»Wir stehen auf der Seite der Opfer«
19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Landesbischof Bohl sprach in seinem Bericht über Mission, Kapitalismus und den Krieg

Landesbischof Jochen Bohl (Foto: Giersch)
Die Landeskirche hat in den letzten 90 Jahren 80 Prozent ihrer Mitglieder verloren – geistlich aber sei sie gewachsen. Das sagte Landesbischof Jochen Bohl in seinem Bericht vor der Synode. Eine »komfortable Mehrheitssituation« sei der Kirche auch nicht verheißen. »In einer neutestamentlichen Perspektive ist die kleine Schar – die zwei oder drei, die in seinem Namen versammelt sind – eine angemessene Beschreibung für sie.«
Ein Rückzug in die Nische aber ist das nicht. Mission ist für den Landesbischof eine zentrale Herausforderung seiner Kirche, denn: »Gott will, dass allen Menschen geholfen wird«. Doch vielen Christen falle es nicht leicht, sich zum eigenen Glauben zu bekennen und Nicht-Christen Auskunft zu geben. »Wir müssen die Sprachfähigkeit des Glaubens in den Gemeinden stärken und schulen«, mahnte der Landesbischof. Doch das Wort allein genüge nicht. »Wir müssen auch bei denjenigen sein, die in der Gesellschaft schon längst aufgegeben wurden. Es darf sich keine Kirchgemeinde von ihrem diakonischen Auftrag verabschieden.«
Dass dazu auch die Kritik an den Mächtigen in Wirtschaft und Politik gehört, daran ließ der Landesbischof in seinem Bericht keinen Zweifel. Scharf griff er die Ökonomisierung vieler Lebensbereiche und den quasi-religiösen Gebrauch des Begriffs Wachstum an. »Der Tanz um das Goldene Kalb ist nach dem ersten Schrecken über die weltweite Wirtschaftskrise schon wieder in vollem Gange. Wir werden zu den Auswüchsen des Kapitalismus nicht schweigen. Die Kirche steht auf der Seite der Opfer.«
Deutliche Worte fand der Bischof auch zum Krieg in Afghanistan. »In den acht Jahren des Einsatzes ist kaum etwas besser, dafür vieles schlimmer und schwieriger geworden. Es muss jetzt darüber geredet werden, was das Ziel und das Ende des Einsatzes ist.« Das Friedenszeugnis sei der Kirche immer aufgegeben. Deshalb kritisierte Bohl auch die Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Rheinland-Pfalz und forderte deren Abzug.
In beiden Fragen – Afghanistan und Nuklearwaffen – bat die Synode einstimmig die Kirchenleitung, Gespräche mit der Bundesregierung und Bundestagsabgeordneten aufzunehmen.
Andreas Roth
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