Ein Licht für Anna
19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Vor ihrer Geburt gestorbene Kinder haben auf dem Auer Klösterlein-Friedhof ein Grab

Vor dem Grabmal einer trauernden Mutter auf dem Auer Klösterlein-Friedhof zünden Franziska Ullmann und Pfarrer Frank Pierel eine Kerze für ihre gestorbenen Kinder an. Foto: Steffen Giersch
Über diese Trauer wird meist geschwiegen. Stumm ist sie, so wie die vom Schmerz gekrümmte Frau, die sich in grüner Bronze über das Grab ihres Kindes beugt. Vor 90 Jahren ließ eine trauernde Mutter dieses Denkmal auf den Auer Klösterlein-Friedhof setzen. Franziska Ullmann steht davor und kennt dieses Gefühl. »Ich habe vier Kinder«, sagt sie. Zwei von ihnen leben, zwei starben vor der Geburt. Die 29-Jährige zündet zu Füßen der trauernden Mutter ein Licht an. Seit vier Jahren finden hier Kinder ihr Grab, die nie das Licht der Welt erblickten. Bunte Windräder, ein Teddybär, eine Holzeisenbahn und viele farbenfrohe Spielzeug-Schmetterlinge – die Trauer mischt sich an diesem Ort mit lebendiger Liebe.
In Sichtweite steht auch das kleine Holzkreuz, das Franziska Ullmann für eines ihrer Kinder gesetzt hat. Gegenüber ein Kreuz mit dem Namen von Anna. Nach der 22. Schwangerschaftswoche ist sie im Krankenhaus gestorben. »Auf meiner Hand«, sagt Frank Pierel. »Sie war zu jung.« Der Pfarrer der Kirchgemeinde in Aue-Zelle und seine Frau nahmen Anna mit nach Hause, zimmerten einen Sarg und setzte sie am übernächsten Tag auf dem Klösterlein-Friedhof bei. Für viele Ärzte, Pfleger und auch Betroffene war das damals unvorstellbar. Gestorbene Kinder – so sagte es das Gesetz – waren hygienisch einwandfrei zu entsorgen.
»Doch wir spürten, wie wichtig und heilsam es für Eltern ist, ihr gestorbenes Kind beisetzen zu können«, sagt Frank Pierel. »Wir mussten früher erleben, wie bitter es ist, wenn das verwehrt wurde.« Zehn Kinder hat das Pfarrerehepaar, fünf von ihnen hat es verloren. Für sie richteten sie auf dem Friedhof vor zehn Jahren einen Begräbnisplatz ein, der offen sein sollte auch für andere Kinder.
»Wir haben unsere Trauer in der Gemeinde nicht versteckt«, sagt Frank Pierel. »Das führte dazu, dass ganz viele Eltern mit einem ähnlichen Schicksal begannen, sich zu öffnen. Viele haben bis dahin nie über ihre Trauer reden können.« So wurde das Grab auf dem Klösterlein-Friedhof ein Platz für die Trauer vieler Eltern: christlicher, atheistischer, muslimischer, buddhistischer – und auch für eine 80-jährige Frau, die ihr Kind vor 60 Jahren verloren hatte. Manche Eltern, die ihre Trauer erst verdrängen, rufen nach Jahren bei der Kirchgemeinde an. »Wenn sie dann erfahren, dass sich jemand um ihr Kind gekümmert hat, sind sie glücklich«, hat Pfarrer Pierel erfahren.
Wie hilflos die Nachricht vom Tod eines ungeborenen Kindes machen kann, das weiß Franziska Ullmann – als Mutter, aber auch als frühere Schwesternschülerin auf einer gynäkologischen Station. »Ich habe erlebt, wie das Pflegepersonal sagte: ›Sie können wieder Kinder bekommen.‹ Aber genau das hilft nicht.« Deshalb hat die Christin zusammen mit der Hebamme Birgit Teubner vor einem Jahr den Verein Sternenkinder Aue gegründet. Hebammen, Ärzte, Schwestern, Pfarrer und Betroffene knüpfen darin ein Netz, um trauernde Eltern aufzufangen.
Seit letztem Sommer muss jedes Kind, das im Mutterleib stirbt, bestattet werden – auch Kinder, die abgetrieben wurden. Dafür hat sich Pfarrer Frank Pierel bei Politikern eingesetzt. »Weil diese Kinder auch Menschen sind. Und weil ich weiß, dass manche Frauen nach einem Jahr beginnen, nach ihrem Kind zu fragen.«
Andreas Roth
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