Kontakt zu den Gemeinden

14. November 2009 von reuther  
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 Johannes Kimme wird neuer Präsident des Landeskirchenamteskimme

Die Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens hat auf ihrer Sondersitzung am 14. November 2009 den Juristen Dr. Johannes Kimme (55) zum neuen Präsidenten des Landeskirchenamtes gewählt. Die Wahl erfolgte im zweiten Wahlgang mit 58 der abgegebenen 75 Stimmen, erforderlich war eine Zweidrittelmehrheit.

Was Johannes Kimme im Blick auf sein neues Amt im SONNTAGs-Interview sagte, lesen Sie hier:

Herr Dr. Kimme, was verbindet Sie mit Sachsen?
Kimme:
Sachsen ist mein Heimatland. 22 Jahre habe ich in Leipzig gelebt und nun schon fast 20 Jahre in Dresden. 1975 musste ich Leipzig verlassen. Weil ich den Wehrdienst verweigert hatte und als Bausoldat gemustert war, gab es keine Chance, das Abitur zu machen – und das als Klassenbester. Deswegen habe ich den Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft gestellt. Da bereits drei Geschwister von mir in Westdeutschland wohnten, ist die Ausreise als Familienzusammenführung gelaufen. Meine Eltern sind später uns Kindern nachgefolgt. Im Juni 1990 wurde ich zum Bundesjustizministerium nach Bonn abgeordnet, um am Einigungsvertrag mitzuwirken. Einen Tag nach der Wiedervereinigung sind wir nach Chemnitz geflogen worden und haben den Einigungsvertrag in Sachsen vorgestellt. Im Anschluss daran hat mich Kurt Biedenkopf gebeten, für das Land Sachsen ein sehr schwieriges Kapitel der Einheit zu übernehmen: die Regelung der offenen Vermögensfragen. Ich hoffe, ich habe das zur Zufriedenheit aller Betroffenen leisten können. In diesem Amt war ich für den gesamten Freistaat zuständig, vom Vogtland bis zur Oberlausitz.

Und was verbindet Sie mit der sächsischen Landeskirche?
Kimme:
Darin bin ich aufgewachsen und durch sie nicht nur in der Kindheit, sondern auch in der Jugend sehr stark geprägt worden. Ich habe im Leipziger Missionshaus gelebt – mein Vater war Missionsdirektor. Mit ihm bin ich öfter nach Dresden zur Lukasstraße 6 gefahren und habe auf der Fahrt theologische Gespräche verfolgt. In der sächsischen Landeskirche wurde ich getauft und konfirmiert. Es war ein Glücksfall, dass wir Kinder aus dem Missionshaus in der Petersgemeinde zu einer ganz beachtlichen Kurrende zusammengeschweißt waren. Somit habe ich Gemeinde nicht nur am Sonntag im Gottesdienst erlebt, sondern mehrmals in der Woche in einem von Kirche geprägten Freundeskreis.

Die Prägung, die mir die sächsische Landeskirche gegeben hat, habe ich in anderen Landeskirchen nicht in dem Maße erfahren können. Und so war es nach meiner Rückkehr nach Sachsen wunderschön, wieder die vertraute Umgebung in den Gottesdiensten mit ihrer lutherischen Liturgie erleben zu können.

Was heißt es für Sie, für das Amt des Präsidenten des Landeskirchenamts zu kandidieren?
Kimme:
Dies ist eine ganz neue Herausforderung. Mein erster Gedanke war, dass ich mir in meiner Lebensplanung nicht habe vorstellen können, einmal zur Wahl vor einem Gremium zu stehen, das nicht parteipolitisch geprägt ist. Auch aus der Erfahrung der DDR heraus kommt mir das sehr gelegen – ich bin das ganze Leben parteilos geblieben. Allerdings spüre ich in diesen Tagen auch ein bisschen, dass das fast mit Wahlkampf verbunden ist. Doch glaube ich, nachdem ich 18 Jahre Erfahrung als Präsident habe, viel ins neue Amt einbringen zu können. Mein Berufswunsch war es, Verwaltungsrichter zu werden. Das bin ich auch geworden und wäre es geblieben, wenn die deutsche Einheit nicht gekommen wäre. Ich gedenke, dieses Amt ebenso wie das vorige Präsidentenamt, vermittelnd und ausgleichend – wie man es von einem Richter erwarten kann – auszufüllen.
Andererseits ist mir auch bewusst, dass es in meinem aktiven Berufsleben die letzte Station sein würde.

Wie sehen Sie das Landeskirchenamt im Zusammenwirken von Kirchenleitung und Landessynode?
Kimme:
Es kommt mir ein wenig wie ein magisches Dreieck vor: Es sind drei Organe, die durch die landeskirchliche Verfassung geschaffen sind, die in einem fruchtbaren Zusammenwirken eine Einheit bilden sollten. Daran wird zu arbeiten sein. Ich denke, in einer Zeit, in der wir durch die demografische Entwicklung weniger werden, ist das Zusammenstehen besonders wichtig. Auch sollte die Kirchenleitung einen regelmäßigen Kontakt zu den Gemeinden halten.

Wenn Sie gewählt werden, was würden Sie als erstes tun?
Kimme:
A – mich bei den Mitgliedern der Synode für die Wahl bedanken; B – meine Frau anrufen;
C – mich von 335 Mitarbeitern in Leipzig verabschieden; D – mich den etwa 100 Mitarbeitern des Landeskirchenamtes persönlich vorstellen. Danach würde ich mich umfassend in mein neues Arbeitsfeld einarbeiten und viele Gespräche führen.

Was ist Ihnen besonders wichtig an diesem Amt im Blick auf die Zukunft der Landeskirche?
Kimme:
Die Zukunft der Landeskirche heißt insbesondere, die Jugend zu gewinnen. Auf diesen Aspekt würde ich besonderes Augenmerk lenken.

Man muss nur hinsehen

13. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Eine Lebensader des Irak-Krieges führt mitten durch Sachsen. Doch um das Thema Frieden ist es auch in Kirch­gemeinden still geworden.

Mit dem Fernglas beobachtet Lutz Metzger die Flugzeuge der Amerikaner und der NATO:  Vom Leipziger Flughafen fliegen Soldaten und Waffen in den Irak und nach Afghanistan. Foto: Uwe Winkler

Mit dem Fernglas beobachtet Lutz Metzger die Flugzeuge der Amerikaner und der NATO: Vom Leipziger Flughafen fliegen Soldaten und Waffen in den Irak und nach Afghanistan. Foto: Uwe Winkler

Die Maschine ist weiß wie eine Friedenstaube. Rot blinkend fährt sie langsam durch das Dunkel. Lutz Metzger zückt das Fernglas. Der Regen peitscht ihm auf der verlassenen Aussichtsplattform des Leipziger Flughafens kalt ins Gesicht. »Es ist die NA 270 WA, die ist hier!«, ruft Metzger ins Funktelefon.

Solche Flugzeugnummern schreiben er und seine Mitstreiter der Aktionsgemeinschaft »Flughafen natofrei« seit drei Jahren in ihre Blöcke und Computer. Tag und Nacht. Sie zählen den Puls einer Kriegsmaschinerie. Die weißen Flugzeuge sind die Lebensadern der US-Armeen im Irak und in Afghanistan. Sie transportieren – unter dem Deckmantel privater Firmen – Truppen und Waffen.

»Diese Logistik ermöglicht erst den Krieg«, sagt Metzger in die lärmende und nach Kerosin stinkende Nacht. »Und weil sie von privaten Firmen geleistet wird, gibt es auch keine demokratische Kontrolle.« Das will der 49-jährige Christ, der tagsüber als freiberuflicher Anti-Aggressions-Trainer arbeitet, ändern. Doch ob in Kirchgemeinden oder unter Politikern – viele Menschen elektrisiert das Thema Frieden nicht. Die Friedensdekade der Kirchen im November ist da wie eine letzte Insel. »Jesu Bergpredigt«, sagt Metzger, »scheint verhallt zu sein«.

Ja, in den 1980er Jahren war die militärische Bedrohung noch für jeden mit Händen zu greifen, weiß auch Christoph Münchow. »Heute sind die Bedrohungen weiter weg«, sagt der Dresdner Oberlandeskirchenrat, der Kirchgemeinden für die Friedensarbeit gewinnen will. »In einer globalisierten Welt dürfen wir Christen nicht sagen: Es betrifft uns nicht. Man muss nur hinsehen.«

Durch die schmale Lücke im eisernen Zaun am Leipziger Flughafen-Terminal A zum Beispiel. Im milchig gelben Licht sieht man dort in der Nacht Kolonnen von amerikanischen Soldaten. An ihren braun gescheckten Uniformen wird noch der Staub des Irak haften. Während ihr Flugzeug auftankt, bleibt ihnen Zeit für eine Pizza und eine Zigarette.

Allein im letzten September zählten Lutz Metzger und die Aktionsgruppe 47 447 amerikanische Soldaten in Leipzig. Auch Panzer und anderes Kriegsgerät fliegt die NATO über Leipzig in alle Welt. Metzger zeigt quer über das dunkle Rollfeld. »Mit dem Geld und der Technik, die hier für das Militär verwendet werden, könnte man humanitäre Einsätze weltweit fliegen.« Stattdessen verdienen der Freistaat und die Städte Dresden und Leipzig als Flughafeneigentümer an der Kriegslogistik.

Die Friedensgebete und -gruppen indes, die vor 20 Jahren üppig blühten, sind meist ausgestorben. Auch in Pobershau. Am 8. Oktober aber, als sich eine Schar Christen in der Kirche des Erzgebirgsortes an die Friedliche Revolution erinnerte, stellten sie fest: Die Aufgaben sind anders geworden, aber sie bleiben.

»Wenn wir uns beispielsweise billige Kleidung kaufen, leben wir auf Kosten der Ärmsten in der Welt«, sagt Gunter Arnold, der die Friedensgebete in Pobershau neu beleben will. Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung schaffen Unfrieden. Dagegen etwas zu tun – auch so kann Friedensarbeit heute aussehen. »Mit klassischen Friedensthemen aber lockt man keinen Jugendlichen mehr hinterm Ofen vor«, konstatiert Lars Schwenzer, Referent für Friedensethik im sächsischen Landesjugendpfarramt.

Dabei ist der Krieg ganz nah. In der Ankunftshalle des Leipziger Flughafens etwa. Überragt von tarngefleckten Rucksäcken treten sie aus der Tür: Deutsche Soldaten auf dem Rückweg aus Afghanistan. Viele jugendliche Gesichter, viele sehr ernst. Ehefrauen, Mütter und Großmütter fallen ihnen um den Hals. Sektkorken knallen. Ein Mädchen im roten Samtkleid ruft minutenlang gellend: »Papa, Papa!« Dazwischen Lutz Metzger, der Mann des Friedens, schwankend: Zwischen Protest und Mitgefühl.

In dem Jubel, der sich mit Tränen mischt, wirkt er plötzlich sehr einsam.

Andreas Roth

www.friedensdekade.de
www.flughafen-natofrei.de

Demokratie in Kinderschuhen

13. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Jyn Meyer, sxc.hu

Foto: Jyn Meyer, sxc.hu

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Demokratie im Osten Deutschlands fast selbstverständlich. Doch als Gewinn wird dieses hohe, 1989 auf den Straßen errungene Gut nicht von allen empfunden. Wer die Zeit nach der Friedlichen Revolution privat als Abstieg in Arbeitslosigkeit oder permanente Angst vor ihr erlebt hat, von dem sind Loblieder nicht zu erwarten.

Berechtigte Kritik an der demokratischen Praxis darf nicht überhört oder abgebügelt werden – auch das sind wir dem demokratischen Meinungsstreit schuldig. Doch bei aller Diskussion bleibt es wichtig, den Grundkonsens zu festigen: zur Demokratie gibt es nur eine Alternative – die autoritäre Herrschaft. Die aber wünscht sich bis auf eine politisch extremistische Minderheit niemand zurück.

Aber gibt es ein demokratisches Grundempfinden? Wenn ja, dann sollten es gerade Kinder möglichst frühzeitig entwickeln. Eine beachtenswerte Initiative ist deshalb »Demokratie von Anfang an«, ein bundesweites Modellprojekt der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Um Erziehung zur Demokratie im Kindergarten geht es da. Drei Jahre lang haben sich auch 18 Kindertagesstätten in Sachsen daran beteiligt. Die Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden begleitet das Projekt wissenschaftlich.

Auch in christlichen Kitas sollte gefragt werden: Wo verträgt Kindererziehung mehr Demokratie? Wie viel Freiheit wird den Kindern zugebilligt? Wie viel Vorgaben und Anleitung brauchen die Kleinen? An kirchlichen Kitas wäre es außerdem, zu zeigen, dass christliche Prinzipien zum Kern der Demokratie gehören: Nicht nur den eigenen Willen, sondern auch die Anderen im Blick zu haben und im Streit der Interessen nicht die Würde des Gegenüber zu verletzen.

Tomas Gärtner

Internetseite des Modellprojektes “Demokratie von Anfang an”

Keine Angst: Er wird uns gerecht beurteilen

13. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Grafik: Sergio Roberto Bichara, sxc.hu

Grafik: Sergio Roberto Bichara, sxc.hu

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.
2. Korintherbrief 5, Vers 10

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Das ist keine Drohung, sondern Teil der Sehnsucht des Apostels, bald seinen Glauben durch Schauen bestätigt zu erleben. Er ist davon überzeugt, dass der richtende Christus zugleich unser Heiland und Fürsprecher ist und am Ende alles gut wird für jede(n), der oder die das eigene Leben an diesem freundlichen Gott wohlgefällig ausrichtet (Vers 9).

Warum haben so viele Christen Angst vor dem »Jüngsten Gericht«? Kann uns denn etwas Besseres geschehen, als dass der unser Leben bewertet, der sich für unser Heil hingegeben hat, »damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren sind, sondern das ewige Leben haben« (Johannes 3, Vers 16)?

Natürlich gehört zum Gericht auch die schonungslose Analyse, das »offenbare« Bewerten unseres Tuns und Unterlassens; dennoch können wir darauf vertrauen, dass uns Jesus nicht allein daran beurteilen wird, sondern vor allem daran, ob wir »seines Geistes« sind (Vers 5) und uns in seine Nachfolge zum Wohlgefallen Gottes begeben haben.

Wir können uns unseres Heils niemals selbst – sicher aber um Christi willen immer gewiss sein. Unser Tun und Lassen hat Gewicht im Gericht, aber es wird nicht allein Gottes Urteil bestimmen, sondern »Christus ist hier, … der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt« (Römer 8, Vers 33).

Andererseits ist es nur gerecht, dass alle vor Christi Richterstuhl sich verantworten müssen und offenbar wird, was Menschen wirklich Gutes oder Böses getan beziehungsweise unterlassen oder anderen angetan haben. Er, der in die Herzen schaut, wird uns gerecht beurteilen – zur Verantwortung ziehen, die unverantwortlich mit ihrer Macht und dem Leben ihrer Mitmenschen umgegangen sind. Selig sind, die nach dieser Gerechtigkeit hungert, sie werden satt werden (Matthäus 5, Vers 6).

Pfarrer Klaus Kaden ist Rektor der evangelisch-lutherischen Diakonissenanstalt Dresden.

www.diako-dresden.de

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Wie auf dem Basar

13. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Sachsens Diakonie-Direktor Christian Schönfeld im Gespräch mit dem Sonntag über gefährdete Glaubwürdigkeit, die Macht des Marktes und den Skandal der Armut.

Pfarrer Christian Schönfeld (51) ist seit 2004 Direktor des Diakonischen Werkes Sachsen. Dieses ist der Dachverband aller diakonischen Werke innerhalb der Landeskirche und zugleich Ansprechpartner für Politik, Kranken- und Pflegekassen. In den 1800 diakonischen Einrichtungen innerhalb der sächsischen Landeskirche arbeiten rund 18 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Foto: Steffen Giersch

Pfarrer Christian Schönfeld (51) ist seit 2004 Direktor des Diakonischen Werkes Sachsen. Dieses ist der Dachverband aller diakonischen Werke innerhalb der Landeskirche und zugleich Ansprechpartner für Politik, Kranken- und Pflegekassen. In den 1800 diakonischen Einrichtungen innerhalb der sächsischen Landeskirche arbeiten rund 18 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Foto: Steffen Giersch

Haben sich Kirchgemeinden und Diakonie voneinander entfernt?
Schönfeld: Eine Kirchgemeinde, die nicht diakonisch handelt, hat Probleme mit der Glaubwürdigkeit. Und wir als Diakonie sind angewiesen auf Menschen in den Kirchgemeinden, die bei uns mitarbeiten. In Sachsen sehe ich eine schon in DDR-Zeiten gelebte große Verbundenheit zwischen der Diakonie und den Gemeinden. Die Kirchenbezirkssozialarbeiter und Diakonie-Beauftragten vor Ort sind gute Voraussetzungen dafür.

Ist die soziale Arbeit gerade in Ostdeutschland eine Chance, Menschen mit dem Glauben in Berührung zu bringen oder sollte sie lieber nicht auf solche Weise instrumentalisiert werden?
Schönfeld: Das sehe ich durchaus als Gefahr. Wir dürfen nicht durch soziale Hilfe Menschen unseren Glauben aufdrängen wollen. Doch ich bin zugleich überzeugt: Wenn etwa alte Menschen in unseren Heimen eine gute Pflege erfahren, lassen sie sich zwar wahrscheinlich nicht gleich taufen. Aber sie erleben einen Geist und eine Stimmung, die sie berühren.

Dies gilt auch für alle anderen diakonischen Arbeitsfelder, angefangen von Kindertagesstätten über Beratungsstellen bis hin zu Werkstätten und weitere stationäre Einrichtungen. Und dann fragen sie vielleicht auch nach der Motivation der diakonischen Mitarbeiter. Das ist eine wunderbare Chance, Menschen durch das Handeln den Glauben nahe­zubringen.

Diakonie hat viele Mitarbeiter, die in keiner Kirche sind. Wie kann sie da ihr christliches Profil wahren?
Schönfeld: Es stimmt, knapp die Hälfte unserer Mitarbeiter gehören keiner Kirche an. Mir ist da das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wichtig. Jesus stellt darin einen Mann als Vorbild der Nächstenliebe hin, der für die Schriftgelehrten nicht den richtigen Glauben hatte.

Es ist eine Herausforderung für uns, den nicht-christlichen Mitarbeitern die Gelegenheit zu geben, Kirche kennen zu lernen. Denn das erwarten auch die Menschen von uns, die unsere Heime und Beratungsstellen aufsuchen. Sie wissen: Dort gehen die Mitarbeiter mit einem anderen Ethos an die Arbeit als in anderen Einrichtungen.

Wie sollen nicht-christliche Mitarbeiter an den besonderen Geist der Diakonie herangeführt werden?
Schönfeld: Der Diakonische Konvent in Sachsen berät derzeit über diese Frage. Viele Einrichtungen haben für neue Mitarbeiter Einführungstage über Diakonie und Kirche. Andere segnen ihre neuen Mitarbeiter vor ihrem Dienstbeginn ein. Aber es ist nicht mit einer Andacht getan. Sondern wir brauchen in unseren Einrichtungen eine Kultur der Verantwortung und Vergebung – gerade auch unter den Führungskräften. Das könnte uns unterscheiden von anderen Anbietern.

Die Diakonie will Anwältin der Schwächsten sein – auch in der Sozialpolitik. Wo liegen hier derzeit für Sie die größten Brennpunkte?
Schönfeld: Es ist bedrückend, wie die FDP mitunter Freiheit als Freiheit von Solidarität ansieht. Arbeitslosigkeit ist ein strukturelles Problem der Gesellschaft – nicht nur ein Problem von einzelnen Menschen. Um darüber ins Gespräch zu kommen, wollen wir im nächsten Jahr die sozial- und finanzpolitischen Politiker der sächsischen Parteien regelmäßig einladen.

Worüber wollen Sie konkret reden?
Schönfeld: Dass im sächsischen Koalitionsvertrag von CDU und FDP das Stichwort Armut nicht auftaucht, ist ein Skandal. Ausgerechnet in Sachsen, wo 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Hartz IV leben. Ein Skandal ist auch, dass in den Hartz-IV-Regelsätzen kein Geld für Bildung enthalten ist. Kinder und Jugendliche müssen die Chance bekommen, nicht im Kreislauf der Arbeitslosigkeit ihrer Eltern gefangen zu bleiben. Sorge macht mir auch, dass Sachsen in der Finanzierung der Sozialhilfe, also Eingliederungshilfe, Grundsicherung im Alter, bei Erwerbsminderung, Hilfen zur Pflege und zum Lebensunterhalt, schon heute das Schlusslicht in Deutschland ist. 124 Euro werden hier für diese Zwecke pro Kopf ausgegeben – in ganz Ostdeutschland sind es durchschnittlich 164 Euro.

Die Diakonie spricht in diesen Fragen Klartext – die Spitze der Landeskirche wirkt daneben oft staatstragend. Stört Sie das?
Schönfeld: Dass das Landeskirchenamt in seiner Kritik am sächsischen Koalitionsvertrag nur auf die Sonntagsöffnungszeiten eingeht, ist mir auch zu wenig. Ich hätte mir gewünscht, dass dabei auch die fehlenden Begriffe wie christlich und eben Armut zur Sprachen kommen.

Befürchten Sie in den kommenden Jahren Einschnitte bei der Finanzierung der diakonischen Arbeit?
Schönfeld: Durch die Finanzkrise erwarten die Kommunen und Landkreise, dass sie demnächst erheblich weniger Einnahmen haben werden. Ich fürchte, dass dadurch die freiwillige Mitfinanzierung beispielsweise von Behinderten-, Ehe- und Lebensberatungsstellen wegbrechen könnte. Dabei kann gerade die Beratungsarbeit bei vielen Menschen auf schlimme Krisen prophylaktisch reagieren.

Ein anderes, immer größer werdendes Loch tut sich bei der Finanzierung der Pflege auf. Wie steht es um deren Zukunft?
Schönfeld: Viele private Anbieter und Heime drängen hier auf den Markt, in Großstädten gibt es schon hunderte freie Pflegebetten – das erzeugt einen großen Druck. Weil wir angemessene Löhne zahlen, bräuchten wir eigentlich mehr Geld. Aber eine höhere Zuzahlung schreckt Heimbewohner und ihre Angehörigen ab. Und bei den Verhandlungen mit den Pflegekassen geht es zu wie auf dem Basar. Dort wird uns vorgehalten: Andere Anbieter schaffen es günstiger. Das bringt uns in schwere Bedrängnis.

Sehen Sie eine Lösung?
Schönfeld: Die Finanzierungsprobleme der Sozialsysteme werden wir nicht durch mehr Wettbewerb oder private Vorsorge lösen, wie es die FDP will. Sondern Vermögen, Erbschaften und Kapital sollten an den sozialen Kosten beteiligt werden. So wie Banken und Konzerne unterstützt werden, muss auch für das Soziale Geld da sein.

Wie kann die Diakonie mit dem Dilemma zwischen Kostendruck und eigenem Anspruch umgehen?
Schönfeld: Die Spirale nach unten können wir nicht mitgehen. Das ist auch den Mitarbeiten gegenüber unfair. Gerade wir als Kirche dürfen da nichts unter dem frommen Deckmantel verschleiern.

Es gibt diakonische Einrichtungen in Sachsen, die haben Reinigungskräfte, Köche oder Hausmeister in Tochterfirmen mit niedrigeren Löhnen ausgelagert. Entspricht das noch dem Ideal einer kirchlichen Dienstgemeinschaft?
Schönfeld: Dieser Weg wird uns vom Druck der Kostenträger aufgedrückt. Doch wir sind in solchen Fällen nicht glaubwürdig als eine Dienstgemeinschaft und auch nicht solidarisch. Ich halte solche Wege nicht für die Lösung. Auf der anderen Seite aber muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Träger die Finanzierung anders nicht sichern können.

Es gibt auch diakonische Träger, die Leiharbeiter beschäftigen.
Schönfeld: Wenn damit ein kurzfristiger Mehrbedarf in Heimen abgedeckt wird, ist das in Ordnung. Aber wenn Leiharbeiter dauerhaft zum Einsatz kommen, um Geld zu sparen, ist es der Tod im Topf.

Wäre es eine Alternative für die Diakonie, bestimmte Felder aufzugeben, wenn sie nicht mehr unter fairen Bedingungen arbeiten kann?
Schönfeld: Das kann durchaus passieren, diese Diskussion schwelt immer im Hintergrund. Aber ich denke, wir sollten beispielsweise unsere Pflegeheime und Krankenhäuser nicht alle aufgeben. Denn wir haben für die Menschen, die in ihnen leben und arbeiten, Verantwortung übernommen. Und ich denke, es geht ihnen im Vergleich zu anderen Trägern bei der Diakonie schon noch am besten. Es ist wichtig, dass Kirche auch in diesen Feldern aktiv bleibt. Andererseits: Wenn wir als Diakonie und Christen nicht selbst glaubwürdig sind, können wir alles andere vergessen.

Mit Christian Schönfeld sprachen Christine Reuther und Andreas Roth

www.diakonie-sachsen.de

Keine Lückenbüßer

6. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Ein neuer Kurs des Kirchlichen Fernunterrichts hat begonnen. Ehrenamtliche können sich darin theologisch weiterbilden. Fast die Hälfte der Teilnehmer kommt aus Sachsen.

Im Remter, dem früheren Speisesaal des Meißener St.-Afra-Klosters, herrscht Arbeitsathmosphäre beim Kirchlichen Fernunterricht, der erstmals auch hier in den Räumen der Evangelischen Akademie stattfindet. Foto: Steffen Giersch

Im Remter, dem früheren Speisesaal des Meißener St.-Afra-Klosters, herrscht Arbeitsathmosphäre beim Kirchlichen Fernunterricht, der erstmals auch hier in den Räumen der Evangelischen Akademie stattfindet. Foto: Steffen Giersch

Auf den Tischen stapeln sich Hefter und Bücher. Es wird mitgeschrieben und nachgefragt, als der Referent Literaturempfehlungen zum Alten Testament gibt. Im ehemaligen Speisesaal des Meißener St.-Afra-Klosters, in dem heute die Evangelische Akademie untergebracht ist, herrscht Studien­atmosphäre: Es ist ein Seminar des zweieinhalb Jahre dauernden Kirchlichen Fernunterrichts (KFU).

Verantwortet wird diese theologische Ausbildung für Laien seit fast 50 Jahren von Magdeburg für alle ostdeutschen Landeskirchen. Insgesamt 37 Dozenten unterrichten die 116 Teilnehmer des gerade begonnenen Kurses an vier Studienorten: Niederndodeleben bei Magdeburg, Neudietendorf bei Erfurt, Röhrsdorf bei Chemnitz und erstmals nun auch in Meißen. »Es ist ein ausgeklügelter Studienplan«, sagt Michael Markert. Der sächsische Pfarrer arbeitet außer für das Pastoralkolleg in Meißen zu 50 Prozent beim KFU mit.

Das Studium ist für die Teilnehmer kostenlos. »Alle anfallenden Kosten tragen die beteiligten Landeskirchen«, sagt Magdalena Frettlöh, Leiterin des KFU aus Magdeburg. Und dabei spiele wiederum die sächsische Landeskirche eine gewichtige Rolle. »Schließlich stellt sie mit 50 Männern und Frauen fast die Hälfte aller Studierenden«, ergänzt Michael Markert.

»Ich wollte vertiefen, was unseren Glauben ausmacht, ich will darüber Auskunft geben können«, sagt Christia­ne Neumann. Für Christina Kreher war es mehr die Situation der Pfarrer, die sie zur Teilnahme bewog. »Ich kenne welche, die an Burn-out leiden«, sagt sie. Deshalb will sie Prädikantin werden. Und auch Friedhard Förster hat ähnliche Beweggründe: »Pfarrstellen werden nicht mehr besetzt, was soll man machen, wenn sonst das Gemeindeleben zum Erliegen kommt.« Und so will auch er Prädikant werden.

Auf die Diskrepanz zwischen weniger Pfarrern und mehr Prädikanten angesprochen, räumt Michael Markert ein: »Manchmal begegnen wir Ehrenamtlichen, die so eingebunden sind, dass sie genau diese Lückenbüßerfunktion haben«, sagt er. »Doch wir wollen, dass die Ausbildung sie persönlich weiter bringt, aber nicht, dass sie verheizt werden.« Das Ehrenamt solle die Vielfalt der Verkündigung fördern. Ein Drittel der Teilnehmer käme auch aus privaten Gründen zum KFU, weil sie nicht Theologie studieren konnten und sich im Ruhestand nun diesen Wunsch erfüllten.

Im Ruhestand ist Maria Hundert nicht, Prädikantin will sie auch nicht werden. Sie will Andachten halten können, um als selbst Betroffene auf die Arbeitslosigkeit aufmerksam zu machen. »Ich möchte Gemeinden besuchen und darauf hinweisen, dass es überall Menschen gibt, die in der Kirche nicht vorkommen«, sagt sie. In der Kirche werde viel zu wenig über prekäre, zu niedrig bezahlte Arbeitsverhältnisse gesprochen. »Ich möchte meinen Glauben verbinden mit dem Eintreten für Benachteiligte«, sagt sie.

Und dann geht es wieder ans Studieren: Wie ist das Alte Testament aus verschiedenen Schriften zu einem Buch geworden? Welchen Maßstab legten Rabbiner und christliche Theologen dabei an? Wieso haben evangelische und katholische Kirche sowie Juden verschiedene Bibeln?

Christine Reuther

Information im Internet

www.kfu-ekmd.de

Das Volk ließ sich das »Jetzt« nicht zweimal sagen

6. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Hans Thoursie, sxc.hu

Foto: Hans Thoursie, sxc.hu

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.
2. Korintherbrief 6, Vers 2

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Es gibt Situationen, da muss man sich sofort entscheiden: Da gibt es eine Chance im Beruf, die nicht mehr wiederkommen wird, da trifft man einen Menschen und es könnte der Partner fürs Leben sein oder er oder sie ist weg für immer.

In unsere sonst ruhig oder langweilig oder gestresst dahin fließende Lebenszeit (griechisch Chronos) schlagen immer wieder Ereignisse wie Blitze ein, die uns bis ins Mark erschüttern, aber auch neue Wege ermöglichen oder wie Warnschilder uns zum Umlenken auffordern. Die alten Griechen nannten das den Kairos, den Zeitpunkt des entscheidenden Augenblicks.

Wir Christen sehen darin oft und zu Recht das Handeln Gottes, der uns geführt, bewahrt, beschenkt hat. Im Zusammenhang des Wochenspruchs geht es dem Apostel um die Verteidigung seines Amtes und die Unbedingtheit des Evangeliums von Jesus Christus.

Es wird nichts Größeres, Heiligeres, Gnädigeres für den Menschen geben zur Versöhnung mit Gott als die Gabe des Evangeliums: Gott schaut uns gnädig an, wenn wir dem Christus vertrauen und uns auf den Weg seiner Nachfolge begeben.

Diese Botschaft ruft bis heute in die Entscheidung, jetzt das Heil mit ganzem Herzen und Willen anzunehmen. Wir sollten die oft ungeplanten und unbequemen Wahrheiten und Berufungen des Evangeliums stets annehmen und dem Kairos Gottes vertrauen.

Es war eben erst vor 20 Jahren für die »Wende« so weit – oder 1517 für eine wirkliche Reformation – oder am 9. November 1989, als die Gefängnismauer DDR von innen weg geschoben wurde, weil ein Mächtiger sich in seiner Ohnmacht verzettelte und die Grenze für offen erklärte: Das Volk ließ sich das »Jetzt« nicht zweimal sagen.

Klaus Kaden

Pfarrer Klaus Kaden ist Rektor der Evangelisch-Lutherischen Diakonissenanstalt Dresden.

www.diako-dresden.de

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Frieden schaffen

6. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Grafik: Ilker, sxc.hu

Grafik: Ilker, sxc.hu

Am Sonntag beginnt die Friedensdekade. Seit 30 Jahren rücken an den zehn Tagen bis zum Buß- und Bettag christliche Kirchen und Gemeinden in Gebeten und Veranstaltungen das Thema Frieden in den Mittelpunkt.

Vor 30 Jahren – da war das Bemühen um Frieden in Europa noch ein ganz handfestes Thema. Da lebten wir noch im Ost-West-Konflikt mit der ständigen Bedrohung durch das beiderseitige Wettrüsten. Da wussten Friedenskämpfer noch, wofür sie waren. Besser noch: wogegen. Heute sind russische und amerikanische Waffensysteme in Europa bestenfalls ein Randthema. Ist die Friedensdekade nun überflüssig?

Wenn man Friedensarbeit an dem ureigensten Anspruch der Kirchen misst, keineswegs. »Als Grundorientierung in den Fragen des Friedens vertreten wir … eine vorrangige Option für die Gewaltfreiheit«, heißt es in den Texten der Ökumenischen Versammlung von 1989, die von allen christlichen Kirchen gemeinsam verabschiedet wurden.

Viele der Forderungen haben sich mit dem Mauerfall erledigt. Aber von Frieden und Gewaltfreiheit sind wir immer noch meilenweit entfernt. »Mauern überwinden« ist das Thema der diesjährigen Friedensdekade. Sie hat zwar andere Mauern der Welt im Blick: zwischen dem Westjordanland und Israel, zwischen Nord- und Südkorea, zwischen Europa und den Flüchtlingen aus armen Ländern.

Doch auch im Blick auf Mauern in unseren Köpfen und auf Gewaltfreiheit in unserer Gesellschaft gibt es so einiges zu tun. Wo errichten wir selbst Mauern der Vorurteile und der Angst? Wo finden wir Gewaltanwendung legitim? Wo wenden wir uns ab, wenn andere bedroht sind? Die Themen für Friedensgebete gehen nicht aus – aber auch nicht die für kritische Wortmeldungen der Kirchen insgesamt, wie sie es sich vor 20 Jahren vorgenommen haben.

Christine Reuther

www.friedensdekade.de

»Nein, das schaffe ich nicht«

6. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Die Sorge um Arbeit und Geld spielt eine immer größere Rolle, wenn sich Frauen gegen die Geburt ihres Kindes entscheiden.

Foto: Katrina Brown, Fotolia.com

Foto: Katrina Brown, Fotolia.com

Am Schluss ist eine Frau, die sich gegen das Kind in ihrem Bauch entscheidet, ganz allein. Die, die mit zu ihrer Not beigetragen haben, wissen oft wenig davon: Der schweigende Partner, die ferne Familie, auch die Chefs und Politiker. Dabei sind sie es, die jeder für sich ein Stück von dem Klima schaffen, das Mut zu Kindern macht – oder eben nicht.

»Die soziale Not bei Schwangeren hat weiter zugenommen«, sagt Wilfried Jeutner vom Diakonischen Werk der sächsischen Landeskirche. 42 Prozent der Frauen, die sich 2008 vor einem geplanten Schwangerschaftsabbruch in den Beratungsstellen der Diakonie Sachsen meldeten, gaben ihre finanzielle Situation als Grund an. Und das, während die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche im Freistaat sinkt: 6199 waren es im letzten Jahr.

»Probleme und Ängste im Zusammenhang mit Beruf und Ausbildung werden in unserer Schwangerschaftskonfliktberatung mittlerweile am häufigsten genannt«, sagt Ebba Ludewig, die Leiterin der Schwangerschaftsberatung der Diakonie Kamenz. Junge Mütter kommen zu ihr, die mühsam mit Kind einen Ausbildungsplatz ergattert haben und nun fürchten, ihn durch die neue Schwangerschaft wieder zu verlieren. Oder solche, die weite Wege zu ihrer Arbeit haben und genau wissen: Mit Kind geht das nicht.

»Es gibt viel Druck in den Arbeitsverhältnissen, auch unter den Kollegen. Frauen werden schräg angesehen, wenn sie schwanger werden oder das Kind krank ist«, sagt Ebba Ludewig. Sie weiß aber auch: Wenn der Partner das Kind nicht will oder keine Unterstützung bietet, wenn die Familien zerrüttet sind oder die Schwangerschaft als Unglück ansehen, wenn die eigenen Ansprüche an Selbstverwirklichung oder Konsum hoch sind – oft erst dann können die Sorgen um Arbeit und Geld übermächtig werden.

»Dann sagen viele Frauen: Nein, das schaffe ich nicht. Das ist wie ein Berg, über den sie nicht kommen«, hat Martina Kleppisch von der Evangelischen Lebensberatungsstelle Dresden erfahren.

Es kann alle sozialen Milieus betreffen. »Zu uns kommen junge Akademikerinnen, die lange studiert haben und sich nun von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln«, sagt Petra Herrmann von der Lebensberatung der Diakonie Leipzig. »Die Existenzangst schwebt wie ein Schwert über ihnen.«

40 Prozent der Frauen, die bei der Diakonie um Rat in ihrer Schwangerschaft fragen, müssen jedoch von Arbeitslosengeld II leben. Viele auch von Niedriglöhnen. »Zunehmend ist für unsere Klienten die Finanzierung von Verhütungsmitteln ein Problem«, sagt Martina Kleppisch von der Lebensberatungsstelle der Diakonie in Dresden. »Es ist paradox, dass der Staat Bedürftigen in den Sozialleistungen Verhütungsmittel nicht bezahlt, dafür aber den Schwangerschaftsabbruch.«

So kommen Frauen in eine schmerzhafte Entscheidungssituation, die sich kaum eine von ihnen leicht macht. Das betonen die Beraterinnen der Dia­konie, die einen schwierigen Spagat üben: Einerseits wissen sie um das biblische Tötungsverbot, andererseits ist es für sie eine Aufgabe der Näch­stenliebe, Frauen in ihrer Not beizustehen. »In den Beratungsgesprächen versuchen wir, den Blick auf die Unterstützungsmöglichkeiten zu lenken, die die Frauen oft noch gar nicht kennen«, sagt Ebba Ludewig: Welche staatlichen Gelder es gibt, welche Möglichkeiten der Kinderbetreuung, welche Hilfen im privaten Umfeld oder auch christliche Angebote der Diakonie und der Kaleb-Vereine.

Viele werdende Mütter, die in die Beratung kommen, entscheiden sich dennoch gegen ihr Kind. Der Mangel an Arbeit und einem familienfreundlichen Klima bleibt vielerorts. Das ist die Wirklichkeit in einer Gesellschaft, in der es noch immer ein Tabu ist, über den Schmerz und die Trauer nach dem zu frühen Ende einer Schwangerschaft zu sprechen.

Andreas Roth

Hilfe und Beratung finden Sie hier:
www.evangelische-beratung.info
www.kaleb.de

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