Zündeln
18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Zsuzsanna Kilian, sxc.hu
Grundsätzlich ist diese Debatte zu begrüßen. Wenn die Angst, arbeitslos zu werden, in breiten Schichten der Bevölkerung grassiert, wenn von den 82 Millionen Einwohnern Deutschlands mittlerweile 6,7 Millionen Hartz IV beziehen – dann ist es an der Zeit, offen und ehrlich darüber zu reden, wie es weitergehen soll. Allerdings: Die Debatte sollte nicht zersetzend sein. Wer ganze Bevölkerungsgruppen mit Leistungsunwilligkeit – so wie es Vizekanzler Guido Westerwelle getan hat – in Verbindung bringt, befördert keine Debatte, sondern eine Spaltung der Gesellschaft.
Wer arbeiten kann, soll das auch tun – und dafür Geld bekommen. Genau das aber wollen die allermeisten Arbeitslosen auch. Wenn aber nicht genügend bezahlte Arbeitsplätze vorhanden sind? Wer in dieser Situation fordert, Hartz-IV-Empfängern die Bezüge zu kürzen, damit sie sich einen Zuverdienst suchen, sollte fairerweise die Frage beantworten: Wo gibt es solche Zuverdienstmöglichkeiten?
Um das Dilemma komplett zu machen: Die Sozialleistungen müssen ja auch bezahlt werden. Bei schätzungsweise 60 Milliarden Euro Einsparungen, die die Bundesregierung in den nächsten Jahren durchsetzen will, dürfte der Spielraum auch im sozialen Bereich deutlich enger werden.
Aber: Die grundlegende Aufgabe des Staates ist es, eine Solidargemeinschaft zu bilden. Wer jetzt so tut, als sei der Sozialstaat ein Luxus, den man sich vielleicht in guten Zeiten leisten, in schlechten aber auch mal aussetzen könne, der zündelt am Zusammenhalt der Gesellschaft.
Gerd-Matthias Hoeffchen
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Nach 5 Jahren Hartz-IV – Elend hat jetzt das Oberste deutsche Gericht die Verfassungswidrigkeit der Sätze erklärt. Wenn das auch noch lange nicht das Ende dieses staatlich organisierten Sozialabbaus bedeutet, so ist es doch ein hoffnungsvolles Zeichen . Dennoch wäre eine eventuelle Besserung der Lage der Familien, die von Alg II leben müssen, nichts als eine kleine Symptomkorrektur. Die Grundprobleme blieben erhalten. Eine Gesellschaft, die Millionen Menschen keine Verdienstmöglichkeiten zur Verfügung stellen kann und anderen für ihre harte Arbeit nur Hungerlöhne zahlt, hat keine Zukunft! Um dieses zu vertuschen, werden Arbeitende und Arbeitslose aufeinander gehetzt, während am oberen Ende der Einkommen keine Krise zu spüren ist, sondern Dauerkonjunktur.
Aber solange in einer Gesellschaft wenige Kapitalbesitzer durch Geldverleih problemlos reicher und reicher werden können, während die Arbeitende, Selbständige und Arbeitslose für die immer größer werdende Zinslast aufkommen müssen, wird sich daran nichts ändern. Auch nicht das an sich hoffnungsvolle Urteil des Bundesverfassungsgerichtes. Im Gegenteil – die Mittel, die wahrscheinlich jetzt Familien mit Kindern zur Verfügung gestellt werden müssen, wird sich der Staat an anderen Stellen von den Bürgern holen (müssen). Höchste Zeit für ein grundlegend neues System der Wirtschaft, in der der Mensch mit seinen Fähigkeiten, aber auch Schwächen im Mittelpunkt steht – die Humanwirtschaft!