Kein Blatt vor dem Mund
31. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Vor 20 Jahren erschien in Werdau und Crimmitschau Sachsens erste freie Zeitung

Wie Schätze aus einer fernen Zeit halten Kerstin Walther (li.) und Barbara Gabor in den Händen, was am 5. Januar 1990 revolutionär war: Sachsens erste freie Zeitung – das Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt. (Foto: Steffen Giersch)
Die Freiheit kam in großen Stapeln an. Im Hof der Schmiede ihres Mannes in einem Crimmitschauer Fabrikviertel schnürten Kerstin Walther und ihre Freundin Barbara Gabor jeden Donnerstag die Bündel auf und trugen vor 20 Jahren zum ersten Mal das Unerhörte in die westsächsische Kleinstadt: Eine freie Zeitung – das »Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt«. Am 5. Januar 1990 erschien es zum ersten Mal und gilt als erste Zeitungsgründung der Friedlichen Revolution in Sachsen. Kerstin Walther und Barbara Gabor hatten beides lang ersehnt.
Die beiden Christinnen hatten die Fälschung der Kommunalwahlen im Mai 1989 erlebt, im christlichen Friedensseminar Königswalde trotz Diktatur frei gedacht und auf der Schreibmaschine Flugblätter fürs Neue Forum geschrieben. Sie kannten die Lügen der SED-Parteizeitung mit dem Namen »Freie Presse«. Jetzt lasen Barbara Gabor und Kerstin Walther in der ersten Ausgabe der neuen Wochenzeitung: »Nun halten Sie sie in der Hand – die erste Freie Presse im Kreis Werdau seit 111 Jahren.«
Der Runde Tisch des Kreises hatte auf seiner ersten Sitzung Anfang Dezember 1989 eine kleine Gruppe mit der Zeitungsgründung beauftragt. »Wir hatten keine Technik, kein Vorbild und eigentlich auch alle keine Ahnung«, sagt deren Chef Georg Meusel heute. Sich Chefredakteur zu nennen, wäre dem Elektriker Meusel wie Hochstapelei vorgekommen. In der DDR schrieb er für Kirchen- und Fachzeitungen, doch die Schule hatte er aus politischen Gründen nach der achten Klasse verlassen müssen.
Die Seiten des freien Wochenblatts wurden auf den Teppich von Meusels Wohnzimmer zusammengeschnipselt und geklebt. Keine vier Wochen nach dem Gründungsbeschluss erschienen die 15 000 Exemplare der ersten Ausgabe. Jede Woche war hier nun zu lesen, was vorher von der SED-Diktatur unter der Decke gehalten wurde: Fakten über die dreckige Luft in Crimmitschau etwa, über das Unwesen der Staatssicherheit. Oder über das Schicksal der 19 Werdauer Oberschüler, die 1951 zu 130 Jahren Zuchthaus verurteilt worden waren, weil sie gegen die unfreien Wahlen in der DDR protestiert hatten.
Oder über die zum Himmel stinkende Pleiße. Barbara Gabor kann sich noch gut an den Anruf zu später Stunde am 25. Januar 1990 erinnern: Die Nachtschicht des VEB Lederproduktion Crimmitschau hatte das Einleiten von Chemikalien in den Fluss nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Gabor fuhr als Vertreterin des Neuen Forums mit der Polizei hin und ließ Proben nehmen. In der nächsten Ausgabe des Wochenblatts berichtet sie ausführlich darüber.

Auch in Zwickau rissen die Menschen den Verkäufern das Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt aus den Händen. Denn Anfang 1990 war der Hunger nach unabhängigen Informationen groß – und in Werdau war Sachsens erste freie Zeitung gegründet worden.
Zu den Menschen, die das Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt den Verkäufern damals aus der Hand rissen, gehörte auch der Medizintechniker Manfred Steinchen. Kurz darauf übernahm der Crimmitschauer den Versand der Zeitung an die Abonnenten. Dabei musste er zusehen, wie im Laufe des Jahres 1990 die Zahl der Leser immer mehr sank. »Nach der Währungsunion kostete die Zeitung plötzlich 90 West-Pfennige, da war die Bild-Zeitung billiger«, erinnert er sich. »Viele Abonnenten haben gekündigt, vielen war die Zeitung zu links. Von der Bürger- und Friedensbewegung wollte niemand mehr etwas lesen.«
Doch als ein westdeutscher Verlag das kleine Wochenblatt übernehmen wollte und dem Gründer Georg Meusel einen lukrativen Redakteursvertrag anbot, lehnte der ab. »Wir wollten uns nicht vereinnahmen lassen und auch kein Geschäft machen. Sondern Pressefreiheit durchsetzen in der Region.«
Als die Auflage unter 3000 fiel erschien am 10. August 1990 die letzte Nummer. »Das Wochenblatt hatte seine Aufgabe erfüllt«, sagt Kerstin Walther heute. »Es war überholt.« Die Druckerei der staatssozialistischen »Freien Presse« indes druckte schon im Frühjahr 1990 lieber lukrative Anzeigen für bundesdeutsche Firmen als die kleine Zeitung der Bürgerbewegung. Mit Hilfe eines Medienkonzerns aus Helmut Kohls Heimat und ihres Leser- und Mitarbeitervorsprungs als Organ der SED-Diktatur ist die ehemalige Parteizeitung heute wieder allein in der Region.
Das Blatt hatte sich gewendet.
Andreas Roth
Eine Ausstellung des Martin-Luther-King-Zentrums über die Zeitungen der Friedlichen Revolution ist ab 5. Januar im Werdauer Rathaus zu sehen.
Die Welt ist nicht so gut
30. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Der Krieg in Afghanistan bleibt umstritten. Der Frankenberger Militärpfarrer Wilfried Fritzsch hat ihn aus der Nähe erlebt. Von Juli bis November war er im Bundeswehrlager Feyzabad.
Herr Fritzsch, gilt Jesu Bergpredigt auch in Afghanistan?
Fritzsch: Sie gilt überall. Jesu Seligpreisungen der Sanftmut und der Friedfertigkeit sind auch für mich die höchsten Ziele. Aber was macht man, wenn wie in Afghanistan von den Taliban Terroristen ausgebildet werden, die gegen Amerika, Europa und auch die Afghanen selbst kämpfen? Hier haben Regierungen die Pflicht, dagegen vorzugehen – wohl wissend, dass es da keine Lösung gibt, ohne Schuld auf sich zu laden.
Ist in Afghanistan Krieg?
Fritzsch: In meiner Zeit im Feldlager Feyzabad wurden deutsche Soldaten, die die afghanische Armee ausbilden und gemeinsam die Taliban bekämpfen, mehrmals in Feuergefechte verwickelt. Das ist kein Polizeieinsatz mehr – das ist ein Bürgerkrieg. Bei einem Einsatz sind über 100 Soldaten aus unserem Lager in einem Talkessel in einen Hinterhalt der Taliban geraten. Es gab ein stundenlanges Gefecht. Ein deutscher Soldat wurde dabei schwer verletzt.

Mit den Soldaten des Marienberger Panzergrenadier-Bataillons war Pfarrer Wilfried Fritzsch (li.) vier Monate lang im afghanischen Feyzabad. (Foto: Steffen Giersch)
Fritzsch: Das war zwei Tage, nachdem unsere Soldaten in den Taliban-Hinterhalt geraten waren. Doch das war in der deutschen Öffentlichkeit kein Thema – nur über die Bombardierung wurde gesprochen. Dass das Bombardement so kritisiert wurde, war für die Soldaten nicht zu begreifen. Sie haben den Eindruck: Deutsche Soldaten können machen was sie wollen, sich zurückziehen oder kämpfen – es ist immer falsch. Und dass oft verschwiegen wird, dass die Soldaten in Afghanistan ihr Leben riskieren.
Wie belastet der Afghanistan-Einsatz die Seelen der Soldaten?
Fritzsch: Sie sprechen nicht so gern über Ängste. Erst in Deutschland brechen diese Gefühle auf. Vieles wird vor Ort ins Unterbewusstsein verdrängt. Die Soldaten wissen oft noch nicht, wie sehr sie der Einsatz wirklich belastet.
Kommt das Thema Schuld in Ihren Gesprächen mit Soldaten vor?
Fritzsch: Soldaten sagen höchstens in einem Nebensatz, dass sie denken, Menschen getroffen zu haben. Vor Ort in Afghanistan spricht man wenig darüber. Da ist das Erlebte noch zu nah, es geht schließlich um die eigene Haut. Die Soldaten sind froh, aus einem Gefecht heil herausgekommen zu sein. Wenn man da mit Fragen nach der Schuld kommt, drehen sie sich um und gehen.
Fühlen sich die Soldaten alleingelassen?
Fritzsch: Ihr größtes Problem ist, dass sie dem afghanischen Volk helfen und es schützen wollen gegen die sehr brutal auftretenden Taliban – und dass dies in Deutschland nicht wahrgenommen oder sehr kritisch gesehen wird. Die Soldaten müssen ausbaden, was andere am grünen Tisch entscheiden. Da müsste man an ganz anderer Stelle über Schuld reden. Die Männer der Bundeswehr stehen an vorderster Front und fragen auch kritisch: Gibt es nicht auch andere Wege?
Haben Sie selbst Angst gehabt?
Fritzsch: Um mein Leben nicht. Aber davor, dass Soldaten zu Tode kommen. Das habe ich Gott sei Dank nicht erleben müssen. Bevor Soldaten zu größeren Einsätzen fuhren, haben wir in der kleinen Kirche im Lager eine Andacht gehalten, für sie gebetet und eine Kerze angezündet. Jeden Sonntagabend haben wir einen Gottesdienst gefeiert, zu dem am Schluss 40 Soldaten kamen – auch Nicht-Christen, die einmal eine Stunde der Ruhe brauchten.
Wie kann man als Militärseelsorger die Balance halten, um nicht zu sehr die Perspektive der Militärs einzunehmen und zu wenig die der Zivilbevölkerung?
Fritzsch: Im Feldlager Feyzabad arbeiten viele Afghanen, da ergeben sich ständig Gespräche. Im dortigen Bundeswehr-Krankenhaus werden viele Afghanen behandelt. Dreimal bin ich mit den Soldaten auch im gepanzerten Wagen rausgefahren in das Umland. Man sieht in fast jedem Ort Jungen und Mädchen zur Schule gehen, man sieht Menschen Handel treiben, und wo früher nur Feldwege waren wurden viele Straßen und eine neue Brücke gebaut, um die Region wirtschaftlich anzubinden.
Wie war die Stimmung der Afghanen, die Sie getroffen haben, gegenüber der Bundeswehr?
Fritzsch: Die Bevölkerung ist sehr aufgeschlossen – den Menschen geht es um das nackte Überleben. Ein Volk, das 25 Jahre Bürgerkrieg erlebt hat, kann jetzt zumindest im Norden Afghanistans in relativer Ruhe seine Felder bestellen, seine Kinder zur Schule schicken, Musik hören – unter den Taliban war das alles nicht möglich. Solange die internationalen Truppen dort sind, kann die Bevölkerung in Frieden leben.
Sie setzen auf eine militärische Strategie?
Fritzsch: Wenn die Afghanen das Gefühl haben, dass die internationalen Kräfte nicht stark genug sind und helfen können, dann wenden sie sich den Taliban zu. Das ist menschlich verständlich. Da sehe ich auch Menschen in unserer Kirche kritisch, die Weltpolitik durch eine rosarote Brille sehen und sehr schnell urteilen. Ja, wir Ostdeutschen haben eine Friedliche Revolution erlebt – und das war großartig. Aber man darf die kriminelle Energie von Menschen an vielen Orten der Welt nicht unterschätzen. Die Welt ist nicht so gut, wie man sie sich wünscht. Kriminelle Energie muss von staatlicher Macht im Zaum gehalten werden – ohne beschönigen zu wollen, dass auch westliche Mächte viel Schuld tragen und eigene Interessen verfolgen.
Die Landessynode hat die sächsische Kirchenleitung aufgefordert, Gespräche mit der Bundesregierung über ein Ende des Afghanistaneinsatzes zu führen. Halten Sie das für sinnvoll?
Fritzsch: Gespräche sind immer sinnvoll. Aber man darf keine falschen Hoffnungen aufbauen. Wer die Hilfe für dieses geschundene Land zu schnell beendet, riskiert, dass alles bisher Erreichte zunichte gemacht wird. Und man sollte bei diesem Gespräch auch Vertreter der Bundeswehr mit hören. Soldaten haben nichts gegen Kritik, sie sind oft selbst kritisch. Aber sie wollen ernst genommen
werden.
Die Fragen stellte Andreas Roth
Gehalten im Glauben
30. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Im Laufe ihres Lebens müssen alle Menschen auch Böses durchleben. Die Jahreslosung für 2010 will Gelassenheit vermitteln – trotz aller Gefahren.
Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.
Johannes 14, 1 [Jahreslosung 2010]

Landesbischof Jochen Bohl © Steffen Giersch
Ich bin entspannt mit dem Auto unterwegs; die Landstraße macht eine leichte Biegung. Da kommt mir plötzlich ein überholendes Fahrzeug entgegen – auf meiner Spur! Instinktiv findet der Fuß die Bremse, nur durch eine Vollbremsung wird der Zusammenstoß vermieden. Der Adrenalinstoß lässt »das Blut in den Adern gefrieren«, wie man auch sagt.
Jeder wird ähnliche Schrecken schon einmal erlebt haben – und auch das tiefe Gefühl der Dankbarkeit und der Erleichterung kennen, wenn die Gefahr vorbei und es gerade noch einmal gut gegangen ist.
Dann gibt es die Schrecken, die einem sozusagen in kleineren Dosen verabreicht werden, die aber umso länger anhalten. Das Unbehagen angesichts der sorgenvollen Miene des Geschäftsführers und der Gerüchte im Betrieb, es sähe gar nicht so gut aus mit der Auftragslage. Die Furcht nach der Diagnose des Arztes, der nach einer Untersuchung erklärt, man habe da etwas gefunden und es müsse geklärt werden, was das eigentlich sei.
Es kann einem auch unwohl werden an einem sonnigen Mittag Ende November, den man am liebsten auf den Dresdner Elbwiesen verbringen würde; jeder sieht ja die Anzeichen einer Veränderung unseres Klimas.
In der gefallenen Schöpfung gibt es Schrecken jeder Art und zahllose Gründe für geängstigte Herzen. Das Wort Jesu, das uns im neuen Jahr als Losung begleitet, steht in den sogenannten Abschiedsreden. Jesus kündigt seinen Jüngern an, dass er von ihnen fortgehen wird. Er deutet an, dass ihn sein Weg an einen Ort führen wird, wohin ihm seine Jünger nicht folgen können.
Die Jünger werden ihn nicht unbedingt verstanden haben. Dass sie über solche Worte ihres Freundes und Meisters erschrecken, ist aber leicht nachzuempfinden. Seit sie mit ihm unterwegs sind, ist er derjenige, der ihrem Leben einen Sinn gegeben hat. Sie haben ihr Herz für ihn geöffnet. Wie soll es ohne ihn weitergehen?
»Euer Herz erschrecke nicht«, sagt Jesus. »Glaubt an Gott und glaubt an mich.« Darin liegt für uns, die wir glauben, ein wunderbarer Trost. Der Glaube an Jesus Christus hilft uns gegen die Gefahren, die das Herz ängstigen. Auch wir werden von den Schrecknissen der Welt getroffen. Auch Christen werden krank, erleiden Unfälle, scheitern in Gefahren. Ein Leben in leichtem Wohlstand und ohne Leid ist uns nicht verheißen und ist auch mit diesem Wort Jesu nicht gemeint. Der Glaube ist kein Schirm, der alles Böse von uns fernhält.
Wohl aber können wir den Dingen, die uns erschrecken, mit einem großen Maß an Gelassenheit gegenübertreten. Denn es ist eine lebendige Erfahrung vieler Christen, dass die Sorgen leichter werden, wenn wir sie Gott anvertrauen. Wir kennen die Erfahrung gut, dass Türen sich öffnen, die längst verschlossen zu sein schienen. Oft genug weiß Gott einen Weg für uns, wo wir keinen Ausweg finden. Es ist eine Erfahrungswahrheit, dass unser Glaube viel mehr ist als billige Vertröstung, wie manche es heute noch meinen.
Den Jüngern blieben schmerzliche Erfahrungen nicht erspart, als Jesus seinen Weg ans Kreuz ging. Einige Verse nach der Jahreslosung lesen wir, dass der Herr ihnen den Tröster verheißt, den Heiligen Geist. Wenn wir an den Schrecknissen des Lebens nicht vorbeigeführt werden, sondern durch sie hindurch müssen, sind wir nicht allein, denn Gott ist in seinem Heiligen Geist mit uns.
Es ist eine Erfahrung, die Christenmenschen immer wieder machen können, dass in einer schwierigen Lage plötzlich eine ungekannte Kraft zuwächst. Mit ihr gelingt es, die Last zu tragen, die einem auferlegt wurde. Der Heilige Geist, der Tröster, verleiht sie uns, damit wir in den Herausforderungen bestehen und nicht unter den Lasten des Lebens zusammenbrechen. Er schenkt uns auch die Hoffnung, dass alle unsere Wege in dem Licht der Liebe Gottes enden werden.
Euer Herz erschrecke nicht, sagt Jesus – glaubt an Gott und glaubt an mich.
Die Kraft des Heiligen Geistes ist ein Geschenk, das wir empfangen, wenn wir uns für die Anrede Jesu öffnen und seine tröstende Zusage hören, wie er sie seinen Jüngern gegeben hat. Ich wünsche Ihnen, liebe Leser, dass die Jahreslosung Ihnen auf den Wegen des Jahres 2010 zu einem ermutigenden und in Gefahren zu einem tröstenden Wort Gottes wird.
Von Landesbischof Jochen Bohl
Eine tröstende Zusage – kein Appell zu Sorglosigkeit
17. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet Euch! Der Herr ist nahe!
Philipper 4, Verse 4 und 5
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Ich bin ein fröhlicher Mensch und ich lache gern. Mit dem Philosophen Nietzsche bin ich der Überzeugung: Uns Christen müsste man die Erlösung viel mehr ansehen können, damit wir glaubwürdiger wären. Gleichzeitig treibt mich die Sorge um die Not leidenden Menschen und die geschundene Kreatur um. Manchmal kommt mir meine Fröhlichkeit angesichts der Millionen Hungertoten abhanden. Kaum vorstellbar der Gedanke, die Gedemütigten, Vernachlässigten, Unterernährten und sozial Ausgegrenzten aufzufordern, sich dennoch zu freuen.

Foto: Attilio Ivan, sxc.hu
Auch Jochen Klepper ist ein Beispiel für diese Ambivalenz. Eines seiner schönsten Lieder »Die Nacht ist vorgedrungen« spricht von soviel innerer Freude und Hoffnung. Dennoch hat er den Terror der Nazis nicht ausgehalten und sich umgebracht.
So dicht beieinander: Licht und Schatten, Leben und Tod, Freude und Traurigkeit. Aber es kommt darauf an, dass jemand etwas anderes hofft, als alle befürchten, dass jemand mehr sieht als die Welt, die die Medien zeigen, dass jemand noch an etwas anderes glaubt als an Krieg, Streit und Tod. Dieser Vers ist alles andere als ein Appell zur fröhlichen Sorglosigkeit. Viel, viel mehr ist er eine tröstende Zusage: Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.
Christine Müller
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Laut in stiller Nacht
17. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Seit 466 Jahren läutet die Ehrenfriedersdorfer Lautbruderschaft mit der Hand

Ehrensache in Ehrenfriedersdorf: Olaf Werner (li.) und Dieter Stahl (r.) sind Mitglieder der Turmlautbruderschaft und bringen die 3,7 Tonnen schwere Kirchenglocke mit ihrer Muskelkraft zum Klingen. Foto: Steffen Giersch
Wenn die stille heilige Nacht am stillsten ist, steigen sechs Männer die Anhöhe empor zur Ehrenfriedersdorfer St. Niklaskirche. Sie erklimmen die 81 Stufen hinauf über das Gewölbe das alten Gotteshauses, vorbei an den Turmfalken, stoßen die mächtigen Fensterläden des Wehrturms weit auf und sprechen ein Gebet. Dann ziehen sie an den Seilen der großen Glocke, dass ihr Ton weit hinaus über das Erzgebirgsstädtchen schallt. »Früh um vier sind wir die ersten, die die frohe Botschaft von der Geburt Jesu in die Welt hinausrufen. Das ist ergreifend«, sagt Eckehard Röder, der sich mit den anderen fünf Männern aller fünf Minuten beim ziehen der 3,7 Tonnen schweren Glocke abwechselt. Eine Stunde lang, in bitterer Kälte.
Unten im Tal der Wilisch funkeln die Schwibbögen in den Fenstern. »All die Lichter in der Heiligen Nacht von hier oben zu sehen, das ist gigantisch«, schwärmt Olaf Werner. Und es ist wohl in ganz Deutschland einmalig, was den selbstständigen Treppensanierer Werner und den Krankenpfleger Röder mit 37 anderen Ehrenfriedersdorfer Männern verbindet: Sie bilden zusammen die Turmlautbruderschaft. Abwechseln läuten sie an jedem Sonnabendabend, zum Sonntagsgottesdienst, zu Beerdigungen, zum Jahreswechsel und zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten.
Der jüngste Bruder ist 21 Jahre alt – und man bleibt Bruder bis zum Tod. So will es die altehrwürdige Tradition der christlichen Bruderschaft. Gegründet wurde sie, als die Ehrenfriedersdorfer Kirchgemeinde im Jahr 1543 ihre große Glocke in Freiberg gießen ließ. Seitdem wandert das Amt des Läutens in der Bruderschaft von Generation zu Generation. Der 34-jährige Eckehard Röder wurde vor zehn Jahren von seinem Schwiegervater dazugeholt. Nun ist er für ein Jahr selbst Oberbruder und hat drei junge Männer gewonnen, die auf dem traditionellen Convent der Bruderschaft Anfang Januar aufgenommen werden.
»Für mich ist das Läuten eine Art praktischer Gottesdienst. Man kann Gott dabei mit der eigenen Hand dienen«, erklärt Röder, warum sich Männer immer wieder für dieses Ehrenamt begeistern. »Hauskreise sind oft so abstrakt.« Der Kirchner Dieter Stahl bringt es auf die handfeste Formel: »Das ist für uns Ehrensache.«
Eine Frage der Ehre ist es für die Brüder auch, unter den niedrigen Balken des Glockenbodens bis auf eine weiße Plastikuhr nichts Modernes zuzulassen. Auf der Pappschachtel mit dem Gehörschutz liegt eine dicke Staubschicht. Und neben den Glockenseilen rostet das mechanische Läutewerk. 1913 wurde es ein-, 1935 wieder ausgebaut. Ein eisernes Monster. »Es war zu unzuverlässig«, grinst Olaf Werner. »Einfach irreparabel.«
Andreas Roth
Homepage der Kirchgemeinde Ehrenfriedersdorf
Trotz aller Umdeutungen
17. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Foto: Jolka Igolka
Mit Weihnachten ist das so eine Sache. Eines der christlichsten Feste musste sich immer wieder gefallen lassen, uminterpretiert zu werden. Politik, Folklore und germanisierendes Brauchtum haben das Fest zu vereinnahmen gesucht. Es wurde als nordisches Lichterfest gedeutet, das seinen Ursprung in der Feier der Wintersonnenwende bei germanischen Stämmen habe. Zu DDR-Zeiten kam sogar Väterchen Frost aus dem Osten Europas über uns.
Heute weiß man, dass im 4. Jahrhundert in Rom erstmals Weihnachtspredigten gehalten wurden, es die ersten Weihnachtsfeiern gab. Zunächst wohl auch an diesem Tag, um die heidnischen Feiern für den römischen Sonnengott am 25.Dezember endlich abzuschaffen. Stattdessen sollte lieber der Geburt Christi, des eigentlichen Heilsbringers, gedacht werden.
Allerdings war dessen Geburtsdatum nicht bekannt. Beim Konzil von Konstantinopel – dem heutigen Istanbul – wurde 381 schließlich das Fest zu diesem Datum für die gesamte Christenheit als verbindlich erklärt.
Seit über tausendsechshundert Jahren feiern wir Christen am 25. Dezember nun die Christgeburt. Jahr für Jahr hören wir das »Frieden auf Erden«, das die Engel den Hirten zuriefen. Alle Menschen wissen: Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Friedens. Benachteiligte und Ausgegrenzte erfahren besondere Aufmerksamkeit. Es werden Feiern für Obdachlose und Einsame ausgerichtet.
Auf der ganzen Welt verbinden die Menschen mit Weihnachten den Gedanken an Versöhnung, Zuwendung und an Hoffnung auf ein besseres Leben. Das ist das eigentlich Faszinierende an Weihnachten: Die biblische Botschaft, die mit Jesus in die Welt kam, scheint angekommen zu sein. Allen Umdeutungen zum Trotz.
Christine Reuther
Fürchtet Euch nicht!
17. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Für viele, die in der Wirtschaftskrise durchgeschüttelt wurden, ist Weihnachten eine Zeit zum Durchatmen. Auch wenn ihnen das Kind von Bethlehem ganz fern erscheint.

Foto: *princessa* (Photocase)
Der Engel mit der Weihnachtsbotschaft kam als erstes zu den Hirten auf dem Feld. Zu den Zitternden, den nicht Abgesicherten, zu den Arbeitern. »Fürchtet Euch nicht!«, rief er ihnen zu. Heute würde der Engel wohl auch zu denen kommen, die Angst um ihre Zukunft haben. Was ist Weihnachten am Ende eines Jahres der tiefen Wirtschaftskrise?
»Angst haben wir alle gehabt«, sagt Erik Springer. Jeder Vierte seiner einstmals 2200 Kollegen im Radebeuler Druckmaschinenwerk KBA Planeta verlor 2009 seine Arbeit. Das Jahr wurde für Springer zu einer Achterbahnfahrt zwischen Hoffen und Bangen – so wie für viele in Deutschland. Und die Erinnerung an die Entlassenen schmerzt.
»Jetzt ist Weihnachten«, sagt Springer, der Glück hatte und seine Arbeit behält. »Da kann man mal durchatmen und abschalten nach all den Turbulenzen.« Zur Ruhe kommt er mit vielen Kollegen und ihren Kindern in der Radebeuler Lutherkirche, wo seine Firma wie schon in den vergangenen Jahren zusammen mit der Kirchgemeinde eine Weihnachtsfeier für die Belegschaft vorbereitet hat. Eingeladen wurden diesmal nicht nur alle Mitarbeiter – sondern auch alle Entlassenen. Das war auch Wolfgang Beiersdorf wichtig, dem Chef der Personalabteilung bei Planeta.
»Das durfte man das Jahr über gar nicht so an sich rankommen lassen«, sagt der Manager nachdenklich, wenn er an die vielen Gesichter der Entlassenen denkt, in die er sehen musste. »Jetzt in der Weihnachtszeit ist auch für mich die Zeit, mich einmal auf mich selbst und das Jahr zu besinnen. Und um Kraft zu schöpfen.« Für Beiersdorf und viele der Mitarbeiter ist die Kirche ein guter Ort dafür. Doch die Weihnachtsbotschaft, dass Gott ausgerechnet zu den mühseligen und beladenen Menschen gekommen ist, bleibt ihnen fremd. Viele kennen sie nicht, viele verstehen diese merkwürdige Geschichte auch nicht. Und viele berührt sie deshalb nicht.
Nur für 47 Prozent aller Deutschen ist die Geburt Jesu bestimmend für die Heiligen Nacht, fand das Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK heraus – mehr als zwei Drittel sind der Meinung, Weihnachten habe seine religiöse Bedeutung verloren. Im Osten Deutschlands dürften diese Werte noch weitaus höher liegen.
Ohne Trost aber bleibt das Weihnachtsfest für viele der so denkenden Menschen nicht – auch für viele der Radebeuler Maschinenbauer. Sie suchen ihre Hoffnung woanders. »Weihnachten ist das Fest der Freude, der Liebe und der Familie«, sagt der Ingenieur Michael Kastner und sieht lächelnd seinem kleinen Sohn zu, wie er eine Adventskerze rot ausmalt. Die Familie ist für 93 Prozent aller Deutschen zum Mittel- und Zielpunkt des Heiligen Abends geworden, fand das Meinungsforschungsinstitut Forsa heraus. Nur 41 Prozent wollen Weihnachten einen Gottesdienst besuchen. Nicht mehr Maria, Josef und das Jesuskind steht in der Mitte: Die eigene Familie ist zur Heiligen Familie geworden.
Die Liebe Gottes – das ist das Weihnachtliche auch im nicht-christlichen Weihnachten – findet ihren Abglanz in der Liebe der Menschen zueinander. Und sie setzt ganz irdische Hoffnungen frei. »Dass jetzt die Talsohle erreicht ist«, wünscht der Maschinenbauer Erik Springer. »Dass es wieder aufwärts geht im nächsten Jahr«, hofft der Ingenieur Michael Kastner und blickt auf seinen Sohn. Wohl auch deshalb sind sie mit ihren Kindern in die Radebeuler Lutherkirche zur Weihnachtsfeier gegangen, obwohl die meisten der Kollegen selbst keine Christen sind.
Unterm großen gelben Stern begrüßt sie Pfarrer Christian Mendt im leuchtend roten Gewand als Bischof Nikolaus: »Friede sei mit Euch!« Die Kinder und ihre Eltern antworten zögerlich und leise. Erst beim zweiten Versuch legt sich die Scheu vor der unglaublichen Botschaft. Und sie sprechen fester und lauter: »Friede sei mit Euch!«
Andreas Roth
Qualen eines Freiherrn
10. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Quelle: www.zuguttenberg.de
Doch nun windet er sich. Denn die Öffentlichkeit, die den noch vor kurzem unbekannten CSU-Nachwuchspolitiker zum Kabinettstar aufgeblasen hat, lässt den Tod von bis zu 142 Menschen am Fluss Kundus nicht auf sich beruhen.
Und Guttenberg? Fällt um. Feuert seinen Staatssekretär, seinen Generalinspekteur ebenso. Der Machttaktiker laviert. Der Angriff auf zwei Tanklaster sei nun doch »nicht angemessen« gewesen, sagt er und verweist auf angeblich neue Berichte. Die aber – sagen Fachleute – sind gar nicht neu.
Ein Minister fällt um, und man könnte schadenfroh sein. Doch es geht hier mitnichten um die Qualen eines Medienlieblings, sondern um die Qualen von bis zu 142 Getöteten – darunter viele Zivilisten – und ungezählten Verletzten. Man wird den Eindruck nicht los, dass den CSU-Minister dieses Leid weit weniger umtreibt als die schwierige Entscheidungssituation jenes Offiziers, der den Befehl zum Bombardement gab.
In seiner Rede vor dem Bundestag am 3. Dezember erwähnt der Spitzenpolitiker einer christlichen Partei die Opfer mit keinem Wort. Stattdessen stellt er sich mit preußischem Pathos vor den Offizier: Ihn fallenzulassen »würde sich nicht gehören«. Das ist der eigentliche Skandal. Und die eigentliche Hoffnung ist, dass die Öffentlichkeit dies dem Minister nicht durchgehen lassen wird.
Andreas Roth
Der Gerechtigkeit und dem Frieden eine Straße ebnen
10. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Bereitet dem Herrn den Weg; denn siehe, der Herr kommt gewaltig.
Jesaja 40, Vers 3.10
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Der Spruch der letzten Woche ermutigte uns, aufzustehen und den ersten Schritt zu gehen. Nun sollen wir nicht nur den Weg beschreiten, sondern ihn auch noch bereiten. Das ist harte Arbeit, die von uns erwartet wird. Den Weg zu bereiten ist oft kein Zuckerschlecken. Da müssen Steine beiseite geräumt werden, Löcher aufgefüllt, Brücken gebaut, Hügel geebnet, neue Lebensräume geschaffen werden.
Johannes der Täufer war jener, der dem Messias vorausging und ihm den Weg bahnte. Er war der Rufer in der Wüste, der die Menschen aufrief, ihr Leben neu auszurichten – und das ganz gewaltig.
Die Vorstellung vom gewaltigen Umsturz finden wir nicht nur beim Propheten Jesaja. Der Evangelist Lukas hat sie im Lobgesang der Maria aufgegriffen. Dort werden die Verhältnisse umgekehrt: Der Kleine bekommt Macht, der Arme wird reich.
Die Herrschaft übernehmen die Kleingemachten und Ausgegrenzten. Es ist nicht die leise, stille, sanftmütige oder gar liebliche Art, wie sie uns in vielen Weihnachtsliedern vorgespielt wird. Wo Jesus sich auf den Weg macht, verwandelt sich die Welt – gegen allen Zweifel, gegen die Weigerung, diese Verwandlung zur Kenntnis zu nehmen. Er kommt allen entgegen, die in ihrer eigenen Welt gefangen und verstrickt sind.
Angesteckt von den Visionen der Propheten sollen wir mitwirken an der Erfüllung der großen Verheißungen Gottes. Wir können selbst Zeichen seines Kommens in dieser Welt sein. Wir können Menschen sein, die den anderen vorausgehen, damit die Hoffnung die erreicht, vor denen sich Berge aus Armut, Unsicherheit und Angst auftürmen. Wir können der Gerechtigkeit und dem Frieden eine Straße ebnen.
Alles, was wir jetzt schon an Alternativen leben, ist ein Einüben in das Kommende.
Christine Müller

Christine Müller von der Arbeitsstelle »Eine Welt« der Landeskirche mit Sitz in Leipzig. Foto: Armin Kühne
Christine Müller leitet die Arbeitsstelle “Eine Welt” der sächsischen Landeskirche in Leipzig.
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Gebete zwischen Rohbeton
10. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig
Der erste Gottesdienst in der Leipziger Universitätskirche fand großes Interesse

Das Interesse war ebenso groß wie die Freude: Zum ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Leipziger Universitätskirche kamen mehr als 700 Menschen. Foto: Uwe Winkler
Es ist Sonntagvormittag auf dem Augustusplatz. Der Weihnachtsmarkt hat bereits geöffnet. An seinem Eingang bildet sich eine riesige Schlage. Was gibt es umsonst? Einen Gottesdienst. Dass über 700 Menschen in dieser Schlange dafür anstehen, den ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Universitätskirche besuchen zu können, bestätigt die Feststellung von Universitätsprediger Rüdiger Lux: Er beschreibt den Gottesdienst als »historisches Ereignis«. 700 Menschen dürfen nach den Sicherheitsauflagen eingelassen werden. Mehr als 100 weitere verfolgen das Ereignis über Lautsprecher draußen im Nieselregen.
41 Jahre nach Sprengung der Paulinerkirche, die 1968 auf Geheiß des SED-Regimes der neuen Karl-Marx-Universität weichen musste, ist bei Kirchenvertretern die Freude über diesen Anlass »riesengroß«, wie der Zweite Universitätsprediger Peter Zimmerling sagt. Dennoch fallen Worte der Kritik an der aktuellen Situation: Landeskirche und Hochschule sind nach wie vor uneins sind über die Ausgestaltung des Raums, der von der Uni als »Paulinum« und absichtlich nicht als »Kirche« bezeichnet wird.
»Wir werden weiter dafür sorgen, dass Altar, Lesepult und Taufstein in dieser Kirche einen Platz finden«, betont Zimmerling in seiner Predigt. Er appelliert aber auch, den Streit, der die »Menschen inner- und außerhalb der Universität entzweit hat«, eines Tages zu überwinden. Die Unikirche soll ein »Ort der Versöhnung« werden, heißt es in den Fürbitten.
Zudem sei eine Kirche in der Universität ein wichtiger Ort, wo die Seele zur Ruhe kommen kann, sagt Zimmerling. »Wir sind keine Kopffüßler«, so der Prediger. Diesem Irrglauben könne man an einer Hochschule leicht erliegen. Auch Landesbischof Jochen Bohl sprach sich wenige Tage zuvor während der Festwoche dafür aus, dass Wissenschaft den Glauben als »kritisches Korrektiv« zurate zieht.
Ob das an der Leipziger Uni gelingt, wird weiter verhandelt. Der Streit um den Bau, der heute nur rohe Betonwände um einen spärlich ausgestatteten, aber als Kirche erkennbaren Raum zeigt, ist nicht beendet. Spärlich war er auch, weil die Uni das Gestühl, das sie zur Feier ihres 600-jährigen Bestehens hinein gestellt hatte, kurz vor dem Gottesdienst wieder herausräumte.
Am kommenden Sonntag kann die Uni-Gemeinde dann wieder sitzen – in der Nikolaikirche. Bevor die Universitätskirche nicht fertig gestellt ist, werden die Hochschul-Gottesdienste wie seit 1968 weiter dort stattfinden – mindestens bis Ende 2010, nach Befürchtung des Universitätspredigers sogar noch länger.
Corinna Buschow
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