Eine Garantie für prompte Erhörung gibt es nicht

28. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Comments Off

Foto: Gamal Abdalla, sxc.hu

Foto: Gamal Abdalla, sxc.hu

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Daniel 9, Vers 18

Seitdem in den Kirchen festgestellt wurde, dass Gott nicht nur Latein versteht, muss sich der Allmächtige einiges anhören. Statt gebetsmühlenartig anonyme Formeln herzubeten, hat man sich besonnen, Persönliches ins Gebet zu nehmen. Damit finden sich Betende in guten biblischen Traditionen wieder. Denn wie vom Propheten Daniel überliefert, haben sich Gläubige stets mit allem an Gott gewandt im festen Vertrauen, dass er hört, hilft und heilt. Besonders die Psalmen zeigen sich uns als eine beständige Schatzkammer persönlich formulierter Gebete voll Dank und Angst, Zweifel und Hoffnung.

Für Christen hat das Gebet auch heute einen großen Stellenwert. So beeindruckt es mich, mit welcher Leidenschaft sich Jugendliche unserer Kirche an Gebetskreisen beteiligen und wie sie mit tiefer innerer Beteiligung Anbetungs- und Lobpreiszeiten gestalten. Solches gilt es zu pflegen. Gleichzeitig ist aber der Gefahr zu wehren, sich einem selbstbezogenen Wellnessglauben hinzugeben und dabei den Nächsten oder die Übernächste zu vergessen. Denn die stets gefaltete Hand reicht sich schlecht und die ewig nach oben gestreckte kann kaum etwas geben.

Am Ende aber ist nicht allein unser bemühtes Gerechtigkeitsverständnis entscheidend, sondern Seine große Gnade. Eine Garantie für die prompte und präzise Erhörung unserer Gebete gibt es freilich nicht. Vielmehr fordert uns der Wochenspruch zum Vertrauen darauf auf, dass Gott weiß, was wir bedürfen. So dürfen wir gern vor ihm und ihm in den Ohren liegen – im besten Wissen, dass er uns nicht links liegen lässt.

Tobias Petzoldt
, der Autor ist Bildungsreferent der Evangelischen Jugend in Sachsen.

www.evjusa.de

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Annäherung

28. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Tomas Gärtner, Foto: Steffen Giersch

Tomas Gärtner, Foto: Steffen Giersch

Irinej ist neuer Patriarch der serbisch-orthodoxen Kirche. Diese Wahl ist ein Hoffnungszeichen. Vor allem für den Weg Serbens in die Europäische Union.

Die politischen Schritte muss die serbische Regierung gehen. Die orthodoxe Kirche indes könnte die Herzen der Menschen für diese dringend notwendige Integration öffnen. Immerhin bezeichnen sich 90 Prozent der Serben als orthodoxe Christen. Das serbische Fernsehen hat die Amtseinführung erstmals live übertragen.

Irinej gilt als gemäßigt. Mit EU-feindlichen oder nationalistischen Äußerungen wie etwa sein Mitbewerber Metropolit Amfilohije von Montenegro ist er nie in Erscheinung getreten. So könnte er zum Mann des Ausgleichs zwischen diesen und den liberalen Geistlichen werden. EU-Befürworter hätten einen gewichtigen Fürsprecher.

Die Bundesrepublik spielt bei der Annäherung keine geringe Rolle. Mehr als eine Viertelmillion orthodoxer Serben leben hier. Überwiegend im Westen Deutschlands, wohin sie vor allem seit den Sechziger Jahren als Arbeitskräfte kamen. Andere, die nach Serbien zurückkehrten, gelten als europafreundlich.

Ein Hoffnungszeichen ist der neue Patriarch auch für die Beziehungen zwischen den Konfessionen. Beobachter wie der Belgrader Kirchenexperte Zivica Tucic sehen einen Mann des Dialogs in ihm, offen für andere Kirchen. Im Prozess ökumenischer Annäherung mit europäischer Dimension, in Deutschland allzu oft auf den Dialog evangelisch-katholisch reduziert, könnte die Orthodoxie zu einer entscheidenden Mittlerin werden.

Die katholische Kirche jedenfalls demonstriert den Serben gegenüber deutliche Bereitschaft, trennende Hindernisse zu überwinden. Und EKD-Ratsvorsitzende Bischöfin Margot Käßmann bietet eine Begegnung an – trotz der Konflikte, die die russische Orthodoxie mit ihr hat.

Tomas Gärtner

Angst vor Zuhause

28. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Darüber spricht man nicht: Gewalt in der Familie. Sie ist alltäglich. Doch es gibt Hilfsangebote – und die Hoffnung, dass Gott auf Seiten der Opfer steht.

Foto: Laurent Hamels (Fotolia.com)

Foto: Laurent Hamels (Fotolia.com)

Wir hätten so eine schöne Familie sein können. Manchmal denkt sie das. »Ich habe meinen Mann geliebt, wollte mit ihm alt werden.« Die gemeinsame Tochter hielt sie im Arm, als er ihr das erste Mal an den Hals ging. Sie erkannte ihn nicht wieder. Dann rannte sie hin­aus auf die Straße. In Hausschuhen, ohne Jacke. Es war Winter.

Da glaubte Anja Steiner (Name geändert): Das wird nie wieder geschehen. Doch sie irrte sich. »Nach außen haben wir die glückliche Familie gespielt«, sagt die kleine Frau mit den ernsten Augen. In ihnen spiegelt sich noch die Angst vor den Schlägen: Wie ein Hase in einer Ecke, sagt sie, so ein Gefühl war das. Die junge Frau versuchte sich zu töten. Als sie aus dem Krankenhaus kam, ging sie zurück zu ihrem Mann. Weil sie so gern eine Familie haben wollte, die sie nie hatte – ihr Stiefvater schlug ihre Mutter. Weil sie diese Angst schon als Kind verinnerlicht hatte. Weil ihr Mann sagte: Du bist nichts, Du kannst nichts. Und weil sie das glaubte.

Nachdem Anja Steiner ein zweites Mal versuchte hatte, ihrem Leben ein Ende zu setzen, packte sie vor acht Jahren ihre Sachen. Mit ihren zwei Töchtern fuhr sie in eine neue Wohnung. Ihr Mann aber nahm ihr noch am selben Abend alles: Die Kinder zog er mit sich und überzeugte Jugendamt und Gericht, dass sie bei ihm in ihrer alten Umgebung besser aufgehoben seien. Und die Freiheit nahm er seiner Frau auch. Er lauerte vor der Tür ihrer Wohnung, drohte ihr, wollte sie zurück. »Ich war wie besessen vor Angst«, sagt Anja Steiner.

Sie sah nur noch eine Zuflucht, von der sie lange nicht wusste, dass es sie gibt: Das SOS Mütterzentrum in Zwickau. Dort fand sie Menschen, die ihr glaubten, sie schätzten. Und vor allem: eine sichere Wohnung. »Ich fühlte mich aufgehoben, geborgen.« Das erste Mal nach sehr langer Zeit.

677 Frauen haben im Jahr 2008 in den 19 sächsischen Frauenschutzhäusern Zuflucht gesucht – und 639 Kinder, die von der körperlichen und seelischen Gewalt in ihren Familien ebenfalls betroffen sind. Jede vierte Frau in Deutschland hat nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums minde­stens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt in ihren Beziehungen erlitten. Über die Zahl der betroffenen Männer gibt es nur Mutmaßungen.

Doch ob Kinder, Frauen oder Männer – die Opfer bleiben oft allein. Auch in Kirchgemeinden. »Die Erfahrung von Gewalt trifft einen Menschen in seinem Kern und macht ihn einsam«, sagt Tilo Mahn, der Leiter des Leipziger Instituts für Seelsorge und Gemeindepraxis. Erfahren kirchliche Mitarbeiter davon, sind sie nicht selten erschrocken und hilflos.
»Es gibt eine Scham, darüber zu reden«, so Mahn, der Pfarrer ausbildet und berät. »Doch in den Kirchgemeinden wächst die Sensibilität für dieses Thema.«

Um dies zu befördern, bietet die Gleichstellungsbeauftragte der sächsischen Landeskirche Kathrin Wallrabe den Gemeinden Informationsveranstaltungen und Beratung an.
Das ist auch dringend nötig. Denn die Traditionen von Bibel und Kirche haben zu oft das Gegenteil gepredigt: Ein machtvoller Vater-Gott wird zum Abbild des gewalttätigen Mannes. »Christen nehmen Leid oft an und wollen eine Familie nicht zerstören«, sagt Kathrin Wallrabe.

Dabei ist der Gott der Bibel, wie er sich in Jesus zeigt, ganz parteilich – auf der Seite der Machtlosen und Erniedrigten.

Auf der Seite von Frauen wie Anja Steiner. Im Zwickauer SOS Mütterzentrum hat sie viel gewonnen: Selbstvertrauen, Sicherheit. Sie schließt keine Türen mehr ab, sie fühlt sich stark – auch stark genug, um wieder glücklich zu sein. Doch der Verlust ihrer beiden Kinder schmerzt. »Hat Papa Dich geschlagen?«, fragte neulich ihre elfjährige Tochter. Anja Steiner schwieg, sie will dem Kind das Bild des Vaters nicht zerstören. Doch es kommt der Tag, an dem wird sie es erzählen.

Andreas Roth

Alle Hilfs- und Beratungsangebote bei häuslicher Gewalt in Sachsen: www.gewaltfreies-zuhause.de

Kirche als Zielscheibe

28. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Comments Off

Das Aktionsjahr der Landeskirche für Demokratie und gegen Rechtsextremismus geht am 1. Februar zu Ende. Was hat es verändert?

Die Kirchenfeindschaft der neuen Nazis und ihr Neuheidentum sind immer öfter deutlich zu sehen – wie hier auf einer Mauer in Annaberg-Buchholz im letzten Jahr. Odin ist der Hauptgott der nordischen Mythologie. Foto: S. Giersch

Die Kirchenfeindschaft der neuen Nazis und ihr Neuheidentum sind immer öfter deutlich zu sehen – wie hier auf einer Mauer in Annaberg-Buchholz im letzten Jahr. Odin ist der Hauptgott der nordischen Mythologie. Foto: S. Giersch

Der Rechtsextremismus hat zwei Gesichter. Das eine ist bieder und tüchtig. So wie jener NPD-Stadtrat im nordsächsischen Städtchens Strehla, der sich bei der Landeskirche für die Einbeziehung seiner Heimat in den geplanten Lutherweg stark macht und dafür den Reformator als »Wegbereiter eines freieren Deutschlands« lobt.

Das andere Gesicht der Rechtsextremen ist weit weniger geschmeidig. Da wird die Zittauer Pfarrerin Katharina Köhler auf Internetseiten der NPD wegen »linker Multi-Kultur« als »Polit-Pfäffin« verunglimpft – weil sie am 9. November auch mit Linken an die Pogromnacht von 1938 erinnert hatte. Da sind die NPD-Flugblätter gegen die »Gutmenschen-Mafia« und die »schändliche Willkür« des Kirchenvorstands im erzgebirgischen Leukersdorf, weil dieser Mitte November einen Kranz der Rechtsextremen vom Kriegerdenkmal auf seinem Friedhof entfernen ließ.

Und da wird dem sächsischen Landesbischof Jochen Bohl auf rechtsextremen Internetseiten »Kreuzzugstimmung« und »politische Ketzerhatz« unterstellt, nur weil er vor den Wahlen im letzten Jahr klar sagte: Die Ideologie der neuen Nazis ist menschenverachtend und unvereinbar mit dem christlichen Glauben.

»Nächstenliebe verlangt Klarheit« heißt das seit zwölf Monaten währende Aktionsjahr für Demokratie und gegen Rechtsextremismus der sächsischen Landeskirche. Am 1. Februar geht es mit einem Fachtag und einem Gottesdienst in der Chemnitzer Bonhoeffer-Kirchgemeinde zu Ende.

»Das Thema hat durch das Aktionsjahr bei vielen Christen und Kirchgemeinden eine Aufmerksamkeit bekommen, die ihm auch zukommt«, zieht Landesbischof Jochen Bohl eine erste Bilanz. Dass es eine Gegnerschaft zwischen Neonazis und Kirche gebe, sei offenkundig. »Nicht zuletzt ist es für die Opfer rechtsextremer Übergriffe wichtig zu sehen, dass die Kirche sich positioniert«, betont der Landesbischof.

Die Arbeitsgemeinschaft »Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus«, die 2005 von der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen gegründet wurde, beriet und informierte im Aktionsjahr zusammen mit dem Kulturbüro Sachsen über 18 sächsische Kirchgemeinden und vier Kirchenbezirkssynoden zu demokratischen Gegenstrategien.

»Manche Kirchgemeinden und Pfarrer sind sehr wach beim Thema Rechtsextremismus, andere haben nur wenig Interesse bis hin zur Ignoranz«, hat Susanne Feustel festgestellt, die das Projekt »Demokratie lernen« des sächsischen Landesjugendpfarramtes leitet. In 31 Veranstaltungen hat sie im letzten Jahr Schüler, Lehrer, Gemeindepädagogen, Sozialarbeiter und Gemeindeglieder über die neuen Nazis aufgeklärt. »Die Sensibilität für den Rechtsextremismus ist durch das Aktionsjahr gewachsen. Aber es ist schwer zu vermitteln, dass wir kontinuierlich daran weiterarbeiten müssen.«

Das aber ist nötig: Weil sich das Denken vieler Neonazis oft mit einer neuheidnischen Kirchenfeindlichkeit verbindet, weil die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Straftaten in Sachsen weiter steigt – auf rund 2400 im vorletzten Jahr. Und weil Christen selbst nicht gefeit sind vor rechtsextremen Gedanken. »Auch in der Kirche gibt es antijüdische, antiislamische und völkische Vorurteile«, sagt Friedemann Bringt vom Kulturbüro Sachsen. »Und Opfer von rechtsextremer Diskriminierung und Gewalt finden leider in einigen Gemeinden noch zu wenig Unterstützung.«

Andreas Roth

Das Leben beim Licht eines neuen Morgens betrachten

23. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Comments Off

Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Jesaja 60, Vers 2

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

(c) Colin Brough -- sxc.huDer Herr geht auf, so steht’s geschrieben. Wenn die Rede von einem aufgehenden Herrn ist, denken wir eigentlich eher an Bratwurst, Bier und Bauchumfang.

Hier aber ist das Aufgehen mit dem einer Sonne gleichzusetzen, wie sie, zaghaft zunächst, hinter den Bergen hervor oder über das Meer einen ersten Anschein der Dämmerung schickt, wie es dann am Horizont hell und heller wird und schließlich ein roter Ball am Himmel aufsteigt, der das erwachende Leben in neues Tageslicht setzt und die finstere Nacht vertreibt.

Dieser Spruch, ursprünglich für das Not leidende Jerusalem geschrieben, ist ein An-Spruch der Hoffnung. Herrlich, nach alttestamentlichem Verständnis als strahlender Lichtglanz, steht Gott über allen und vor allem über uns. Das macht Mut und lädt dazu ein, das Leben bei Lichte zu betrachten. Ist da nicht so viel Grund zur Dankbarkeit – für Essen, Trinken, Wärme, Kleidung, Frieden und Leben, in uns und um uns herum?

Oft aber ist unsere Sicht zum Himmel getrübt. Wir sehen dunkle Wolken oder haben weder Zeit noch Muse, aufzuschauen, ganz real zum Himmel oder im übertragenen Sinn zum Herrn. Die Frage nach Gott stellt sich dann allein als klagender Vorwurf bei Alltagsproblemen oder zwanzig Uhr zu des Tages Schau auf Kriege, Krisen, Katastrophen.

Darum ist’s gut, sich gelegentlich den Anblick eines Sonnenaufgangs zu gönnen. Ein Bild der Hoffnung, wenn ein neuer Morgen Licht in unseren Tag bringt. Frisch, wach, mit unbetretenen Wegen. So wie die Sonne über uns aufgeht, so bringt der lebendige Gott Licht ins Dunkel unseres Lebens. Wie weit weg er auch scheinen mag, scheint sein Licht hell, heil, einfach herrlich.

Tobias Petzoldt (Jugendbildungsreferent der Evangelischen Jugend in Sachsen)

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Arm an Würde

21. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

Ministerpräsident Roland Koch © Armin Kübelbeck

Ministerpräsident Roland Koch © Armin Kübelbeck

Niemand dürfe das Leben von Hartz-IV-Bezügen als angenehme Variante sehen. Das hat der CDU-Politiker Roland Koch im Interview einer Zeitschrift gesagt. Der hessische Ministerpräsident geht davon aus, dass einige Hartz-IV-Empfänger ihren Status genauso sehen: als angenehm. Vielleicht der Vater, der ein Jahr nach Streichung seiner Stelle noch immer nicht in Arbeit ist und nun nur noch 359 Euro zum Familieneinkommen beitragen kann? Vielleicht die alleinerziehende Mutter, die wegen ihrer Kinder keiner einstellen will?

Wenn der hessische Ministerpräsident Roland Koch fordert, dass diese Menschen für den Regelsatz der Sozialhilfe auch arbeiten sollen – egal wie, egal wo, vielleicht sogar egal warum –, ist das ein Schlag ins Gesicht dieser Menschen. Viele sind unverschuldet in die soziale Schieflage geraten und werden bei polemischen Argumenten gern mit denen über einen Kamm geschoren, die sich in der Hartz-IV-Welt vielleicht tatsächlich eingerichtet haben.

Wer glaubt denn wirklich noch, dass jemand das Leben von Hartz IV als angenehm empfinden kann? Die Betroffenen sind arm an finanziellen Mitteln, wobei schon eine kaputte Waschmaschine eine Katastrophe bedeuten kann. Sie sind arm an Entscheidungsfreiheit, wenn in vielen Fällen das Angebot der örtlichen Tafel den Speiseplan der Familien bestimmt. Sie sind arm an Bildung, weil Bücher das Budget sprengen. Sie sind arm an Kultur, weil Ausstellung, Theater oder schon das Kino auch zu ermäßigten Sätzen viel zu teuer sind.

Wenn der Ingenieur, die Lehrerin, der Maler und der Postzusteller nun auch noch zu Tätigkeiten gezwungen werden, in denen sie mit ihren Fähigkeiten keinen Sinn entdecken können, werden sie auch noch arm an Recht und Würde. Das sollte niemand zulassen.

Corinna Buschow

Arbeitsamt mit Kreuz

21. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Comments Off

Erste Christliche Arbeitsvermittlung von Stollberger Kirchgemeinde eröffnet.

Hoffnungslosigkeit? Nicht mit dem Stollberger Pfarrer Andreas Dohrn (l.). Statt über Armut zu jammern, will er mit der Vermittlerin Gudrun Gehler auf einer Internetseite Erwerbslosen neue Arbeitsplätze anbieten. (Foto: Andreas Tannert)

Hoffnungslosigkeit? Nicht mit dem Stollberger Pfarrer Andreas Dohrn (l.). Statt über Armut zu jammern, will er mit der Vermittlerin Gudrun Gehler auf einer Internetseite Erwerbslosen neue Arbeitsplätze anbieten. (Foto: Andreas Tannert)

Ist das wirklich die erste christliche Arbeitsvermittlung? »Erzählt nicht schon Jesus in der Bibel von einem Mann, der Arbeitslosen eine Arbeit im Weinberg verschafft?«, fragt augenzwinkernd der Zwönitzer Pfarrer Dieter Bankmann seinen Stollberger Amtsbruder Andreas Dohrn. Der aber ist sich sicher, dass es so ist: »Erste Christliche Arbeitsvermittlung« nennt die Stollberger St. Jakobikirchgemeinde selbstbewusst ihr neues Projekt, das am 15. Januar offiziell begann.

»Wenn wir immer nur auf die Opfer des Arbeitsmarktes sehen, werden wir ihnen nicht wirklich helfen können«, sagt Pfarrer Dohrn. »Wir brauchen auch den Zugang zu den Arbeitgebern und zu neuen Jobs, um Armut überwinden zu können.«

Seit 1990 beraten Christen in der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative und in dem Modellprojekt »Jakobi-Job-Lotsen« Menschen auf der Suche nach neuer Arbeit. »Manche Mitglieder unserer Gemeinde waren skeptisch, ob eine Arbeitsvermittlung zu unseren Kernaufgaben gehört«, sagt Kirchvorsteherin Angela Müller. »Auch steuerliche und finanzielle Probleme müssen gemeistert werden.« Doch das Engagement für die »Mühseligen und Beladenen« hat die Stollberger Kirchgemeinde tief in ihrem Leitbild verankert.

Auch der Kirche selbst soll die Arbeitsvermittlung helfen. Nicht nur, weil die Stollberger Kirchgemeinde auf Gewinn zur Finanzierung ihrer Arbeit hofft.

»Für unseren kirchlichen Kindergarten geeignete evangelische Mitarbeiter zu finden, ist ein großes Problem«, spricht der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold eine Sorge an, die viele Kirchgemeinden teilen. Er hofft auf die Christliche Arbeitsvermittlung, weil sie – anders als die Arbeitsagentur – die Bewerber bewusst nach persönlichen und geistlichen Fähigkeiten fragt.

Der Diakonie in Sachsen mangelt es an Sozialpädagogen, Erziehern und Pflegern. Deshalb verspricht der Vorstand des Diakonischen Werkes Aue-Schwarzenberg, Rainer Sonntag: »Wir werden der Christlichen Arbeitsvermittlung auf den Zahn fühlen und sehen, wie ihre Möglichkeiten sind.«

Das Angebot ist für Arbeitsuchende und Arbeitgeber kostenlos. Die Stelle der von der Kirchgemeinde angestellten Mitarbeiterin Gudrun Gehler soll sich über Vermittlungsgutscheine finanzieren, die Erwerbslose von der Arbeitsagentur erhalten. Ob allerdings die Fachkräfte, die von Kirche und Diakonie händeringend gesucht werden, auch unter den Arbeitslosen zu finden sind, wird sich noch zeigen müssen.

»Auch die Christliche Arbeitsvermittlung kann das Problem der Ausgrenzung von Gering-Qualifizierten nicht lösen« fürchtet Matthias Lißke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Erzgebirge. Doch schon vor ihrem Start haben sich über 100 Arbeitsuchende bei der Christlichen Arbeitsvermittlung registrieren lassen – und 21 Arbeitsangebote.

Andreas Roth

Segen als Spektakel

21. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

© Carbonbrain (Fotolia.com)

Kirchlicher Segen für Feuerwehrhäuser, Autobahnen oder Landepisten – für evangelische Pfarrer bedeutet das eine Gratwanderung.

Ein etwas flattriges Gefühl habe er schon gehabt, erinnert sich Daniel Huth, Gemeindepfarrer im ostsächsischen Obercunnersdorf. Die Freiwillige Feuerwehr in dem 2100-Einwohner-Ort hatte ein neues Depot bauen lassen. Nun, so bat der Bürgermeister, sollte der Kirchenmann den Segen spenden. Für evangelische Pfarrer beginnt hier unsicheres Terrain.

Wo der katholische Amtsbruder frohgemut den Weihwasserwedel schwingen darf, muss der protestantische Würdenträger feine Unterschiede beachten. Denn Dinge werden in der evangelischen Kirche nicht geweiht. Der Segen jedoch ist mehr als fromme Untermalung eines Ereignisses: Er ist eine Bitte um Gottes Zuwendung – und Dank an den Schöpfer. Sieht man den Segen so, dann ist er auch Verpflichtung zu sozialer Verantwortung.

»Wichtig ist für die Leute, dass es gut ist, was wir von Gott sagen«, meint Pfarrer Huth. Ohne zu wissen, wie das bei seinen mehrheitlich atheistischen Zuhörern ankommen würde, las er aus der Bibel, wählte deutliche Worte vom christlichen Glauben, sprach Vaterunser und Segen. Die Reaktionen darauf seien nur positiv gewesen. Die Versammelten hätten das als sehr würdig empfunden.

Der Leipziger Superintendent Martin Henker hat seinen Auftritt gemeinsam mit dem katholischen Propst bei der Eröffnung des BMW-Werkes in weniger guter Erinnerung. Eine Event-Agentur hatte das Spektakel minutiös geplant. Aufstehen zu Vaterunser oder Segen ging nicht – aus Sicherheitsgründen. Etwas besser fühlte er sich bei der Freigabe der Südumfahrung der Autobahn 38. »Wenn dort Menschen sind, denen der Segen Gottes für das, was sie gebaut haben oder wo sie arbeiten, wichtig ist, dann kann ich damit leben, bloß ein Punkt in einem größeren Event zu sein.«

Wie sehr man als Pfarrer in ein Gesamtszenario eingebaut sein kann, hat Albrecht Nollau, Superintendent von Dresden Nord bei der Einweihung der neuen Start- und Landebahn des Dresdner Flughafens erfahren. Mit Bibelwort, Gebet und Segen Eigenes zu gestalten vor Leuten, die mit Sektgläsern in der Hand neben dem kalten Büfett stehen, sei schon schwierig. »Das ist eine Gratwanderung.«

Und mitunter könne einem die Einrichtung, vor der man den Segen erteile, Konflikte bescheren, erzählt Nollau. Ein Kollege in Freiberg zum Beispiel sei bei der Einweihung des neuen Sudhauses der Brauerei aufgetreten. Daraufhin habe es Kritik von Blauem Kreuz und Diakonie gehagelt.

Man sollte auch mal Nein sagen, meint Peter Meis, Superintendent von Dresden Mitte. Das habe er getan, als ihn die Organisatoren baten, den Striezelmarkt zu segnen. »Ich muss nicht als Pfarrer zwischen Pflaumentoffel und Schneemann stehen.« Zumal zur Eröffnung des Marktes bereits ein Gottesdienst in der Kreuzkirche gefeiert worden war.

Es gebe Situationen, da werde die Kirche geholt, damit es schön aussieht, sagt Peter Meis. »Hier muss man vorsichtig sein, um nicht die Würde kirchlicher Aufgaben zu gefährden.« Auf keinen Fall dürfe sich Kirche für populäre, parteipolitische, kommerzielle oder touristische Zwecke instrumentalisieren lassen.

Sich zu schnell zu verweigern, hält der Chemnitzer Superintendent Andreas Conzendorf indes nicht für sinnvoll. Bei der Einweihung des Autobahnkreuzes Chemnitz beispielsweise ist er aufgetreten. »Wir sollten jedem anständigen Wunsch entgegenkommen, wenn er der Wahrhaftigkeit keinen Schaden zufügt und die Ehre Gottes nicht beleidigt«, meint er.

Pfarrer Daniel Huth in Obercunnersdorf jedenfalls hat es nicht bereut. »Wir werden doch da von der Bevölkerung als Kirche angenommen.« Der Feuerwehr-Spielmannszug, so erzählt er, habe damals eigens »Nun danket alle Gott« einstudiert und intoniert. Zum ersten Mal.

Tomas Gärtner

Das Geländer im Lebenslauf

16. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Comments Off

Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.
Johannes 1, Vers 17

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Es ist ein alter Streit unter Gläubigen um die rechte Balance zwischen Gesetz und Gnade. Zu viel Gesetzlichkeit kann das Herz verhärten und lässt den Glauben für Außenstehende wenig attraktiv erscheinen. Beim einseitigen Betonen der Gnade wiederum besteht die Gefahr, den lieben Gott einen frommen Mann sein zu lassen und das Leben in spiritueller Beliebigkeit zu verbringen.

© Gabriel Doyle (SXC)

© Gabriel Doyle (SXC)

Schon Jesus, um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte seine liebe Not mit denen, die es gar zu streng meinten mit der Auslegung der Schrift.
Damals waren manche Gesetzeslehrer pharisäischer als pharisäisch, heute ist mancher Christ päpstlicher als der Papst. Und dennoch macht Jesus, im Johannesevangelium als Gottes fleischgewordenes Wort beschrieben, immer wieder die Notwendigkeit von Gottes guten Grundsätzen für ein gelingendes Leben deutlich.

Gerade in Glaubensgesprächen mit jungen Menschen müssen Regeln zur Sprache kommen. Ziel ist es dabei, zu einer verbindlichen Gottesbeziehung zu verhelfen, die als Fundament das Leben begründet und seinem Lauf ein Geländer gibt. Dieser Glaube darf sich jedoch nicht aus Angst nähren oder zu buchhalterischer Enge führen. Vielmehr legt das positive Bild eines gnädigen Gottes eine feste, Glaubensgrundlage für ein Lebenshaus, das auch Krisen standhalten kann.

Am Anfang der Geschichte Gottes mit den Menschen wurde klar festgelegt, wie es zuzugehen hat. Daran gilt es, sich zu orientieren und bei falscher Lebensrichtung umzukehren. Gottes Gnade lässt uns in allem Scheitern neu hoffen. Denn inwieweit zu guter Letzt Gnade vor Recht ergeht, entscheiden nicht wir, sondern ein anderer.

Tobias Petzoldt

Tobias Petzoldt ist Landesjugendbildungsreferent der Evangelischen Jugend in Sachsen.

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Salz, nicht Zucker

15. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

© aschaeffer (SXC)

© aschaeffer (SXC)

Nichts ist gut in Afghanistan, hatte Margot Käßmann in ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche gesagt – und sie hat harsche Kritik geerntet. Noch stehen wir in der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Da muss es schon erlaubt sein, mehr Fantasie für den Frieden und für andere Formen zur Konfliktbewältigung einzufordern.

Nichts anderes hat die Bischöfin in dem einen Absatz ihrer Predigt, der von Afghanistan handelte, gesagt. Und sie hat offenbar einen Nerv getroffen, der namentlich Politiker zusammenzucken und aufbegehren ließ. Der Verteidigungsminister hatte sie sogar zum Gespräch eingeladen.

Über dessen Ergebnis gibt es nichts Genaues zu hören. Nur, dass beide demnächst gemeinsam zu den deutschen Soldaten nach Afghanistan reisen wollen.

Ist nun alles gut, nachdem Mini­ster und Bischöfin miteinander gesprochen haben? Es herrscht noch immer Unsicherheit über den eigentlichen Auftrag der Bundeswehr.

Nicht zuletzt, weil die Verhältnisse in dem Land so unsicher sind. Das Land und seine Menschen sind geplagt von unklaren Rechts- und Machtverhältnissen. Immer wieder sprechen die Waffen. Und deshalb, so ist zu hören, hält Bischöfin Käßmann an den Aussagen ihrer Neujahrspredigt fest, in der sie sagte, dass Waffen »offensichtlich auch keinen Frieden« schaffen könnten.

Ihre Kritiker werden das nicht gern hören. Haben diese etwa erwartet, dass Kirche ihren Segen gar zu einem vermeintlich gerechten Krieg gibt? Die Zeiten sind gottlob vorbei. Im Gegenteil: Heute verfasst die Evangelische Kirche in Deutschland Friedensdenkschriften.

Schließlich sollen wir Christen das Salz der Erde sein, nicht ihr Zuckerguss, der den schönen Schein dazu gibt. Und deshalb muss es zuweilen unbequem sein, was Kirche und ihre Bischöfe zu sagen haben.

Christine Reuther

nächste Seite »