In der Stille liegt die Kraft
18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Gott spricht – doch oft hören wir ihn nicht. Denn Alltag, Kirche und Glaube sind manchmal zu laut. 2010 ist das »Jahr der Stille«.
Stille. Nur der Atem fließt wie die Wellen am Strand. Er spült die Szene des Tages an Land: Der Lärm der Arbeit, die Familie, Gelungenes, Misslungenes. Schweigen. Matthias Jacob sitzt kerzengerade auf dem Teppich, als würde sein Kopf von einem unsichtbaren Faden empor gezogen werden. Seine Beine hat er ineinander geschlagen, seine Hände geöffnet, jeden Abend für ein paar Minuten. Matthias Jacob, der nüchterne Maschinenbauer, der Betriebswirtschaftler, hört. Er hört in der Stille nach Gott.
Aus der Welt flieht er nicht. Noch bevor er einen Bibelvers stumm in seinem Herzen bewegt, breitet er seinen lauten Alltag vor Gott aus. »Schließlich ist Gott selbst in die Welt gekommen«, sagt Matthias Jacob. »Das Schöne und Bedrückende in meinem Leben kann ich so in einer anderen Perspektive sehen.«
Spiritualität hält der 43-jährige Leipziger für ein Modewort, wenn es darin nur um geistliches Wellness geht. »Gott lenkt in der Stille auch einen Lichtstrahl auf die Dunkelheit in mir. Doch da ist zugleich die Erfahrung seiner Güte und Liebe. Aus dieser Spannung kann eine Aufgabe Gottes für mich wachsen – und die Kraft dafür.«
Es war die Sehnsucht nach solchen Erfahrungen, die Matthias Jacob in den Gottesdiensten vermisste und ihn vor über 20 Jahren zum Meditieren brachte. Heute begleitet er selbst Menschen im Grumbacher »Haus der Stille« der sächsischen Landeskirche, in einem Meditationskreis in Leipzig-Knauthain, per Brief oder E-Mail bei ihrer Suche.
Das »Jahr der Stille« jedoch, das 91 landes- und freikirchliche Vereine und Einrichtungen aus ganz Deutschland 2010 ausgerufen haben, scheint in Sachsen noch nicht angebrochen zu sein. Die sächsische Landeskirche beteiligt sich an ihm nicht. »Aber ich glaube, es gibt in den Kirchgemeinden ein Bedürfnis nach Stille. Und auch ein Defizit«, sagt der Leiter des Grumbacher »Hauses der Stille«, Pfarrer Heiner Bludau. »Stille braucht Begleitung und Anleitung, und sie braucht gestaltete Räume und Zeiten.«
Selbst im Alltag eines einzelnen Menschen ist es oft schwer, diese Räume und Zeiten zu finden. Ingrid Grütze weiß das, sie leitet die Finanzverwaltung für 105 kirchliche Einrichtungen und Gemeinden in Dresden, ihr Tag ist übervoll mit Kolonnen von Zahlen. Dazu die Familie, der Bauernhof.
»Wenn man im Alltag wenig Zeit hat, muss man für den Glauben in die Tiefe bohren«, sagt die 53-Jährige. Früh, bevor sie zur Arbeit aufbricht, nimmt sie sich zehn Minuten Stille mit einem Bibeltext. Im Stau, in der Warteschlange oder bevor sie eine neue Arbeit beginnt, hält sie manches Mal kurz inne und betet stumm.
Doch es gab Zeiten, da war die Stille für Ingrid Grütze nur noch eine leere Wüste. Ein Nichts. Gott war verborgen. »Alles schien sich gegen mich zu wenden, alles passte nicht mehr zusammen«, erinnert sie sich an die Zeit vor zwei Jahren, als der Aufbau der Kassenverwaltung mit all den Widerständen und dem enormen Arbeitsdruck auf ihr lastete. Manchmal konnte sie nicht einmal mehr beten. Nur das Vater-Unser hatte sie noch im Herzen, das sie – wie Martin Luther einst – immer wieder stumm hin und her bewegte: »Dein Wille geschehe, nicht mein Wille geschehe.«
Erst als sie nichts mehr erzwingen wollte, und auch in der Stille Gott nicht herbeizwingen konnte – dann erst kam die Befreiung. »Es war die Antwort von Gott: Lass dich fallen, ich helfe dir.« Die Stille hat Ingrid Grütze die Sinne für diese Antwort geschärft, ehe sie sich ganz unvermittelt in einem Gespräch mit ihrem geistlichen Begleiter einstellte.
Die Stille hat auch ihren Blick verändert: Für die Dinge, hinter denen sie die Geschenke Gottes erblicken kann. Und für Gott selbst, der ihr in den Menschen begegnet – auch in den unscheinbaren und den anstrengenden.
Andreas Roth
Homepage von Matthias Jacob: www.sitzen-schweigen-hoeren.de
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