Der Tod eines Fußballers

19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

Trauerfeier Robert Enke AWD Arena 15. November 2009, Foto: Nifoto, Wikipedia

Trauerfeier Robert Enke AWD Arena 15. November 2009, Foto: Nifoto, Wikipedia

Ein junger Mann scheut den Besuch bei der Großmutter, die im Krankenhaus im Sterben liegt. Die Kinder werden nicht ans Totenbett des Opas gelassen, um ihnen den Anblick zu ersparen. Die Witwe zieht sich in ihre vier Wände zurück, weil niemand von ihrem Schmerz etwas hören will. Im Gegensatz dazu geht in der Unterhaltungsbranche, namentlich in Filmen, nichts mehr ohne Tote und möglichst viel Blut. Bei Verkehrsunfällen drängeln sich die Gaffer: Ist vielleicht einer zu Tode gekommen und ich hab’s gesehen?

Unser Verhältnis zum Tod scheint ambivalent. Jeder weiß, dass er eines Tages kommt. Doch niemand will ihn mit seiner eigenen Person in Verbindung bringen, will ihn zu nah an sich heran lassen. Er ist ein Tabuthema wie schwere Krankheit und menschliches Leid.

Da verwundert es schon, dass der Selbstmord eines Spitzensportlers plötzlich tausende Menschen in kollektive Trauer fallen lässt. Müssen erst ein Prominenter und seine Familie in unermesslichem Leid versinken, damit die Themen Tod, Selbstmord und psychische Krankheit wahrgenommen werden?

Man sah Menschen weinen, die Robert Enke vom Fußballfeld kannten, oder vielleicht nur seinen Namen gehört hatten. Fast hatte man den Eindruck, außer echter Trauer sei die als Groß­ereignis inszenierte Trauerfeier ein Ventil gewesen für sonst nicht zugelassene Gefühle.

Wir tun uns also keinen Gefallen, wenn wir den Tod verdrängen. Er gehört zum Leben, unwiderruflich. In unserem auf Unterhaltung, Erfolg und Jugendlichkeit ausgerichteten Lebensumfeld muss das wohl immer mal wieder gesagt werden. Denn dann bekommen wir auch ein Gefühl für die Nöte der Mitmenschen – nicht nur, wenn es sich um einen bekannten Sportler handelt.

Christine Reuther

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