Ohne Wegweiser unterwegs
4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Mit freundlicher Genehmigung von © TomTom International BV.
Die evangelische Kirche will stärker ausstrahlen – obwohl sie immer kleiner wird. Doch der Reformprozess stockt in Sachsen.
Es kann sich durchaus etwas bewegen. Die ganze Kirche sogar. Sie kann aufbrechen und zu den Menschen gehen: Zu den Feuerwehrleuten etwa, oder zu den Kanalreinigern. Genau das wollen Christen aus dem Dorf Döben im Leipziger Land im März in ihrer Bibelwoche tun. »Wir wollen zuhören, was die wirklichen Probleme der Menschen sind«, sagt Pfarrerin Beate Schelmat-von Kirchbach. So wie Jesus.
Den Anstoß dazu brachte die Theologin von der Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit, zu der sich im vergangenen September rund 1200 Delegierte aus allen Landeskirchen in Kassel trafen. Die Aufgabe lautet: Wie kann die Kirche mit ihrer Botschaft mehr Ausstrahlung gewinnen –trotz sinkender Mitgliederzahlen und Finanzen? Der Reformprozess »Kirche im Aufbruch« soll helfen. Doch ist er auch in Sachsen angekommen?
Das fragte eine Tagung der Evangelischen Akademie Meißen am 29. und 30. Januar. Eine erste Antwort gibt schon der Blick auf die Teilnehmerliste: Nur 35 Menschen hatten sich angemeldet, vor allem hauptamtliche Mitarbeiter, und kaum Synodale oder Kirchvorsteher. Von den 29 sächsischen Delegierten bei der Kasseler EKD-Zukunftswerkstatt fehlte fast die Hälfte – darunter viele hohe Repräsentanten der Landeskirche.
»Es war nicht einfach, zur EKD-Reforminitiative konkrete Beispiele aus der Praxis unserer Landeskirche zu finden«, sagt Joachim Wilzki von der Meißener Ehrenamtsakademie, der die Tagung mit organisierte. Dabei wachsen auch in Sachsen Ideen, die von der Kasseler Zukunftswerkstatt angestoßen wurden. So lädt der Kirchenbezirk Leipzig am 17. April erstmals seine Kirchvorsteher dazu ein, sich über gelungene Projekte aus den Gemeinden auszutauschen. »Wir kirchlichen Mitarbeiter lassen uns nicht gern in die Karten schauen«, weiß Pfarrerin Angelika Biskupski vom Leipziger Amt für Gemeindedienst. »Dabei könnten wir viel voneinander lernen – auch von den Misserfolgen.«
Sächsische Vertreter arbeiten auch an dem Projekt »Erwachsen glauben« der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD mit, die ein neues Konzept für Glaubenskurse entwickeln will. Und im Kirchenbezirk Annaberg werden in diesem Jahr Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kantoren in einer Arbeitsgruppe mit dem Namen »Kirche mit Visionen« in die Zukunft denken.
»Doch während Kirchvorsteher sehr offen für neue Ideen sind, kommen nach unserer Erfahrung die meisten Vorbehalte von den Pfarrern«, sagt der Annaberger Bezirkskatechet Klaus Mehlhorn. Den Leiter des Meißner Pastoralkollegs, Thomas Schönfuß, wundert das nicht. »Die Sprache der EKD-Reformdiskussion mit Begriffen wie Qualitätssicherung erleben viele Pfarrer als Kritik an ihrer Arbeit. So können Kränkungen und Druck entstehen«, hat er in Beratungsgesprächen erfahren. »Eine Sehnsucht nach Veränderungen zu entwickeln – das würde Pfarrern helfen.«
Doch statt ermutigender Beispiele und einer lebendigen theologischen und praktischen Diskussion finden kirchliche Mitarbeiter in Broschüren oder auf der Internetseite der sächsischen Landeskirche nur einige Positionspapiere aus dem Jahr 2007. »Wenn das Thema niemand für sich entdeckt, fällt es unten durch«, fürchtet der Großenhainer Superintendent Eckhard Klabunde. Er regt an, das erste landeskirchliche Positionspapier zum Reformprozess von 2007 fortzuschreiben.
Wie schwer es ist, Menschen in den Kirchgemeinden für den Reformprozess zu gewinnen, hat Martina Hergt erfahren. Die Leipziger Kantorin war eine der sächsischen Delegierten bei der EKD-Zukunftswerkstatt in Kassel. »Doch in meiner Gemeinde war kaum Zeit oder das Bedürfnis, etwas davon zu erfahren«, sagt sie. Dabei weiß sie: Der ganze Reformprozess wird nur gelingen, wenn Menschen Feuer fangen. Und sich begeistern lassen.
Andreas Roth
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