Raus aus dem Sog
10. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Wenn der Schnaps die Fragen nach Liebe, Schuld und Neuanfang betäuben soll: Besuch in einer Suchtklinik im Advent.

Foto: Vladimir Ovchinnikov - Fotolia.com
An einem Tag im Juni sieht Klaus Riedel in den Spiegel, und er sieht zum ersten Mal alles ganz klar. »Es steht auf Messers Schneide«, denkt Riedel, der in Wirklichkeit anders heißt. »Wenn ich es jetzt nicht schaffe, geht es irgendwann bis unten durch.«
Riedel ist ein großer Mann von kräftigem Händedruck, 52 Jahre, Maschinenmonteur. An jenem Tag im Juni verliert er seine Arbeit. Und er sieht auch seinen Kampf verloren gehen gegen den Sog, der ihn hinunter in den Keller zieht: zum Schnaps, den er dort versteckt hält unterm Schrank und in seiner Fahrradtrinkflasche.
Riedel ist Sportler, ein Mann, der auf ausgewogene Ernährung achtet. »Und trotzdem dieses Gift. Ich habe wirklich«, sagt er, stockt und beugt sich vor, als würde ihm schon allein von dieser Erkenntnis übel werden: »Schnaps getrunken.« Wie schätzungsweise zwei Millionen Deutsche hat er ihn gebraucht, wenn der Druck zu groß zu werden drohte: Als Riedel nach der Scheidung plötzlich allein mit zwei Kindern war, oder als er eine neue Partnerin fand und sich seine Mutter zwischen seine neue Liebe drängte. Als es nur noch Zoff gab. Es gab Zeiten, da konnte sich Riedel aus eigener Kraft ein wenig von seiner Sucht befreien. Bis er im Juni seinen Job verliert. »Da dachte ich: Die Sache kippt.«
Klaus Riedel überwand die Scham und ließ sich helfen. Seit neun Wochen ist er in der Chemnitzer Suchtfachklinik Magdalenenstift. 30 alkoholkranke Männer werden in dem Haus der Stadtmission Chemnitz behandelt. Für manche geht es hier ums Überleben, weil die Sucht ihre Körper ruiniert. Für andere geht es um den Führerschein, um die Partnerschaft, um die Verkürzung ihrer Haftstrafe oder um die Fähigkeit, wieder arbeiten zu können.
Auf den ersten Blick ganz handfeste Dinge. »Doch die Fragen nach Schuld, Vergebung und Neuanfang sind in den Therapiegesprächen untergründig immer da«, sagt der Psychologe Michael Bergmann, der therapeutische Leiter der Diakonie-Klinik. Diese Fragen werden hier nicht aus Lust am Philosophieren gestellt, in der Suchttherapie geht es um das Ganze: Werde ich geliebt – und wenn ja, warum?
»Es geht um vertane Lebenszeit, darum, sich kaputt getrunken zu haben«, sagt Chefarzt Falk Weiß. »Es geht um das schuldig werden an Frau und Kindern – aber auch darum, was den Kranken selbst angetan wurde.« Es kommt vor, dass der Suchtmediziner dann seine gelbe Bibel aufschlägt und die Geschichte von Adam, Eva und der Schlange vorliest. Jeder Mensch – auch der Suchtkranke – ist ein Ebenbild Gottes, sagt Weiß. »Aber wir sind nicht Gott selbst, wir sind nicht perfekt. Wir werden schuldig – aber wie gehen wird damit um?«
Mit Jesus hat der liebende Gott den Weg zur Vergebung frei gemacht, sagt der Christ Falk Weiß – das ist die adventliche Botschaft, die der Chefarzt freilich seinen Patienten nicht aufnötigen will. Doch für den Mediziner ist sie zu einem inneren Schlüssel der Suchttherapie geworden. Sie eröffnet die Freiheit, mit den eigenen Grenzen und denen der anderen leben zu können – auch ohne Drogen.
Klaus Riedel, der nie Christ war und in der Klinik auch keiner geworden ist, hat das in der diakonischen Klinik gelernt. »Seit meiner Kindheit, als sich Vater und Mutter oft stritten, will ich es jedem recht machen. Später stand ich zwischen Mutter, Kindern und Lebensgefährtin.« Als Sprecher seiner Therapiegruppe muss er im Magdalenenstift den Winterdienst einteilen – auch gegen Widerstände. »Jetzt kann ich auch einmal konsequent sein und etwas festlegen. Ich will mein eigenes Ich wiederfinden«, sagt Riedel. Und findet Lösungen, wirkliche Lösungen.
Die Gefahr eines Rückfalls wird bleiben. Ein Suchtkranker ist, das weiß Riedel, unheilbar. »Die Klinik ist mein Sprungbrett«, sagt Riedel. Und er springt schon. Seine Partnerin wartet auf ihn, eine neue Arbeit wird er finden. Riedel ist voller Hoffnung. Es ist sein Advent, der alles neu macht.
Andreas Roth
Eine Übersicht über die Suchtberatungsstellen der Diakonie in Sachsen finden Sie hier.
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