Gebete zwischen Rohbeton

Der erste Gottesdienst in der Leipziger Universitätskirche fand großes Interesse

Das Interesse war ebenso groß wie die Freude: Zum ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Leipziger Universitätskirche kamen mehr als 700 Menschen. Foto: Uwe Winkler

Das Interesse war ebenso groß wie die Freude: Zum ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Leipziger Universitätskirche kamen mehr als 700 Menschen. Foto: Uwe Winkler

Es ist Sonntagvormittag auf dem Augustusplatz. Der Weihnachtsmarkt hat bereits geöffnet. An seinem Eingang bildet sich eine riesige Schlage. Was gibt es umsonst? Einen Gottesdienst. Dass über 700 Menschen in dieser Schlange dafür anstehen, den ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Universitätskirche besuchen zu können, bestätigt die Feststellung von Universitätsprediger Rüdiger Lux: Er beschreibt den Gottesdienst als »historisches Ereignis«. 700 Menschen dürfen nach den Sicherheitsauflagen eingelassen werden. Mehr als 100 weitere verfolgen das Ereignis über Lautsprecher draußen im Nieselregen.

41 Jahre nach Sprengung der Paulinerkirche, die 1968 auf Geheiß des SED-Regimes der neuen Karl-Marx-Universität weichen musste, ist bei Kirchenvertretern die Freude über diesen Anlass »riesengroß«, wie der Zweite Universitätsprediger Peter Zimmerling sagt. Dennoch fallen Worte der Kritik an der aktuellen Situation: Landeskirche und Hochschule sind nach wie vor uneins sind über die Ausgestaltung des Raums, der von der Uni als »Paulinum« und absichtlich nicht als »Kirche« bezeichnet wird.

»Wir werden weiter dafür sorgen, dass Altar, Lesepult und Taufstein in dieser Kirche einen Platz finden«, betont Zimmerling in seiner Predigt. Er appelliert aber auch, den Streit, der die »Menschen inner- und außerhalb der Universität entzweit hat«, eines Tages zu überwinden. Die Unikirche soll ein »Ort der Versöhnung« werden, heißt es in den Fürbitten.

Zudem sei eine Kirche in der Universität ein wichtiger Ort, wo die Seele zur Ruhe kommen kann, sagt Zimmerling. »Wir sind keine Kopffüßler«, so der Prediger. Diesem Irrglauben könne man an einer Hochschule leicht erliegen. Auch Landesbischof Jochen Bohl sprach sich wenige Tage zuvor während der Festwoche dafür aus, dass Wissenschaft den Glauben als »kritisches Korrektiv« zurate zieht.

Ob das an der Leipziger Uni gelingt, wird weiter verhandelt. Der Streit um den Bau, der heute nur rohe Betonwände um einen spärlich ausgestatteten, aber als Kirche erkennbaren Raum zeigt, ist nicht beendet. Spärlich war er auch, weil die Uni das Gestühl, das sie zur Feier ihres 600-jährigen Bestehens hinein gestellt hatte, kurz vor dem Gottesdienst wieder herausräumte.

Am kommenden Sonntag kann die Uni-Gemeinde dann wieder sitzen – in der Nikolaikirche. Bevor die Universitätskirche nicht fertig gestellt ist, werden die Hochschul-Gottesdienste wie seit 1968 weiter dort stattfinden – mindestens bis Ende 2010, nach Befürchtung des Universitätspredigers sogar noch länger.

Corinna Buschow

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “Gebete zwischen Rohbeton”
  1. Eve Fischer sagt:

    Der erste Gottesdienst seit einundvierzig Jahren in der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig war ein an ein Wunder grenzendes, überwältigendes Erlebnis, das in der überregionalen Presse – wie DIE WELT oder DIE ZEIT – inzwischen nicht nur als historisches Ereignis, sondern auch als “Wiederaufleben der Universitätskirche St. Pauli” beschrieben wird.

    Besonders schön, daß auch unser Landesbischof Jochen Bohl anwesend war.

    Auf eine Begebenheit während des Gottesdienstes möchte ich gerne noch hinweisen:
    Eine der im Rohbau befindlichen Glassäulen leuchtete. Und durch ihr Leuchten entstand mitten im Kirchenaum – durch Lichtreflektion mit dem Boden der Orgelempore – ein überdimensionales Kreuz über allen Gottesdienstteilnehmern. Ein Photo davon, das dies sehr gut zeigt, findet sich hier: http://paulinerkirche.foren-city.de/topic,93,-wenn-sogar-die-lichtsaeule-zum-kreuz-wird.html

  2. Knödel sagt:

    Nein, Frau Buschow, Ihr Artikel über den ersten Gottesdienst in der neuen Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig hat außer einigen dürren Fakten nichts gemein mit dem Gottesdienst am 2. Advent in der Paulinerkirche, den wir erlebt haben. Die Kirche hatte den schönsten Schmuck, den ein Gotteshaus haben kann: Die andächtige, bewegte und hoffnungsvolle Gemeinde, das Wort und die wunderschöne Musik. Schade, daß Sie es nicht bemerkt haben. Die halbherzige Berichterstattung ausgerechnet in der kirchlichen Presse schmerzt uns.

    Elisabeth und Klaus Knödel, Celle

  3. Margot Richter sagt:

    Ich hätte mir wenigstens im SONNTAG eine offenere Berichterstattung über den ersten Gottesdienst seit 41 Jahren in der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig gewünscht. Selbst in der kirchlichen Presse in der DDR wäre von den Verhinderungsversuchen der derzeitigen Leipziger Universitätsleitung zumindest zwischen den Zeilen noch etwas zu lesen gewesen …