Sei ein Narr
11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Der Karneval ist katholisch? Von wegen. Auch Protestanten feiern Fasching – denn Christen haben Grund zum Fröhlichsein.

Ein Narr hat in der Wissensgesellschaft nicht viel zu melden. In Radeburg aber jubeln sie Jürgen Guller zu. Zehntausende. Guller winkt, die golden-blau geschweifte Narrenkappe fest auf dem Kopf – so wie die anderen zehn Männer des Elferrates neben ihm auf dem Wagen im Festumzug. Hinter ihnen ragt eine irrwitzig große Narrenkappe empor. Der Ernst des Lebens steht Kopf jedes Jahr am Faschingsdienstag. Der Mummenschanz kann beginnen.
Wer da glaubt, Karneval sei nur etwas für Rheinländer und Katholiken, wird in Radeburg eines Besseren belehrt: Jürgen Guller ist evangelisch. Und unter der Kappe, die der Narr des Mittelalters mit Freude am gottesfernen Frevel und der Lust am Laster trug, verbergen sich heutzutage andere Gedanken: »Im Karneval drückt sich die Freude aus, die man als Christ leben kann«, sagt Guller. »Er ist eine schöne Art, mit anderen Menschen fröhlich zu sein und dafür zu sorgen, dass sie auch Freude haben.«
An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Jürgen Guller die meiste Zeit seines Tages mit Menschen zu tun hat, die keine Witze reißen. Er ist der Friedhofsmeister der Radeburger Kirchgemeinde. »Da erfahre ich oft aus erster Hand, wie schwer es ist, wenn Menschen allein sind und mit niemandem Glück und Freude teilen können.« Der Karneval, sagt Guller, baue ihn wieder auf. Ein Lebenselexier ist er. Und eine Gegenwelt.
Das war der Karneval immer. Im Mittelalter kehrten die Narren zu ihren Festen die Welt um: Die kleinen Leute durften die Mächtigen spielen und verspotten. Die Kirche duldete das sinnenfreudige Spektakel. Denn je ärger das teuflische Treiben der Narren, um so größer die Notwendigkeit zur Umkehr und das Aufleuchten der Herrschaft Gottes ab dem Aschermittwoch. Denn da beginnt die vorösterliche Fastenzeit – und Schluss ist es mit der Narretei. Die Reformation indes machte auch mit der Fastenzeit Schluss, und damit auch mit dem Karneval und seinem Kontrast von Sünde und Buße.
»Fasching ist eine Lockerungsübung und ein Lehrmeister«, sagt der Dresdner Pfarrer Andreas Horn. »Ich kann einmal aus der eigenen festgefahrenen Rolle fallen und spielerisch ein anderer sein. Gott lässt in jedem von uns noch Begabungen und Möglichkeiten schlummern, die wir entdecken können.« Fasching, sagt der Theologe, dessen Kirchgemeinde in Dresden-Leubnitz jedes Jahr feiert, könne ein Neuanfang sein. Und auch die Erfahrung von Vergebung.
Hinter der bunten Maske des Karnevals ist indes der Abgrund menschlicher Freiheit ebenfalls nicht weit. Der fröhliche Rheinländer Otto Guse – mittlerweile Vogtländer und Präsident der sächsischen Landessynode – hat manchen Rosenmontag in einem Düsseldorfer Krankenhaus gearbeitet und sturzbetrunkene 14-Jährige versorgt. »Den Karneval vermisse ich in Sachsen nicht«, sagt er. »Meine Fröhlichkeit kommt aus der Erkenntnis, dass die letzten Fragen des Lebens beantwortet sind.«
Auch mancher Seelsorger schaut mit einer Portion Skepsis auf das bunte Treiben. Doch die Scheidungsrate in der Karnevalsfestung Radeburg sei nicht höher als anderswo, versichert Elferratsmitglied Jürgen Guller – trotz der Wandbilder im Saal des Vereinslokals »Zum Hirsch«, die das prekäre Verhältnis der Geschlechter recht unzweideutig zum Thema haben. An den Faschingssonnabenden schwitzen auf dem Parkett die Massen, die Band spielt einen Marsch, die Funkengarde hebt die Beine, die Bar schenkt aus, die Witze von der Bühne zünden, so oder so. »Das Leben ist schon die Woche über voller Probleme«, sagt der Radeburger Karnevalspräsident Olaf Häßlich. »Jeder Mensch braucht einmal ein Ventil. Wir leben das offensiver und öffnen das Ventil freiwillig.«
Wenn sich der Präsident umschaut, sieht er Arbeitslose und Geschäftsführer miteinander schunkeln und Bier trinken. »Viel kirchlicher«, sagt Häßlich, »geht’s ja nicht.«
Andreas Roth
Manche Entscheidungen sind unwiderruflich
11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Foto: Patricio Mas, sxc.hu
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Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Lukas 18,31
Am Anfang der Lebensreise ist noch so viel offen. Erst mit der Zeit fällt mir auf, dass es nach jeder Weggabelung etwas enger wird. Die Zahl der Chancen nimmt langsam ab. Ich muss aufpassen, wie ich die verbleibenden nutze. Manchmal stehe ich vor Entscheidungen, von denen ich ahne, dass sie unwiderruflich sein können.
Eine solche Wahl trifft Jesus. Er weiß: In Jerusalem wird es ganz eng werden. Wenn ich dort hin gehe, muss ich mit einem gewaltsamen Ende rechnen. Jesus entscheidet mit klarem Bewusstsein.
Jerusalem ist die Stadt Gottes. Hier sitzen seine selbsternannten Sachwalter. Sie bestimmen, wie die heiligen Schriften ausgelegt werden. Mit einem Stahlnetz aus Geboten und Vorschriften halten sie die Menschen klein und unmündig. Ihre selbstgerechten Sichtweisen verdunkeln den Blick auf Gott und verbreiten Angst.
Jesus, der sich selbst »Menschensohn« nennt, hat Gott anders kennen gelernt. Gott, den er »Väterchen« nennt, begegnet ihm als Leben schaffende Barmherzigkeit. Jesus ist erfüllt von der Gewissheit, dass wir alle Söhne und Töchter Gottes sind.
Erstarrung und Misstrauen müssen uns nicht länger lähmen. Wir können uns mit dem Ursprung allen Lebens verbinden und Freude und Mitgefühl entdecken. Jesus entscheidet sich für Jerusalem, damit Menschen aufatmen können. Er bleibt dem Leben schaffenden Gott und damit sich selber treu.
An jeder Weggabelung meines Lebens fragt die Vernunft: Wie sind die Chancen, wenn ich so oder so entscheide? Und mein Herz sagt: Das Leben ist mehr als alle Chancen.
Almut Klabunde, die Autorin ist Oberlandeskirchenrätin in Dresden.
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Die Zeche zahlen die Schwächsten
11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu
Zu spüren werden es beispielsweise Sachsens Jugendliche bekommen. Um 5,5 Millionen Euro will das sächsische Sozialministerium seine Jugendpauschale kürzen. Die Folge: Soziale Angebote für junge Menschen werden sich vielerorts verteuern, in ihrer Qualität leiden oder gar ganz verschwinden – vor allem auf dem Lande. Auch die Jugendarbeit von Kirche und Diakonie wird betroffen sein.
Es ist nicht das erste Mal, dass Sachsens schwarz-gelbe Regierung wegen der Wirtschaftskrise den Rotstift in der Sozialpolitik auspackt. Ende letzten Jahres strich der Wirtschaftsminister die Kommunal-Kombi-Jobs für Langzeitarbeitslose – während er stolz darauf verweist, beim Etat für Straßenbau und Wirtschaftsförderung mit je 250 Millionen Euro nicht zu sparen. Die Kommunen indes ächzen schon jetzt am unteren Ende der Steuer-Hierarchie. Angesichts der angespannten Finanzsituation fürchtet Sachsens Diakonie um die staatlichen Zuschüsse für viele soziale Beratungsangebote.
Doch wenn die schwarz-gelbe Politik Wirtschaft und Leistungsträger üppig fördert, muss sie dieselbe Fürsorge auch den Schwächsten der Gesellschaft zuteil werden lassen. Das ist eine Frage des christlichen Menschenbildes. Und eine Frage der Gerechtigkeit ist es, auch auf die Geschäfte an den Börsen und auf Kapital Steuern zu erheben. Damit die Verursacher der Krise endlich auch deren Kosten tragen.
Andreas Roth
Weniger ist nichts
11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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2011 soll der Zivildienst von neun auf sechs Monate verkürzt werden. Unmöglich, meinen Verantwortliche in Einrichtungen der Diakonie wie dem Sächsischen Epilepsiezentrum in Kleinwachau.

Kaffee kochen, Frühstück bringen und Zeit für ein Schwätzchen haben: Der 18-jährige Zivildienstleistende Alexander Graf arbeitet in der Seniorenstätte des Sächsischen Epilepsiezentrums in Kleinwachau. Foto: Steffen Giersch
Alexander Graf deckt den Frühstückstisch der Seniorenstätte. Dann gießt er Dietmar Naake, einem der Bewohner, eine Tasse Tee ein. Zeit für ein kurzes Gespräch.
14 solche Zivildienstleistenden wie Alexander Graf beschäftigt das Epilepsiezentrum. Sie unterstützen die Pfleger in den Wohneinheiten, helfen in den Werkstätten, bei schwerst-mehrfach-behinderten Schülern, transportieren das Essen mit dem Kleintransporter, erledigen Reparaturen.
Von den fast 6400 Zivildienstplätzen in Sachsen insgesamt sind derzeit reichlich 4000 besetzt. Die Diakonie, sagt Jens Kreuter, Bundesbeauftragter für den Zivildienst, sei größter Träger für Zivis im Osten Deutschlands. Mehr als 600 beschäftigt sie im Moment. Zwei Drittel von ihnen in Pflege oder Betreuung.
»Sie tun all das, was unsere Mitarbeiter nicht schaffen«, sagt Martin Wallmann, Geschäftsführer des Epilepsiezentrums. Dafür gibt seine Einrichtung für jeden Zivi rund tausend Euro aus.
Die neun Monate sehen die jungen Männer nicht als vergeudete Lebenszeit. Hier hätten sie mehr gelernt als in den Jahren der Abiturzeit zuvor, sagen mehrere von ihnen.
Ihren Nachfolgern wird dafür weniger Zeit bleiben. Zu Jahresbeginn 2011 soll die Zivildienstzeit auf sechs Monate verkürzt werden. So sieht es die Vereinbarung der schwarz-gelben Koalitionsregierung vor.
Landesbischof Jochen Bohl hält dies für fatal. Damit bleibe keine Zeit, eine Beziehung zwischen Zivi und Behindertem aufzubauen. Neun Monate Zivildienstzeit seien schon die unterste Grenze gewesen, sagt er. »Ich rate deshalb dringend davon ab, eine weitere Verkürzung des Zivildienstes zu beschließen.«
Der ständige Wechsel der Bezugspersonen sei den Bewohnern nicht zuzumuten, sagt Martin Wallmann. »Wir werden uns ernsthaft überlegen, ob wir dann noch Zivildienstleistende einstellen.« Vorerst wolle er das Gesetz abwarten.
Von den sechs Monaten gehen die Wochen für die obligatorischen Lehrgänge, Urlaub und Einarbeitungszeit ab. Am Ende blieben vielleicht vier Monate realer Dienstzeit, schätzt Volkmar Barthel, der Leiter der Wohnbereiche im Epilepsiezentrum. Zudem bliebe eine Lücke von Februar bis Sommer, in der zu wenige Zivildienstpflichtige zur Verfügung stünden, sagt eine Diakoniesprecherin. Für die Zivis wiederum entsteht eine »biografische Lücke«, wie Jens Kreuter es ausdrückt. Nach sechs Monaten Dienst müssen sie drei Monate oder länger bis zum Studium überbrücken. Größtes Problem für sie: Wovon sollen sie in dieser Zeit leben?
Welche Auswege gäbe es? Die freiwillige Verlängerung – beim Militärdienst jederzeit möglich – sei beim Zivildienst nicht zulässig, sagt Kreuter. Martin Wallmann kann seinen Zivis nur anbieten, dieselbe Arbeit als Ehrenamtliche zu erledigen, für 100 Euro Aufwandsentschädigung. Doch muss er zugeben: »Ich würde das auch nicht machen.« Eine andere Möglichkeit: Die Zivis als Ungelernte weiter beschäftigen. Allerdings müsste er sie dann nach Tarif bezahlen. Das würde seine Einrichtung jährlich rund 250 000 Euro zusätzlich kosten. Geld, das er nicht hat. Ohne Zivis sei eine mindere Qualität der Betreuung unausweichlich, fürchtet er.
Diskutiert wird auch eine Art Sozialdienst für alle. Ganz nebenbei könnte der mit der Tatsache Schluss machen, dass nur Männer dienen müssen, Frauen jedoch verschont bleiben. Doch Jens Kreuter winkt ab: »Einen Zwangsdienst lässt das Grundgesetz nur in einem Fall zu: bei der Landesverteidigung.« »Wie wäre es mit einem sozialen Praxisjahr für alle Schüler?« fragt Wohnbereichsleiter Barthel. »Das könnte der Schlüssel sein«, meint Kreuter. Ein zusätzliches Schuljahr wäre Sache der Bildung, kein Zwangsdienst. »Aber wenn überall die Verkürzung von Schul- und Studienzeiten angestrebt wird, halte ich das für wenig wahrscheinlich.«
Wann der Bundestag die Verkürzung der Zivildienstzeit beschließt, kann Jens Kreuter noch nicht sagen. Die Entscheidung jedoch gilt als sicher. Die Uhr tickt. Eine generelle Linie, wie künftig zu verfahren sei, sagt eine Sprecherin, gebe es in der sächsischen Diakonie aber noch nicht.
Tomas Gärtner
Gesicht zeigen
4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Foto: Alexx, sxc.hu
Demokratie heißt zwar, die Andersdenkenden auszuhalten. Aber sie ermöglicht, mit Zivilcourage allen denen zu begegnen, die mit Gewalttaten, Verunglimpfung und Verhöhnung ihren Mitmenschen gegenüber treten. Vor allem wir Christen sind hier gefragt, denn unser Glaube fußt auf einem anderen Menschenbild.
In Dresden entsteht gerade so etwas wie eine Solidaritätsbewegung gegen jede Form von Rechtsextremismus. Die Stadt ist in den letzten Jahren am 13. Februar geplagt von Aufmärschen europäischer Neonazis. Eine Menschenkette soll ihnen zeigen: Wir wollen das nicht.
In einer Großstadt mag es leicht sein, viele Menschen für solch ein Anliegen zu mobilisieren. Auf dem Land sieht es da schon anders aus. Da kennt man sich und wird gekannt. Da steht jeder mit seinem Gesicht für seine Haltung. Entsprechend schwer ist es dort, Gesicht zu zeigen gegen Aufmärsche von Neonazis und gegen ihre Straftaten. Und doch gibt es auch dort Menschen, die sich wehren. Doch vielerorts mangelt es an der Gemeinsamkeit, oft sind es nur Einzelkämpfer, die auch noch mit den eingangs genannten Vorurteilen konfrontiert werden.
Umso mehr könnte auch hier die Kirche ein Dach bieten, um die Menschen zu vernetzen, die Gesicht zeigen wollen. Die Polizei jedenfalls zeigt sich diesen Bemühungen gegenüber offen, wie der Fachtag am Montag zeigte.
Christine Reuther
Oft fließt zu viel Energie in die Sorge um morgen
4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Foto: Martin Boulanger, sxc.hu
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Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräer 3, Vers 15
Manchmal geht das am Morgen los. Noch nicht ganz aufgestanden, bin ich schon fertig mit dem Tag. Befürchtungen lasten auf mir. Den Tag kann ich bestenfalls überstehen. Das Leben kommt später – vielleicht am Wochenende. Ich höre die Vögel vor dem Fenster und das Schlagen meines Herzens nicht.
Gottes Stimme bleibt ungehört. Sie hat es schwer gegen das Dröhnen der Vergangenheit und das Schrillen der Zukunft. Wie Zement vermauern Befürchtungen Herz und Ohren – Verstockungszement. Ich muss mir ansehen, was mich verschließt, ihm einen Namen geben, es ansprechen, damit es weicht. Und ich muss meine Aufmerksamkeit neu ausrichten.
Ich sitze in kirchlichen Gremien, gebeugt über Finanzprognosen: Sollten wir heute schon Stellen streichen, die wir morgen vielleicht nicht mehr finanzieren können? Im Sandkasten der Kirche von morgen werden Projekte hin und her geschoben. Von dem, was heute an Phantasie, Engagement und Freude lebt, bleibt so viel außer acht. Ungehört bleibt der leise Laut, mit dem sich heute die Blüte öffnet, die morgen Frucht bringen könnte.
Nein, ich bin nicht dagegen, prognostisch zu arbeiten. Wenn wir unserem Auftrag als Kirche nachkommen wollen, müssen wir auch sorgfältig planen und wirtschaften. Aber alles zu seiner Zeit. Ich denke, oft fließt zu viel Energie in die Sorge um morgen und zu wenig in das Horchen auf die Stimme des Lebens heute, die Stimme Gottes. Wenn wir auf die Lebenszeichen Gottes heute achten, manchmal verborgen in den Ritzen und Falten des Alltags, weitet sich unser Horizont. Unsere Entscheidungen verändern sich. Sie sind nicht mehr von Angst bestimmt. Sie rechnen mit dem, der das Leben ist – heute.
Almut Klabunde, die Autorin ist Oberlandeskirchenrätin im Landeskirchenamt.
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Sterbenskrank
4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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© David Harding (Fotolia.com)
Freitod? Selbstmord? Wenn ein Mensch seinem Leben ein Ende macht, ist er weder frei noch ein Mörder, sondern oft geplagt von einer seelischen Krankheit.
Wie eine dunkle Wolke zog das Unheil herauf. »Man spürte es«, sagt Ingrid Weber (Name geändert), »ohne es greifen zu können.« Es nahm seinen Anfang, als ihr Mann beim Skifahren verunglückte. Sein gebrochener Arm verheilte. Das Leben aber des kräftigen Mannes – gut 60 Jahre alt, Chef einer großen Behörde in einer sächsischen Kleinstadt – hatte einen Riss bekommen. Ingrid Weber bemerkte ihn lange nicht.
Sie sah nur, wie bei ihrem Mann Krankheit um Krankheit folgte. Wie er abnahm: »Ein Mensch, der nicht mehr wird.« Wollte sie mit ihm über das Dunkle reden, das sie sich zusammenziehen spürte, sah er stumm weg. Nicht einmal Streit gab es, nicht einmal am Stammtisch sprach er viel. Als Ingrid Weber vor beinahe zwei Jahren zur Silberhochzeit ihrer Eltern fuhr, verabschiedeten sie sich mit einem Kuss. Wie immer.
Am nächsten Tag – das Erzgebirgsvorland stand im Frühling – kehrte sie zurück und fand ihn im Auto. Ihr Mann hatte seinem Leben ein Ende gesetzt, so wie 616 Sachsen im letzten Jahr. Schock – mehr spürte Ingrid Weber nicht. Nur noch den inneren Schrei: »Das tust Du mir nicht an!« Dann kamen die Schmerzen der Trauer. Und die Vorwürfe. »Ich habe mich zermartert«, sagt die 51-Jährige. »Warum habe ich es nicht gemerkt? Ich hätte es merken müssen.«
Ihr Geschichte ähnelt der des Nationaltorwarts Robert Enke. Noch am 10. November lehnte der eine Behandlung in einer psychiatrischen Klinik ab. Es gehe ihm gut, sagte er – Stunden später war er tot. Versuchte Suizide sind oft Hilferufe in tiefen Krisen. »Doch von den Menschen, die sich wirklich selbst töten, leiden über 90 Prozent zumindest im unmittelbaren Vorfeld an einer psychischen Erkrankung«, sagt der Dresdner Professor Werner Felber, langjähriger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Meist sind es schwere Depressionen, zu denen mitunter auch Suchterkrankungen oder psychotische Störungen kommen. Das ist keine Freiheit – kein Frei-Tod. Und schon gar kein Selbst-Mord, wie die kirchliche Tradition Jahrhunderte lang urteilte.
»Wenn jemand sagt: Ich habe keinen Lebensmut mehr, alles ist sinnlos, ich bin völlig verzweifelt – bei solchen Signalen müssen wir hellhörig werden«, sagt der Psychiater Werner Felber. »Man sollte sich trauen, auf die Person zuzugehen und sie auf ihre Nöte anzusprechen.« Die Telefonseelsorge, der Hausarzt oder der sozial-psychiatrische Dienst der Städte und Landkreise können helfen.
Dass der Wunsch zu sterben nicht der Schlusspunkt bleibt, hat Ute Lewitzka bei ihren Patienten oft erlebt. »Mit ein paar Tagen Abstand bewertet man die Dinge oft anders«, sagt die Oberärztin am Dresdner Universitätsklinikum. Gemeinsam mit ihren Patienten sucht sie nach Kraftquellen, die ihnen Halt geben in der Krise: Familie, Hobbys, der Glaube.
Hilfe fand auch Ingrid Weber. In einer Selbsthilfegruppe des bundesweiten Vereins »Angehörige um Suizid« (AGUS), die in Freiberg von der Diakonie ins Leben gerufen wurde. Dort konnte die Christin reden – auch über das, was sie an dem Tod ihres Mannes nicht versteht: »Er hatte doch mich, er hatte eine Familie. Man fühlt sich und die eigene Liebe weggestoßen.« So sitzt sie manches Mal an seinem hölzernen Schreibtisch, seine Augen lachen von einem Foto.
Oft muss sie an die Frau des Fußballtorwarts Robert Enke denken, die glaubte: Mit Liebe geht das, auch in der tiefsten Depression. Ingrid Weber sagt: »Man kann eben mit Liebe niemanden retten.« Dass die Liebe den Tod überlebt, das ist ihr ebenso gewiss.
Andreas Roth
Der Verein AGUS für Hinterbliebene im Internet
Ohne Wegweiser unterwegs
4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Mit freundlicher Genehmigung von © TomTom International BV.
Die evangelische Kirche will stärker ausstrahlen – obwohl sie immer kleiner wird. Doch der Reformprozess stockt in Sachsen.
Es kann sich durchaus etwas bewegen. Die ganze Kirche sogar. Sie kann aufbrechen und zu den Menschen gehen: Zu den Feuerwehrleuten etwa, oder zu den Kanalreinigern. Genau das wollen Christen aus dem Dorf Döben im Leipziger Land im März in ihrer Bibelwoche tun. »Wir wollen zuhören, was die wirklichen Probleme der Menschen sind«, sagt Pfarrerin Beate Schelmat-von Kirchbach. So wie Jesus.
Den Anstoß dazu brachte die Theologin von der Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit, zu der sich im vergangenen September rund 1200 Delegierte aus allen Landeskirchen in Kassel trafen. Die Aufgabe lautet: Wie kann die Kirche mit ihrer Botschaft mehr Ausstrahlung gewinnen –trotz sinkender Mitgliederzahlen und Finanzen? Der Reformprozess »Kirche im Aufbruch« soll helfen. Doch ist er auch in Sachsen angekommen?
Das fragte eine Tagung der Evangelischen Akademie Meißen am 29. und 30. Januar. Eine erste Antwort gibt schon der Blick auf die Teilnehmerliste: Nur 35 Menschen hatten sich angemeldet, vor allem hauptamtliche Mitarbeiter, und kaum Synodale oder Kirchvorsteher. Von den 29 sächsischen Delegierten bei der Kasseler EKD-Zukunftswerkstatt fehlte fast die Hälfte – darunter viele hohe Repräsentanten der Landeskirche.
»Es war nicht einfach, zur EKD-Reforminitiative konkrete Beispiele aus der Praxis unserer Landeskirche zu finden«, sagt Joachim Wilzki von der Meißener Ehrenamtsakademie, der die Tagung mit organisierte. Dabei wachsen auch in Sachsen Ideen, die von der Kasseler Zukunftswerkstatt angestoßen wurden. So lädt der Kirchenbezirk Leipzig am 17. April erstmals seine Kirchvorsteher dazu ein, sich über gelungene Projekte aus den Gemeinden auszutauschen. »Wir kirchlichen Mitarbeiter lassen uns nicht gern in die Karten schauen«, weiß Pfarrerin Angelika Biskupski vom Leipziger Amt für Gemeindedienst. »Dabei könnten wir viel voneinander lernen – auch von den Misserfolgen.«
Sächsische Vertreter arbeiten auch an dem Projekt »Erwachsen glauben« der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD mit, die ein neues Konzept für Glaubenskurse entwickeln will. Und im Kirchenbezirk Annaberg werden in diesem Jahr Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kantoren in einer Arbeitsgruppe mit dem Namen »Kirche mit Visionen« in die Zukunft denken.
»Doch während Kirchvorsteher sehr offen für neue Ideen sind, kommen nach unserer Erfahrung die meisten Vorbehalte von den Pfarrern«, sagt der Annaberger Bezirkskatechet Klaus Mehlhorn. Den Leiter des Meißner Pastoralkollegs, Thomas Schönfuß, wundert das nicht. »Die Sprache der EKD-Reformdiskussion mit Begriffen wie Qualitätssicherung erleben viele Pfarrer als Kritik an ihrer Arbeit. So können Kränkungen und Druck entstehen«, hat er in Beratungsgesprächen erfahren. »Eine Sehnsucht nach Veränderungen zu entwickeln – das würde Pfarrern helfen.«
Doch statt ermutigender Beispiele und einer lebendigen theologischen und praktischen Diskussion finden kirchliche Mitarbeiter in Broschüren oder auf der Internetseite der sächsischen Landeskirche nur einige Positionspapiere aus dem Jahr 2007. »Wenn das Thema niemand für sich entdeckt, fällt es unten durch«, fürchtet der Großenhainer Superintendent Eckhard Klabunde. Er regt an, das erste landeskirchliche Positionspapier zum Reformprozess von 2007 fortzuschreiben.
Wie schwer es ist, Menschen in den Kirchgemeinden für den Reformprozess zu gewinnen, hat Martina Hergt erfahren. Die Leipziger Kantorin war eine der sächsischen Delegierten bei der EKD-Zukunftswerkstatt in Kassel. »Doch in meiner Gemeinde war kaum Zeit oder das Bedürfnis, etwas davon zu erfahren«, sagt sie. Dabei weiß sie: Der ganze Reformprozess wird nur gelingen, wenn Menschen Feuer fangen. Und sich begeistern lassen.
Andreas Roth
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