Pflaster für die Seele

26. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Kranke Menschen leiden oft auch seelisch. Mediziner entdecken zunehmend die spirituelle Begleitung als Quelle der Heilung.

Foto: OlgaLIS (Stockxpert)

Foto: OlgaLIS (Stockxpert)

Eine Insel, von der habe sie geträumt. Rolf-Michael Turek, Krankenhausseelsorger in Leipzig, erinnert sich noch an die schwerstkranke Frau, die er auf der Intensivstation kurz vor ihrem Tod besuchte. Er hat ihr Lavendelöl auf ein Taschentuch geträufelt und sie hat den Duft eingeatmet. »Dann sind wir im Geist spazieren gegangen auf dieser Insel«, erzählt er. Ein »heiler Ort« sei das für diese Frau gewesen. Und aus der imaginären Reise habe sie sichtlich Kraft geschöpft.

»Jede Lebensgestaltung symbolisiert etwas von dem, was der Person heilig ist und was sie zutiefst bewegt«, meint Turek. In banalen Dingen könne sich das zeigen, im eigenen Garten zum Beispiel. Alltagsspiritualität nennt er das. Die werde oft gering geschätzt. Dabei haben Mediziner sie inzwischen als wichtige Eigenschaft des Patienten entdeckt.

»Erstmals in der Medizingeschichte wird die spirituelle Thematik mit der physischen und der psychosozialen auf eine Ebene gestellt«, konstatiert der Jesuitenpater, Mediziner und Philosoph Eckhard Frick aus München. Er ist Experte für »Spiritual Care« – so lautet der englische Begriff für diese neue Richtung. Spiritualität meint hier mehr als Religion, Glauben, Frömmigkeit. In der Medizin bedeute es Sinnsuche, sagt Frick. »Besonders bei schweren Krankheiten geht es für den Patienten darum, die Absurdität des Leidens in seine Biografie zu integrieren.« Bisher ist dies Sache des Seelsorgers. Künftig aber werde es zu einer Aufgabe auch für Pfleger, Psychologen, Ärzte, die mit dem Seelsorger in einem Team zusammenarbeiten.

Das beginnt bei der Diagnose. Der Arzt soll außer nach dem körperlichen Befinden auch danach fragen, woraus der Patient Hoffnung und Kraft schöpft, was seinem Leben Sinn verleiht. »Spirituelle Anamnese« wird das genannt. Etliche Mediziner jedoch hegen Zweifel, ob das in Sachsen, wo weniger als ein Viertel der Bevölkerung evangelisch oder katholisch ist, praxistauglich sei. Zumal Ärzte nicht einmal für die herkömmliche Anamnese ausreichend Zeit hätten. »Für die meisten Ärzte und Patienten ist Spiritualität kein Thema«, sagt Thomas Herrmann, Direktor der Radioonkologie an der Dresdner Universitätsklinik. »Patienten erwarten nicht seelsorgerische Betreuung, sondern medizinische Kompetenz.«

Das sieht in der Palliativmedizin anders aus. Hier ist die neue Richtung auch entstanden. »Gleich nach der Aufnahme klären wir Glaubensrichtung und Lebensvorstellungen des Patienten«, sagt Sylvia Schneider, Oberärztin auf der Palliativstation im Krankenhaus Chemnitz-Rabenstein. »Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein Mensch mit schwerster Erkrankung nicht nur körperlich, sondern auch seelisch leidet. Ungeklärte spirituelle Fragen können Unruhe und Schmerzen auslösen.« Im Dresdner Diakonissenkrankenhaus spiele die seelische Dimension des Patienten besonders bei der Diagnose und Behandlung von Krebs eine Rolle, sagt der Ärztliche Direktor Andreas Werner. Zu dem Expertenkreis, der wöchentlich die Behandlung von Palliativpatienten bespricht, gehöre daher auch der Seelsorger.

Pfarrer Nikolaus Krause, Seelsorger der Dresdner Universitätsklinik, hat die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die ihm von überwundenen Krisen und Leid aus ihrem Leben erzählen, dabei Kraft in schwerer Krankheit schöpfen. Auch Religiöses könne diese Erfahrung formulieren. »Wer das Lied ›Wenn ich einmal soll scheiden‹ gesungen und sich ganz tief hat berühren lassen, der kann auch im Leiden einen Sinn entdecken. Mit Spiritualität kann man einen kleinen Kosmos gegen das große Chaos setzen.«

Selten nur sprechen Patienten offen von ihren spirituellen Bedürfnissen, hat Rolf-Michael Turek erfahren. Meist indirekt. Wenn sie etwa von Momenten berichten, wo sie Raum und Zeit vergessen haben. »Solche spirituellen Erfahrungen sind eine Kraftquelle.«

Tomas Gärtner

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