den gestandenen Kollegen anerkannt.«
Solche Erfolgsgeschichten würde Sachsens Diakonie in ihren acht Förderschulen und 25 Behindertenwerkstätten gern öfter schreiben. »Aber nur 0,11 Prozent der Werkstattmitarbeiter gelingt bundesweit der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt«, sagt Matthias Dieter, Referent für Behindertenhilfe der Diakonie Sachsen. »Die Begleitung der behinderten Menschen und das Finden von Firmen ist sehr aufwändig.« Den Werkstätten und Förderschulen fehle dafür Personal. Um diese Arbeit zu unterstützen, werden vom 13. bis 22. November auf Sachsens Straßen Spenden gesammelt.
Was dieses Geld bewirken kann, davon kann Robert Gaudig hoch oben auf dem Dachgeschoss eines alten Herrnhuter Bürgerhaus erzählen. »Bauarbeiter«, sagt der 18-Jährige, »war schon immer mein Traumberuf.« Doch der Metallriegel, der die Gerüststange befestigt, will nicht durch das kleine Loch passen. Robert probiert es einmal, zweimal. Dann verliert er den Mut. »Nicht gleich aufgeben«, ermuntert ihn sein Vorarbeiter Jan Czeczine. »Es wird doch von Tag zu Tag besser.« Robert strahlt. Über ihm: nur freier Himmel.
Andreas Roth
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