Vergebung oder Gerechtigkeit?
26. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu
Besinnlich ist das Thema nicht gerade, das die neue Magdeburger Bischöfin Ilse Junkermann kurz vorm Advent angestoßen hat: Christen und die Kirche sollten sich versöhnen mit ehemaligen SED-Funktionären und Spitzeln, fordert sie. Opfer-Vertreter sind empört. Es gibt Streit. Das alles passt nicht zum Advent? Im Gegenteil, es berührt sogar den Kern seiner Botschaft. Denn in der Zeit vor Weihnachten erinnern wir uns daran, dass Gott ein Mensch wurde und neue Maßstäbe in die Welt brachte: Vergebung, Feindesliebe, die Überwindung des Bösen mit Gutem.
Bischöfin Junkermann hat recht: Auf diese versöhnende Weise lassen sich Mauern überspringen zwischen Opfern und Tätern. Nur, was sie fordert, ist längst Wirklichkeit. Es ist sogar die eigentliche Wurzel der Friedlichen Revolution. Der adventliche Geist des Friedens ließ Menschen, die unter der DDR-Diktatur gelitten haben, respektvoll und mit dem Willen zum Neuanfang mit den Trägern dieses Systems umgehen.
Advent aber ist auch der Schrei Marias nach Gerechtigkeit. »Er stößt die Gewaltigen vom Thron«, singt sie über Gott, »und er erhebt die Niedrigen«. Diese Gerechtigkeit aber fehlt vielen, die in der DDR Unrecht erlitten haben. Während ehemalige Funktionäre von SED und Blockparteien recht nahtlos und ohne sich lange mit Selbsterkenntnis aufzuhalten auf der Siegerstraße wandeln, spüren Opfer der Diktatur noch immer deren Schatten im Nacken.
Diese Spannung liegt auch 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution noch in der ostdeutschen Luft – leise, meist etwas melancholisch, selten bitter, aber nicht wegzubekommen. Sie bleibt auch im Advent mit seiner Verheißung von Vergebung und Gerechtigkeit eine offene Frage – und eine offene Hoffnung.
Andreas Roth
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