Kein Blatt vor dem Mund
31. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Vor 20 Jahren erschien in Werdau und Crimmitschau Sachsens erste freie Zeitung

Wie Schätze aus einer fernen Zeit halten Kerstin Walther (li.) und Barbara Gabor in den Händen, was am 5. Januar 1990 revolutionär war: Sachsens erste freie Zeitung – das Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt. (Foto: Steffen Giersch)
Die Freiheit kam in großen Stapeln an. Im Hof der Schmiede ihres Mannes in einem Crimmitschauer Fabrikviertel schnürten Kerstin Walther und ihre Freundin Barbara Gabor jeden Donnerstag die Bündel auf und trugen vor 20 Jahren zum ersten Mal das Unerhörte in die westsächsische Kleinstadt: Eine freie Zeitung – das »Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt«. Am 5. Januar 1990 erschien es zum ersten Mal und gilt als erste Zeitungsgründung der Friedlichen Revolution in Sachsen. Kerstin Walther und Barbara Gabor hatten beides lang ersehnt.
Die beiden Christinnen hatten die Fälschung der Kommunalwahlen im Mai 1989 erlebt, im christlichen Friedensseminar Königswalde trotz Diktatur frei gedacht und auf der Schreibmaschine Flugblätter fürs Neue Forum geschrieben. Sie kannten die Lügen der SED-Parteizeitung mit dem Namen »Freie Presse«. Jetzt lasen Barbara Gabor und Kerstin Walther in der ersten Ausgabe der neuen Wochenzeitung: »Nun halten Sie sie in der Hand – die erste Freie Presse im Kreis Werdau seit 111 Jahren.«
Der Runde Tisch des Kreises hatte auf seiner ersten Sitzung Anfang Dezember 1989 eine kleine Gruppe mit der Zeitungsgründung beauftragt. »Wir hatten keine Technik, kein Vorbild und eigentlich auch alle keine Ahnung«, sagt deren Chef Georg Meusel heute. Sich Chefredakteur zu nennen, wäre dem Elektriker Meusel wie Hochstapelei vorgekommen. In der DDR schrieb er für Kirchen- und Fachzeitungen, doch die Schule hatte er aus politischen Gründen nach der achten Klasse verlassen müssen.
Die Seiten des freien Wochenblatts wurden auf den Teppich von Meusels Wohnzimmer zusammengeschnipselt und geklebt. Keine vier Wochen nach dem Gründungsbeschluss erschienen die 15 000 Exemplare der ersten Ausgabe. Jede Woche war hier nun zu lesen, was vorher von der SED-Diktatur unter der Decke gehalten wurde: Fakten über die dreckige Luft in Crimmitschau etwa, über das Unwesen der Staatssicherheit. Oder über das Schicksal der 19 Werdauer Oberschüler, die 1951 zu 130 Jahren Zuchthaus verurteilt worden waren, weil sie gegen die unfreien Wahlen in der DDR protestiert hatten.
Oder über die zum Himmel stinkende Pleiße. Barbara Gabor kann sich noch gut an den Anruf zu später Stunde am 25. Januar 1990 erinnern: Die Nachtschicht des VEB Lederproduktion Crimmitschau hatte das Einleiten von Chemikalien in den Fluss nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Gabor fuhr als Vertreterin des Neuen Forums mit der Polizei hin und ließ Proben nehmen. In der nächsten Ausgabe des Wochenblatts berichtet sie ausführlich darüber.

Auch in Zwickau rissen die Menschen den Verkäufern das Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt aus den Händen. Denn Anfang 1990 war der Hunger nach unabhängigen Informationen groß – und in Werdau war Sachsens erste freie Zeitung gegründet worden.
Zu den Menschen, die das Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt den Verkäufern damals aus der Hand rissen, gehörte auch der Medizintechniker Manfred Steinchen. Kurz darauf übernahm der Crimmitschauer den Versand der Zeitung an die Abonnenten. Dabei musste er zusehen, wie im Laufe des Jahres 1990 die Zahl der Leser immer mehr sank. »Nach der Währungsunion kostete die Zeitung plötzlich 90 West-Pfennige, da war die Bild-Zeitung billiger«, erinnert er sich. »Viele Abonnenten haben gekündigt, vielen war die Zeitung zu links. Von der Bürger- und Friedensbewegung wollte niemand mehr etwas lesen.«
Doch als ein westdeutscher Verlag das kleine Wochenblatt übernehmen wollte und dem Gründer Georg Meusel einen lukrativen Redakteursvertrag anbot, lehnte der ab. »Wir wollten uns nicht vereinnahmen lassen und auch kein Geschäft machen. Sondern Pressefreiheit durchsetzen in der Region.«
Als die Auflage unter 3000 fiel erschien am 10. August 1990 die letzte Nummer. »Das Wochenblatt hatte seine Aufgabe erfüllt«, sagt Kerstin Walther heute. »Es war überholt.« Die Druckerei der staatssozialistischen »Freien Presse« indes druckte schon im Frühjahr 1990 lieber lukrative Anzeigen für bundesdeutsche Firmen als die kleine Zeitung der Bürgerbewegung. Mit Hilfe eines Medienkonzerns aus Helmut Kohls Heimat und ihres Leser- und Mitarbeitervorsprungs als Organ der SED-Diktatur ist die ehemalige Parteizeitung heute wieder allein in der Region.
Das Blatt hatte sich gewendet.
Andreas Roth
Eine Ausstellung des Martin-Luther-King-Zentrums über die Zeitungen der Friedlichen Revolution ist ab 5. Januar im Werdauer Rathaus zu sehen.
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