Auch Gescheiterte können neu anfangen
26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Römer 5, Vers 8
Sünder? Müssen wir immer auf die Defizite starren? Sicher nicht, aber die Defizite starren uns an. Grell, verstörend, unerträglich. Vor kurzem auf Haiti: Zwischen Trümmern, Toten und Verletzten verzweifelte Menschen, Plünderungen, schwer bewaffnete Soldaten vor den Lagern der Hilfsorganisationen, Kämpfe um jedes Stück Nahrung. Zyniker fragen, ob Humanität den Satten mit Eigenheim und Zweitwagen und dem nötigen Freiraum für die Kultivierung der Sitten vorbehalten sei.

Foto: Joakim Buchwald (sxc.hu)
Solche menschlichen Katastrophen entmutigen. Individuelles Versagen und ungerechte, aus Hartherzigkeit und Blindheit entstandene Strukturen lassen Menschen innerlich und äußerlich verelenden. Dass die Bibel diese Selbstsabotage der Menschen ernst nimmt, ist vor allem realistisch.
Paulus verbindet nun aber seine nüchterne Sicht auf die Menschen mit einer beeindruckenden Zuversicht im Blick auf Gott. Gott lässt sich von unserem Versagen nicht abschrecken. Er setzt sich in Christus selbst aufs Spiel, um das Projekt Mensch zu retten. Er wartet nicht den Erfolg ab, nicht einmal eine kleine Besserung. Er ermöglicht den Gescheiterten, immer wieder von vorn anzufangen.
Der Weg zur Menschlichkeit beginnt nicht mit Appellen und Aktionen. Er beginnt, wenn wir uns Gott, dem Vater Jesu Christi, ganz anvertrauen. Das verändert uns. Wir lernen loszulassen und zu teilen – Leben, Nahrung, Freude, Wissen, Raum und Zeit.
Es ist ein langer Weg mit vielen Rückschlägen. Immer wieder scheinen wir ganz am Anfang zu stehen. Immer wieder brauchen wir Christus, um nicht mutlos zu werden.
Almut Klabunde, die Autorin ist Oberlandeskirchenrätin der sächsischen Landeskirche.
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Ein Holländer gegen Windmühlen
26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Wie der Kirchenmusiker Henk van Loo und seine Frau ins erzgebirgische Holzhau kamen
Eisig bläst der Wind über den Kamm. Die Blicke von Henk van Loo und seiner Frau Susanne schweifen über die schneebehangenen Nadelwälder und die weiße Weite bis hinüber ins Tschechische. Sie scheinen das Erzgebirge zu umarmen. »Diese Ruhe, diese Luft, die Natur und die freundlichen Menschen hier – herrlich!«, schwärmt der 67-Jährige. Er braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was drüben in dem tschechischen Dorf Moldava entstehen soll: 45 Windräder sollen dort errichtet werden und mit ihren 150 Metern die Höhen des Gebirges überragen.

Beim Anblick des Erzgebirgskamms bei Holzhau kommen Henk van Loo und seine Frau Susanne ins Schwärmen. Sie wollen verhindern, dass er jenseits der deutsch-tschechischen Grenze mit Windrädern bebaut wird. Foto: Steffen Giersch
»Sie verschmutzen den Horizont, das ist doch ein Naturschutzgebiet von höchster Bedeutung«, ruft Henk van Loo in den Schneegriesel. Man denke nur an das fast ausgestorbene Birkhuhn, das hier lebt, den schwarzen Storch oder den Tourismus. Dabei ist Henk van Loo gar kein gebürtiger Erzgebirgler, denen oft so viel Liebe zu ihrer Heimat nachgesagt wird. Er ist Holländer. Denen wiederum wird eine gewisse Liebe zu Windmühlen nachgesagt. Nichts davon bei ihm. Dabei hat das, was ihn ins erzgebirgische Holzhau verschlug, durchaus etwas mit Liebe zu tun: Der zu seiner Frau. Und der zu den Orgeln.
Viele Jahre arbeitete der Niederländer Henk van Loo in der Region um Maastricht als ehrenamtlicher Kirchenmusiker. Schon zu Zeiten der DDR führte ihn eine Kirchgemeindepartnerschaft immer wieder nach Erfurt. Dort lernte er seine spätere Frau Susanne kennen, und beide zogen vor zwölf Jahren in seine holländische Heimat.
Eine Busreise zu bedeutenden Orgeln führte sie 2007 ins Osterzgebirge. »Als ich vor dem Geburtshaus des Orgelbauers Gottfried Silbermann in Kleinbobritzsch stand, sagte ich mir: Hier möchte ich auch gern wohnen«, erinnert sich der Pharmazie-Vertreter.
Wenig später kaufte das Paar den alten Waldgasthof »Teichhaus« im Muldental bei Holzhau. »Wir wollten noch einmal etwas Neues probieren«, sagt die 50-jährige Susanne van Loo. Das Gasthaus machten sie wieder flott und eröffneten im November 2008. Weil sie sich ihre neue Heimat nicht wieder nehmen lassen wollen, gründeten sie zusammen mit anderen Einwohnern die Bürgerinitiative »Gegenwind«, um den tschechischen Windpark zu verhindern. Die Handvoll Aktivisten treffen sich in ihrer Gaststube. Gemeinsam sammelten sie 5000 Unterschriften gegen das Vorhaben und übergaben es im September letzten Jahres über die deutsche Botschaft in Prag der tschechischen Regierung. Inzwischen lehnt auch die Bezirkshauptfrau von Usti nad Labem den Bau der Generatoren ab. Susanne van Loo und ihr Mann schöpfen Hoffnung – aber die Sache sei noch nicht über den Berg.
Wenn Henk van Loo begeistert von den Flößern erzählt, die vor 400 Jahren an seinem Gasthaus Holz für den Silberbergbau auf der Mulde transportierten, dann wird diese Geschichte zu seiner eigenen. Und den Orgeln bleibt er ohnehin treu: Wenn in den umliegenden Kirchen von Hermsdorf oder Rechenberg ein Kantor fehlt, greift der spielende Holländer wieder in die Tasten.
Andreas Roth
Lieber Gott, lieber Allah
26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Angst vor dem Islam? Nicht unter Kindern. In evangelischen Kindergärten beten kleine Muslime und Christen gemeinsam – trotz aller Unterschiede.

Alle Kinderaugen blicken gebannt auf die kleine weiße Puppe. Das ist Jesus, wie er gerade den blinden Bartimäus heilt – im Spielzeugformat. Für viele der Kleinen im evangelischen Kindergarten der Dresdner Lukaskirchgemeinde sind die biblischen Geschichten im Morgenkreis heiliger Ernst. So wie das Gebet.
Wenn auch die siebenjährige Sarah, der fünfjährige Ibrahim und der dreijährige Joseph mitbeten, sieht ihr Vater Waled Hammash, gebürtiger Palästinenser und gläubiger Muslim, das mit einem Augenzwinkern. »Wir respektieren Christen und Juden, denn wir kommen alle von einem Gott, dem Gott Abrahams«, sagt er. Der Respekt ist beiderseits. Weil Schweinefleisch für Muslime tabu ist, akzeptiert es der evangelische Kindergarten, dass die Familie Hammash ihren Kleinen ein eigenes Mittagessen mitgibt – bei seiner größten Tochter in einer nicht-kirchlichen Einrichtung, sei das unmöglich gewesen, erzählt Vater Waled.
»Die Kinder kennen die hochtheologischen, trennenden Barrieren nicht, die wir Erwachsenen haben«, hat Ute Schubert, die Erzieherin von Sarah, Ibrahim und Joseph beobachtet. »Sie sind neugierig und interessiert am Anderen. Kinder aus anderen Kulturen sind für sie immer eine Bereicherung.«
Allerdings ist dies eine Seltenheit in Sachsen. Nur jedes Zwanzigste der Kindergartenkinder kommt hierzulande aus Migrantenfamilien – in den westlichen Bundesländern ist es oft ein Vielfaches mehr.
Die beiden Tübinger Professoren Albert Biesinger und Friedrich Schweitzer fanden in einer groß angelegten Untersuchung von 364 Kindergärten in Ost- und Westdeutschland heraus, dass bundesweit in nicht-kirchlichen Einrichtungen erheblich mehr Kinder aus muslimischen Familien betreut werden als in konfessionellen. »Doch in Interviews wurde deutlich, dass muslimische Eltern teilweise bewusst eine christliche Einrichtung wählen, da es ihnen wichtig ist, dass überhaupt eine religiöse Erziehung stattfindet«, schreiben sie.
Es ist eine Chance für beide Seiten. »Schon im Kindergarten können muslimische, christliche und atheistische Kinder lernen, den anderen zu respektieren, so wie er ist«, sagt die gebürtige Irakerin In Am Sayad Mahmood, die im Ökumenischen Informationszentrum Dresden für den christlich-islamischen Dialog arbeitet. »Der Prophet sagt: Das Lernen in der Kindheit ist genauso wie das Schreiben auf Stein – das bleibt für immer.«
Dafür brauchen die Mitarbeiter in den Kindergärten einiges an Wissen über den Islam. Daran aber mangelt es oft, stellte die Tübinger Studie fest – und auch, dass die Kita-Träger ihre Erzieherinnen in der interreligiösen Bildung kaum unterstützen.
»Muslime erwarten aber auch von uns, dass wir unseren eigenen Glauben leben«, sagt Harald Lamprecht, der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der sächsischen Landeskirchen. »Man kann es durchaus in einem Kindergarten thematisieren, dass wir Christen glauben, dass Gott uns in Jesus Christus auf einzigartige Weise nahe gekommen ist – und dass Muslime das anders sehen.«
Für Waled Hammash war diese Grenze erreicht, als seine Tochter eines Tages im Kindergarten einen Text aufsagte, in dem es um Jesus ging. »Das ist für uns unakzeptabel. Jesus sehen wir als Propheten und Mensch, nicht als Gottes Sohn. Das steht im Koran.« Sonntags gehen seine Kinder in die Moschee zum Koranunterricht.
Beim Morgenkreis im Lukaskindergarten singen die Kinder: »Wir feiern heute ein Fest, weil Gott uns alle liebt.« Sie rudern dabei unbekümmert mit den Armen.
»Wir Erwachsenen können eine Menge von den Kindern lernen«, glaubt ihre Erzieherin Ute Schubert. »Es steht schon in der Bibel: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.«
Andreas Roth
Die Studie “Mein Gott – Dein Gott” im Internet
Konsequent
25. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Erst mal eine Woche Urlaub – und dann weitermachen. Nein, das hätte nicht zu ihr gepasst. Dass Margot Käßmann von ihren Ämtern als Ratsvorsitzende der EKD und Bischöfin ihrer hannoverschen Landeskirche zurück getreten ist, passt in das Bild, das man von ihr hat. Sie war in ihren Ämtern eine glaubwürdige Stimme des deutschen Protestantismus. Sie wirkte immer authentisch. Was sie sagte, hatte Hand und Fuß. Ihr eigener von Leid und Brüchen gezeichneter Lebenslauf gab ihr die Autorität und die Autentizität, die bei den Menschen ankam.
So jemand nimmt einen solchen schlimmen Fehler, wie es das Fahren unter Alkoholeinfluss ist, nicht auf die leichte Schulter und geht zur Tagesordnung über, wie es vielleicht mancher andere Promi tun würde – denn die Medien und die Massen vergessen schnell.
Bei Margot Käßmann hätte man nicht vergessen. Eine Bischöfin von ihrem Format ist eine moralische Instanz, die sich immer wieder auch nach ihren Schwächen fragen lassen muss. Und sie ist eine Frau – die erste in dem hohen Amt der Ratsvorsitzenden. Und so wie es in der Arbeitswelt oft Frauen beklagen, dass sie, um das selbe Karriereziel wie ihre männlichen Kollegen zu erreichen, doppelt soviel leisten müssen – muss auch eine Frau in einem solchen traditionellen Männeramt doppelt so gut sein wie ein Mann.
Oder hätte man einen Mann nach seiner Belastung durch Familie und Kinder gefragt vor der Bischofswahl? Hätte man bei einem Mann immer wieder erwähnt, dass er geschieden sei? Hätte man bei einem Mann nicht mit einem Augenzwinkern auf eine Verfehlung unter Alkoholeinfluss reagiert?
Nein, Margot Käßmann war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes in ihren Ämtern. Und bei allem Bedauern, dass ihre Amtszeit nur so kurz währte, bleibt die Achtung vor dem mutigen Schritt, aus eigener Verfehlung die Konsequenzen zu ziehen.
Christine Reuther
Beten und Helfen
24. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar
Anlässe, über den eigenen Tellerrand zu schauen, sollten uns Christen willkommen sein. Mit dem »Weltgebetstag«, der am 5. März in 170 Ländern gefeiert wird, steht ein solcher Anlass bevor. Die Liturgie des Gebetstages wird von Frauen vorbereitet, in diesem Jahr von Frauen aus dem afrikanischen Kamerun. Eingeladen aber sind auch Männer, Kinder, Jugendliche. Die Situation von Frauen steht zwar im Mittelpunkt, aber es geht um die großen Zusammenhänge in der Welt – und die gehen alle an, weil alle in sie verflochten sind.

Foto: Lionel Titu (sxc.hu)
In Kamerun zum Beispiel werfen europäische Hersteller massenhaft Hähnchenteile und Milchpulver zu niedrigen Preisen auf den Markt. Einheimische können vom Verkauf ihrer eigenen Produkte kaum noch leben. Das ist eine ökonomische, keine reine Frauenfrage. Wenngleich die Leidtragenden zumeist Frauen sind. Denn sie bilden die Mehrheit jenes Dreiviertels der Bevölkerung, das in der Landwirtschaft beschäftigt ist.
Die Projekte, die mit Spendengeldern des Weltgebetstages unterstützt werden, stärken die Position von Frauen. Und sie leisten Hilfe, die langfristig Wirkung zeigt.
Doch der Weltgebetstag ist mehr als eine reine Hilfsaktion. Die Liturgie der Frauen setzt unserer westlich-europäischen, auf Probleme und Hilfe orientierten Perspektive eine andere entgegen. Erfahren können wir in diesem Jahr zum Beispiel, dass es den schwer arbeitenden Frauen in diesem armen Land wichtig ist, Gott zu loben. Auch wenn uns das schlicht und fromm erscheinen mag – den Frauen in Kamerun hilft das, gerade in schweren Zeiten.
Und der Weltgebetstag erinnert uns daran, dass ebenso wichtig wie Spendengelder die geistige Haltung ist, die hinter all dem steht: Ein informiertes, seinen Horizont erweiterndes Christentum, für das Beten und Handeln zusammengehören.
Tomas Gärtner
Es trifft die Kleinen
18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Jeden Montag kochen sich Kinder und Jugendlichen im Plauener Jugendhaus Boxenstop ein gesundes Essen, was für viele von ihnen Zuhause keine Selbstverständlichkeit ist. Doch nun ist dieses Angebot in Gefahr. Foto: Ellen Liebner
Das sächsische Sozialministerium kürzt die Gelder für die Jugendarbeit drastisch. Auch viele kirchliche Angebote sind bedroht.
Am Anfang war eine nüchterne Zahl: 4,7 Millionen Euro will das sächsische Sozialministerium in diesem Jahr bei den Zuschüssen für die Kinder- und Jugendarbeit sparen. Grund sind die Wirtschaftskrise und die deshalb zurückgehenden Steuereinnahmen. Zwischen den Plattenbauten im Plauener Stadtteil Chrieschwitz kann diese abstrakte Zahl bald sehr konkret werden.
Im evangelischen Jugendhaus Boxenstop lernen Schüler beispielsweise, sich selbst für wenig Geld ein gesundes Essen zuzubereiten. »Das kennen viele von zu Hause nicht«, sagt Detlef Köhler, der Leiter des Boxenstop. »In den Ferien bieten wir auch Freizeiten für Kinder aus Familien an, die sonst im Urlaub nie wegfahren.« Beide Angebote, fürchtet Köhler, könnten mit der angekündigten Kürzung der Fördermittel um 30 Prozent wegfallen.
»Die Landkreise und Städte werden diesen Rückgang kaum kompensieren können«, sagt Hans-Jürgen Meurer, Referent für Jugendhilfe der Diakonie Sachsen. »Aber ob sie die Zuschüsse für alle Jugendprojekte gleichmäßig um 30 Prozent kürzen oder sich auf einzelne Vorhaben konzentrieren und andere dafür schließen werden, das ist noch offen.« Sicher aber ist für die Diakonie schon jetzt: Es wird vor allem die mobile Jugendarbeit auf den Straßen und Plätzen sowie Jugendhäuser treffen – und da vor allem die Kleinen.
Die mobile Jugendarbeit der Kirchgemeinde Lommatzsch-Neckanitz etwa müsste bei einer Kürzung der Zuschüsse für die einzige Mitarbeiterstelle schließen, so Hans-Jürgen Meurer. »Dabei wollte die Staatsregierung laut Koalitionsvertrag die Jugendarbeit auf dem Land stärken!«
Insgesamt gibt es allein innerhalb der Diakonie Sachsen 78 Projekte mit 156 Mitarbeitern, die von den Kürzungen betroffen sein könnten. Die Kirchgemeinden der sächsischen Landeskirche betreiben 50 sozialdiakonische Angebote für Jugendliche – 15 davon sind in ihrer Existenz bedroht, sagt Landesjugendpfarrer Tobias Bilz. »Jedes dieser Angebote erreicht im Durchschnitt 70 bis 120 Kinder und Jugendliche pro Woche«, so Bilz. Die Einsparungen wären eine »Zerstörung von Strukturen und Netzwerken mit unabsehbaren Auswirkungen« und »demoralisieren die Mitarbeiter genauso wie die bisher erreichten Kinder und Jugendlichen«.
Die Stelle des Bildungsreferenten im Dresdner Landesjugendpfarramt steht ebenfalls auf der Kippe. Hinzu kommt: Die Zahl der jungen Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr soll von derzeit 1110 auf rund 500 sinken – auch davon sind kirchliche Träger betroffen.
»Bei der Förderung des Straßenbaus kürzt der Wirtschaftsminister auch nicht«, sagt Landesjugendpfarrer Tobias Bilz. »Sozialministerin Clauß nimmt den Spardruck zu schnell hin.« Jetzt wollen Vertreter der sächsischen Landeskirche und Diakonie zusammen mit anderen Jugendverbänden bei Abgeordneten und der Staatsregierung für eine Reduzierung der Kürzungen kämpfen.
Landesjugendpfarrer Tobias Bilz fordert: »Wir erwarten, dass die Wahrung des sozialen Friedens und die Investitionen in die heranwachsende Generation genauso ernst genommen werden wie die Rettung des Finanz- und Wirtschaftssystems.«
Andreas Roth
Links und rechts – der Elbe
18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen

Foto: Steffen Giersch
Dresden wehrte sich am 13. Februar erfolgreich gegen einen Aufmarsch Rechtsextremer
Selig sind die Friedfertigen«, sagt Katrin Göring-Eckhardt beim Friedensgebet auf dem Dresdner Postplatz. Für Christen heiße das aufzustehen, wachzurütteln, unterwegs zu sein, so die Bundestagsabgeordnete (Bündnis 90/Die Grünen) und Präsidentin des Kirchentags 2011 in Dresden vor den Hunderten Teilnehmern. Darunter sind auch über 100 Bläserinnen und Bläser von Posaunenchören aus allen Teilen Sachsens. Sie begleiten die Stationen des Friedensgebets gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus am 13. Februar, dem Gedenktag der Zerstörung Dresdens. Seit Jahren ein Tag des stillen Gedenkens, wird dieser zunehmend von Rechtsextremen für Aufmärsche und Kundgebungen instrumentalisiert.
In diesem Jahr wollte die Stadt das nicht länger hinnehmen. Erstmals war es gelungen, dass Kirchen, Rathaus, Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen gemeinsam aufriefen zu einer Menschenkette um die Innenstadt. Das Friedensgebet bildete den Auftakt. Ruth Misselwitz von der Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste zitierte dabei Dietrich Bonhoeffer: »Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.«
Diese Menschen guten Willens wurden von Gebetsstation zu Gebetsstation, über den Theaterplatz und hin zur Synagoge, immer mehr bis sie das Rathaus erreichten. Dort sollte die Menschenkette beginnen. Über 12 000 Teilnehmer, so heißt es, hatten sich dort versammelt. Oberbürgermeisterin Helma Orosz rief auf, sich den »Neu- und Altnazis, die versuchen, das Gedenken zu missbrauchen«, entgegen zu stellen. »Dresden will sie nicht«, so die Oberbürgermeisterin.
Und während sich aus Tausenden Menschen in der Altstadt eine Kette formierte, leisteten weit ab, auf der anderen Elbseite, fast ebensoviele Menschen Widerstand gegen den von der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« angemeldeten Aufmarsch. Über 5000 Polizisten waren im Einsatz, um diese Demonstration vor gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Linksautonomen zu schützen.
Den friedlichen Blockierern und der Polizei gelang es schließlich, die vor dem Neustädter Bahnhof versammelten rund 6000 Rechtsextremen am Weiterkommen zu hindern. Diese mussten unverrichteter Dinge abreisen. Gera und Pirna hatten ihren Frust auszubaden: Am Abend haben mehrere Hundert von ihnen dort randaliert. Nach Polizeiangaben befanden sie sich auf der Rückreise von Dresden.
Die Dresdner Landessynodale Tabea Köbsch war bei der Blockade in der Dresdner Neustadt dabei. Ihr war es wichtig, »dass da auch ganz normale Leute sind und deeskalierend wirken«, sagt sie im Nachhinein. »Es fällt mir schwer, beim Friedensgebet die Hände zu falten, wenn auf der anderen Elbseite die braunen Horden sind.« Sie sieht es als großen Erfolg, dass die Blockade weitgehend friedlich geblieben ist, so wie es das Bündnis aus vorwiegend linken Parteien und Organisationen immer wieder gefordert hatte. »Friedlich und gewaltfrei« habe die Parole auf der Neustädter Seite gelautet.
Als Synodale wollte sie sich ein eigenes Bild von einer solchen Aktion zivilen Ungehorsams machen, nachdem im sozial-ethischen Ausschuss der Synode eine Beschwerde darüber eingegangen war, dass Kirche in Leipzig sich an einem solchen Aufruf beteiligt hatte. »Jetzt aus eigenem Erleben sage ich, dass es wichtig ist, wenn Kirche auch dabei ist«, so Köbsch.
Landesbischof Jochen Bohl, der an der Menschenkette in der Altstadt teilgenommen hatte, würdigte diese als »großen Erfolg«. »Wir haben dem Aufmarsch der neuen Nazis eine eindrückliche Antwort erteilt«, sagte er vor Journalisten. An der Menschenkette beteiligten sich auch der katholische Bischof Joachim Reinelt, Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl, Mini-sterpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sowie weitere Landespolitiker. Aber auch Synodenpräsident Otto Guse und seine Vorgängerin im Amt, Gudrun Lindner, hatten sich eingereiht.
Am Abend versammelten sich die Dresdner zu einem stillen Gedenken vor der Frauenkirche. Dabei erinnerte der frühere Bundesinnenminister Gerhard Baum (FDP) an die Bombenangriffe vor 65 Jahren, die er als Zwölfjähriger in Dresden erlebt hatte. Von der Stadt müsse »immer wieder ein Signal für Frieden und Völkerverständigung, für Demokratie und Menschenrechte in die Welt« gesendet werden, forderte der 77-Jährige.
In einem ökumenischen Gottesdienst in der Kreuzkirche wurde am Abend ebenfalls an die Opfer der Bombennacht gedacht. Traditionell läuteten zum Zeitpunkt des Fliegeralarms am 13. Februar 1945 um 21.45 Uhr die Dresdner Kirchenglocken.
Während die Menschenkette ein Zeichen für den Willen der Bürger zu Frieden und Versöhnung setzte, ist die Verhinderung des Aufmarsches der Rechtsextremen jedoch den Menschen auf der anderen Elbseite zu verdanken, die mit zivilem Ungehorsam sich dem im wahrsten Sinne des Wortes entgegenstellten.
Dabei ging es jedoch nicht nur friedlich zu: 27 Menschen wurden verletzt, darunter 15 Polizisten, 25 Brände mussten gelöscht werden, Autos wurden beschädigt, ein Begegnungszentrum des Stadtteils von Rechten angegriffen. Und vermutlich Linksautonome störten das stille Gedenken abends an der Frauenkirche durch laute Zwischenrufe.
Christine Reuther/epd
Eine Frage der Autorität
18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Foto: Miguel Saavedra, sxc.hu
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Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
Johannes 3, Vers 8b
Wenn sie den Klassenraum betrat, wurde es heller. Laute, unruhige Kinder begannen sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren, ohne dass sie viel sagen musste. Ihre ganze Erscheinung strahlte Aufmerksamkeit, Offenheit und Klarheit aus. Immer, wenn ich sie in der Schule erlebte, staunte ich über ihre ungewöhnliche und dabei so freundliche Autorität. Habitavit secum, sagte der große Papst Gregor, als er nach dem Geheimnis der Autorität des Heiligen Benedikt gefragt wurde. Er war bei sich selbst zu Hause. Er war mit sich selbst einig.
Wenn ein Mensch die unruhigen Kräfte seiner Person ordnen kann und ungeteilt, aufmerksam und gelassen bei dem ist, was er tut, ohne Nebenabsichten, ohne Schielen auf Beifall und Erfolg, entsteht Autorität. Dahin kommt niemand ohne schmerzhafte Erfahrungen mit sich selbst.
Um Autorität geht es auch im Wochenspruch. Der Sohn Gottes zerstört die Werke des Teufels – Unruhe, Argwohn, Gier, Zerrissenheit. Alles, was uns daran hindert, wirklich bei uns selbst zu Hause zu sein. Der Sohn Gottes aber ist ganz mit sich einig. Wo er in einem Leben Raum erhält, beginnt seine heilsame Autorität zu wirken. Wo er erscheint, weichen Chaos und Verwirrung. Auch diese Autorität wurde mit Schmerzen erworben.
Am Kreuz legte sich Christus aus Liebe über den tief aufgerissenen Abgrund unseres menschlichen Daseins. Er ließ sich zerreißen, damit wir einig werden können – mit uns selbst, mit anderen, mit Gott. Habitavit secum – das ist nicht allein den großen Heiligen vorbehalten. Zu dieser Lebensaufgabe ermutigt und befreit Christus uns alle.
Almut Klabunde, die Autorin ist Oberlandeskirchenrätin der sächsischen Landeskirche.
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In der Stille liegt die Kraft
18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Gott spricht – doch oft hören wir ihn nicht. Denn Alltag, Kirche und Glaube sind manchmal zu laut. 2010 ist das »Jahr der Stille«.
Stille. Nur der Atem fließt wie die Wellen am Strand. Er spült die Szene des Tages an Land: Der Lärm der Arbeit, die Familie, Gelungenes, Misslungenes. Schweigen. Matthias Jacob sitzt kerzengerade auf dem Teppich, als würde sein Kopf von einem unsichtbaren Faden empor gezogen werden. Seine Beine hat er ineinander geschlagen, seine Hände geöffnet, jeden Abend für ein paar Minuten. Matthias Jacob, der nüchterne Maschinenbauer, der Betriebswirtschaftler, hört. Er hört in der Stille nach Gott.
Aus der Welt flieht er nicht. Noch bevor er einen Bibelvers stumm in seinem Herzen bewegt, breitet er seinen lauten Alltag vor Gott aus. »Schließlich ist Gott selbst in die Welt gekommen«, sagt Matthias Jacob. »Das Schöne und Bedrückende in meinem Leben kann ich so in einer anderen Perspektive sehen.«
Spiritualität hält der 43-jährige Leipziger für ein Modewort, wenn es darin nur um geistliches Wellness geht. »Gott lenkt in der Stille auch einen Lichtstrahl auf die Dunkelheit in mir. Doch da ist zugleich die Erfahrung seiner Güte und Liebe. Aus dieser Spannung kann eine Aufgabe Gottes für mich wachsen – und die Kraft dafür.«
Es war die Sehnsucht nach solchen Erfahrungen, die Matthias Jacob in den Gottesdiensten vermisste und ihn vor über 20 Jahren zum Meditieren brachte. Heute begleitet er selbst Menschen im Grumbacher »Haus der Stille« der sächsischen Landeskirche, in einem Meditationskreis in Leipzig-Knauthain, per Brief oder E-Mail bei ihrer Suche.
Das »Jahr der Stille« jedoch, das 91 landes- und freikirchliche Vereine und Einrichtungen aus ganz Deutschland 2010 ausgerufen haben, scheint in Sachsen noch nicht angebrochen zu sein. Die sächsische Landeskirche beteiligt sich an ihm nicht. »Aber ich glaube, es gibt in den Kirchgemeinden ein Bedürfnis nach Stille. Und auch ein Defizit«, sagt der Leiter des Grumbacher »Hauses der Stille«, Pfarrer Heiner Bludau. »Stille braucht Begleitung und Anleitung, und sie braucht gestaltete Räume und Zeiten.«
Selbst im Alltag eines einzelnen Menschen ist es oft schwer, diese Räume und Zeiten zu finden. Ingrid Grütze weiß das, sie leitet die Finanzverwaltung für 105 kirchliche Einrichtungen und Gemeinden in Dresden, ihr Tag ist übervoll mit Kolonnen von Zahlen. Dazu die Familie, der Bauernhof.
»Wenn man im Alltag wenig Zeit hat, muss man für den Glauben in die Tiefe bohren«, sagt die 53-Jährige. Früh, bevor sie zur Arbeit aufbricht, nimmt sie sich zehn Minuten Stille mit einem Bibeltext. Im Stau, in der Warteschlange oder bevor sie eine neue Arbeit beginnt, hält sie manches Mal kurz inne und betet stumm.
Doch es gab Zeiten, da war die Stille für Ingrid Grütze nur noch eine leere Wüste. Ein Nichts. Gott war verborgen. »Alles schien sich gegen mich zu wenden, alles passte nicht mehr zusammen«, erinnert sie sich an die Zeit vor zwei Jahren, als der Aufbau der Kassenverwaltung mit all den Widerständen und dem enormen Arbeitsdruck auf ihr lastete. Manchmal konnte sie nicht einmal mehr beten. Nur das Vater-Unser hatte sie noch im Herzen, das sie – wie Martin Luther einst – immer wieder stumm hin und her bewegte: »Dein Wille geschehe, nicht mein Wille geschehe.«
Erst als sie nichts mehr erzwingen wollte, und auch in der Stille Gott nicht herbeizwingen konnte – dann erst kam die Befreiung. »Es war die Antwort von Gott: Lass dich fallen, ich helfe dir.« Die Stille hat Ingrid Grütze die Sinne für diese Antwort geschärft, ehe sie sich ganz unvermittelt in einem Gespräch mit ihrem geistlichen Begleiter einstellte.
Die Stille hat auch ihren Blick verändert: Für die Dinge, hinter denen sie die Geschenke Gottes erblicken kann. Und für Gott selbst, der ihr in den Menschen begegnet – auch in den unscheinbaren und den anstrengenden.
Andreas Roth
Homepage von Matthias Jacob: www.sitzen-schweigen-hoeren.de
Zündeln
18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Zsuzsanna Kilian, sxc.hu
Grundsätzlich ist diese Debatte zu begrüßen. Wenn die Angst, arbeitslos zu werden, in breiten Schichten der Bevölkerung grassiert, wenn von den 82 Millionen Einwohnern Deutschlands mittlerweile 6,7 Millionen Hartz IV beziehen – dann ist es an der Zeit, offen und ehrlich darüber zu reden, wie es weitergehen soll. Allerdings: Die Debatte sollte nicht zersetzend sein. Wer ganze Bevölkerungsgruppen mit Leistungsunwilligkeit – so wie es Vizekanzler Guido Westerwelle getan hat – in Verbindung bringt, befördert keine Debatte, sondern eine Spaltung der Gesellschaft.
Wer arbeiten kann, soll das auch tun – und dafür Geld bekommen. Genau das aber wollen die allermeisten Arbeitslosen auch. Wenn aber nicht genügend bezahlte Arbeitsplätze vorhanden sind? Wer in dieser Situation fordert, Hartz-IV-Empfängern die Bezüge zu kürzen, damit sie sich einen Zuverdienst suchen, sollte fairerweise die Frage beantworten: Wo gibt es solche Zuverdienstmöglichkeiten?
Um das Dilemma komplett zu machen: Die Sozialleistungen müssen ja auch bezahlt werden. Bei schätzungsweise 60 Milliarden Euro Einsparungen, die die Bundesregierung in den nächsten Jahren durchsetzen will, dürfte der Spielraum auch im sozialen Bereich deutlich enger werden.
Aber: Die grundlegende Aufgabe des Staates ist es, eine Solidargemeinschaft zu bilden. Wer jetzt so tut, als sei der Sozialstaat ein Luxus, den man sich vielleicht in guten Zeiten leisten, in schlechten aber auch mal aussetzen könne, der zündelt am Zusammenhalt der Gesellschaft.
Gerd-Matthias Hoeffchen
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