Offen für Suchende

26. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Wie finden Erwachsene zum Glauben? Das fragten Wissenschaftler auch in Sachsen – und fanden manche Überraschung.

Die Kirchentür steht offen: In der Radfahrerkirche in Stadt Wehlen an der Elbe suchen auch viele Touristen Besinnung. An solchen Orten kommen Menschen mit der Kirche in Kontakt, auch wenn sie ihr sonst fern stehen. Foto: Steffen Giersch

Die Kirchentür steht offen: In der Radfahrerkirche in Stadt Wehlen an der Elbe suchen auch viele Touristen Besinnung. An solchen Orten kommen Menschen mit der Kirche in Kontakt, auch wenn sie ihr sonst fern stehen. Foto: Steffen Giersch

Zahlen können auch den Glaubenden manchmal hoffnungslos machen. Dafür genügt der Blick in die Mitgliederstatistik der hiesigen Kirchen. Ausgerechnet Zahlen sollen nun für neue Hoffnung sorgen. »50 Prozent der sächsischen Befragten, die als Erwachsene neu zum Glauben kamen, stammen aus einem konfessionslosen Elternhaus«, verkündet der Greifswalder Privatdozent Johannes Zimmermann und zeigt auf die bunten Diagramme an der Wand.

Bekehrung ist möglich – auch in einer Gesellschaft, in der Atheismus der Normalfall ist. So lautet die Kurzfassung jener Studie des Greifswalder Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung, die am vergangenen Freitag in der Dresdner Dreikönigskirche vorgestellt wurde. Ihr Titel: »Wie finden Erwachsene zum Glauben?«

Dafür wurden in den Landeskirchen Württembergs, des Rheinlands, Mecklenburgs, Brandenburgs und Sachsens 462 Menschen schriftlich befragt, die in den letzten Jahren neu oder wieder zum Glauben gekommen sind. Von manchem ihrer Ergebnisse sind die Greifswalder Theologen selbst überrascht, so Zimmermann: »Bekehrungen sind in der Mitte der Kirche zu finden und keine Randphänomene.« Sie sind eben meist nicht Antworten auf Lebenskrisen, sondern ereignen sich bei jedem zweiten Befragten mitten im gesunden und leistungsfähigen Alter zwischen 35 und 50.

Erstaunlich ist auch die Bildung der Befragten: Jeder Zweite hat Abitur oder die mittlere Reife, nur vier Prozent sind arbeitslos. »Lange herrschte die Annahme: Je höher die Bildung, desto höher auch die Distanz zur Kirche. Unsere Studie zeigt eine Gegenbewegung«, so der Theologe Zimmermann. »Aber zugleich bereitet uns Sorge, dass die Lebenswelt so genannter bildungsferner Schichten in der Kirche bisher offenbar kaum vorkommt.«

Doch wie kann die Kirche Menschen erreichen? Nicht in erster Linie über groß angelegte Kampagnen oder Missionsveranstaltungen. Für über 80 Prozent der Befragten waren überzeugende und überzeugte Freunde, Bekannte oder Pfarrer entscheidende Begleiter auf dem Weg zum Glauben – für über die Hälfte waren auch Ehepartner oder eigene Kinder wichtig. Der Frankenberger Pfarrer Jörg Hänel schließt daraus: »Wir müssen Christen sprachfähig machen. Sie sind ebenso wichtige Vermittler des Glaubens wie die Pfarrer.«

Unter den Veranstaltungen, die den Befragten auf ihrem Glaubensweg hilfreich waren, nannten über 80 Prozent den traditionellen Gottesdienst. Rund zwei Drittel schätzen Glaubenskurse und Hauskreise – in Sachsen sogar noch weitaus mehr.
»Auch in unserer Kirchgemeinde haben wir festgestellt, dass viel mehr Menschen über diese Wege eine Beziehung zu Gott finden als über große Evangelisationen«, bestätigt Andreas Brandt aus Aue bei der Vorstellung der Forschungsergebnisse.

»Es ist offenbar sehr wichtig, dass die Kirche auch in der Fläche präsent ist«, sagt der Höckendorfer Pfarrer Eckehard Möller mit Blick auf die Studie. »Doch was passiert, wenn im Zuge der Sparbemühungen der Pfarrer nicht mehr da ist für Menschen, die nach Kirche suchen?«

Andreas Roth

Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung

Hier die Zusammenfassung der Studie zum nachlesen: (PDF, 3,1MB)

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